Tradition oder Nahrungstabu? – Anmerkungen zum Verzehr von Schildkröten / Teil 1

Kulturhistorische Anmerkungen zum Verzehr von Schildkröten in der westlichen Welt / Teil 1
Von Lutz Prauser

Charles Darwin (1809-1882)

Charles Darwin notierte am 23. September 1835 über seinen Besuch auf dem Galapagos-Archipel: „Die Einwohner klagen zwar über ihre Armut, können jedoch ohne großen Aufwand für ihren Lebensunterhalt sorgen. In den Wäldern gibt es viele Wildschweine und Ziegen; hauptsäch­lich jedoch besteht ihre tierische Nahrung aus Schildkröten. Natürlich wurde deren Zahl auf der Insel stark dezimiert, doch noch immer zählen die Leute darauf, dass zwei Tage Jagd ihnen das Essen für den Rest der Woche liefern. Früher soll ein einziges Schiff bis zu siebenhundert erbeutet haben und vor Jahren soll einmal die Besatzung einer Fregatte an einem Tag zweihundert Schildkröten an den Strand gebracht haben.“.
Am 8. Oktober schrieb Darwin: „So lange wir in dieser oberen Region waren, ernährten wir uns ausschließlich von Schildkröten­fleisch: Die Brustplatte mit dem Fleisch darin geröstet (wie die Gauchos es mit carna con cuero machen) schmeckt sehr gut und die jungen Schildkröten geben eine hervorra­gende Suppe ab; ansonsten ist das Fleisch für meinen Geschmack aber mäßig.“(Darwin, 2006).

Robinson Crusoe

Was Darwin unbekümmert äußerte, hat lange Tradition: Für die Küsten­bevölkerung waren Meeresschildkröten seit altersher eine hochwertige und attraktive Speise – und für die Seefahrer erst recht. Die Literatur der seefahrenden Völker ist angefüllt mit Dokumenten und Belegen: Seien es Randbemerkungen bei William Shakes­peare, die Reiseaufzeichnungen Sir Walter Raleighs aus dem 16. Jahrhundert oder Daniel Defoes „The Life And Strange Surprizing Adventures Of Robinson Crusoe“ aus dem Jahr 1719: „Meine Mahlzeiten hatte ich jetzt folgendermaßen geregelt: Zum Frühstück genoss ich einige Rosinen, als Mittagsessen ein Stück gedörrtes Ziegenfleisch oder etwas geröstete Schildkröte (denn um zu kochen mangelte mir zu meinem großen Bedauern ein taugliches Gefäß). Mein Abendessen bestand regelmäßig aus einigen Schildkröteneiern.“ (Defoe, 1720).
Man mag das Essen von Schildkröten für eine exotische Komponente des Romans ansehen und damit dem Geschmack der englischen Leser geschuldet, aber es war mit Sicherheit kein Tabubruch.
Damit nicht genug. Landschildkröten, vor allem ihre großen Arten – ob auf den Seychellen oder den Galapagosinseln – waren eine begehrte Auffrischung des Speiseplans auf hoher See. An Bord genommen, waren diese Tiere ein lebendes Proviantdepot: Anspruchs­los in Fütterung und Pflege wurden sie auf Deck gehalten, bis ihnen der Schiffskoch den Garaus machte. Einfacher ging es kaum, und so wundert es nicht, dass viele Schiffe auf ihren Routen rund um Afrika einen Zwischenstopp auf den Seychellen einleg­ten, um Proviant zu fassen. Ebenso die mexikanischen Seefahrer und Piraten auf den Galapagos-Inseln. Die verheerenden Folgen für die Populationen auf den beiden Insel-Gruppen sind be­kannt.
Doch es ging nicht nur darum, Seefahrern den Magen zu füllen. Schon in der Antike haftete den Meeresschildkröten der Ruf an, dass der Verzehr des Fleisches medizinische Wirkung habe, im gleichen Ruf standen sie bei der Bevölkerung in vielen subtropischen und tropischen Küstenländern. Und diese Vorstellung hat sich in das europäische Mittelalter hinübergerettet. So berichtete Chris­toph Kolumbus, der 1498 bei den Azoren vor Anker gegangen war, dass sich dort die an Aussatz erkrankten Menschen, im Glauben Heilung zu finden, mit Schildkrötenblut wuschen.
Unter Seefahrern hielt sich lange das Gerücht, dass Schildkrötenfleisch wunderbar gegen Skorbut helfe.
Anfang des 20. Jahrhunderts notierte Felix Graf Luckner, dass sich die Mannschaft der „Seeadler“ auf der Südseeinsel Mopelia westlich von Tahiti vom Kaperkrieg des Krieges erholte: „…bei Schildkrötenfleisch, Kokosnüssen, Früchten und ausgiebigen Strandgängen“ (Sutte, 2007).

Felix Graf Luckner (1881-1966)

Dass der Verzehr von Schildkröten bis in archaische Zeiten zurückreicht, belegen Funde einer Grabungsstätte im Norden Israels. Bei den Ausgrabungen von etwa 12.000 Jahre alten menschlichen Relikten fanden sich Überreste von zahlreichen Tieren, ein Zeichen für eine größere Festivität. Der Anlass war höchstwahrscheinlich eine rituelle Beerdigung: „Zu den Überbleibseln gehören Panzer und Knochenteile von rund 71 Schildkröten und drei Rindern – eine für diese Zeitperiode ungewöhnlich hohe Zahl derartiger Hinterlassenschaften an einem Ort.“ berichtet Theresa Kübler in Bild der Wissenschaft. Dabei entdeckten die Wissenschaftler „Kratz- und Schneidespuren in den versteinerten und zum Teil zerlegten Knochen. Diese weisen darauf hin, dass die Tiere geschlachtet und gekocht wurden.“ (Kübler, 2010).
Die Tradition Schildkröten zu essen, ist auch im Abendland weit verbreitet oder war es zumindest bis ins frühe zwanzigste Jahrhundert hinein.

Archäologischer Fund: Schildkrötenpanzer. Foto: Natalie Munroe

Eine der Ursachen liegt in den Fastengebräuchen  der Katholischen Kirche. Seit über 1.500 Jahren ist den Gläubigen an hohen Fastentagen der Ge­nuss von Fleisch untersagt. „Der Karfreitag ist Fasten-und Abstinenztag. Es gilt das Abstinenz- und Fastengebot. Gläubige Katholiken verzichten an diesem Tag auf Fleischspeisen und nehmen nur eine einma­lige Sättigung vor. Das Fastengebot der einmaligen Sättigung betrifft die Erwachsenen vom vollendeten 18. bis zum Beginn des 60. Lebensjahres. Der Verzicht auf Fleischspeisen gilt für alle Katholiken ab dem 14. Lebensjahr.“ (Bischöfliches Ordinariat Graz Seckau, 2006).
Seit dem Mittelalter wurden als „Fleisch“ alle Säugetiere gerechnet, ebenso Geflügel, nicht aber Fisch. Wei­ßes Fleisch ist kein „richtiges“ Fleisch, Landlebewesen haben „richtiges Fleisch“ – im Wasser le­bende Tierarten hingegen nicht. Demzufolge wurden Europäische Sumpfschildkröten, Flusskrebse, Wasservögel und bezeichnenderweise auch Biber den Fischen zugerechnet, in der Fastenzeit gefangen und gegessen.
In asketischen Orden, wie dem der Karthäuser, war der Verzehr von Fleisch grundsätz­lich verboten. Daher richteten die Mönche Fisch- und Schildkrötenzuchten ein, um eine attraktive Fastenspeise zur Verfügung zu haben. Dies belegen z.B. archäologische Untersuchungen am niederösterreichischen Kloster Mauerbach (Kunst, 2006). Man darf allerdings vermuten, dass die Nachzuchtzahlen bei weitem nicht den Bedarf decken konnten. Da war die traditio­nelle Fischzucht einfacher und vielversprechender.

Kartause Mauerbach bei Wien
Vorlage für einen Kupferstich in: Johann David Schoepf, Naturgeschichte der Schildkröten mit Abbildungen erläutert, Erlangen 1792-1801. © Humboldt-Universität zu Berlin, Museum für Naturkunde

Bis in das 19. Jahrhundert ist der Fang und Verzehr Europäischer Sumpfschildkröten dokumen­tiert – schwerpunktmäßig in den katholischen Gegenden Bayerns und Österreichs.  So wurden auf dem Fischmarkt in Wien über viele Jahrzehnte die in den Donau­auen gefangenen Sumpfschildkröten verkauft, um in den Kochtöpfen der städtischen Bevölkerung zu landen. Das Sailer’sche Familien-Kochbuch, veröffentlicht in München 1865, versammelt einige Schildkrötenrezepte, im Blute gekocht, in Citronen-Sauce oder gebacken (Obermaier, 1865). Zwar wird keine Schildkrötenart angegeben, da aber das Rezeptbuch auch das Töten der Tiere beschreibt, muss es sich folglich um Tiere gehandelt haben, die im lebenden Zustand erworben wurden. Das weist zwangsläufig auf die einheimischen Europäischen Sumpfschildkröten hin, die gefangen und auf den Märkten verkauft wurden.
Allerdings ging im Lauf des 19. Jahrhunderts der Fang, der Verkauf und damit der Verzehr von heimischen Schildkröten rapide zurück. Die Gründe liegen in der Säkularisierung in Folge der napoleonischen Zeit und damit dem Verlust an Macht und Einfluss der katholischen Kirche. Dem folgte ein freierer Umgang mit den kirchli­chen Geboten und Regeln und damit mit dem strengen Fasten. Gleichzeitig führten massive Umbrüche in der Sozialstruktur der Gesellschaft mit einsetzender Industrialisie­rung zu einer Verarmung breiter Bevölkerungsmassen und damit zu einer Änderung des Konsumverhaltens. Fleisch und Fisch waren Großteilen der städtischen Bevölkerung einfach zu teuer geworden. Auch die Änderung der Nahrungsmittelproduktion, die Errichtung von Großschlächtereien in den Städten hatte Einfluss auf die Ernährungsgewohnheiten. Fleisch konnte billiger als Fisch angeboten werden und drängte auch in größerer Menge in Fleischereien und Wirtshäuser.
Diese Entwicklung ging mit einer Überfischung der Flüsse und Seen und damit mit einer Verringerung der Population einher. Schildkrötenfang war bald kein rentables Geschäft mehr.

Teil 2 lesen Sie bitte hier

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