Lithophagie (aktives Fressen von Steinen) bei Landschildkröten – Ein Fall aus der tierärztlichen Praxis

Susi und Emmi, die Neuen

Als Lithophagie (das Wort setzt sich aus dem altgrieschischen λίθος, lithos = Stein und φαγεῖν phageín „essen“) wird das aktive Aufnehmen und Fressen von Steinchen bezeichnet. Bei pflanzenfressenden Vögeln zum Beispiel dienen diese Gastrolithen (Magensteine, ebenfalls aus dem griechischen: γαστήρ gaster ‚Bauch‘, ‚Magen‘ und λίθος lithos‚ Stein) dazu, die aufgenommene Nahrung im Muskelmagen zu zerkleinern, um sie verdauen zu können. Hier ist die Aufnahme von Steinchen also physiologisch und sinnvoll. Entsprechend hält zum Beispiel der Handel als Einstreu und Futtermittel für die Haltung von Vögeln bereit, die kleine Steinchen, sogenannte Magenkiesel enthalten. Vorab: Diese Präparate sind für die Haltung von Schildkröten nicht geeignet, selbst wenn  der Hauptbestandteil des Vogelgrits aus calciumreichen Muschelbruchstücken besteht.

Susi, die „Steinreiche“

Denn bei Landschildkröten ist dies anders – Sie benötigen keine Steine zum Zerkleinern der Nahrung, da diese von Darmsymbionten aufgeschlossen und dann verdaut wird. Hier also ist die vermehrte Aufnahme von Steinen unphysiologisch, als Ursache kommen Kalzium- und/oder Rohfasermangel, ungeeigneter Bodengrund, Parasiten o. ä. in Frage. In den meisten Fällen liegen Haltungsfehler vor. Bei großen Mengen aufgenommener Steine kann es zum Darmverschluss kommen. Nicht immer sind Symptome vorhanden und für den Schildkrötenhalter erkennbar. Eine eindeutige Diagnose liefert das Röntgenbild.
Ein konkreter Fall: Im Juni 2014 übernahm eine Schildkrötenhalterin 2 Griechische Landschildkröten-Weibchen, beide 9 Jahre alt, in ihren Bestand. Über die bisherige Haltung der beiden erhielt sie leider keine Angaben.

Die Sauerkrauttherapie…


Für einen routinemäßigen Check und die Erstuntersuchung stellte sie die Schildkröten Tobias Friz, Fachtierarzt für Reptilien, in seiner Praxis vor. Um die Frage nach eventuell vorhandenen Eiern abzuklären, wurden die Tiere dabei auch geröntgt. Erst anhand der Röntgenbilder, durch Zufall, entdeckte Herr Friz bei einem der Weibchen eine größere Ansammlung von Steinchen im Darm und riet zu einer Behandlung. Symptome waren der Besitzerin vorher nicht aufgefallen, beide Tiere waren aktiv und fraßen normal.

Um den Abgang der Steine über den Darm zu ermöglichen, sollte die Schildkröte nach Möglichkeit Sauerkraut fressen, daneben viel rohfaserreiche frische und getrocknete Wildkräuter erhalten und öfter gebadet werden. Eine solche Behandlung kann sehr langwierig sein, bis Steine ausgeschieden werden. In hartnäckigen Fällen wird von Fachtierärzten noch eine orale Gabe von Paraffinöl, Leinöl o. ä. empfohlen. Im hier geschilderten Fall hatte die „Sauerkraut-Therapie“ Erfolg, im Laufe von 12 Wochen schied das Schildkröten-Weibchen immer wieder einige Steine aus, die zum Teil eine beachtliche Größe hatten.

…offensichtlich schmeckt es.

Die Röntgenkontrolle im September zeigte deutlich den Unterschied zur ersten Aufnahme. Es waren keine röntgendichten Steine mehr erkennbar.
Inzwischen hat die Schildkröten-Dame keine weiteren Steine mehr aufgenommen, die Ursache war wohl in der suboptimalen Haltung beim Vorbesitzer zu suchen. Die Lebensbedingungen jetzt im neuen Domizil erfüllen alle Bedürfnisse der Schildkröten.

 

Für die Serie Nachgefragt beim Tierarzt haben wir den behandelnden Tierarzt Tobias Friz zum Thema Lithophagie befragt. Dort finden Sie weitere Informationen. Siehe hierzu auch den Beitrag von Dr. med. vet. Nathalie Steidele: Nachgefragt beim Tierarzt: Darmverschluss

 

 

Text: Ricarda Schramm, Fotos: Sonja Bader. Alle Rechte bei der Autorin bzw. der Fotografin

Ein besonderer Dank gilt dem Tierarzt Tobias Friz für die Bereitstellung der Informationen und den kritischen Blick über den Text

Ausgeschiedene Steine, zum Größenvergleich eine Kaffeebohne.


 

4 Kommentare



  1. Hallo Didi,

    wir werden auf diese Frage im zweiten Teil zum Thema „Nachgefragt beim Tierarzt“ eingehen. Tobias Friz wird dazu antworten.

    Grüße

    Ricarda


  2. Hallo Lutz,

    Danke für den interessanten Artikel. Es ist immer wieder kurzweilig und informativ in deiner Testudowelt zu lesen.

    Ich bin der festen Überzeugung, dass Tiere die naturnah gehalten und artgerecht gefüttert werden, nur dass an Steinen zu sich nehmen, wie sie das auch im Habitat machen würden. Der Bodengrund dort besteht doch auch aus Sand und Steinen, trotzdem haben diese Tiere viele Millionen von Jahren dort überlebt.

    Ich biete verschiedene Kalziumquellen an und konnte vermehrtes Steinefressen bisher bei meinen Tieren noch nie feststellen.

    Barbara Hentschke


  3. Hallo

    Sehr interessant. Wir haben uns neulich auch wieder in einem Forum darüber ausgetauscht. Für mich abschließen nicht geklärt ist, ob dieses Verhalten nur Jungtiere und adulte Weibchen nicht aber adulte Männchen betrifft. Vielleicht kann Herr Friz auch dazu etwas sagen.
    Danke und Gruß
    Didi

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