Nachgefragt beim Tierarzt: Überwinterung von Schildkröten

Überwinterung von Schildkröten gehört wohl zu den Themen, die unter Schildkröten am intensivsten diskutiert werden – und von Einsteigern am meisten gefürchtet werden. Die Angst, etwas falsch zu machen, die Kontrolle über die Tiere eine Zeitlang abgeben zu müssen, beschäftigt viele unsichere Halter. Es gibt Ratgeber und Fachbücher, Erfahrungsberichte und unzählige gute und gut gemeinte Ratschläge im Internet, auf Websites, in den Foren und Facebookgruppen. Viele Wege führen zum gleichen Ergebnis, Ein wenig tiermedizinischer Background  kann da nicht schaden. Einmal mehr geben uns die beiden Tierärzte Dr. med vet. Natalie Steidele und Tobias Friz Auskunft.

 

1. Was bedeutet „Überwinterung“ und warum müssen Schildkröten überwintern?
Zahlreiche Reptilien gemäßigter Klimazonen, wie z.B. eben auch einige der in Menschenobhut gepflegten Land- und Wasserschildkröten benötigen eine Phase der „kühlen Überwinterung“, auch Hibernation, Brumation oder Winterstarre genannt.
Zu geringe Umgebungstemperaturen und ein fehlendes Nahrungsangebot im Lebensraum, zwingen die Schildkröten diese lebensfeindliche Zeit in einer winterlichen Ruhephase zu überdauern, die auch bei der Haltung in Menschenobhut für das Wohlergehen und die Gesunderhaltung dieser Tiere zwingend notwendig ist. Hierbei handelt es sich um eine Anpassung an die Umgebungsbedingung, die sich im Laufe der Evolution entwickelt und bewährt hat und von äußeren Faktoren ausgelöst wird.

2. Woher erkenne ich ob mein Tier eine kalte Überwinterung erhalten sollte?
Zunächst gilt es sich über die Lebensbedingungen der gehaltenen Art, Unterart oder Population im natürlichen Lebensraum zu informieren. Bei einigen Arten (z.B. der Maurischen Landschildkröte (Testudo graeca)) unterscheiden sich aufgrund ihres großen Verbreitungsgebietes die winterlichen klimatischen Gegebenheiten und somit auch die Anforderungen dieser Tiere an die Bedingungen während der Winterstarre innerhalb dieser Spezies, je nach Unterart bzw. Lokalform/Population. Herrscht Unklarheit über die Unterart- bzw. teilweise auch Artzugehörigkeit eines Tieres, so gilt es im Vorfeld erfahrene Halter bzw. Haltervereinigungen oder einen reptilienkundigen Tierarzt um eine Einschätzung zu bitten, damit dem jeweiligen Individuum die adäquaten Hibernationsbedingungen geboten werden können.

Grundsätzlich sollte allen Reptilien aus gemäßigten Klimaten bereits ab dem ersten Winter nach dem Schlupf/der Geburt eine winterliche Ruhephase geboten werden, sofern keine Erkrankungen, notwendige Medikamentengaben oder anderweitige individuelle Gegebenheiten und Therapiemaßnahmen dem entgegenstehen.

Dies bedingt, dass die Tiere bereits während der stoffwechselaktiven Zeit in den Sommermonaten auf eventuelle Erkrankungen, Parasitenbefall etc. untersucht werden sollten. Ist das Tier gesund, steht einer Überwinterung nichts im Wege.

3. Wie führe ich eine artgemäße Hibernation durch?
Auch hier gilt es wieder, sich an den spezifischen Bedürfnissen des jeweiligen Tieres zu orientieren und die eigenen Möglichkeiten und Gegebenheiten im Einzelfall zu hinterfragen. So werden Schildkröten teils in Kellern, Kellergewölben, Lüftungsschächten, Frühbeeten und Gewächshäusen bzw. darunter liegenden Schächten/Bunkern oder in eigens hierfür bereitgestellten Kühlschränken erfolgreich überwintert. Jede Methodik hat Vor- und Nachteile.
In den meisten Fällen empfehlen wir eine Überwinterung im (Wein-)Kühlschrank, da diese Methode vielerorts leicht und sicher realisiert werden kann, konstante Temperaturen gewährleistet werden können, ein Schutz vor Fraßfeinden gegeben ist und eine regelmäßige und dennoch stressarme Kontrolle der Tiere, der Luft- und Substratfeuchte wie auch der Luftzirkulation i.d.R. problemlos möglich ist.

Von großer, nicht zu unterschätzender Bedeutung sind neben der eigentlichen Ruhephase auch das Einwintern und Herunterkühlen vor der eigentlichen Überwinterung, sowie die Phase des langsamen Erwärmens während dem sogenannten Auswintern. Hierbei ist es am einfachsten, wenn die Tiere den Spätsommer und Herbst im Freigehege mit dazu gehörigen Schutzhäusern (Frühbeet oder Gewächshaus) verbringen und so den zu dieser Jahreszeit herrschenden Klimaparametern samt Tageslichtlänge usw. ausgesetzt sind. Die hat zur Folge, dass sich die Tiere selbstständig auf die winterliche Ruhephase vorbereiten können. Die Schildkröten werden erst dann in die vorbereiteten und mit Substrat versehenen Überwinterungskisten überführt, wenn sie sich selbst eingegraben haben. Eine künstliche Simulation der kürzeren Sonnenphasen und herabsinkenden Temperaturen ist hierbei im Gegensatz zur Terrarienhaltung nicht erforderlich.

Regelmäßige Gewichtskontrollen samt kurzer Blickkontrolle der Tiere ermöglichen neben dem Erkennen starker Gewichtsabnahmen ein frühzeitiges Wahrnehmen von äußerlichen Veränderungen, sofern diese Kontrollen rasch und stressarm durchgeführt werden. Äußerliche Veränderungen wie auch starke Gewichtsabnahmen von über 10 % des Körpergewichts haben oftmals zur Folge, dass das Tier ausgewintert und einer tierärztlichen Behandlung zugeführt werden muss.

4. Warum wird dieses Thema eigentlich mitten im Sommer auf testudowelt.de veröffentlicht?
Zur Zeit befinden sich unsere Schildkröten in einer stoffwechselaktiven Zeit, d.h. sie finden auch bei naturnaher Haltung im Freigehege noch ausreichend Futter (wenngleich aufgrund nicht ausreichender Gehegegrößen, zu großer Besatzdichte oder zu spärlichem Futterwuchs im Gehege zugefüttert werden muss), können sich i.d.R. täglich auf Vorzugstemperatur aufwärmen und ihre Bedürfnisse decken.
Um die anstehende Winterstarre die – obwohl für die Gesunderhaltung der Tiere unverzichtbar – eine kritische Zeit im Leben der Tiere darstellt, unbeschadet zu überstehen, sollten die Tiere in den Sommermonaten einem reptilienkundigen Tierarzt vorgestellt werden und/oder zumindest eine (Sammel-)Kotprobe auf Parasiten untersucht werden.
Stellt der Tierarzt einen therapiewürdigen Parasitenbefall oder eine anderweitige Erkrankung fest, so ist eine Behandlung noch vor der Winterruhe problemlos durchführbar, Kontrollproben nach Abschluss der Behandlung sind möglich und die Tiere haben Zeit die angewandten Medikamente noch vor der Winterruhe zu verstoffwechseln. Als Faustregel gilt: Tiere die Medikamente bekommen haben müssen nach Beendigung der Medikamentengabe noch mindestens 6 Wochen warmgehalten werden, bevor sie auf die Winterstarre vorbereitet werden können. Daher ist jetzt der ideale Zeitpunkt, um seine Tiere untersuchen zu lassen.

5. Was tun, wenn ich mir eine Überwinterung nicht zutraue oder keinen Platz für einen separaten Kühlschrank habe?
Auf gar keinen Fall sollte aus diesem Grund auf die winterliche Ruhephase verzichtet werden oder eine Überwinterung im Schlafzimmer, Flur, der Garage usw. unter nicht ausreichend niedrigen und konstanten Temperaturen durchgeführt werden. Dieses Vorgehen hätte zur Folge, dass aufgrund starker Belastung des Schildkrötenstoffwechsels und der hierfür zuständigen Organe teils schwerwiegende Erkrankungen drohen. Wird auf eine Hibernation verzichtet, so fehlt den Tieren diese Ruhephase, was sich in zu raschem Wachstum, Organ- und Stoffwechselkrankheiten wie auch hormonellen Störungen niederschlagen kann.
Etliche Tierarztpraxen, Auffangstation, Tierpensionen und Fachgeschäfte bieten einen sogenannten „Überwinterungsservice“ an, was insbesondere für die Halter von Einzeltieren eine sinnvolle Alternative zum Erwerb eines einzelnen Weinkühlschrankes sein kann.

6. Welche Risiken gibt es bei der Überwinterung und wie kann ich diese vermeiden?
Ein großes Risiko bergen chronische und/oder bisher nicht erkannte Erkrankungen sowie ein hochgradiger Parasitenbefall wie auch nicht vollständig verstoffwechselte und somit noch im Tier verbliebene Medikamente. Die häufig zitierte und vor allem während und nach der Winterstarre auftretende „Septikämie“ (Blutvergiftung) bei Schildkröten rührt nicht selten von nicht erkannten bzw. unbehandelten Vorerkrankungen als auch Problemen bei der Durchführung der winterlichen Ruhephase. Wie bereits erwähnt sind ungeeignete Temperaturen ebenfalls ein Risiko: werden die Tiere zu warm gehalten (i.d. R. über 8°C) ist der Stoffwechsel zu aktiv, wird es zu kalt (unter 4° C) kommt es zu Erfrierungen. Daher sind die am Tier herrschenden Temperaturen als auch die Funktionalität evtl. verwendeter Gerätschaften regelmäßig zu überprüfen.

7. Wie lange soll eine Überwinterung dauern?
Das ist abhängig von der Art und der Konstitution des individuellen Tieres, von dessen Herkunftsgebiet und auch von den im Freiland herrschenden Bedingungen.
Keinesfalls sollten gewisse Altersgruppen pauschal von der Überwinterung ausgeschlossen werden, d.h. auch Jungtiere und Schlüpflinge können und sollen unter kontrollierten Bedingungen überwintern, was sich auf deren weitere Entwicklung positiv auswirkt.

8. Warum soll eine Quarantäne immer am besten eine Überwinterung mit einschließen?
Wie bereits erwähnt sind Schildkröten während, vor und insbesondere nach der Überwinterung aufgrund der eingeschränkten Stoffwechselaktivität sowie des ebenfalls in dieser Phase noch nicht voll funktionsfähigen Immunsystems verstärkt dem Ausbruch von zwar bereits im Tier befindlichen aber bisher unerkannten Erregern wie Viren, Bakterien und Parasiten ausgesetzt. Bestimmte Erreger wie z.B. Herpesviren lassen sich oft durch eine ein – oder zweimalige Blutuntersuchung nicht sicher ausschließen. Daher wird geraten, neu erworbene Tiere in jedem Fall mindestens einmal separat zu überwintern. Falls während dieser Zeit keinerlei Krankheitssymptome auftreten und auch alle Laboruntersuchungen negativ sind ist die Wahrscheinlichkeit, dass das neu erworbene Tier an einer ansteckenden Erkrankung leidet relativ gering.

9. Kann meine Schildkröte in der Hibernation versterben?
Leider lautet die Antwort hier ganz klar: ja! Allerdings muss relativierend dazugesagt werden: die Winterstarre ist einerseits ein notwendiger und völlig physiologischer Teil des Lebens etlicher Schildkrötenarten und Todesfälle können sowohl in dieser Zeit, wie auch während des gesamten restlichen Jahr vorkommen. Eine gute Vorbereitung, gute Körperkonstitution und ausreichende Ressourcen sowie eine kontrollierte Überwinterung unter geeigneten Bedingungen verringern gemeinsam mit einer gründlichen Vorabuntersuchung im Spätsommer ganz erheblich das Risiko eine böse Überraschung erleben zu müssen. Und dennoch bleibt ein kleiner Rest Ungewissheit übrig. Allerdings wäre der Rückschluss falsch, seine Tiere aus Angst nicht überwintern zu lassen. Leiden die Tiere an unbekannten, unbehandelten und oftmals chronischen Erkrankungen, so bereiten diese Erkrankungen den Tieren auch ohne Hibernation früher oder später Probleme.

10. Wo finde ich Hintergrundinformationen über die Winterruhe von Schildkröten?
Es gibt mittlerweile zahlreiche gute Publikation hierzu und auch in der Fachliteratur der letzten Jahre wird diesem Thema regelmäßig Aufmerksamkeit gewidmet. Bitte lassen Sie sich auch im jeweiligen Einzelfall konkret von Ihrem reptilienkundigen Tierarzt beraten, da dieser in die Überlegungen zur Planung der Winterstarre auch die jeweilige Konstitution, samt Vorerkrankungen Ihrer Tiere mit einbeziehen kann.

Dr. Natalie Steidele, Tobias Friz
Prakt. Tierärzte, Fachtierärzte für Reptilien
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Tierärztl. Gemeinschaftspraxis für Kleintiere und Exoten
Reiherstr. 14a
89269 Vöhringen
Tel.: 07306-919233
info@tierarztpraxis-voehringen.de
www.tierarztpraxis-voehringen.de

 

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Bilder:  Lutz Prauser

1 Kommentar


  1. hallo, einer bekannten wurde dringend empfohlen ihre sporschildkröte auch zu überwintern. keine weiter aussage dazu. heinz

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