Auf dem Monte Pinu – Teil 2

Teil 1 lesen Sie hier

Der Abstieg vom Aussichtsplateau ist nicht weiter beschwerlich. Wieder zurück auf breiten Schotterwegen gleiten meine Augen nach links und rechts. Oft bleibe ich stehen, suche mit meinem Blick die Landschaft ab oder fotografiere die Landschaft.
„Wer weiß – vielleicht für einen Vortrag, vielleicht für einen Artikel, auf jeden Fall aber für mein Archiv…“

Unser Tempo leidet darunter, dreieinhalb Stunden werden wir deutlich überschreiten. Ich werde wohl mal dem Wanderführerverlag schreiben, man müsse nicht nur Essens- sondern auch Fotopausen addieren.

„Ich glaube nicht, dass wir hier fündig werden“, sage ich irgendwann zu meiner Frau. „Es ist ja doch ganz schön steil hier.“
Erste Enttäuschung macht sich breit. Die Zeit rückt voran, es ist bereits später Vormittag – zum Glück ist es nicht allzu heiß. Sonst werden sich die Tiere, sollten sich hier tatsächlich welche befinden, sicher längst unter Büschen, Wurzeln und in den schattigen Plätzen zwischen den Steinen zurückgezogen haben.

Wenn ich etwas gar nicht leiden kann, dann ist es, auf Schildkrötensuche erfolglos zu sein, das trübt nicht nur die Stimmung, das stellt den Sinn des ganzen Urlaubs in Frage. Zum Glück hat meine Frau da wesentlich mehr Geduld und oft auch den besseren Blick. Und so verkündet sie, derweil ich das Gehölz am Wegrand absuche plötzlich:
„Schildkröte voraus. Ein Prachtexemplar.“

Tatsächlich „klebt“ einige Meter vor uns an einer Felskante ein Marginata-Männchen. Und es ist wirklich ein Prachtexemplar.

Ich beschließe, das Tier einer ausgiebigen Fotografier-Orgie zu unterziehen. Das mag der Kerl aber nicht. Er fühlt sich angesichts der Aufmerksamkeit, die er erregt hat, sichtlich unwohl und zieht sich zunächst in seinen Panzer zurück. Etwas schlecht für ihn ist die fast senkrechte Lage. Er steht fast nur noch auf den Hinterbeinen, die er nicht einziehen kann, ohne, dass er den Halt im Gelände verliert. Angesichts dessen und des wild um ihn herumtanzenden und -kriechenden Fotografen entscheidet er sich dann doch, sein Heil in der Flucht zu suchen…

Dabei entstehen ein paar Bilder, die mir, als ich sie das erste Mal im Netz veröffentliche, die Frage einbringen, ob die nicht gekippt seien. So etwas gäbe es doch gar nicht: Doch, das gibt es.

Irgendwann hat es der Bursche geschafft, auf einen wieder geraden Untergrund zu gelangen. Nun ist sein Ziel, ein Versteck unter trockenen Zweigen zu finden, nicht mehr weit.

Ich bedanke mich artig in gebrochenem Italienisch für die Geduld und die Kooperationsbereitschaft sowie den Verzicht auf die Rechte an eigenem Bild und lasse ihn seines Weges ziehen.

 

Kaum ist sie unter dem dürren Holz verschwunden, lösen sich ihre Körperformen förmlich in Nichts auf,  ist das Tier  kaum mehr zu sehen. Faszinierend, dass selbst so große Schildkröten so schnell unsichtbar werden können.

Aber zum Glück sind nicht alle so. Andere Schildkröten scheinen fast darauf zu warten, von mir fotografiert zu werden. Und, als hätten sie es geahnt, drapieren sie sich selbst zwischen Felsen und Steinen zu Postkartenmotiven.

Längst ist jeder Anflug schlechter Laune verflogen. Die Begeisterung kennt keine Grenzen mehr. Der Urlaub hat sich absolut gelohnt. Die Speicherkarte der Kamera füllt sich Bild um Bild. Es sind Hunderte – mit und ohne Schildkröten.

Alles ist gut. Den Rest des Tages verbringen wir am Strand: Wir sind ja nicht nur wegen der Schildkröten nach Sardinien gefahren.

Text und Bilder: Lutz Prauser. Alle Rechte beim Autor

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