Ausgraben oder nicht?

Schildkrötenhalter, die ihre Tiere in Gruben im Gehege überwintern lassen, stehen oft vor der Frage, ob sie im Frühjahr die Schildkröten ausgraben sollen, oder nicht. Eine Diskussion in einem Schildkrötenforum nimmt dabei Bezug auf meine Bauanleitung und meine Erfahrungen zum Thema Überwinterungsgrube. Diese hatte ich vor einem Jahr hier auf der Seite vorgestellt. Teil 1 lesen Sie hier, Teil 2 hier und den dritten, abschließenden Teil hier.
In der besagten Forendiskussion wird dabei mein Text zitiert und für die Überlegung herangezogen, die Schildkröten zur Beendigung der Winterstarre auszugraben:

t1
Die meisten Halter in dieser Diskussion sprechen sich jedoch ganz klar dafür aus, die Tiere auf keinen Fall auszugraben. Aus diese Grund greife ich an dieser Stelle das Thema noch einmal auf und hätte mir gewünscht, die Teilnehmer dieser Diskussion hätten direkt bei uns nach einer Erläuterung gefragt.
Ein absolute, allgemein gültige Wahrheit nämich gibt es zu dieser Frage ebensowenig wie ein Patentrezept. Die Entscheidung, Tiere auszugraben oder sie dieses selbst tun zu lassen, hängt von mehreren Faktoren ab, hauptsächlich aber von der Lage der Grube im Gehege und ihrer Tiefe. Und natürlich von der Witterung und der daraus resultierenden Umgebungstemperatur:
Grube1Nach dem Winter 2013 war es notwendig, unsere Tiere auszugraben, sie lagen sehr weit unten, fast am Boden der Überwinterungsgrube. Im Frühjahr 2014 kamen sie sehr früh von ganz allein heraus, in diesem Jahr habe ich wieder etwas nachgeholfen, habe die Tiere aber in einer Tiefe von etwa 30 bis 40cm aufgefunden.  Diese Entscheidung treffen wir jedes Jahr wieder neu.
Unsere Überwinterungsgrube liegt im schattigen Bereich des Geheges, was heißt, dass sie erst spät am Tag von der Sonne beschienen wird. Entsprechend wärmt sich das Erdreich auch nicht oder nur sehr wenig auf. Diese Selle haben wir gewählt, damit nich frühe Warmwetterperioden evtl. doch die Erde soweit erwärmen, dass sich die Tiere bereits Anfang Februar wieder ausgraben und dann womöglich eine weitere Frostperiode einsetzt. Solche Winter hatten wir nämlich auch schon mehrfach.

Aktuell habe ich in der Tiefe, in der sich die Schildkröten eingegraben hatten, etwa 5°C, während es schon Außentemperaturen von bis zu 20°C hatte. Bis sich die Erdschichten so erwärmen, dass die Tiere von allein „auftauchen“, dauert es mindestens noch vier bis sechs Wochen, je nach der Witterung der kommenden Wochen. Das wiederum wäre mir für eine Überwinterungsspanne entschieden zu lang.
Im warmen Frühjahr 2013 hingegen kamen die Tiere von ganz allein zum Vorschein.
Nun ist es auch nicht so dass ich die Tiere ausgrabe und dann von jetzt auf gleich auf „Sommerbetrieb“ umstelle. Ausgraben bedeutet für mich, dass ich die Schildkröten aus etwa 80cm tiefer Erde (wenn sie noch ganz unten sind) hervorhole und dann oben auf das Erde-/Moosgemisch setze. Anschließend werden sie wieder mit Laub abgedeckt, sodass sie den letzten Teil der Auswinterung völlg allein bewerkstelligen. Hin und wieder kommt es auch vor, dass sich ein Tier noch einmal ein paar Zentimeter tiefer eingräbt.

Ich möchte mich hüten, allgemein verbindliche Ratschläge zu diesem Thema geben. Jeder Halter, der seine Schildkröten in einer Grube überwintern lässt, muss selbst wissen und entscheiden, was für seine Tiere sinnvoll ist und was nicht. Ich kann lediglich meine eigenen Erfahrungen schildern und sagen, dass ich es unter den bei uns gegebenen Umständen für besser halte, die Tiere gegen Ende März aus dem Erdreich auszugraben. Pobleme gab’s übrigens noch nie und die Tiere waren bei der ersten warmen Witterungsperiode, die ich meist zum Ausgraben abwarte, sehr schnell sehr aktiv.

Text und Fotos: Lutz Prauser

grube2

Text und Fotos: Lutz Prauser, Screenshot aus www.testudo-forum.de. Alle Rechte beim Autor

 

 

8 Kommentare


  1. Hallo Gundi,

    ach so, das hatte ich falsch verstanden.

    Liebe Grüße

    Ricarda


  2. Hallo Ricarda, ich glaube, da hast du mich mißverstanden. Ich habe damit nur den einzigen nicht negativen Punkt der schattigeren Lage meiner Überwinterungsgrube aufgezählt und wollte die Entscheidung, auch mal nach den noch sehr kleinen Kröten zu graben, erklären.
    Viele Grüße
    Gundi


  3. Hallo Editha, hallo Gundi,

    meine Schildkröten starren nun schon einige Jahre im Schutzhaus, bereiten sich völlig selbstständig vor, wachen ca. Ende
    Februar/Anfang März durch Sonneneinstrahlung und folgende Erwärmung des Hauses auf. Die meisten erscheinen auch selbstständig. Es sind immer dieselben 2, die dazu 1 Woche länger brauchen als die anderen und diese suche ich dann auch in der Tiefe, einfach um zu schauen, ob sie in Ordnung sind.
    Gundi, was ist bei dieser Methode, die ich auch für die natürlichste halte, schlecht daran, wenn die Temperaturen nicht immer konstant sind, sondern es sich auch einmal kurz erwärmt? So ist es auch in der Natur, besonders in den ganz südlichen Habitaten. Es dauert einige Zeit, bis sich die Temperatur auch in tieferen Erdschichten erhöht, die Erde puffert hier ab, so dass eine kurzzeitige Erwärmung keine negativen Auswirkungen hat.
    Dafür halte ich es für sehr vorteilhaft, wenn die Sonne im Frühjahr ungehindert durch Schatten das Schutzhaus mit den starrenden Schildkröten erreichen und aufwärmen kann.
    Und ja, ich habe den Vorteil eines Südhangs.

    Grüße

    Ricarda


  4. Damit hast du sicher Recht, Editha. Wir haben das Frühbeet, aber die Überwinterungsgrube ist extern mit einem Durchgang zum Frühbeet verbunden. Vorteil: es erwärmt sich im Winter nicht andauernd, sondern sie haben dauerhafte Starretemperatur.
    Die Grube liegt in nördl. Richtung. Es kommt wenig Wärme hinein. Was ist „naturnaher“? Mit künstlicher Wärme nachhelfen oder den -bei mir erst 2jährigen- aus 60cm Tiefe nach 5 Monaten wieder nach oben helfen?
    Im Vorteil ist der Halter mit einem sehr großen Südgarten. Aber nicht alle Nachbarn mögen Gewächshäuser bzw. soll auch nicht der gesamte Garten nur auf Schildkröten ausgerichtet sein. Die Kühlschrankstarre haben wir auch praktiziert. Klar im Vorteil für die Schildkröten und auch für uns empfinden wir die von Lutz Prauser beschriebene Starre. NICHT mit dem MUß des Ausgrabens, sondern mit dem Hinweis, daß der Halter sich auch ruhig auf sein Gefühl und Empfinden verlassen darf. Wer seine Tiere kennt und beobachtet, muss manches Mal eingreifen. Ob mit künstlichem Licht, künstlicher Wärme, Legorädern bei Beinamputation….. Es gibt so viele Beispiele – da ist das Aus-der-Starre-helfen noch der kleinste Eingriff.
    Grüße Gundi


  5. Hallo Gundi,

    > da es mit unseren klimatischen Möglichkeiten die naturnaheste ist.

    Nein, bezogen auf den Verlauf und das selbstständige Aufwachen geht es auch in Deutschland naturnaher, nämlich dann wenn die Tiere nicht nur ihre Aktivitätszeit sondern auch ihre Überwinterung im milderen Klima eines Gewächshauses/Frühbeetes verbringen, und nicht wie bei Lutz in einer Grube außerhalb, wo sie eben voll dem deutschen Klima ausgesetzt sind.

    Ich habe meine T. graeca (früher auch T. hermani) jetzt den 10. Winter erfolgreich im Gewächshaus überwintert, und absolut jedes Mal kamen sie selbständig hoch, in wärmeren wie in sehr strengen Wintern. Fast immer geschah das in der zweiten Februarhälfte, spätestens aber in den ersten 2-3 Märztagen, also spätestens nach etwas mehr als 4 Monaten.

    Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass man auch mit weniger naturnahen Methoden erfolgreich überwintern kann, sei es im Kühlschrank oder ganz im Freien. Beides mal muss der Halter die Länge der Starre überwachen und steuern. Aber wenn man möchte, kann man auch in Deutschland so naturnah überwintern, dass sich Landschildkröten selbständig vergraben und zuverlässig auch selbständig nach „normaler“ Zeit wieder auftauchen.

    Gruß, Editha


  6. Liebe Editha,

    natürlich könnte ich es mir einfach machen und antworten, dass das Wort „naturnah“ mittlerweile ein Totschlagargument ist. Denn wenn wir ehrlich sind, ist wenig, was wir nördlich der Alpen praktizieren, naturnah. Wir üben keinen Selektionsdruck aus, in dem wir die Tiere vor Fressfeinden schützen, selbst das noch so verkümmerte Mickerchen hochpäppeln, zum Tierarzt gehen, Entwurmungen durchführen. Wir bauen mit Technik eine Art „Natur“ nach, die den Bedürfnissen den Tieren entgegen kommt und das ersetzen/kompensieren soll, was es bei uns eben nicht gibt. Wir manipulieren also fortwährend die Tiere… auch bei der Überwinterung.
    Ich könnte ebenso gut antworten, dass eine Kühlschranküberwinterung dem angestrebten naturnahen Überwinterungsverlauf für Schildkröten auch nicht gerade entspricht. Denn während ich am Tag X, den ich auswähle, die Tiere ein gutes Stück weiter nach oben befördere (sofern sie das nicht selbst gemacht haben), macht der Kühlschranküberwinterungskhalter es auch nicht anders, wenn er am gleichen Tag die Boxen aus dem Kühlschrank holt und die Tiere „umbettet“ oder sich selbst auf den Weg machen lässt.
    Wie wir es drehen und wenden, wir machen Kompromisse, um den Bedingungen unserer Regionen soviel „naturnahe Haltung“ abzuringen und investieren in Gewächshäuser, Frühbeete, Beleuchtungs- und Heizungstechnik. Daher muss ich ehrlich sagen: Damit habe ich mich abgefunden.
    Ich kann wieder nur für meine Erfahrung sprechen: Aber die aus meiner Überwinterungsgrube im Frühjahr zurückkehrenden Tiere sind agil, gesund und aktiv. Sie machen insgesamt einen wesentlich besseren und fitteren Eindruck als nach der Kühlschranküberwinterung.
    Und davon abgesehen: Würde ich die Tiere sich dem oberbayerischen Klima anpassend selbst überwintern lassen, dann hätte ich mögliccherweise tatsächlich irgendwann mal das Problem der fünf Monate. Es bleibt mir also gar nichts anderes übrig, als „regulierend“ einzugreifen.


  7. Hallo Lutz,
    Wie ich sehe, hast du meine Frage zum Anlass dieses Artikels genommen. So, wie du es im Artikel beschreibst, habe ich es auch dieses Frühjahr gemacht, weil meine Bedingungen der Grube ähnlich sind und so verstehe ich auch die Schildkrötenhaltung: versuchen, so natürlich wie möglich, aber immer im Hinterkopf: hier haben wir nicht ihr natürliches Klima und so müssen wir Menschen manches Mal eingreifen. Ob mit Technik oder mit Verstand. Ein sehr schön geschriebener Artikel, der nicht schwarz/weiß malt – „nur so ist es richtig, da gibt es nichts anderes“
    @Editha: ich würde deine Frage mit JA beantworten, da es mit unseren klimatischen Möglichkeiten die naturnaheste ist.
    Viele Grüße Gundi


  8. Hallo Lutz

    > Die Entscheidung, Tiere auszugraben oder sie dieses selbst tun zu lassen, hängt von mehreren Faktoren ab, hauptsächlich aber von der Lage der Grube im Gehege und ihrer Tiefe.

    Wenn europäische Landschildkröten nach mehr als 5 Monaten immer noch nicht von alleine hochkommen, dann sollte man sie meines Erachtens ausgraben. Aber in diesem Falle stellt sich folgende Frage „Bietet eine Grube wirklich den heute meist angestrebten naturnahen Überwinterungsverlauf für Schildkröten, wenn die sich nicht nach einer natürlichen Zeitspanne von selbst ausgraben?“

    Freundliche Grüße, Editha

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