Was Habitatfotos nicht erzählen

Bilder von Schildkröten in ihren natürlichen Lebensräumen gibt es zu Hauf. Man sieht sie in Ratgebern, auf Vorträgen und auf zahlreichen Webseiten im Internet. Viele Halter, die Tiere der gleichen Art bei sich daheim pflegen, orientieren sich an solchen Fotos, wenn sie Gehege (Freilandterrarien) oder Terrarien für Exoten bauen. Vor allem diejenigen, die selbst die Habitate nie bereist haben, verschaffen sich über solche Bilder nicht nur Eindrücke, sondern auch Inspirationen… leider aber führen sie auch unter Umständen zu Fehlinterpretationen. Aus meinen Reisen in die Schildkrötenregionen am Mittelmeer bringe ich oft viele Bilder von den Tieren mit. Zeige ich einige davon, dann könnte man schnell auf falsche Gedanken kommen, wie es im Habitat ausschaut und wie die Tiere dort leben. Denn oft genug ist die Story hinter dem Bild eine ganz andere.
An einigen Beispielen möchte ich das dokumentieren:

1. Warum bin ich hier?

gep5Ein altes Breitrandschildkrötenmännchen sitzt in der Sonne auf einer „Steinplatte“… Sehr idyllisch, sehr entspannt. So schaut es aus im Habitat, könnte man meinen. In Wahrheit aber sitzt das Tier mit den Panzerverletztungen nicht auf dem Fels, weil es sich da wohl fühlt, sondern weil es soeben von einer Italienerin dort abgesetzt wurde. Das Tier nämlich überquerte die Straße, die Frau hielt an und trug es auf die andere Straßenseite. Offensichtlich hat die Schildkröte das schon öfter gemacht, der Panzer hat nicht nur die eine auf dem Foto erkennbare Verletzung.
Da wir direkt hinter der Italienerin mit unserem Auto fuhren, bekam ich das Ganze mit, stieg aus, unterhielt mich einen Moment mit der Frau und beobachtete dann das Tier. Innerhalb kürzester Zeit veschwand es unter einem großen Wacholderstrauch und ist selbst auf dem Foto kaum mehr zu sehen:gep6
Dort blieb die Schildkröte… jedenfalls so lange, bis wir dann auch irgendwann weitergefahren waren. Vermutlich wird sie sich irgendwann aufgemacht haben auf die Weideflächen, die hinter diesem Felsen liegen… Weideflächen sind, das muss man nicht erwähnen, auch kein Ursprungshabitat.

 

2. Wo war ich vorher?

Es ist hochgradig unbefriedigend, eine Schildkröte zu fotografieren, wenn man sie entdeckt hat, sie sich aber der Kamera und damit dem Fotografieren entzieht. Auf disem Bild befindet sich mitten im hohen Gras eine junge Breitrandschildkröte. Sie ist kaum zu sehen:

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Etwas besser ist sie hier zu erkennen:

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Als Fotograf muss man großes Glück und manchmal viel Geduld, dass die Schildkröte ihren Weg fortsetzt und einem direkt vor die Kamera läuft. Tut sie das nicht… dann hat man natürlich die Möglichkeit, das Tier einfach aufzunehmen und dorthinzusetzen, wo man es perfekt fotografieren kann. Der Vorteil der Schildkröten gegenüber nahezu allen anderen Wildtieren ist es, dass man das eben machen kann.
Die Schildkröte verharrt, wenn man sie wieder absetzt, einen Moment. Das reicht für ein Foto. Und dann kann ich das Tier gleich noch ein Stück weiter tragen. Und noch ein Stück… vielleicht an einen Fluss, auf einen Stein, zwischen Blumen, an einen Straßenrand oder an Bahngleise – was auch immer und was für Fotos man gerade benötigt. Perfekte Bilder gelingen so. Keine Frage. Ob das für die Tiere nun schädlich ist oder nicht, steht auf einem anderen Blatt. Entscheidend ist, dass so Bilder entstehen, auf denen sich z.B. Schildkröten auf großen Freiflächen scheinbar pudelwohl fühlen. Denn da sitzen sie ja. Das Bild verrät weder, ob sie da sitzen oder nur darüber gelaufen sind, oder ob sie überhaupt dort waren oder erst platziert wurden… Die Fotografen werden es kaum verraten.

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3. Warum sieht es hier so aus?

Dieses Foto nehme ich oft, um Bodenstrukturen im Habitat zu zeigen. Meine Frau hat es mit dem Handy gemacht. Es ist zudem auch ganz gut als Illustration geeignet, wenn man was über Exkursionen in Schildkrötengebiete schreibt.

20140617_111719Auch hier fehlt der Gesamtzusammenhang. Was man auf dem Foto nämlich nicht sieht: Diese Schildkröte befindet sich in einem Bereich, der vor kurzem großflächig gerodet wurde. Viele noch nicht entfernte Äste ehemaliger Bäume und Sträucher künden davon. Die Schildkröte befindet sich zwar in ihrem angestammten Revier, das aber schaut sozusagen über Nacht ganz anders aus.

SONY DSC Als Fotograf bestimme ich, was ich zeigen will. Die Landschaft oder das Tier – selten gelingt auf einem einzigen Foto beides. Und selbst dann gibt das Foto nur einen kleinen Ausschnitt der Landschaft preis. Und selbst dann ist völlig unklar, ob die gezeigte Landschaft ein primäres Habitat, ein verändertes oder gar ein zerstörtes zeigt.  Und noch einmal stellt sich hier die Frage:

Hockt die Schildkröte freiwillig auf dem Stein als ich die Fotos mache, die entstehen, während ich selbst fotografiert werde?

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Das gleiche Tier – jetzt einigermaßen versteckt unter abgeschnittenen Eichenzweigen. Was Sie nicht wissen können: Habe ich die Schildkröte dort entdeckt, aus ihrem Versteck geholt und auf den Stein gesetzt? Habe ich darauf gewartet, dass sie freiwillig aus dem Versteck gekommen ist? Oder habe ich sie nach dem Foto einfach unter die Zweige kriechen lassen und sie dann fotografiert?

Mag sein, dass diese Fragen jetzt etwas spitzfindig sind… aber die eigentliche Frage lautet hier: Welches Bild entspricht nun der natrürlicheren Lebensweise und welche Konsequenzen ziehe ich für meine Gehegegestaltung daraus?

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4. Ist das überhaupt noch Habitat?

Schildkröten sind keine Kulturfolger – aber sie leben trotzdem wild in Parks, auf Friedhöfen, in Gärten und Weinbergen. Habitate sind das keine mehr. Den Tieren ist ihr ursprünglicher Lebensraum abhanden gekommen und sie arrangieren sich mit dem, was sie vorfinden. Oftmals eher schlecht als recht. Daraus Erkenntnisse für Gehegebau und die -gestaltung oder gar naturnahe Tierhaltung abzuleiten, ist törricht, findet aber dennoch statt. Nur weil Tiere auf Melonenplantagen Obst fressen, heißt das nicht, dass dies für die eigene Tierhaltung so übernommen werden sollte.

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Text und alle Bilder: Lutz Prauser. Alle Rechte beim Autor

3 Kommentare


  1. Schöner Artikel! Eine Anmerkung habe ich aber doch, da immer wieder davon zu lesen ist, dass Weideflächen wie die oben abgebildete keine ursprünglichen Habitate darstellen. Die Ursprungshabitate wären nach weit verbreiteter Annahme geschlossene (je nach Standort Hartlaubeichen-/ Kiefern-) Wälder die es im Mittelmeerraum ohne den Einfluss des Menschen geben müsste. Das ist so allerdings nicht ganz richtig. Schaut man genau hin, gibt es in einem echten geschlossenen Steineichenwald oder einer dichten Macchie, ohne den Einfluss des Menschen, so gut wie keine Schildkröten.
    Vor der Ankunft des Menschen und noch einige Zeit mit ihm gemeinsam lebten im Mittelmeerraum verschiedenste große Pflanzenfresser wie der Auerochse. Diese gestalteten damals in Herden die Vegetation, wodurch eben diese kleinen mosaikartig eingestreuten Lichtungen mit einem hohen Strukturreichtum entstanden (als Graser sind diese Arten sogar auf Weideland angewiesen, hätten hier in einem dichten Wald/ Buschland also sonst nie leben können, genauso wie es all die endemischen Tier- und Pflanzenarten des Mittelmeerraumes dann nicht geben dürfte). Der Mensch ersetzte im Mittelmeerraum diese Arten bereits sehr früh mit den Haustieren, welche zu einem großen Teil genau hier aus diesen Wildarten domestiziert wurden. Das Fraßverhalten der Tiere änderte sich mit der Domestikation jedoch nicht, weshalb etwa Rinder oder Pferde heute zunehmend auch bei uns im Naturschutz eingesetzt werden um diese Dynamik in die Vegetationsentwicklung zu bekommen. Bis heute hat sich im Mittelmeerraum extensive Weidehaltung in vielen Bereichen erhalten. Die durch extensive Beweidung aufgelichtete Macchie, küstennahen Kiefernwälder, Auen und andere Vegetationsformen im Mittelmeerraum gehören zu den besten Schildkrötenlebensräumen überhaupt und sind die eigentlichen Ursprungshabitate und eben nicht ein geschlossener Wald ohne Unterwuchs.
    Was aktuell passiert ist, dass viele solcher Flächen aufgegeben werden, da die traditionelle Beweidung unwirtschaftlich ist. Die Flächen verbuschen zunehmend (natürliche Sukzession), es finden sich aber noch einige Zeit gute Bestände dort. Andere Flächen v.a. im Tiefland werden intensiviert und es finden sich keine Strukturen für die Schildkröten mehr. Das ist tatsächlich eine große Gefahr für unsere europäischen Landschildkröten, denn wenn wir uns für diese letzten extensiven Weideflächen nicht einsetzen, werden diese aus vielen Bereichen bei gleichzeitiger Intensivierung des verbliebenen Offenlandes verschwinden. Da das ein schleichender Prozess der „Habitatzerstörung“ ist, fällt das aber weniger auf.
    Der eigentliche ursprüngliche Lebensraum der europäischen Landschildkröten dürfte also viel eher ein Mosaik aus kleinen Weideflächen und Busch- und Waldland gewesen sein, was unter der Berücksichtigung der Lebensweise von Landschildkröten als Pflanzenfresser der lichten Krautschicht auch viel mehr Sinn machen dürfte.
    Das Problem der Geobotanik als auch teilweise der Biologie ist, dass man trotz Wissen um die großen Pflanzenfresser diese bei der „Berechnung“ einer natürlichen Vegetation für einen Raum völlig außer Acht gelassen hat. Wie sich ein „Wald“ wirklich entwickelt unter Einfluss von Rindern, Pferden, Rotwild und anderen „Gestaltern“ kann man in Beweidungsprojekten sogar bei uns in Deutschland schön beobachten.


  2. sehr guter ansatz. und fotografieren sie das mal im frühjahr!


  3. Sehr schöner und realitätsbezogener Artikel.
    Es stimmt leider, dass das Gebiet oder Naturhabitat der wunderschönen Testudos mittlerweile abhanden kommt oder ausgerissen wird. Traurige Welt…

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