Anmerkungen zur Wildtierhaltung (3): Futterneid

Wer Tiere hält, unterliegt schnell der Versuchung, typische menschliche Verhaltensmuster auf die Tiere zu projizieren, bzw. deren Verhalten so zu interpretieren, als täten sie es den Menschen nach. Gleiches gilt für Gefühle – allzu oft erwischen wir uns, in das Verhalten der Tiere Gefühle hineinzuinterpretieren. Wer meint nicht, dass hin und wieder seine Schildkröten beleidigt seien?
Auch Gefühle, die Halter meinen, bei anderen Tieren eindeutig festgestellt zu haben, werden 1:1 auf Schildkröten übertragen. So kommt zum Beispiel regelmäßig in Facebookgruppen die Frage auf, ob diese Tiere Futterneid empfinden würden.
Es folgt meist eine kurze, ergebnislose Diskussion. Die Frage selbst ist aber spannend genug, ihr ein wenig tiefergehend nachzuspüren.fris3

Dazu ist als erstes notwendig, zu klären, was eigentlich Futterneid ist. Und schon stehen wir vor dem Problem, dass es diesen Begriff rein wissenschaftlich gar nicht gibt. Er wird dennoch häufig bei der Tierhaltung verwendet und bezeichnet mehrere sehr unterschiedliche Verhalten der Tiere:

  1. Ein Tier, das gerade frisst, verdrängt ein anderes von „seinem“ Futter.
  2. Ein Tier, das ein anderes beim Fressen beobachtet hat, kommt hinzu, um dem anderen Tier die Beute abzunehmen.
  3. Ein Tier, das Beute gemacht hat, bringt dieses an einen sicheren Ort, an dem ihm die Beute nicht von Artgenossen oder artfremden Tieren streitig gemacht werden kann.

All diese Verhaltensmuster lassen sich bei Tieren unterschiedlichster Arten beobachten. Mit der Empfindung Neid, wie wir das aus menschlicher Sicht verstehen, aber haben sie nichts zu tun.
Denn der Neid spielt hier keine Rolle. Neid wäre der Wunsch eines der beteiligten Tieres, das kein Futter hat, gegenüber dem anderen Tier, mindestens gleichwertiges Futter zur Verfügung zu haben. Neid setzt ein gewisses Gerechtigkeitsempfinden voraus, wie auch das Empfinden des Individuums, benachteiligt worden zu sein. Verhaltensforscher haben solche Neidgefühle mittlerweile bei höheren Wirbeltieren wie Affen oder Hunden nachgewiesen.
Neidgefühle setzen bei Tieren zwei Grundbedingungen voraus: Die Tiere leben erstens in einem Sozialverband und zweitens dort in einer ausgeprägten Rangordnung. Dieses Bewusstsein über die anderen Artgenossen lässt sie zum Beispiel Neid empfinden, wenn Leittiere (z.B. der Mensch bei Hunden) einige Tiere niederen Ranges bevorzugt. So etwas kann zum Beispiel passieren wenn ein Hundehalter seine Tiere „unterschiedlich und ungerecht“ behandelt oder die Hunde das zumindest so empfinden. Entsprechende Forschungsergebnisse liegen vor.

Für Schildkröten sind diese Grundvoraussetzungen nicht gegeben. Sie beneiden sich nicht untereinander um die Gunst oder eine bevorzugte Behandlung des Alphatieres.

Schauen wir nun auf das, was wir als Futterneid bezeichnen, dann haben wir es weniger mit Neid als mit Nahrungskonkurrenz und deren Abwehr zu tun. Etwas ganz Anderes.fresstrio
Nahungskonkurrenz
Ganz allgemein: Wenn ein Tier, das gerade frisst, von einem Artgenossen oder einem anderen zumeist stärkeren Tier von seinem Futter verdrängt wird, dann hat das ausschließlich etwas mit dem Verteilungskampf um Nahrung zu tun.
Jagdtiere zum Beispiel müssen oft ihre Beute gegenüber anderen Tieren verteidigen, denn es ist meistens wesentlich einfacher und effizienter, einem Jäger seine Beute wegzunehmen, als selbst auf die Jagd zu gehen. Das spart Ressourcen, also Energie und Kraft. Es geht nicht um Missgunst oder Neid, sondern darum, möglichst effizient an Futter kommen.
Aus diesem Grund bringen viele Jagdtiere ihre Beute auch zunächst in Sicherheit, wenn sie sie nicht an Ort und Stelle und vollständig verzehren können und dabei Nahrungskonkurrenten abwehren. Dieses Verhalten aber hat nichts damit zu tun, anderen Tieren aus „Gehässigkeit“ etwas nicht zu gönnen, sondern lediglich, sich selbst den mühsam erjagten Nahrungsvorrat zu sichern. neidfutter Wenn sie die Beute nicht bergen, dann sorgen sie dafür, dass andere Tiere sich trotzdem nicht anm Futter bedienen können, indem sie sie vertreiben oder zumindest auf Abstand halten.
Ein solches Verhalten ist nicht nur bei Jagdtieren zu beobachten. Auch Weidegänger verdrängen bisweilen ihre Artgenossen und andere Tiere, wenn das Nahrungsangebot begrenzt ist. Auch von bevorzugten Futterplätzen, wo es gerade besonders wohlschmeckende Pflanzenteile gibt oder Pflanzenteile erst mühsam „erbeutet“ werden müssen (z.B. Wurzeln, die ausgegraben werden), herrscht der Verteilungskampf.
Nicht sehr zimperlich sind zum Beispiel Kohlmeisenmännchen an Winterfutterhäuschen, wenn es darum geht, andere Meisen davon abzuhalten, sich an den ausgelegten Samenkörnern bedienen wollen.

Das betrifft auch bisweilen pflanzenfressende Schildkröten.
Aber noch einmal: Es geht nicht darum, dass das eine Tier dem anderen seine Hibiskus- oder Löwenzahnblüte nicht gönnt. Es will sie nur eben selbst fressen – und zwar allein.
Unter Umständen ist der einen Schildkröte auch gar nicht bewusst, dass an dem anderen Ende des gleichen großen Blattes, an dem sie gerade frisst, gleichzeitig ein anderes Tier knabbert.
Gerade bei Zufütterung meiner Tiere habe ich oft beobachtet, dass zwei unbemerkt vom jeweils anderen an der gleichen Pflanze fressen. Erst wenn sich die Tiere zu nahe kommen, versuchen sie, sich zu verdrängen.
Halter berichten oft, dass Tiere sich gegenseitig zum Fressen animieren, wenn der eine frisst, dann legt auch der andere los. Daraus aber abzuleiten, jetzt möglichst schnell auch zu fressen, aus Sorge, dass das Fressen nicht für alle reicht, halte ich für eine gewagte und vermenschlichende Interpretation bzw. ein Verhalten von Jagdtieren.
Das heißt allerdings auch nicht, dass die Tiere ‚brüderlich‘ teilen oder gar ihren Artgenossen bewusst etwas übrig lassen.
Im Gegenteil: Man kann sich fragen, ob die Fressgeschwindigkeit nicht bisweilen so hoch ist, wenn sie etwas besonders Schmackhaftes finden, dass sie möglichst viel davon verzehrt haben, bevor es die Artgenossen auch entdecken. Verstecken vor ihnen aber tun Schildkröten es – wie bereits erwähnt – nicht. fris2

Beim gemeinsamen Fressen lässt sich auch nicht beobachten, dass es eine gewisse Rangordnung beim Fressen gäbe, zumindest warten weder jüngere oder schwächere Tiere in einer gewissen Distanz darauf, bis die Größeren gefressen haben, um sich anschließend in Ruhe an den Resten zu sättigen, wie es für Rudeltiere und Familienverbände oft der Fall ist. Dass einige Tiere sich trotzdem zurück halten, mag darin liegen, dass zum Beispiel ein schwächeres Exemplar gar nicht erst von einem Stärkeren rüde vertrieben werden will.
Ein weiterer Grund für Rangeleien am Essplatz ist meiner Beobachtung nach, dass die Männchen das „friedliche Fressen“ der Weibchen stören, wenn sie paarungswillig sind. Dann nehmen sie keine Rücksicht, dass den Weibchen der Sinn nach Nahrungsaufnahme und nicht nach Fortpflanzung steht. Die männlichen Tiere beginnen umgehend mit Balzverhalten. Die gezielten Bisse in die Hinterbeine treiben nicht selten die Weibchen vom Futter weg. Das Ziel der Männchen ist aber nicht, das Futter dann allein für sich zu haben – sein Interesse ist offensichtlich ein anderes.

Auch kümmern sich Schildkröten nicht darum, ob ihr Nachwuchs bevorzugt fressen kann oder nicht. Die Tiere sorgen sich von Anfang an nicht darum, dass die Kleinen überhaupt irgendetwas zum Fressen haben, anders als das zum Beispiel Krokodilmütter tun. Ein soziales Bewusstsein ist – was Fressen angeht – nicht ausgeprägt.

Wie sind Ihre Erfahrungen und Beobachtungen? Schreiben Sie uns bitte.

Die ganze Serie:

Teil 1: Wildtiere
Teil 2: Kuscheln
Teil 3: Futterneid

Text und Fotos: Lutz Prauser. Alle Rechte beim Autor.

3 Kommentare


  1. Ich habe beobachtet, dass große Schildkröten vorsichtig zubeißen oder einen Moment reglos warten, wenn eine sehr kleine Schildkröte bereits vor ihrem Schnabel frisst. Sie passen scheinbar auf, dass sie den Kopf der Kleinen nicht erwischen.


  2. Sehr geehrter Herr Prauser
    Ich danke Ihnen für ihre bisher 3 Artikel. Sie sind sehr gut recherchiert und zeugen von grosser Erfahrung und hoher Beobachtungsgabe. Aus eigener Erfahrung musste ich immer wieder feststellen, dass durch viele Tierhalter Fehlinformationen die über Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte übernommen und weitergegeben wurden, den Tieren grosses Leid angetan wird. Insbesondere bei Amphibien und Reptilien, die ihr Befinden nicht wie, z.B. Säuger mit Mimik u.a.m. offenbaren können.
    Mit Freundlichen Grüssen
    Urs Bertsch


  3. Bei meinen 2 Schildkröten lässt sich auch kein Futterneid erkennen. Manchmal knabbern beide an einer Pflanze, manchmal in verschiedenen Ecken. Nicht immer frisst eine, wenn die andere es tut. Gibt es Rangeleien, dann wohl eher, weil beide Männchen sind und sich dann zu nahe kommen.

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