Hans Dieter Philippen ist tot – Ein Nachruf

Ein paar persönliche Gedanken und

Erinnerungen an Hans Dieter Philippen

 

Ein wenig stolz war ich, als Thomas Klesius mich Anfang dieses Jahres fragte, ob ich auch 2016 auf dem Landauer Schildkrötentrag einen Vortrag halten wolle. Als er mir dann die Referentenliste schickte und ich bemerkte, dass ich nach Hans Dieter Philippen auf dem Programm stand, freute ich mich, dass ich Hans Dieter wiedertreffen würde, und es machte mich auch noch ein wenig stolzer, dass ich direkt nach ihm ans Rednerpult sollte. Das gebe ich ehrlich zu.

Ich nahm mir vor, Hans Dieter im Frühsommer zu kontaktieren und mich mit ihm abzusprechen, da wir für unsere beiden Vorträge nur sehr vage Titel genannt hatten. Sie verrieten nicht wirklich, worum es eigentlich geht – außer um Landschildkröten. Nichts ist ernüchternder für Zuhörer auf Tagungen, wenn zwei Vorträge, die aufeinander folgen, komplett Widersprüchliches zum Inhalt haben, nichts langweiliger, als wenn zwei Referenten genau das gleiche erzählen. Das wollten wir vermeiden und uns abstimmen. Bei der Absicht ist es geblieben.hdp1

Hans Dieter Philippen wird beim nächsten Schildkrötentag nur noch in Gedanken bei uns sein können. Am 08. Mai 2016 ist er im Alter von 58 Jahren gestorben. Plötzlich, überraschend und viel zu früh. Ein Schock für uns alle, denn mit ihm verlieren die Schildkrötenliebhaber weltweit einen klugen Kopf und viele einen guten Freund.

Es ist nicht so, dass ich mit HDP, wie er meist genannt wurde, eng befreundet war. Dazu haben wir uns viel zu selten gesehen. Wir trafen uns regelmäßig auf Tagungen und Workshops, redeten sehr viel miteinander, hatten Spaß, telefonierten einige wenige Male und diskutierten Dinge, von denen wir meinten, dass sie wichtig waren. Gelegentlich schrieben wir uns E-Mails. Wir mochten und respektierten uns, standen oft beisammen, plauderten, lästerten oder fachsimpelten – je nachdem, was die Tagung gerade so hergab. Ich suchte auf diesen Veranstaltungen das Gepräch mit ihm, hatte aber nicht den Eindruck, dass das eine einsseitige Angelegenheit war.
Ist das schon Freundschaft? Ich weiß es nicht und es ist auch eigentlich nicht wichtig. Hans Dieter hat mir imponiert. Nicht nur durch sein Wissen, auch durch seine offene, das Gespräch suchende Art.

Offen gestanden: Mir fällt niemand ein, der so fundierte und umfassende Kenntnisse über Schildkröten hat wie er. Es kommt nicht von ungefähr, dass er vor seinem Vortrag auf einer Tagung in der Anmoderation respektvoll als „Mr. Marginata“ angekündigt wurde. Das rührt natürlich zum einen daher, dass er Chefredakteur dieser Schildkrötenzeitschrift war, zum anderen eben aus seinem immensen Wissen. Dabei war es nicht so, dass er sich hinter diesem Wissen verschanzte oder gar in höhere Sphären entschwand – im Gegenteil. Hans Dieter war einer, dem Expertendünkel fremd war. Man konnte ihn immer fragen, selbst wenn das, was man wissen wollte, noch so obskur oder so banal war. Er wusste Bescheid und gab Auskunft und Hilfe. Einmal bat ich ihn, die Schildkröten auf Fotos des ebenfalls viel zu früh verstorbenen Ralf Sommerlad zu identifizieren, ein anderes Mal hatte ich ein paar sehr detaillierte Fragen zur Taxonomie von Landschildkröten. Hans Dieter half – immer. Und gelegentlich trudelte völlig unverhofft eine E-Mail von ihm ein. Im Anhang waren Veröffentlichungen zu einem Schildkrötenthema, die er entdeckt hatte und bei denen er sich erinnerte, dass mich dies vor Zeiten interessiert hatte. Also reichte er es weiter. Und immer half es mir, die Fragen, die ich hatte, zu beantworten. Keine leichte Kost war es, die vielen Seiten eines englischsprachigen Fachartikels über Taxonomie und Methodologie zu lesen und zu verstehen. Er schickte es trotzdem und vertraute darauf, dass ich mich da schon durchbeißen und es verstehen werde.  So war er.

Viele Erinnerungen an gemeinsame Begegnungen werden wach. Einst nahm er mich nach einem Vortrag, bei dem ich Fotos einer korsischen Zuchtfarm gezeigt hatte, beiseite. Während ich wie ein Paparazzo auf’s Auto geklettert war, um über den Stacheldraht mit einem fetten Teleobjektiv das Gelände fotografieren zu können, war er natürlich drin gewesen – hochoffiziell, auf Einladung und mit Blick hinter die Kulissen. Er erzählte mir davon. Das machte er aber nicht um zu prahlen, sondern um mir das, über das ich nur spekulieren konnte, zu bestätigen. Und dann beantwortete er all die Fragen, die ich zu dieser Anlage hatte. Wir erinnerten uns in dem Gespräch an die Empörungswelle und endlose Diskussionen einiger übererregter Forennutzer, die er vor vielen Jahren durch ein paar Äußerungen über Zuchtfarmen provoziert hatte. Allein die Erwähnung des Schlüsselwortes slowenische Zuchtfarmen ließ uns beide lächeln.

hdp2HDP begegnete uns, die deutlich weniger als er wussten, immer auf Augenhöhe, mich journalistisch und publizistisch als Kollegen, auch wenn ich „viele Ligen weiter unter ihm „spiele“.
Das zeichnete ihn aus, ebenso wie seine Gradlinigkeit. Als es vor Jahren zu diversen Eklats innerhalb der DGHT kam, bezog er Standpunkte, spürte Heiligen Zorn in sich, polterte, ließ sich aber nicht dazu verleiten, einfach tabula rasa zu machen und die Tür hinter sich zuzuschlagen. Er blieb in der DGHT, drängte auf Veränderungen und bewies, dass er mehr sah als nur schwarz oder weiß. Einen Abend lang haben wir auf einer DGHT-Tagung vieles diskutiert, dann brachte er mich mit Peter Buchert zusammen, ich solle doch auch ihm mal meine Sicht auf die Dinge erzählen. Der Abend wurde lang. HDP hat es immer verstanden, Leute, die sich etwas zu sagen haben, miteinander zu vernetzen, Menschen, die eher am Rande des Geschehens weilen und beobachten, zu integrieren. Er war es, der sich bei unserer allerersten Begegnung zu mir gesetzt hatte. Natürlich wusste ich, wer er war, er hatte ja referiert. Aber er wusste auch, wer ich war, und das überraschte mich dann doch.

Seine Stimme hatte Gewicht, schon allein wegen seiner unglaublichen Kompetenz und seiner internationalen Vernetzung. Davon zeugen jetzt auch die zahlreichen Trauerbekundungen auf Facebook.

Und dann ist da noch etwas, das mir nach der Todesnachricht wieder in Erinnerung gekommen ist: Unsere letzte Begegnung 2015 in Landau auf dem Schildkrötentag. Da hat HDP es sogar riskiert, mich aus einem gemütlichen Dämmerschlaf zu wecken – einfach aus Freude, mich zu wiederzusehen. Das war mutig.
Da ich dort der erste Referent war, sehr früh mit Yvonne und Thomas Klesius, bei denen ich übernachten durfte, in die Uni gekommen war, platzte ich noch mitten in die Aufbauzeit vor der Veranstaltung. Ich zog mich im Foyer in ein stilles Eckchen zurück, stöpselte mir Kopfhörer ins Ohr, lauschte der Musik und döste ein halbes Stündchen vor mich hin, derweil die Verkaufstische aufgestellt und die Ware zurecht gelegt wurde. Und da stand er plötzlich neben mir, schreckte mich auf, grüßte mich lachend und zog mich sofort mich in ein Gespräch. Nichts Atemberaubendes, nichts, was die Welt bewegt hätte, aber trotzdem war es ein wichtiger Moment.
Da musste der Aufbau von Elkes und seinem Stand eben einen Moment warten – die Zeit nahm er sich einfach. Auch dafür bin ich ihm dankbar.
Wie für so vieles andere.

Hans Dieter, Du wirst uns allen fehlen. Du fehlst schon jetzt.
Ruhe in Frieden.
Deiner Familie, allen voran Deiner Lebensgefährtin Elke, viel Kraft jetzt in dieser schweren Zeit.

Lutz Prauser

8 Kommentare


  1. Vielen Dank für die lieben und wahren Worte in Deinem Nachruf. Es ist bereits 7 Monate her und ich finde erst jetzt die nervliche Stärke, etwas zu schreiben. Ich glaube, dass ich einer derjenigen bin, der Hans-Dieter am längsten kennt. Vor 32 Jahren begann unsere Freundschaft und bereits mit 26 Jahren besaß HD ein unglaubliches zoologisch-biologisches Fachwissen – und dies nicht nur im Thema „Schildkröte“ bzw. Terraristik. Ich habe sehr viel von ihm gelernt. Hans-Dieter erwies er sich als der Mensch, der einem auch im Sturme beisteht, wenn andere schon längst das Weite gesucht haben. Als ich von seinem Tod erfuhr, war ich wie paralysiert. Ich werde noch lange brauchen, um dies zu verarbeiten. Mir bleibt nur zu sagen: Danke, Hans-Dieter, dass wir uns in diesem Leben getroffen haben und wir Freunde sind. Du fehlst. Ruhe in Frieden.


  2. Die guten gehen immer viel zu früh … in Erinnerung an viele Gespräche über Literatur (denn HDP hatte auch da eine gute weltweite Vernetzung, wenn man etwas spezielles suchte).


  3. Ich bin schockiert und traurig.
    Wir kannten uns 30 Jahre und jetzt soll alles vorbei sein?
    HD war der erste Schildkrötenfreund, der während eines Urlaubes meine Schildkröten bei sich bzw. im Elternhaus betreute und die dann auch den ganzen Blumengarten abweideten.
    Wir haben in späteren Jahren viel drüber gelacht.
    Seiner Familie und Lebensgefährtin mein aufrichtiges Beileid.


  4. Ich bin geschockt, habe gerade die Nachricht gelesen….Ich kannte ihn nicht persönlich , nur aus den Beiträgen der „Marginata“.Trotzdem habe ich das Gefühl, das der Welt ein wichtiger Mensch fehlen wird.

    Mögen Sie in Frieden ruhen, Herr Philippen !


  5. Ich kann es immer noch nicht glauben!
    Bei vorheriger Krankheit können sich die Menschen damit etwas besser „einfinden „.
    Aber so ad hoc ist es wie ein schlechter Traum.
    Wie müsste es da den Angehörigen erst ergehen.
    Und gerade diese brauchen nun sehr viel Kraft.
    Ein Star auf dem Schildkrötenparkett ist für immer weg. Das trifft und die Lücke ist groß. Ich wünsche ihm eine gute Reise.
    Jörg Bahn


  6. Danke Lutz

    Ja so war er. Unglaublich kompetent mit einem großen Wissen, das er weitergab, Bescheiden und ruhig. Im Gegensatz zu einigen “ Experten“ ohne Gepolter, freundschaftlich und jederzeit bereit, andere Meinungen zu hören, zu diskutieren und zu tolerieren. Nie belehrend sondern helfend.
    Auch ich werde ihn sehr vermissen obwohl ich ihn nur auf Tagungen erleben durfte.
    Die Besten sterben jung.
    Lebwohl HDP, du hast deinen Weg in die Geschichte begonnen, deine Gedanken werden weiterleben.


  7. Ein wunderbarer Nachruf, der einem wirklich tollen Mann gerecht wird.
    RIP HD


  8. Danke Lutz, für diese treffenden Worte!
    Genau so habe ich HDP auch erlebt, ein Mann, der die Schildkrötenwelt geprägt und uns Schilkrötenfreunde ein wenig zurecht gerückt hat.Ich kann mich deinen Worten nur anschließen, Hans Dieter, Du wirst uns fehlen, keine Tagung wird mehr so sein wie früher, Dein leerer Platz wird uns immer an Dich und dein großes Wissen erinnern.
    Ruhe in Frieden.

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