Nachgefragt beim Tierarzt: Vitaminmangel (Hypovitaminose) und Übervitaminisierung (Hypervitaminose)

Der Handel ist gefüllt mit Nahrungsmittelzusätzen für Tiere. Schildkrötenfutter und -futterergänzungsmittel bilden da keine Ausnahme. Neben Calciumpräparaten – mit und ohne Vitaminen – gibt es auch spezielle Vitaminpräparate. Viele Halter sind verunsichert. Im Wunsch, ihre Tiere optimal zu versorgen, stehen sie vor der Frage: Soll ich solche Produkte kaufen? Wenn ja: Wie dosiere ich sie? Wenn nein, wie stelle ich sicher, dass meine Schildkröten ausreichensd mit Vitaminen versorgt sind? Die Präparate versprechen immerhin viel: Förderung der Gesundheit von Wasser- oder Landschildkröten, Stärkung der Widerstandskraft gegen Krankheiten, Verhinderung von Vitaminmangelerkrankungen, Vorbeugung von Appetitlosigkeit, geschwollenen Augen und Panzererweichungen bei Schildkröten und anderen Terrarientieren. Das Präparat enthält lebenswichtige Aufbaustoffe, deren Mangel in unseren Breiten v.a. durch fehlende Sonne hervorgerufen wird. Speziell auf die Bedürfnisse von Wasser- oder Landschildkröten abgestimmt. Und welcher Halter möchte seine Tiere schon unterversorgt wissen? Einmal mehr geben uns die beiden  Tierärzte Dr. med vet. Natalie Steidele und Tobias Friz Auskunft.

1. Woran erkenne ich, dass eine Schildkröte an Vitaminmangel leidet?
Es gibt sehr viele verschiedene Vitamine (die mit unterschiedlichen Buchstaben und Ziffern sowie z.T. mit Eigen- bzw. Trivialnamen bezeichnet werden). Diese teilen sich in fett- und wasserlösliche Vitamine. Je nach Vitamin und je nach betroffener Spezies sowie deren Lebens- und Ernährungsweise kann ein Vitaminmangel unterschiedliche Ursachen und schlussendlich auch unterschiedliche Folgen und Symptome zur Folge haben.

Das prominenteste Beispiel ist vielleicht der Mangel an oder aber auch die Überversorgung mit Vitamin A, weshalb wir auf dieses Beispiel an dieser Stelle kurz eingehen wollen:
Das klassische Bild der Hypovitaminose A (Vitamin-A-Mangel) betrifft vorwiegend junge Wasserschildkröten, die ernährungsbedingt Phasen der Fressunlust, Apathie, ein schlechtes Wachstum und Augenprobleme (geschlossene Augenlider, Lidödeme, Entzündungen der Augen, weißlich-käsige Beläge unter den Augenlidern usw.) aufweisen. Zum Teil geht dieser Vitaminmangel auch mit einer erhöhten Neigung zu Entzündungen des Mittelohres und Erkrankungen der Atemwege einher.
Bei artgemäß (mit pflanzlichen Futterrationen) ernährten Landschildkröten kommt dieses Krankheitsbild i.d.R. nicht vor, da die meisten Grünpflanzen reich an Carotinoiden (Vit.A-Vorstufen) sind.
Demgegenüber muss bei pflanzenfressenden Landschildkröten die artgemäß herbivor ernährt werden eine Überversorgung auch nur dann gefürchtet werden, wenn vom Halter ungeeignete Vitamin-Zusatzpräparate oder vom Reptilien-unerfahrenen Tierarzt Vitamin-A-haltige Injektionen verabreicht werden. Bei ausgewogener Ernährung ist keine Zufütterung von Vitaminen notwendig. Aus diesem Grund sollte einerseits die Eignung und Notwendigkeit eines Präparates vor der regelmäßigen Zufütterung kritisch hinterfragt und ggf. fachkundige Personen oder Tierärzte hierzu kontaktiert werden. Andererseits ist jede Vitamin-A-haltige Injektion kritisch zu hinterfragen und exakt zu dosieren. Eine Hypervitaminose A äußert sich bei Landschildkröten als massive Häutungsstörung mit oftmals großflächiger Ablösung der Haut.

2. Welche Maßnahmen sollte ich sofort ergreifen?
Nachdem sowohl das klinische Bild als auch die Auswirkungen eines Mangels wie auch einer Überversorgung der verschiedenen Vitamine für die betroffenen Tiere sehr unterschiedlich sind, kann diese Frage nicht allgemein beantwortet werden. Bei unspezifischen Symptomen und bei jeglichem krankhaft veränderten Verhalten der eigenen Schildkröten sollte jedoch zeitnah ein Tierarzt aufgesucht werden.

3. Wie dringend ist ein Tierarztbesuch?
Dies ist wieder abhängig vom jeweiligen Mangel, dessen klinischer Ausprägung und der Schildkrötenspezies. Zumeist handelt es sich um langwierige, chronische Geschehen, die u.U. akut geworden sind. Generell sollte baldmöglichst ein reptilienkundiger Tierarzt aufgesucht werden. Damit dieser nicht „im Dunkeln tappt“ sind eine gründliche Erfragung des Krankheitsverlaufes, sowie Fragen zu Haltung, Fütterung und Pflege des Tieres und die gewissenhafte Beantwortung von größter Bedeutung.

4. Wie wird Vitaminmangel behandelt?
In der Regel wird als Erstmaßnahme nach gründlicher Anamnese und Stellung der Diagnose das fehlende Vitamin substituiert. Dies kann entweder durch eine orale Eingabe oder als Injektion erfolgen. Zudem wird das Tier ggf. flankierend mit Flüssigkeit und weiteren notwendigen, den Heilungsverlauf unterstützenden Medikamenten versorgt. Falls es zu Begleiterkrankungen gekommen ist, so müssen diese ebenfalls therapiert werden, wofür eine stationäre Aufnahme des Tieres sinnvoll bzw. sogar notwendig sein kann. Grundlage für eine dauerhafte Gesundung des Patienten und zur Vermeidung von Rezidiven ist neben der raschen Einleitung einer adäquaten Therapie die Abklärung der Ursachen des Problems, da diese in fast allen Fällen in der Haltung /und oder Fütterung zu suchen sind.

5. Wie verhindere ich einen Vitaminmangel bei Schildkröten? Gibt es besondere Ernährungsempfehlungen?
In jedem Fall ist es sinnvoll als prophylaktische Maßnahme die Fütterung im Hinblick auf deren Inhaltsstoffe und eine ausreichende Versorgung mit Calcium, anderen Mineral- und Spurenelementen wie eben auch Vitaminen zu überdenken. So unterscheiden sich carnivore (Fleischfresser), omnivore (Allesfresser) und herbivore Arten nicht nur in der Anatomie und Physiologie des Verdauungstraktes, sondern eben auch im Nährstoff –und Vitaminbedarf. Auch beim Futter zeigen sich beträchtliche Unterschiede hinsichtlich der Inhaltsstoffen und deren Verfügbarkeit. Allerdings existieren nach wie vor in der Literatur keine exakten Bedarfszahlen für Schildkröten, wie man diese z.B. von Hunden, Katzen und insbesondere landwirtschaftlichen Nutztieren kennt. Nichts desto trotz wurde in den letzten Jahren etliches Wissen generiert, so dass die meisten Mangel- und Überversorgungs- zustände heute weitgehend vermieden werden könnten, sofern dieses Wissen umgesetzt werden würde. Eine Schlüsselrolle hierbei kommt dem Halter zu, der u.a. mit der Gestaltung seiner Haltung, der Gruppenzusammensetzung, der verwendeten Technik und nicht zuletzt dem Futter und dessen Qualität die Weichen stellt.

6. Was ist von Vitaminzugaben über Nahrungsergänzungsmittel zu halten?
Vor einem unreflektierten Einsatz von Nahrungsergänzungsmitteln, möglicherweise sogar nach dem Grundsatz „viel hilft viel“, müssen wir an dieser Stelle ausdrücklich warnen!
Das Risiko, durch die –wenn auch meist gut gemeinte Anwendung dieser Präparate- Erkrankungen hervorzurufen, ist nicht von der Hand zu weisen. Letzten Endes gilt es stets im Einzelfall die Zusammensetzung des jeweiligen Präparates – egal ob im Zoohandel oder der Tierarztpraxis erworben – in Kombination mit dem Bedarf des Tieres und dessen Ernährung zu bewerten und auf diesem Wege beispielsweise Vergiftungen mit fettlöslichen Vitaminen verhindern zu können. Falls Sie hierzu Fragen haben berät Sie ihr reptilienkundiger Tierarzt gerne!

7. Welche Gefahren bestehen bei Überdosierung von Vitaminen?
Hierbei muss zunächst zwischen den bereits oberhalb erwähnten sogenannten fettlöslichen Vitaminen (Vitamin A, Vitamin K, Vitamin E und Vitamin D) und den wasserlöslichen Vitaminen (alle anderen) unterschieden werden.
Wasserlösliche Vitamine werden vom Körper über dem Darm aufgenommen und recht rasch wieder über die Nieren ausgeschieden, so dass Probleme durch eine Überversorgung mit diesen Vitaminen nicht vorkommen. Bei fettlöslichen Vitaminen ist dies leider nicht so einfach. Diese Vitamine „kumulieren“, d.h. sie werden im Körper – vorwiegend in der Leber gespeichert – und können im Falle einer Überdosierung schädigend wirken.

8. Welche Maßnahmen sollte ich bei Überdosierungen von Vitaminen ergreifen?
Wurde die Überdosierung eines Ergänzungsmittels festgestellt bevor klinische Symptome bemerkt werden konnten, so empfiehlt sich dennoch die Vorstellung bei einem fachkundigen Tierarzt, damit dieser das Tier einer gründlichen Untersuchung unterziehen, ggf. noch schwach ausgeprägte Symptome erkennen und geeignete Therapiemaßnahmen einleiten kann. Bei schweren Krankheitsbildern ist das umgehende Aufsuchen eines Tierarztes obligat.

9. Gibt es wichtigere und unwichtigere Vitamine?
Eine Aufteilung in wichtige und unwichtige Vitamine ist nicht möglich. Per Definition handelt es sich bei Vitaminen um lebenswichtige Stoffe, die ein Organismus nicht bzw. nicht in ausreichendem Maße selbst herstellen kann, so dass jedes Vitamin für sich alleine wichtig ist.

10. Wie stehen die Chancen auf Heilung der Tiere bei Vitaminunter- oder -überversorgung?
Dies lässt sich schwer verallgemeinern, hängt der Verlauf doch stets von etlichen Faktoren ab. Während Mangelzustände oftmals recht gut behandelt und dann v.a. zukünftig vermieden werden können, ist das Geschehen bei Überdosierungen leider oftmals sehr weit fortgeschritten. Aus diesem Grund ist die Verhinderung solcher Zustände in den Mittelpunkt der Bemühungen zu rücken.

Dr. Natalie Steidele, Tobias Friz
Prakt. Tierärzte, Fachtierärzte für Reptilien
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Tierärztl. Gemeinschaftspraxis für Kleintiere und Exoten
Reiherstr. 14a
89269 Vöhringen
Tel.: 07306-919233
info@tierarztpraxis-voehringen.de
www.tierarztpraxis-voehringen.de

 

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Aktualisiert am 02.06.2014:  Ergänzt wurde das Foto einer Steppenschildkröte, Testudo horsfildii, die von Ricarda Schramm nachgezogen wurde. Beim neuen Besitzer wurde die Schildkröte aufgrund einer tierärztlichen falschen Behandlungmit einem „Vitamincocktail“ behandelt und erlitt so eine Vitamin-A-Vergiftung. Diesen Behandlungsfall werden wir zu einen späteren Zeitpunkt noch einmal aufgreifen.

 

Bilder: Produktabbildungen der Hersteller sowie Fotos von Ricarda Schramm und  Lutz Prauser

4 Kommentare


  1. Hallo Herr Prauser, vielen Dank für die doch sehr zeitnahe und für mich hilfreiche Antwort. Es war nicht meine Absicht öffentlich über die Therapie oder Behandlung des Tierarztes zu diskutieren. Habe ja auch beim Tierarzt direkt hinterfragt und eine gleichartige Antwort erhalten. Nur mache ich vielleicht den „Fehler“ im Nachhinein selber im Netz zu recherchieren! Da tauchen dann wie immer sehr kontroverse Meinungen auf. Ich werde dann die Therapie mal so fortsetzen, mit einer ganz geringen Gabe Korvimin zusätzlich. Vielen Dank nochmal für Ihre Hilfe und schöne und erholsame Ostertage. Mfg Andreas Meyer


  2. Lieber Herr Meyer,
    ich bin ehrlich gesagt kein großer Freund davon, Therapien von Tierärzten, die Erfahrungen mit Reptilien haben, öffentlich zu diskutieren. Was bedeutet, dass es sinnvoller ist, Bedenken direkt mit dem behandelnden Arzt zu besprechen. Da ich selbst auch kein Tierarzt bin, sonden für die Serie immer diverse Tierärzte interviewe, fällt es mit umso schwerer, die richtige Antwort zu geben.
    Die Gefahr einer Übervitaminisierung halte ich allerdings in diesem Fall für nicht gegeben, da das Präparat ja nun nicht dauerhaft eingesetzt wird sondern jetzt gerade punktuell die Behandlung der Infektion unterstützt. Auf Dauer sollte aber Korvimin nicht gegeben werden.
    Obst und Salat ist ein zweischneidiges Schwert… Sicherlich haben Sie überall im Netz die vehementen Statements „Bloß kein Salat“, „Bloß kein Obst“. Salat ist dabei ein dehnbarer Begriff, viele Pflanzen, die auch Salatplfanzen sind, eignen sich hervorragend als Futterpflanzen, wie der unlängst hier vorgestellte „Riesenlöwenzahn“. Vorbehalte gegen Salat sind immer der geringe Faseranteil, der hohe Wasseranteil und ggf. die Düngung, Pestizide.
    Nun muss man nicht unbedingt die klassischen Salatsorten und noch weniger die Salate aus dem Handel verfüttern, Abwechslung im Ernährungsplan schafft man auch sehr gut mit zahlreichen Wildkräutern und -pflanzen.
    Obst sehe ich persönlich als problematisch an, zumindest in der Zeit, in der die Schildkröten deutlich unter ihren bevorzugten Temperaturen gehalten werden (müssen), denn dann verdauen die Tiere das Obst nicht schnell, die hohen Fruchtzucker werden nicht so abgebaut, wie es sein sollte.
    Zur abwechslungsreichen Ernährung Europäischer Schildkrötenarten ist Obst ebenfalls nicht notwendig und sollte nur dann verwendet werden (und nur in geringen Mengen), wenn z.B. die Tiere mittels Obst Medikamente aufnehmen müssen…
    Auch wenn sie es sehr gern fressen und die eine oder andere Beere den Tieren sicher nicht schadet, ist eine regelmäßige Fütterung mit Obst für diese Schildkrötenarten eher schädlich als sinnvoll.
    Viele Grüße
    Lutz Prauser


  3. Hallo und herzlichen Dank für Ihren Beitrag. Habe ihn sehr aufmerksam gelesen, da ich zurzeit eine kleine kranke Tunesische Landschildkröte habe. Mit dieser war ich beim hiesigen schildkröten erfahrenem Tierarzt und der hat eine bakterielle Infektion festgestellt. es wurde 2 x Antibiotika gespritzt und ich habe nochmal für 5 Tage Antibiotika zum einträufeln auf die Zunge mitbekommen. Ausserdem sollte ich Korvimin zum Aufpeppeln nutzen eine Messerspitze aufs Futter. Jedoch habe ich Bedenken, aufgrund der hohen Vitaminmenge in diesem Mittel. Gebe es daher nicht. Würden Sie dennoch dazu raten? Und wie stehen Sie zur Fütterung von Obst und Salaten? Meine Tiere ernähren sich ausschliesslich von Blüten-Pflanzen und Wildkräutern. Mit Obst und Salat wollte die Tierarzthelferin das Essen abwechslungsreicher und schmackhafter machen!! das wollte ich aber nicht. Ich wäre Ihnen dankbar eine Antwort zu erhalten. mfG A.Meyer


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