Alles Schotter oder was? – Teil 1: Ein neuer Trend?

Von Lutz Prauser

Seit Monaten ist ein neuer Trend zu beobachten, der sich in zahlreichen Facebook- und Forendiskusionen widerspiegelt. Ein Großteil des Bodens auf neu angelegten Gehegen ist mit Steinen flächig bedeckt. In vielen Fällen ist es Kalkschotter, der oft säckeweise aus Baumärkten herbeigeschafft wurde und sehr gleichmäßig verteilt wurde. Die Flächen sind sauber abgegrenzt zum übrigen Gehegeboden, den beetartig angeordneten Pflanzen, dem Frühbeet und den dekoartionsartig arrangierten anderen Gestaltungselementen. Nicht selten wird nur Schotter der gleichen Körnungsgröße verwendet, farblich oft exakt voneinander getrennt. Mitunter findet man auch Bilder mit Marmor- oder Flußkieseln. Der Schotterwahn“ scheint gerade bei Neueinsteigern und bei frisch angelegten Gehegen immer kuriosere Ausmaße anzunehmen. Aber hat das noch was mit naturnah zu tun?
Viele dieser gezeigten Anlagen sind superordentlich aufgeräumt, sie erinnern mehr an ein liebevoll gestaltetes Blumenbeet als an ein Wildtiergehege: Die Flächen sind nicht nur akkurat geformt sondern oft auch geharkt. Hin und wieder wurden Wege, auf denen die Tiere laufen sollen, angelegt. So entstehen kleine, bis ins Detail abgestimmte, arrangierte Miniaturparklandschaften, die ganz dem ästhetischen Vorstellungen der Gehegebauer entsprechen. Aus dem Schotter wächst nichts heraus, nicht ein vertrocknetes Blatt, geschweige denn ein abgestorbenes und abgebrochenes Ästchen von einem Strauch im Gehege liegt auf ihm. Oft sind Pflanzbereiche und Wasserschalen zudem noch mit Kantensteinen extra eingefasst. Selbst wenn auf diesen Flächen Pflanzen wachsen und sie vielleicht mit größeren Steinen oder Holz durchbrochen“ sind, wirkt das Ganze trotzdem arrangiert und von Menschenhand gestaltet:
11149436_937650536257592_3262175530596687819_nNicht selten werden diese Bilder gerade in einigen FacebookGruppen über die Pflege von Schildkröten gelobt. Schildkrötenliebhaber versehen sie ‚Likes‘ und mit Kommentaren, wie schön das geworden sei. Nun lässt sich über Ästhetik trefflich streiten… Schönheit liegt im Auge des Betrachters und was der eine als sehr gelungen empfindet, mag der andere als völlig verkrautetes, verwildertes Stück Garten ansehen. Und letztlich muss das Gehege auch dem gefallen, der es sich in den Garten gebaut hat – es muss also dessen geschmacklichen Vorstellungen entsprechen. Den Schildkröten dürfte es ziemlich egal sein, ob im Gehege aus Dekorationszwecken ein Zwerg, ein verschnörkelter Zierbogen mit bunten Blumentöpfen, eine Replik einer antiken Statue, fliesenmosaikbeklebte Kugeln oder eine bepflanzte hölzerne Schubkarre aufgestellt wurde. Ebenso ist es ihnen egal, ob zum Beispiel die Pflanzen im exakten Muster zueinander gesetzt wurden oder nicht.
Weniger egal aber ist es, ob ein Gehege den Ansprüchen der Tiere an ein naturnahes Leben gerecht wird oder nicht. Man kann es nicht oft genug erwähnen: Schildkrötenhaltung ist Wildtierhaltung, auch wenn das nicht immer jeder hören will und das dem Bedürfnis einiger Halter entgegenspricht, die sich möglichst intensiv und liebevoll um ihre Pfleglinge kümmern möchten. Also bauen sie ihnen eben auch das schönste Heim. Kein Wunder, wenn sie sich dann in den Diskussionen in den Gruppen sich Gehegebauer umgehend angegriffen fühlen, wenn ihr soeben gestaltetes Schildkröten“paradies“ deutlich kritisiert wird. Man muss nicht lange fragen, woher dieser Trend kommt? Seit Langem wird Gehegebauern immer wieder genau dieses empfohlen: Kalksteine, Kalksteinbruch und -splitt großzügig ins Gehege einzuarbeiten. Zur Verbesserung der Bodenqualität, zum schnelleren Abtrocknen und weil es eben (angeblich) dem Zustand in den Habitaten entspricht… dazu in der kommenden Woche mehr.
Großzügig wird dann allerdings sehr weit ausgelegt – und aus großzügig wird großflächig.
schotterrausZugegeben: Der Vorteil zugeschotterter Flächen liegt zunächst auf der Hand. Die Flächen erwärmen sich schnell bei Sonneneinstrahlung. Sie trocknen nach einem Regenguss schnell ab, da das Wasser in die Hohlräume zwischen den Steinen versickert. Und sie lassen, wenn nur dick genug aufgeschüttet, kein Wachstum irgendwelcher Pflanzen zu, schon gar nicht von Gräsern, die – zum Teil zu unrecht – zu den erklärten „Todfeinden“ der Schildkrötenhaltern gehören.
Viele Bücher über Schildkrötenhaltung zeigen Tiere in den Habitaten auf Steinflächen sitzend, viele Gehegebauer haben diesen Bildern folgend tonnenweise Schotter verarbeitet – beides hat einen Trend ausgelöst, der sich jetzt in übertriebener Verschotterung äußert. Natürlich sehen frisch angelegte und noch nicht eingewachsene Gehege aufgeräumter aus, aber ist das auch sinnvoll? Und warum werden bei der Einrichtung neuer Anlagen nicht gleich ein paar größere Pflanzen mit eingesetzt? Über die Wichtigkeit der Gehegepflanzen haben wir vor einigen Wochen berichtet. Wenn ein Gehege ein naturnah gestaltet ist, kommen nicht nur Schildkröten auf ihre Kosten. Mit Glück siedeln sich heimische Reptilien wie Eidechsen dort an, es bietet auf jeden Fall aber auch einen Lebensraum für Insekten, die die Wasserstellen nutzen und in den Blüten der Gehegepflanzen Nahrung finden. In einem Strauch, der mein Gehege begrenzt, nistet seit diesem Jahr ein Amselpärchen. Viele Vögel nutzen die Tränken in dem Gehege mit.

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Es kann Gründe geben, Flächen abzuschottern, zum Beispiel dann, wenn sich bei Regenfällen hier schnell Wasser sammelt und stehen bleibt. Allerdings lässt sich dieses Problem auch mit einer kleinen Drainage im Erdreich lösen.Meine Tiere graben sich an sehr heißen Sommertagen gerne in den Bodengrund ein. Wenn dieser jedoch aus 20 cm Schottersteinen oder Kieselsteinen besteht, ist das unmöglich. Eingraben gehört zu den Instinkten dieser Tiere – egal ob im Sommer an heißen Tagen, oder eben auch im Spätherbst an kühlen Tagen. Und nur bei naturnahen Böden geben wir unseren Pfleglingen die Chance, sich natürlich zu verhalten. Haben die Tiere ein gewisses Alter, fangen die Weibchen an, Löcher zu graben, um Eier abzulegen. Auf Schotterflächen ist die schier unmöglich.
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Zudem ist es fraglich, ob das permante Laufen auf diesem Boden für die Füße der Tiere auch gut ist. Beruhigend ist die Vorstellung allerdings, dass Schildkröten ihren eigenen Kopf haben und sich selbst die Wege auswählen, die sie gehen wollen und nicht die, die die Parkgehegebauer für sie angelegt haben.

Manche Tierhalter stehen auf dem Standpunkt „Hauptsache mir gefällt es“ und machen dies in Diskussionen über Gehegegestaltung auch deutlich. Dagegen lässt sich schwer oder gar nicht argumentieren. Zum Glück aber gelingt es relativ oft, Halter, die ihre Gehege „überschottern“ oder als kleine Ziergärten eingerichtet haben, zum Nachdenken anzuregen. Und nicht selten sehen die Gehege nach kurzer Zeit ganz anders aus. Dazu gehört als allererstes, die Steinflächen auseinanderzuziehen, große Steine mit zu verarbeiten und mit Pflanen und Wurzeln Strukturen zu schaffen.

Text: Lutz Prauser.  Bilder: Oliver Hausleithner, Lutz Prauser. Alle Rechte bei den Urhebern.

In der kommenden Woche folgt zu gleichem Thema der Beitrag: Alles Schotter oder was? – Teil 2: Auf Schottersuche im Habitat, in 14 Tagen erlaubt Ricarda Schramm einen Einblick in ihre naturnahe Gehegegestaltung… und wie sie dort lkw-ladungsweise Kalkstein zum Einsatz gebracht hat.

5 Kommentare



  1. Vielen Dank für diesen tollen Bericht. Ich bin seit letztem Jahr stolze Besitzerin einer 2jährigen griechischen Landschildkröte. Als es dieses Jahr darum ging ein Aussengehege anzulegen, hab ich mich natürlich auch im Internet schlau gemacht. Besonders der Untergrund der dort angegeben wurde brachte mich zum Nachdenken. Ich bin begeisterte Griechenland Urlauberin und habe mich gefragt in welchen geschotterten Gegenden die lieben Schildkröten wohl leben, da ich dort sehr wohl trockene und karge Gegenden gesehen habe, aber eher mehr sandige als schottrige Untergründe in Erinnerung habe. Nach diesem Bericht weiss ich nun das ich alles richtig gemacht habe. Habe Emilias (oder Emilio, weiß ich noch nicht so genau) Gehege mit allem ausgestattet was sie liebt und braucht. Bei der großen Hitze der letzten Tage hat sie sich gerne in den im Schatten gelegenen Sandhaufen unter einer Holzrinde vergraben. Sich auf der etwas größeren Steinplatte am Morgen aufgewärmt.
    Ich bin dafür das ein Aussengehege auch etwas „fürs Auge“ des Beobachters sein soll-aber man sollte in jedem Fall zuerst an das Wohl des Tieres denken. Je natürlicher und „unbehandelter“ man den Lebensraum dieser wunderbaren Tiere lässt-desto weniger fühlen sie sich eingesperrt und versuchen auszubrechen. Unsere Emilia fühlt sich glaube ich sehr wohl und es ist täglich herrlich sie zu beobachten-auch wenn man sie unter den Büschen manchmal suchen muss :o)
    Lieben Gruß
    Michaela


  2. ich selbst kenne die „schotterpisten“ die leider aus einem Missverständnis entstanden sind. auch lehne ich reinen schotter ab, der ja durch das brechen scharfkantig ist. wird schotter auf normale erde aufgebracht versinkt er dann teilweise in die erde und die spitzen und kanten verlieren etwas an ihrer Gefahr Verletzungen herbeizuführen. laufen Tiere nur über diese „pisten“ sollte man mal schauen, wie nach einiger zeit die Unterseite der panzers aussieht. ich habe auch Kalksteine im gehege, aber alles ohne große spitzen und kanten, großteils wurden die steine „getrommelt“ um da etwas nachzuhelfen.
    aber jeder wie er es mag, ich mag es nicht.
    das gleiche gilt auch für Futterpflanzen, denn viele füttern heute oft nur Löwenzahn, da ja salat, auch wenn er vom eigenen garten kommt, ablehnen. anderes futter als Löwenzahn ist ja auch nicht immer vorhanden und man muß halt längere wege in kauf nehmen und mehr suchen.
    ich trockne gerade große mengen an diversen Futterpflanzen und auch Brennnesseln sind dabei, ab jetzt versuche ich wieder mal auf getrocknete pflanzen umzustellen.
    hena


  3. Lieber Lutz Prauser,

    herzlichen Dank für diesen Artikel. Es war
    „Neueinsteigern “ nicht zu vermitteln, das
    daß mit einem natürlichen Gehege nichts zu tun hat.Es wurde mir immer gesagt, wenn der und der
    das schreibt, wirds schon richtig sein.
    Herzliche Grüsse
    Irmgard Simon Köln


  4. DANKE -Lutz!
    Du sprichst mir so was von aus der Seele!!!
    lg
    Christine

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