Nachgefragt beim Tierarzt: Lithophagie (Steine fressen)

In der vergangenen Woche haben wir auf der Testudowelt-Seite einen Bericht über eine Schildkröte veröffentlicht, die begonnen hatte, Steine zu fressen. Heute nun gibt der Tierarzt Tobias Friz, der das Tier damals behandelt hat, ausführlich Auskunft über dieses Phänomen. Hilferufe besogter Schildkrötenhalter, dass ihre Tiere angefangen haben, Steine im Gehege zu fressen, finden sich in großer Zahl in den einschlägigen Internetforen und Facebook-Gruppen. Doch worum geht es da eigentlich wirklich? Und wie soll man als Schildkrötenhalter darauf reagieren? Wir danken Tobias Friz für die Informationen und die hier gezeigten Röntgenbilder. Sie zeigen die Schildkröte Susi, über die wir vergangene Woche berichteten.

 

 

1.Welche Ursachen können zu einer Lithophagie bei Schildkröten führen?

Anhaftende Steine und/oder Bodengrund werden nicht selten von Landschildkröten in geringen Mengen zufälligerweise mit dem Grünfutter aufgenommen, d.h. es finden sich auf Röntgenaufnahmen von Landschildkröten immer wieder einzelne röntgendichte Fremdkörper in Form von Steinchen oder geringe Sandbeimengungen zum Darminhalt. Demgegenüber nehmen allerdings einzelne Landschildkröten aktiv große Mengen Substrat oder Steine auf, was zu ernsthaften, lebensbedrohlichen Zuständen führen kann. Ursache hierfür ist meist ein Rohfasermangel (z.B. bei überwiegender Obstfütterung) und/oder ein absoluter (z.B. aufgrund eines ernährungsbedingten sekundären Hyperparathyreoidismus) bzw. relativer Calciummangel (z.B. während Eianbildung und Trächtigkeit). Darüber hinaus werden im Einzelfall auch Fremdkörper aufgrund ihres interessanten Aussehens bzw. deren attraktiver, nicht selten roter Färbung aufgenommen. Schwerwiegende Parasitosen oder Entzündungen des Darmes anderweitiger Genese kommen ebenfalls als mögliche Ursachen in Frage.

2. Welche Symptome könnte der Halter erkennen?

Einzelne, zufällig mit der Nahrung aufgenommene Steinchen bzw. geringe Mengen nicht quellenden Bodensubstrates ziehen in der Regel keinerlei Symptome nach sich und werden meist unbemerkt mit dem Kotabsatz wieder ausgeschieden. Das aktive Suchen nach und die Aufnahme von Steinchen wird des Öfteren von Haltern direkt beobachtet. Ansonsten sind die Symptome vielgestaltig und reichen von Unruhe bis Apathie, von Symptomlosigkeit bis hin zu schwersten Allgemeinsymptomen einschließlich Schmerzkauen, Nahrungsverweigerung, mangelndem Kotabsatz, zwanghaftem Kotpressen (was teilweise als Eiablageversuch missgedeutet wird), nachfolgenden Kloakenvorfällen oder aber auch Atemnot (Dyspnoe). Ist ein großer Fremdkörper nicht in der Lage den Magenausgang zu passieren, so kann dies zu Erbrechen bzw. Regurgitieren von Futter führen.

Röntgenbild vor der Behandlung. Zufallsbefund: Deutlich sichtbare größere Ansammlung von Kieselsteinen im Darm.

3. Welche anderen Ursachen könnten zu ähnlichen Symptomen führen?

Die o.g. Symptome sind wie auch deren möglicherweise zugrundeliegenden Probleme so vielgestaltig, dass eine gründliche Untersuchung des betroffenen Tieres unabdingbar ist. Ein eindeutiges, für diese Erkrankung typisches Symptom gibt es leider nicht.

4. Kann der Halter Sofortmaßnahmen ergreifen?

Besteht der Verdacht, dass eine Lithophagie, möglicherweise sogar eine Verstopfung (Obstipation) vorliegt, so gilt es zunächst der oftmals vorliegenden, den Schweregrad und Verlauf negativ beeinflussenden Austrocknung (Dehydratation) entgegenzuwirken. Dies kann durch lauwarmes Baden des betroffenen Tieres erfolgen, sollte allerdings nicht zu einer Verzögerung des möglichst baldigen Besuch bei einem erfahrenen Tierarzt führen.

5. Wie dringend ist ein Tierarztbesuch?

Obstipationen mit Fremdkörpern können zu schwerwiegenden Krankheitsverläufen, regelrechtem Verbacken des Darminhaltes samt Absterben der Darmwand führen, weshalb ein Tierarztbesuch möglichst frühzeitig anzuraten ist. (Anm. d. Red.: Hierzu können Sie auch lesen: Nachgefragt beim Tierarzt: Darmverschluss. Dort gibt Dr. Natalie Steidele, Kollegin von Tobias Friz Auskunft zum Thema Darmverschluss)

Röntgenbild nach der Behandlung. Keine sichtbaren Steine mehr im Darm.

6. Diagnostik beim Tierarzt?

Hierzu ist neben einer gründlichen Allgemeinuntersuchung insbesondere das Anfertigen von Röntgenaufnahmen zu nennen, nicht selten flankiert von einer Blutuntersuchung. Hierdurch lassen sich in den meisten Fällen Form und Umfang der aufgenommenen Menge an Fremdkörpern wie auch die Prognose gut abschätzen.

7. Gibt es Therapiemöglichkeiten?

Geringe Mengen kleiner Steine oder nicht quellbaren Bodensubstrates sind kein Grund zur Panik. Deren Abgang lässt sich i.d.R. durch diätetische Maßnahmen problemlos erreichen. Wichtig ist in einem solchen Fall die Ursache festzustellen und korrigierend einzugreifen. Handelt es sich um große Mengen aufgenommener Fremdkörper bis hin zur Obstipation, so genügen demgegenüber oftmals konservative Behandlungen wie Paraffin- und Wassergaben nicht. In solchen Fällen kann ein operatives Vorgehen unabdingbar werden, um die Vitalität des Darmes erhalten zu können.

8. Wie kann Lithophagie verhindert werden?

Natürliche, artgerechte, rohfaserreiche Fütterung und gute Beobachtung der Schildkröten samt Anbieten einer Calciumquelle ad libitum sind gute Voraussetzungen das Auftreten einer Obstipation aufgrund Lithophagie zu verhindern.

 

9. In Foren wird immer wieder die Frage diskutiert, ob Lithophagie häufiger bei weiblichen Schildkröten und Jungtieren zu beobachten ist als bei adulten Männchen. Ist das in der Praxis so?

Die Aufnahme von Substrat aufgrund eines relativen Kalziummangels, insbesondere in Zeiten erhöhten Bedarfs hat zur Folge, dass diese Ursache insbesondere bei weiblichen Tieren in der Eianbildung wie auch bei Jungtieren nicht selten eine Rolle spielt. Werden allerdings Fremdkörper aufgrund ihres interessanten Aussehens, Geruchs usw. gefressen, so ist dies ein geschlechtsunabhängiges Phänomen. Dies gilt auch für die sonstigen differentialdiagnostisch in Frage kommenden Ursachen wie Parasitosen, Rohfasermangel, Hyperparathyreoidismus usw., so dass Lithophagie durchaus auch bei adulten männlichen Landschildkröten beobachtet werden kann.

 

Tobias Friz
Prakt. Tierarzt und Fachtierarzt für Reptilien
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Tierärztl. Gemeinschaftspraxis für Kleintiere und Exoten
Reiherstr. 14a
89269 Vöhringen
Tel.: 07306-919233
info@tierarztpraxis-voehringen.de
www.tierarztpraxis-voehringen.de

 

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Röntgenbilder: Tobias Friz

5 Kommentare


  1. nun, mit Steinchen eigentlich keine Probleme, kontrolliere regelmäßig den kot. NUR hat bei mir eine mittlere marginata mal Probleme mit zusammengebackenem sand gehabt, wo sich ein pfropf an der analausgang gebildet hatte. mit warem bad und öl konnte da der abgang erreicht werden. hatte aber nie mehr mit diesem oder anderen Tiere da erkennbare Probleme. heinz


  2. Herzlichen Dank Tobias, für diesen Beitrag.
    Das Thema kommt regelmäßig in den Gruppen bei Facebook und auch auf Schildkrötentreffen „auf den Tisch“.
    Jetzt haben wir die Möglichkeit, bei Fragen dazu diesen Link in den Gruppen anzuwenden.
    Petra


  3. UPS sorry, Handy hat geschrieben.:-(


  4. Ich beobachte schon immer den Kot meiner Schildkröten. Und es werden immer mal wieder Steinchen ausgeschieden. Bei mir gibt es weder Obst noch Gemüse. Ich fütter alles was man draußen in den Wiesen findet. Von Malven über Frauenmantel sämtliche Wegeriche Brennnesseln und Co. Ich bin der Meinung das es wie für andere Tiere zur Verdauung helfen. Wenn natürlicherer stein mal zu groß sein sollte, könnte er schon sich festsetzten. Aso und Calcium in Form von Sepia hab ich zu Genüge drin im Gehege. Grüße


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