Löwenzahn geht immer

Den gewöhnlichen Löwenzahn (Taraxacum sect. Ruderalia) kennt eigentlich jeder Halter pflanzenfressener Schildkröten. Es ist die Futterpflanze schlechthin, was zum Einen darin begründet ist, dass die meisten Tiere sich mit regelrechtem Heißhunger auf Blätter, Blüten und Stängel stürzen.
Löwenzahn ist fast überall zu finden und steht den Haltern vom Frühjahr bis zum Herbst fortwährend, und wenn nicht abgemäht, auch dauerhaft zur Verfügung. Das ist natürlich verlockend und bisweilen auch bequem, auf diese Ressource immer wieder zurückzugreifen.
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Manchmal allerdings muss man sich etwas wundern, wenn in den einschlägigenFacebookgruppen Löwenzahnbilder hochgeladen werden und sich die Leute erkundigen, um was für ein Gewächs es sich da handelt, und ob man das bedenkenlos an Schildkröten verfüttern kann. Aber das ist ein anderes Thema. Die Antwort auf diese Frage ist natürlich klar: Ja. Man kann.

Aber in Maßen. Denn eine übermäßige und vor allem einseitige Ernährung von Schildkröten mit Löwenzahn ist ebensowenig sinnvoll, wie eine unausgewogene Ernährung mit anderen Pflanzen. Der Futtermix macht’s nun mal. Löwenzahn gehört zu den Pflanzen, die auch im natürlichen Habitat vorkommen. Allerdings schaut der Löwenzahn in den südlichen Ländern schon im Frühsommer ganz anders aus als zum Beispiel diese üppige Wiese im Oberbayerischen:Buch-LP-Fouragieren-06

Im Vergleich dazu Löwenzahn auf Sardinien. Von üppigen „Pflanzenteppichen“ keine Spur. Auch werden die Pflanzen bei weitem nicht so groß wie bei uns. Generell steht den Schildkröten in den Mittelmeerlänern weitaus weniger frisches Grünfutter zur Verfügung als es hier der Fall ist – es liegt hier in den Händen der Halter, wie intensiv sie ihre Tiere mit frischen Pflanzen den Sommer über versorgen.

Und schon sind wir mitten in der Diskussion um richtige Ernährung, die auch den Löwenzahn betrifft.
Der Pflanze wird nämlich bisweilen in Diskussionsforen und -gruppen vorgeworfen, eine regelrechte Eiweißbombe und damit auf Dauer und in Mengen für Schildkröten schädlich zu sein.  Zu Recht?
Löwenzahn enthält etwa 2,6g – 2,7g Eiweiß auf 100g. Weitere Nährwertangaben hier. So gehört der Löwenzahn auch zu den Pflanzen mit einem hohen Calciumanteil, was ihn für Schildkrötenhalter natürlich interessant macht. Wäre da nicht das Eiweiß…
Zum Vergleich mal ein paar Eieweißangaben anderer Pflanzen, je auf 100g bezogen: Spinat 2,9g, Brennnesseln 0,7, Feldsalat 1,8, Rauke, 1,3, Romana 1,6, Portulak 1,6, Kopfsalat 1,6, Gäseblümchen, 1,6 (Quelle: Lebensmittel-Tabelle, Nährwerte). Da liegt der Löwenzahn ziemlich weit vorne mit dabei. Aber im  Vergleich zu den typischen proetiliefernden Futterpflanzen der Viehwirtschaft wie Mungobohnen, die es auf 24g/100g bringen, und deren Sprossen gern als „Sojasprossen“ im Salat landen oder zum Beispiel Gartenerbsen 5g/100g, ist der Proteingehalt im Löwenzahn eher spärlich.
Dass Mungobohnen und Gartenerbsen natürlich kein Futter für Europäische Landschildkröten darstellt, ist klar. Es soll nur helfen, die Dimensionen richtig einzuordnen.
Nun sind Eiweiße natürlich lebensnotwendige Substanzen, die die Tiere aufnehmen. In großen Mengen aber führt dauerhafte, proteinhaltige Ernährung zu Schäden im Nierenbereich bis hin zu Gicht. Wie bereits gesagt: Die Futtermischung macht’s. Und das bedeutet: Löwenzahn nicht in Massen sondern in Maßen. Und nicht ausschließlich.

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Vermehren lässt sich Löwenzahn übrigens ganz einfach – nach dem Pusteblumenprinzip. Will man aber vermeiden, dass der Wind den Samen mit seinen Schirmchen überall hinträgt, sollte man die Stängel nicht einfach über dem Gehege anblasen sondern einfach dort auf die Erde werfen und gleich den Samen anfeuchten. Dann nämlich „pappt“ er gleich dort fest, wo er ist und wird nicht fortgeblasen.

Und noch eine Diskussion taucht gelegentlich über Löwenzahn auf, zu der hier auch etwas gesagt werden soll.
Gerade Halter, die nicht müde werden, in Giftpflanzenlisten und -lexika zu stöbern, werden immer wieder auf den Löwenzahn stoßen. In der Tat wird er dort als leicht giftig eingestuft. Der Grund ist der milchige Saft in den Stängeln, der gelegentlich bei Menschen (!) allergische Reaktionen wie Rötungen und Juckreiz hervorrufen kann: Der Milchsaft enthält mehrere Allergie-verdächtige Inhaltsstoffe. Hauptallergen ist das Taraxinsäure-glucopyranosid. Erst in größeren Mengen verzehrt, kann dieser Michsaft auch zu Übelkeit und Erbrechen führen. Die oft zitierte Faustregel, dass ein weißer Saft in den Stängeln automatisch auf eine Giftpflanze verweist (so wie es z.b. bei Wolfsmilchgewächsen ist) gilt also nicht. Im Gegenteil: Der Löwenzahn ist eine probate Heilpflanze.
Auf Schildkröten hat der Milchsaft keinen negativen Einfluss.

Dieser Milchsaft ist es übrigens auch, der braune, hartnäckige Flecken an Fingern und der Kleidung verursacht, wenn man damit in Berührung kommt. Entsprechend färbt der Milchsaft auch die Zungen der Schildkröten vorübergehend braun. Wer also ein Tier hat, dessen Zunge nach dem Verzehr plötzlich braun statt des klassischen, fleischigen Rosa ist, der muss nicht beunruhigt sein. Auch Fragen danach begegnet man gelegentlich im Netz. Hier lautet die Antwort: Keine Panik. Das ist ganz normal.

 

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8 Kommentare


  1. Vielen Dank für die Anmerkung und die Fehlermeldung und die Korrektur. :)


  2. Zum Sammeln und Aufheben von Löwenzahnsamen ist mir übrigens eine ganz praktische Technik eingefallen. Ich hatte mich immer geärgert, dass einem die reifen Samen entweder davon fliegen oder sich die Schirmchen beim Sammeln verheddern. Man kann Samen-Vorräten dann keine einzelnen Samen mehr entnehmen, um gezielt anzusäen.

    Folgender Tick hilft:

    Wenn sich oben in der abgeblüten und wieder geschlossenen Blüte die ersten weißen Schirmansätze zeigen, schneidet man die Blüte einfach etwa zur Hälfte* quer durch. Dadurch trennt man die Schirmchen ab, aber der Samen bleibt an der Basis, wird weiter versorgt und kann fertig ausreifen. Nach einer Weile öffnet sich die Blüte wieder ganz normal. Aber jetzt hat man statt der üblichen großen, weißen Kugel eine kleinere, schwarze Kugel mit schirmchenlosen, reinen Samen. Nichts fliegt weg und nix verheddert sich…

    * Wie weit man genau abschneiden muss, damit die Schirmchen ganz weg sind, der Samen aber nicht beschädigt wird, muss man halt mal ausprobieren. Ist ja meist genug Experimentiermaterial vorhanden…

    Gruß, Editha


  3. Vielen Dank für die Anmerkung und die Fehlermeldung und die Korrektur. :)


  4. Hallo Lutz,

    ich habe mir jetzt mal deine Quelle angesehen (hätte ich gleich tun sollen). Dort wurden bei Brennnesseln schlichtweg die Angaben zu Fett und Eiweiß vertauscht. K(aum)eine Blattpflanze hat 5 % Fett wie angegeben, dafür haben nur Gräser einen solch niedrigen Eiweißgehalt von 0,7%. Andersrum stimmt es aber mit den vielen anderen Datenbanken überein. Fehler kommen vor… ;-)

    Gruß, Editha


  5. Hallo Lutz,

    deine Angabe (0,7 % Eiweiß) zu Brennnesseln stimmt nicht. Brennnesseln gehören zu den ziemlich proteinreichen Pflanzen. Deswegen werden sie traditionell auch in der Tiermast verfüttert, z.B. an junge Enten. Die Angaben in den einzelnen Datenbanken, z.B. beim Bundes-Lebensmittelschlüssel, schwanken, liegen aber immer über 5 % in der Originalsubstanz.
    Es ist schwer Angaben zu Wildkräutern in der von dir gegebenen Form (bezogen auf die Originalsubstanz) zu finden. Meist gibt es nur Angaben bezogen auf die Trockensubstanz. Aber in den Angaben, die man findet, liegt Löwenzahn mit 2,7 % im Mittelfeld, ähnlich wie Gänsedistel (2,4%) und Breitwegerich (2,5 %). Dagegen sind Wilde Malve (3,1%) Hirtentäschel (4,2 %), Brennnesseln (5,5 %) und die im Habitat ebenfalls sehr gerne gefressenen Leguminosen noch eiweißreicher.

    Zuchtpflanzen wie die von dir genannten Salate, Spinat etc. wirken auf den ersten Blick eiweißärmer als Löwenzahn. Betrachtet man aber die Angaben in der Trockensubstanz, kehrt sich die Reihenfolge meist um, weil Zuchtpflanzen erheblich wasserreicher sind als Wildkräuter. Wirklich eiweißärmer als Wildkräuter sind nur Gräser.

    Gruß, Editha


  6. In der Tat färbt sich das Urat bei viel Löwenzahn. Wichtiger Punkt. Danke für die Ergänzung.
    Das Ca:P Verhältnis sollte immer in der gesamten Ernährung stimmen. Richtig.
    Es ist bei einem Futtermix nicht so hilfreich, das auf einzelne Pflanzen runterzubrechen. Denn das sagt am Ende nicht viel aus.
    Ganz abgesehen davon, dass die rein pflanzliche Zufuhr von Calcium den Bedarf der Tiere sowieso nicht deckt und sie den in mineralisierter Form (Schulp, Knochen, Schalen) zu sich nehmen.
    Und schon sieht die Ca:P Bilanz wieder ganz anders aus.


  7. hallo, mir fällt auf, dass das Calcium-Phosphor-Verhältnis bei Futterdiskusionen nicht mehr in betracht gezogen wird, oder irre ich mich. mir ist auch aufgefallen, dass bei „Zuviel“ Löwenzahn das Urat eine Verfärbung ins braune hat, ist das bei anderen auch so? futter „querfeldbeet“ hat sich bei mir bisher bewährt, auch disteln.


  8. Ich mache bei meinen immer Löwenzahn freie Tage. Sobald es Löwenzahn gibt, lassen die alles andere liegen.

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