Alles Schotter oder was? – Teil 2: Auf Schottersuche im Habitat

Von Lutz Prauser

Teil 1 lesen Sie hier.

Senkrecht steht die Sonne am Himmel Ich krieche auf allen Vieren langsam einer Schildkröte entgegen, die Kamera im Anschlag. Von allen Seiten werde ich die Schildkröte fotografieren, eines der wenigen Tiere, die ich im Urlaub 2014 in Istrien (Kroatien) gefunden habe. Mir gelingen viele Bilder, meine Frau wiederum fotografiert mich.

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Entstanden sind so einige Fotos, die ich schon oft im Internet gezeigt habe, aus zum Teil ganz unterschiedlichen Gründen. In diesem Zusammenhang nutze ich es, da das Bild sehr gut den Bodengrund zeigt, auf dem die Schildkröten in diesem kroatischen Habitat leben. Und dass man diesen so gut sehen kann, hängt damit zusammen, dass großflächig ein Stück Macchia gerodet wurde, ein vormaliger Lebensraum der Schildkröten, der nun irgendeiner Bebauung wird weichen müssen, wurde vor kurzem zerstört. Noch leben Tiere dort… Aber das ist ein anderes Thema.

Dieses Bild soll – wie der gesamte Beitrag – veanschaulichen, wie in den Habitaten der Boden aussieht… und wie eben nicht. Wer sich mit naturnaher Schildkrötenhaltung beschäftigt, wird sich also kaum mit einer Überschotterung des Geheges anfreunden können.
SONY DSC SONY DSCWenige hundert Meter weiter, in dem nicht zerstörten Teil der Landschaft, habe ich diese beiden Bilder gemacht, sie waren bereits im Reisebericht über Istrien zu sehen.

Es lohnt sich, sich über die Bodenbeschaffenheit in den Habitaten Gedanken zu machen und sich von dieser inspirieren zu lassen. Größere Felsstücke ragen aus der Erde heraus. Etwas, was man im eigenen Gehegebau wunderbar nachbauen kann, indem man solche großen Steine einfach zu etwa einem Drittel fest in die Erde eingräbt. Überall im Habitat liegen Steine unterschiedlichster Größe, zwischen den Steinen wachsen Gras und Kräuter, auf den Steinen liegen Zweige kreuz und quer vereilt herum. Die Schildkröten stört das nicht, sie klettern einfach über die Zweige hinweg oder kriechen unter ihnen hindurch. Überall gibt es auch „Erd-„flächen, fester, harter Boden aus magerer Erde und Sand. An vielen Stellen im Habitat ist vom Steinboden überhaupt nichts zu sehen. Auch hier leben Schildkröten:SONY DSC

Nicht viel anders sieht es in der Gallura auf Sardinien aus, dem einzigen Verbreitungsgebiet der Breitrandschildkröten außerhalb der Balkanhalbinsel. Die Böden sind teilweise enorm steinig, allerdings – und das ist bemerkenswert – besteht dieser Stein hier nicht aus Kalkstein sondern aus Granit:senkrecht3

senkrechtSelbst die großen und schweren Breitrandschildkröten erweisen sich als ausgesprochen gute Kletterer, denen auch eine steile Fläche wenig ausmacht. Unbeirrt verfolgt das Tier auf diesen Bildern seinen Weg hinauf in den schattigen Bereich zwischen die Kiefern. Die Felsen geben den großen und schweren Tieren Halt bei ihren „Kletterpartien“, so dass sie fast senkrechte Wände erklimmen können.

Die sardischen Marginata-Habitate im Nordosten der Insel weisen sehr unterschiedliche Bodenstrukturen auf, wie exemplarisch die folgenden drei Bilder zeigen. Es gibt in der Mitte der Gallura einen gebirgigen Teil. Dort finden sich zum Teil sehr großflächige Steinplatten, in den Auffaltungen hat sich Erde angesammelt, in der Pflanzen wachsen. Es gibt zudem Gebiete, in denen viele lose große Steine liegen, zwischen denen ebenfalls Pflanzen aus sandiger Erde wachsen. In Küstennähe und an den Flüssen finden sich extrem sandige Böden, zum Teil auch ohne Felsen oder irgendwelche größeren Steine.
Eines aber findet sich auch in diesen Habitaten nicht: Unbewachsene großflächige Schotterfelder, die keinen Schutz und keine Versteckmöglichkeiten bieten. Es gibt in den Habitaten die Flächen mit Steinen gleicher Körnungsgröße, die glatt gezogen sind und wie geharkt wirken, eben nicht.

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In einigen Breichen, in denen Schildkröten leben, findet man auf den ersten Blick gar keine Steine… wie auf den beiden Bildern aus Korsika zu sehen.  Hier, im Lebensraum der Testudo hermanni hermanni ist die Erde mager und sandig. Es wachsen Kräuter und Gräser, allerdings keine geschlossenen Rasen- oder Wiesenflächen. Zahlreiche Sträucher bieten den Schildkröten Versteck- und Schattenplätze.

Korsika1Korsika2Natürlich gibt es auch reine Schotterflächen mit niedrig wachsendem Strauchwerk. Ein größeres Gebiet zwischen Zadar und Jezero-See habe ich in diesem Sommer durchstreift und nach Tieren gesucht. Allerdings habe ich dort keine Schildkröten gefunden; was nicht beweist, dass es dort keine gibt. Auf steinigem Waldboden und einer großn Lichtung mit rotem Lehmboden wenige hundert Meter weiter neben dieser Steinfläche hingegen waren Schildkröten in großer Zahl zu finden. Diese Lichtung werde ich im Herbst etwas ausführlicher hier vorstellen. Hier schon mal ein Bild.
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Ebenfalls aus Dalmatien stammt das Foto einer sich sonnenden Landschildkröte. Es wurde morgens gegen 9.30 Uhr aufgenommen. Im Beitrag Pflanzen bitte… habe ich es schon einmal gezeigt.

Hier noch einmal das gleiche Tier aus einer anderen Perspektive, die deutlich den Untergrund zeigt: Lehmiger, von der Sonne ausgehärteter Boden und Steine – aber eben keine geschlossene Schotterfläche:

Mein Fazit aus den Reisen in die unterschiedlichen Schildkrötenhabitate kann nur heißen: Den Tieren daheim einen Erdboden anzubieten, der möglichst abgemagert ist (mit Sand und gemahlenem Kalk). Auf diesem Boden gibt es Steine der unterschiedlichsten Größen, größere Steine werden zur Hälfte eingegraben und bilden kleine „Felsen“, Wurzeln, Äste, Stöckchen… all das gehört genauso auf den Boden. Nur an den Stellen, an denen sich bei Regen das Wasser sammelt, gibt es eine kleine geschlossene Steinefläche, allerdings diese auch mit Steinen der unterschiedlichsten Größe. Große, schwere und zum Teil ins Erdreich eingegrabene Steine verhindern, dass die kleineren hin und her rutschen, wenn Schildkröten über diesen Untergrund laufen. Damit bekommen die Füße und Krallen Halt. Das funktioniert bei einer Kieselsteinfläche mit gleichmäßigen, abgerundeten Steinen geringer Größe eben nicht.
Wie so etwas aussehen kann, zeigen wir in der kommenden Woche. Im dritten und abschließenden Teil unserer kleinen Seite stellen wir Ihnen die die Gehege von Ricarda Schramm vor. Hier wurden buchtäblich tonnenweise Kalksteine zu einem Gehege verbaut, Schotterflächen allerdings gibt es nicht.

Text und alle Bilder: Lutz Prauser. Alle Rechte beim Autor

1 Kommentar


  1. Hallo Lutz,
    sehr Gut geschriebener Artikel.
    Ich habe meinen Urlaub schon oft auf Korsika verbracht und schon einige Thh in der Natur gesehen. Die Adulten Schildkröten die ich gesehen habe leben überwiegend auf festen Boden in überwiegend undurchdringener Maccia. In den Dünen habe ich letztes Jahr im September nach einen Regenschauer gerade geschlüpfte und einmal sogar 3 kleine die gerade ihre Nistgrube
    verlassen haben beobachtet.
    Auch in den Dünen lebten Adulte und Semiadulte Schildkröten also nicht auf Schotter.
    Gruß Andreas

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