Fundstücke: Johann Nepomuk Hauptmanns Latonabrunnen von Herrenchiemsee

Herrenchiemsee

Johann Nepomuk Hauptmann: Der
Latonabrunnen von Herrenchiemsee

Nur zehn Tage seines kurzen Lebens weilte er auf der Insel. Er schlief im ehemaligen Augustinerkloster und ließ sich mehrmals am Tag hinüber zur Baustelle kutschieren. Dort entstand sein neues Schloss: Eines, das nie fertig wurde; eines, in dem er keinen einzigen Tag seines Lebens gewohnt hat.
Heute ist Schloss Herrenchiemsee von Touristenströmen umflutet. Dabei hatte sein Erbauer, König Ludwig II. davon geträumt, dass seine Schlösser niemals dem einfachen Volk hätten zugänglich sein sollen. Ja, er hatte sogar verfügt, dass die bereits existierenden Schlösser nach seinem Tod hätten gesprengt werden sollen.
Sein Nachfolger, der Prinzregent Luitpold jedoch sah das anders. Zwar wurde nicht weiter gebaut, aber zerstört wurde auch nichts. Und so stehen heute die Ludwigschlösser Herrenchiemsee, Hohenschwangau und Linderhof sowie das Königshaus am Schachen den Einheimischen und Touristen offen. Und sie kommen in Scharen. Allein die Ausstellung über Ludwig II. auf Herrenchiemsee hat im Jahr 2011 über 500.000 Besucher angezogen.
Während sich die Architektur von Hohenschwangau an der Wartburg bei Eisenach anlehnt und aus den Libretti der Wagneropern nährt, ist Herrenchiemsee ganz dem Stil von Versailles nachempfunden. Bis in die Details hat der Märchenkönig sein großes historisches Vorbild und seinen Namensvetter Ludwig XIV. von Frankreich kopieren wollen.

Der Lantonabrunnen

Doch waren die politischen und finanziellen Verhältnisse in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ganz andere.Ludwig XIV (1638-1714), der Sonnenkönig, konnte auf uneingeschränkte finanzielle Mittel zurückgreifen. Und wenn Ebbe in der königlichen Finanzkasse herrschte, genügte eine Erhöhung der Abgaben, um seine Vorhaben umzusetzen. So entstand auch der Bau des Schlosses Versailles vor den Toren von Paris. 1661 begann er, das ehemalige Jagdschloss zu seiner Residenz umzubauen. Über 300 Millionen Livres dürfte das Schloss und sein weitläufiger Park insgesamt gekostet haben. Eine unvorstellbare Summe Geld, obwohl schon während des Baus immer auf die Ausgaben geachtet und vieles, trotz des größtmöglichen Luxus, möglichst günstig realisiert wurde.
Anders Ludwig II.: Er war des Regierens und Repräsentierens müde und ohnehin seit Gründung des deutschen Reiches 1871 und der Einführung der konstitutionellen Monarchie in seinen Rechten und Möglichkeiten beschränkt. Mit 14,7 Millionen Mark war Herrenchiemsee teurer als die Schlösser Linderhof und Neuschwanstein zusammen.
Finanziert wurde das Schloss aus seinem Privatvermögen, was ihn an den Rand des Bankrotts brachte und ihn dazu verführte, das Geld seiner Wittelsbacher Verwandten gleich mit auszugeben. Den bayerischen Staatshaushalt aber ließ er unangetastet. Dass die Wittelsbacher aber ihr Vermögen schwinden sahen, mag einer der Gründe gewesen sein, gegen den verschwenderischen Märchenkönig vorzugehen. Als er 1886 entmachtet und am Starnberger See in Schloss Berg zwangsweise einquartiert wurde, war Herrenchiemsee eine Bauruine. Der Mittelbau war fertig, die Außenmauern der Seitenflügel ebenfalls, aber sie blieben von innen unverputzt, kaum einer der Räume war je eingerichtet.

Wasserspeiende "Un"tiere

Erst ein sich anschließender weiterer Querbau war errichtet, der zweite fehlte. 1907 wurde dieser völlig leere Querbau wieder abgerissen. Ganz anders hingegen der Park, der sich vom Spiegelsaal aus nach Westen zum Chiemsee mit dem Blick auf Prien erstreckt. Johann Nepomuk Hauptmann hatte die drei großen Brunnen 1883 fertig gestellt, allesamt Kopien der Brunnen von Versailles. Noch heute bestimmen sie den Park.
Das zentrale Element des Gartens nimmt – wie in Versailles – der Latonabrunnen ein.
Hauptmann kopiert aus Frankreich die mythische Geschichte der Göttin Latona. Zusammen mit ihren Kindern Diana und Apollo krönt sie als Marmorgestalt den Brunnen. In Ovids Metamorphosen ist ihre Geschichte erzählt: Latona und ihre Kinder, die wegen der Sommerhitze dem Verdursten nahe und völlig erschöpft waren, zu ihnen trat und um etwas zu trinken bat. Die Bauern aber verbieten Latona, obwohl erzählt:
Lykische Bauern sammelten einst an einem kleinen See Binsen und Schilf, als sie demütig bittet und überzeugend argumentiert, nicht nur zu trinken, sondern wirbeln dazu noch Schlamm im Wasser auf, um es untrinkbar zu machen. Daraufhin verflucht Latona sie, auf ewig in diesem See zu leben. In ihrer Verblendung erkennen die Bauern ihre Sünde nicht und fahren in ihrem gotteslästerlichen Treiben fort. Die Göttin verwandelt die Bauern in Tiere. Zwar nennt Ovid zunächst nicht die Tierart, aber ein Sprachwitz löst es auf: „…quamvis … sub aqua, sub aqua…“ Lautmalerisch enthält es den typischen Lärm der Frösche. Ovid: „Schulter berührt sich und Kopf, und der Hals scheint mitten zu fehlen. Grün ist der Rücken und weiß der Bauch, an dem Leibe das Größte, und so hüpfen sie nun als Frösche im schlammigen Wasser.“

Lantona

Der Latonabrunnen zeigt diesen Moment der Verwandlung der Bauern im zweiten Figurenkranz. Während weiter oben nur noch Frösche die Latona umringen, befinden sich auf der ersten Ebene oberhalb des Wassers merkwürdige Wesen – halb Mensch und halb Frosch. Verzweifelt winden sie sich, doch es ist zu spät.
Zu ihren Füßen im Wasser reiht sich ein Kranz aus Schildkröten und Echsen. Während die Echsen in Form und Gestalt eher Leguanen als europäischen Arten gleichen, ist bei den Schildkröten eine Anlehnung an Landschildkröten unübersehbar.
Hoch aufgerichtet stehen sie auf allen Vieren, reißen das Maul weit auf und speien Wasser in hohem Bogen. Schön glatt gewachsene Panzer und ein mächtiger Schwanz, denn sie weit von sich strecken, zeichnen die Schildkröten aus.
Um den Brunnen und seine Bildsprache zu verstehen, muss noch einmal daran erinnert werden, dass Hauptmanns Brunnen eine relativ exakte Kopie des um zweihundert Jahre älteren Fountain Latona darstellt. Unter Historikern wird darüber spekuliert, ob der französische Sonnenkönig Ludwig die Latona-Mythologie ganz bewusst ausgewählt hat. Dann wäre Latona seine eigene Mutter, Anna von Österreich. Er selbst ist in der Rolle des Apollon zu sehen. Das lästerhafte Verhalten der lykischen Bauern wiederum wäre eine Anspielung auf die politischen Unruhen in Frankreich gegen Ende des Dreißigjährigen Krieges, der Kinderzeit Ludwigs XIV.
Zwar war er seit 1643 nominell König, weil sein Vater früh gestorben war. Tatsächlich aber wurde das Land nicht von dem vierjährigen Monarchen, sondern von seiner Mutter Anna und dem mächtigen Minister Kardinal Mazarin regiert. Die Verwandlung der Bauern zu Fröschen stellt dann – ganz im Stil des Absolutismus – die gerechte Strafe für alle Staatsfeinde dar.
Welche Rolle aber spielen die Schildkröten? Sie sind nach wie vor die untersten Wesen.
Keineswegs räkeln sie sich entspannt in der Sonne wie ihre leibhaftigen Artgenossen. Sie entsprechen der Bildsprache der feuerspeienden Drachen, der gotischen Wasserspeier an den Kathedralen des Hochmittelalters. Sie sind ebenso finstere und gefährliche Wesen, sie gehören zu den Untieren aus den stinkenden Sümpfen, den tödlichen Gewässern und der Unterwelt.
Dutzende Zeugnisse in der abendländisch-christlichen Tradition bis in die Barockzeit belegen, dass Schildkröten zu den verabscheuungswürdigen Tieren gehören: „…ein Vierfüßler, langsam schreitend, im Freien lebend, unansehnlich, rau anzufühlen, mit kleinem Kopf, mit Schlangenhals, finsterem Blick…“ beschrieb schon vor Christi Geburt der römische Politiker Marcius Tullius Cicero die Schildkröten. Und der bedeutende Kirchenvater Hieronymus (ca. 346-420 n. Chr) nahm dies dankbar auf und legte den Grundstein für die christliche Sicht auf die Panzerträger: „Die schwerfällige und beladene, ja durch ihr Gewicht geradezu niedergedrückte Schildkröte geht nicht eigentlich, sondern schleppt sich eher dahin, als ein Abbild für die schwere Sündenlast,“ schrieb er. „Die Schildkröte symbolisiert die Sünden der Ketzer, welche in Schlamm und Kot ihren Irrtümern opfern.“
Es muss offen bleiben, ob Ludwig II. sich vielleicht auch gern in der Rolle des Apollon gesehen hätte. Vielleicht hätte er sein Kabinett wie auch seine Verwandten, die sich seinen Vorstellungen und Phantasien verweigert, am liebsten auch in Frösche verwandelt gesehen. Vorstellbar ist es.
Ob Ovid selbst die Verwandlung der Bauern Frösche als Bestrafung dafür sieht, dass sie keine menschlichen Gefühle (Mitgefühl, Mitleid) zeigen und sich nicht von den Argumenten Latonas nicht überzeugen lassen, ist ebenfalls pure Spekulation. Haben sie ihre Menschlichkeit aufgegeben und verdienen sie es keine Menschen, sondern nur noch Frösche zu sein?
Gibt es überhaupt eine „Erlösung“ für Schildkröten? Ambrosius, der Mailänder Kirchenvater (ca. 339-397 n. Chr.) sagt eindeutig Ja: „Die Schildkröte wird nämlich, während sie lebt, vom Schlamm bedeckt. Ist sie aber gestorben, wird ihr Panzer zum Singen und zur Schönheit einer frommen Kunst zubereitet, so dass sie zu dem taktmäßigen Rhythmus die Akkorde ihrer sieben Töne erklingen

Echsen und Schildkröten auf unterster Stufe

lässt. Entsprechend lebt der Mensch, so lange er für die leiblichen Verlockungen lebt, gleichsam im Schlamm und im Abgrund der Lüste. Stirbt er aber in Hinsicht seiner Triebhaftigkeit und Zügellosigkeit, so erlangt er sein wahres Leben, und er beginnt den süßen Gesang guter Werke hervorzubringen.“ Nur eine tote Schildkröte ist, weil aus ihrem Panzer eine Lyra gemacht werden kann, eine gute Schildkröte. Aber das ist schon wieder ein anderes Fundstück

 Text und Bilder: Lutz Prauser

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