Molly, Nikka und die anderen – Die Meeresschildkrötenstation von Pula

Molly…

Molly hat Glück gehabt… und dass, obwohl sie als Beifang in einem Fischernetz landete. Ihr Glück bestand darin, dass sie spät genug im Netz landete, kurz bevor es aus dem Wasser gezogen wurde. Sonst wäre Molly irgendwann erstickt. Denn Molly, eine Unechte Karettschildkröte (Caretta caretta) an der kroatischen Adria, muss zum Atmen auftauchen. Nicht allzu oft, aber doch oft genug, dass ein Fischernetz eine tödliche Gefahr darstellt. Denn gefangen und unter Wasser gehalten sind Fischernetze der sicherere Tod für Meeresschildkröten. Dabei besteht die Gefahr nicht nur darin, dass Meeresschildkröten unbeabsichtigt gefangen werden und ertrinken. Oft verheddern sie sich auch im Netz und seinen Maschen, verletzten sich schwer und dann wird es wirklich dramatisch.
Aber wie gesagt: Molly hat Glück gehabt, und das gleich mehrfach. Denn die Fischer brachten sie in die Station für Meeresschildkröten im Fort Verudela in Pula in Kroatien. Seit 2006 beherbergt das alte Festungsgebäude an der Südspitze Istriens ein Aquarium – und auch eine Auffangstation für Meeresschildkröten.

… hat Glück gehabt.

Auch Nikka war in dieser Station. Keiner weiß, wie lange das Tier in einem Pool eines Restaurants in Umag seine Runden schwamm, bevor es im Juli 2009 dort von den Behörden entdeckt und beschlagnahmt wurde. Keiner weiß, wie lange Nikka in diesem Pool noch überlebt hätte. Sie wurde ebenfalls in die Station gebracht, dort untersucht, aufgepäppelt und medizinisch versorgt. Nach nur einem Monat durfte sie zurück ins Meer. An sie erinnert in der Station nur noch ein Steckbrief.
Die meisten Tiere aber bleiben länger, teilweise über Jahre, bis sie gesund gepflegt wieder ins Meer entlassen werden dürfen. Einige Tiere werden die Station nicht mehr verlassen können, zum Teil werden sie in großen Becken im Naturschutzreservat der Brijuni Inseln untergebracht. Das sind dann die Schildkröten, die in freier Natur nicht mehr überlebendfähig sind. Zu schwer wiegen die Verletzungen.
Sechs große Schautanks sind in den öffentlichen Räumen des Aquariums zu sehen. In jedem Tank befindet sich eine Meeresschildkröte. Diese Tiere werden alle in absehbarer Zeit wieder ausgewildert, verletzte Tiere mit hohem Pflegebedarf und Tiere mit amputierten Flossen werden verständlicherweise öffentlich nicht gezeigt sondern hinter den Kulissen behandelt.

Schautanks für Meeresschildkröten.

Über 150 Meeresschildkröten konnten seit Bestehen der Station behandelt und wieder in die Freiheit entlassen werden, jedes Jahr sind es zwischen 10 und 15 Tiere. Sie alle kamen von den Adriastränden – zum Teil wie Molly als Beifang. Doch nicht wenige Tiere wurden auch am Strand angespült, viele davon von Schiffsschrauben schwer verletzt mit zerfetzten Flossen und gebrochenen Rückenpanzern. Oder sie wurden beim Hochseeangeln versehentlich aus dem Meer gezogen.
Für jedes Tier gibt es ein Steckbrief, alle Steckbriefe sind in einer Ausstellung über die Arbeit der Station und im Internet einsehbar. Hinzu kommen große Schautafeln über Lebens- und Fortpflanzungsweise der Meeressschildkröten. Ein wenig englisch aber sollten die Besucher mitbringen, denn die vielen Informationen im Aquarium finden sich nur auf kroatisch, englisch und italienisch.
Die Schaubecken sind für Urlauber gleichermaßen faszinierend wie für die vielen Schulkinder der Region, für die der Besuch im Meeresaquarium offensichtlich zum Unterrichtspflichtprogramm gehört. Dicht geddrängt stehen sie um die riesigen Bottiche und lassen sich erklären, was die Schildkröten hier machen und wie sie überhaupt hier hergekommen sind. Das Ganze gehört zum Aufgabenbereich und damit auch zum pädagogischen Konzept der Station und des Aquariums: The activities of the Marine turtle rescue centre are treatment and everyday care of turtles with the purpose of their release back to nature, but also raising public awareness on the necessity of their protection. Turtle care includes regular feeding, tank cleaning and providing medical care. The Centre recovers 10 to 15 turtles every year heißt es auf der Internetseite.  Es geht also nicht nur um die Rettung der Schildkröten sondern auch öffentliche Aufmerksamkeit zu schaffen für die Notwendigkeit dieser Arbeit. Dazu greift man auch zu einem drastischen Schaustück:  Beeindruckend und deprimierend ist die Dekoration eines Fischernetzes mit einigen Schildkrötenskeletten und Skelettteilen, ein Schicksal, das Molly zum Glück erspart geblieben ist.

Meeresschildkröten sind jedoch nicht die einzigen Reptilien, die im Aquarium von Fort Verudela zu sehen sind. In einem alten Graben, der sich um den inneren Teil der alten Festungsemäuer zieht, stapeln sich hunderte von Rot- und Gelbwangenschmuckschildkröten. Sie alle sind irgendwann mal irgendwo im Umkreis von Pula ausgesetzt und wieder eingefangen worden.

„Stapelware“ Schmuckschildkröten

Faunenverfälschung durch amerikanische Schmuckschildkröten stellt also nicht nur in Deutschland ein Problem dar. Im Gegenteil: Durch das mediterrane Klima haben es die Tiere wesentlich leichter, in den Seen und Teichen Kroatiens zu überleben als in Deutschland. Und hier wie dort verdrängen sie die heimischen Arten, also die Europäischen Sumpfschildkröten, die in Kroatien ebenfalls vertreten sind. Im Gegensatz zu den Meeresschildkröten werden die Schmuckschildkröten das Fort Verudela jedoch nicht mehr verlassen dürfen.
Eine gut verständliche, kindgerechte und humorvolle Schautafel erklärt den jungen Besuchern die Zusammenhänge, wie es zu solchen Faunenverfälschungen gekommen ist und  was das Problem daran  ist:

Überhaupt gibt sich das Aquarium von Pula sehr pädagogisch, ohne den unangenehmen Anstrich der Belehrsamkeit. Zwar kommt auch dieses Aquarium nicht ohne die schillernden und bunten Meeresfische der Korallenriffe aus, zwar werden auch hier riesige Guramis und die „berüchtigten“ Pirnahas aus Südamerika gezeigt, aber das Hauptaugenmerk liegt auf der Tierwelt des angrenzenden Meeres: Fische, Muscheln, Krabben… alles, was vor Pulas Stränden im Meer zu finden ist, kann sich der Besucher hier im Aquarium anschauen. Die vielen unterschiedlichen Brassenarten, Seespinnen, Edlen Steckmuscheln, Krabben, Seegurken, Muränen und Sepia lassen sich in aller Ruhe beobachten. Wer auf Urlaub in Istrien ist, sollte sich Zeit nehmen für einen Abstecher in das Meeresaquarium. Der Besuch lohnt sich auf jede Fälle, nicht nur wegen der Meeresschildkröten. Und jeder Besuch hilft auch, diese Einrichtung und ihre Arbeit finanziell zu unterstützen.
Wie fast überall in Kroatien sind auch die Eintrittspreise vergleichsweise niedrig: Erwachsene zahlen 60HRTK (ungewähr 7,90 €), Studenten und Kinder zwischen 7 und 18 Jahren 50HRK (ca. 6,60 €), Kinder bis 7 Jahren nur 30HRK (ca.3,30). Da kann man in das Spendensparschwein schon mal ein paar Kuna extra einwerfen…

Ausführliche Informationen über das Aquarium auf kroatisch und englisch finden sie hier: Aquarium Pula

Text und alle Bilder: Lutz Prauser

2 Kommentare


  1. Hallo Lutz
    vielen Dank für diesen informativen Beitrag.Seit ich in Sri Lanka vor Jahren eine Meeresschildkröte in freier Wildbahn beobachten durfte, lassen mich diese Juwelen der Meere nicht mehr los.
    Gruß Mascha


  2. Vielen Dank Lutz, für diesen Beitrag.
    Auf den werde ich gern verweisen. Nicht nur an Freunde, die in der region Urlaub machen.

    Petra

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