Pflanzen bitte…

Das Frühjahr und der Sommer sind traditionell die Zeit, in der viele Schildkrötenhalter und Neueinsteiger ihre Gehege bauen. Oft zeigen sie voller Stolz Bilder der neuen Anlagen in den digitalen Netzwerken und sind dann einigermaßen enttäuscht, wenn nicht rundum Lob und Zustimmungerfolgen sondern die Reaktionen eher verhalten und kritisch sind. Viele engagierte Halter versuchen, den Neueinsteigern mit Tipps und Ratschlägen zur Seite zu stehen. Manchmal werden diese angenommen, manchmal aber auch nicht. Neben den klassischen Diskussionen um den Bodengrund, um Schutzhäuser, Frühbeete und Technik gerät allerdings die Frage der Bepflanzung der Gehege oft ins Hintertreffen.

Karg sind viele Gehege, und das ist wenig sinnvoll. Denn Schildkröten brauchen viele Pflanzen. Ein karger Boden ist zwar erstrebenswert, aber das betrifft die Struktur des Erdbodens. Der sollte steinig, nährstoffarm, sandig und kalkhaltig sein. Das Gehege selbst sollte deshalb weder einer Steinwüste noch einem Ziergarten gleichen. Nicht selten säen Gehegebauer zwar kräftig ein, vergessen aber, Pfanzen, die bereits eine gewisse Größe haben, ins Gehege zu setzen. Dabei gibt es mehrere Gründe, ein Gehege intensiv zu bepflanzen. Europäische Landschildkröten ernähren sich von Pflanzen, deshalb sollte ein Teil der Gehegepflanzen aus Futterpflanzen bestehen. Das ist nicht neu und soll in diesem Beitrag auch nicht weiter thematisiert werden.

An dieser Stelle geht es um strukturbildende Gehegepflanzen. Sie sind aus mehren Gründen wichtig.

1. Versteckplätze

Schildkröten brauchen das Gefühl der Sicherheit – dazu gehören unbedingt Büsche, unter denen sie sich verkriechen können. Je kleiner die Tiere sind, um so wichtiger ist das. Sträucher und Büsche bieten Rückzugsflächen, von denen sie aus die Lage und die Umgebung sondieren können, das gilt für die beiden jungen Testudo hermanni hermanni auf Korsika (Bild oben) ebenso wie für die Testudo hermanni boettgeri (Bild unten) in meinem Gehege.

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In freier Natur können diese Versteckplätze lebensrettend sein. Denn die Tiere werden von Beutegreifern wie Vögeln kaum mehr erkannt. Selbst ein Spaziergänger, der nun normalerweise kein Interesse daran hat, einer Schildkröte etwas anzutun, erkennt auf den ersten Blick nicht, ob es sich um ein Tier oder nur einen Stein handelt:

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Das gilt umso mehr für Tiere, die junge Schildkröten als Leckerbissen auf ihrem Speiseplan ansehen.
Oft mangelt es bei den neuen Gehegen gerade an diesen Versteckmöglichkeiten. Darauf in digitalen Diskussionen hingewiesen, das Gehege sei nicht ausreichend bepflanzt, kommt nicht selten die Antwort, es sei bereits alles eingesäht, es müsse jetzt erst wachsen.
Meines Erachtens liegt hier ein großer Planungsfehler vor: Schon vor dem Besatz des Freilandterrariums mit Schildkröten sollten sich mehrere größere Pflanzen, unter denen ich Tiere zurückziehen können, im Gehege befinden. Diese Büsche sollten dabei in Gruppen stehen und nicht mit maximalem Abstand zueinander im ganzen Gehege verteilt sein, wie es oft der Fall ist.
Was vielleicht im Auge des Ziergärtners besonders schön aussieht, muss nicht zweckmäßig für Tiergehege sein. Denn nur mit Pflanzengruppen  lassen sich wirksam Versteckplätze bilden. Bei der Auswahl sollte man darauf achten,  auch Pflanzen zu wählen, die den Winter über grün bleiben. Dazu eignen sich z.B. kleine Nadelgewächse und  Ziergräser sowie Pflanzen wie Frauenmantel, Fingerstrauch, Bergflockenblumen u.v.m., die sehr früh Blätter ausbilden.
Gerade im zeitigen Frühjahr, wenn die Tiere aus der Winterstarre zurükkehren, ist es hilfreich, wenn bereits Versteckplätze im Gehege vorhanden sind. Außerdem sollte man Pflanzen wählen, die von den Tieren nicht gleich in Grund und Boden gefressen werden. In unserer Reihe besonderer Gehegepflanzen finden Sie dazu ein paar Anregungen. Tote Pflanzen, abgestorbene Zweige und Äste müssen nicht unbedingt entfernt werden. Auch sie gehören zur naturnahen Haltung, unter solchen Zweigen befindet sich eine ausgewachsene Breitrandschildkröte fotografiert auf Sardinien:

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Nicht viel anders macht es diese Griechische Landschildkröte in meinem Garten:

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Die Versteckmöglichkeiten benötigen die Tiere im Übrigen nicht nur vor Fressfeinden. Weibchen ziehen sich oft vor allzu aufdringlichen Männchen ebenfalls unter Pflanzen zurück, auch rivalisierende Männchen benötigen Rückzugsplätze. Pflanzen schaffen diese, sie durchbrechen Blickachsen, bilden Barrieren und helfen so, den Stress der Tiere, den sie sich bisweilen untereinander verursachen, zu verringern.

2. Hitzeschutz und Mikroklima

Auch in unseren Breitengraden kommt es gelegentlich vor, dass es sehr warm wird und sich die Tiere vor großer Hitze zurückziehen. Gern suchen sie dazu Plätze unter Sträuchern oder sie graben sich ein wenig in die Erde ein, bevorzugt unter Pflanzen. Das machen sie in Korsika (Bild oben) ebenso wie im heimischen Garten (Bild unten). Bei richtiger Bepflanzung, die natürlich auch nicht zu üppig ausfallen darf, bildet sich ein für die Schildkröten angenehmes Mikroklima:

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Auch wenn sich bei der größten Mittagshitze nicht alle Tiere zurückziehen, so sollten doch entsprechende Plätze von Anfang an, wenn die Tiere die Gehege beziehen, zur Verfügung stehen, für die ganz Kleinen ebenso wie für die ganz Großen. gep1

Auf dem nachfolgenden Bild sehen Sie ein Foto, dass ich in meinem Gehege am 29.05. zur Mittagszeit gemacht habe. Fünf Schildkröten halten sich auf relativ dichtem Raum auf, da ich eine Handvoll „Unkraut“ aus dem Gemüsebeet gezupft und ins Gehege geworfen habe. Nachdem die Pflanzen gefressen waren, ziehen sich die Tiere wieder zurück.
Das linke Bild ist das Original-Foto, einige Tiere sind kaum zu sehen, daher habe ich das Bild zur Verdeutlichung ein wenig optisch bearbeitet und alle fünf Tiere mit roten Kreisen markiert:Während ein Tier sich zielstrebig auf den Weg zu einer relativ offenen Stelle aufmacht, haben sich zwei unter Büschen (Lavendel, Frauenmantel) zurückgezogen. Ein Tier frisst noch, ein weiteres (das im Bild oberste), bleibt im Schatten größerer Büsche.

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Zum Vergrößern bitte auf das Bild klicken

Nicht anders macht es dieser Schlüpfling einer dalmatischen Landschildkröte im Habitat. Nachdem das Tier ein paar Blätter gefressen hat, zieht es sich sofort ins Gras zurück… ein sicheres Versteck, wo es kaum gesehen wird:

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Nicht anders macht es das ausgewachsene Weibchen einer Testudo hercegovinensis, das sich ausgiebig sonnt, aber hierfür einen Platz gewählt hat, dass es sich innerhalb kurzer Zeit und mit nur wenigen Schritten wieder unter dem Gebüsch verkriechen kann:

Nachdem sich das Tier durch die Fotosession irgendwann gestört fühlt, weil beim Wechsel der Perspektive mein Schatten immer wieder auf sie fällt und sie dies beunruhigt, ist sie schnell unter den angrenzenden Sträuchern verschwunden.


Fazit: Schildkrötengehege müssen meiner Meinung nach gut eingewachsen sein, BEVOR die Tiere eingesetzt werden. Nur so bieten sie Schutz und Sicherheit, was für das Wohlbefinden der Tiere und die artgerechte, naturnahe Haltung wichtig ist.

 

Text und alle Bilder: Lutz Prauser. Alle Rechte beim Autor

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