Brennnesseln – Wissenswertes über ein „Un“kraut

Jeder kennt sie, kaum einer mag sie: Die Brennnessel (Urtica). Die Große und die Kleine Brennnessel sind in Deutschland, Österreich und der Schweiz fast überall anzutreffen, ein „Un“kraut, das sich teuflisch schnell ausbreitet, reißt man es nicht mit Wurzel und Stil aus. Das geht relativ leicht, denn Brennnesseln wurzeln nicht besonders tief und ausladend. Aber trotzdem sind schon bald wieder neue Nesseln dort, wo man eben noch die Pflanzen entfernt hat. Sie sind eben unverwüstlich. Brennnesseln bevorzugen besonders stickstoffhaltigen Boden und gelten als Zeigerpflanze für dieses Milieu. Aber sie sind, was ihre Standorte angeht, nicht besonders wählerisch. Als Ruderalpflanze besiedelt sie schnell Brachflächen, sie wächst an Feldrändern, Bahndämmen und zum großen Unglück vieler auch gern im heimischen Garten.
Ihren vormals schlechten Ruf aber hat die Brennnessel in den vergangenen Jahren zu Recht gebessert. Die Pflanze hatte ein wahres Comeback als Lebensmittel, nachdem sie früher vor allem in Notzeiten als Blattgemüse verzehrt wurde. Heutzutage werden die Pflanzen vielerorts als sehr aromatisches, gesundes und substanzhaltiges Gemüse für Salate, als Spinat und in Suppen verwendet. Das hat unter anderem auch damit zu tun, dass gerade die jungen Triebe sehr gesund sind. Sie verfügen einen hohen Gehalt an Mineralstoffen wie Calcium, Magnesium, Kalium, Eisen und Silizium haben, aber auch hohe Dosen an Vitamin A und C. Zudem enthalten sie Flavonoide. Allerdings sind Brennnesseln realtiv eiweißhaltig.
Daher wird die Pflanze zudem in der Medizin oft verwendet. Beispiele:

  • Behandlung von Erkrankungen und Entzüdungen der Harnwege, bei Nierenentzüdung, Wassersucht, Nieren- und Harngrießbildung.
  • Die stuhlgangfördernde Wirkung dieser Pflanze bringt Schlacken zum Abgang, der Stoffwechsel wird angeregt.
  • Blutarmut wird positiv beeinflusst.
  • Die Nessel stärken die Widerstandskraft gegen Anfälligkeiten, wie die Neigung zu Erkältungen oder zu rheumatischen und gichtischen Erkrankungen.
  • Die blutstillende Wirkung der Brennnessel vermag die Behandlung von Blutbrechen und Bluthusten aber auch eine zu starke Monatsperiode güstig zu unterstützen.
  • Sie wird in der Naturheilkunde bei gutartigen Prostatavergrößerungen im Anfangsstadium mit Erfolg verwendet.

Brennnesseln bieten vor allem für verschiedene Schmetterlingsarten eine wertvolle Futterpflanze, einige Schmetterlingsarten sind auf Brennnesseln sogar angewiesen. Schon dehalb sollte man sie nicht komplett ausreißen.
Zwei unschlagbare Vorteile haben Brennnesseln gegenüber vielen anderen Futterpflanzen: Selbst unerfahrene Halter, die wenig Kenntnisse über Futterpflanzen haben, erkennen Brennnesseln auf Anhieb und können sie sicher identifizieren.
Der zweite Vorteil: Man findet sie praktisch überall in verwilderten Gärten, auf Brachflächen, an Böschungen, an Wegesrändern… Daher ist die Beschaffung enorm einfach – vorausgesetzt man trägt Gartenhandschuhe. Als „Ernte“flächen scheiden natürlich Straßenränder ebenso aus wie Bahndämme oder Feld- und Wiesenränder, wenn diese intensiv gedüngt werden. Man sollte vielleicht auch nicht unbedingt dort Brennnesseln sammeln, wo Hundehalter ihre Tiere Gassi führen.

Und wie sieht es für die Schildkröten aus?
Zunächst einmal können und dürfen Brennnesseln an Europäische Landschildkröten verfüttert werden. Ihr hoher Calciumanteil macht sie zu einem sehr sinnvollen Nahrungsmittel, dem allerdings steht der extrem hohe Eiweißanteil entgegen. Zwar stellen pflanzliche Proteine in der Ernährung Europäischer Landschildkröten bei weitem keine so große Gefahr dar wie tierische Proteine, doch sollte man auch hier darauf achten, dass es zu keinem Übermaß kommt. Pflanzliche Proteine werden im Gegensatz zu tierischen Proteinen von Europäischen Landschildkröten wesentlich einfacher und bei einem Normalmaß problemlos abgebaut und ausgeschieden. Vereinzelt warnen Schildkrötenhalter auf ihren Internetseiten auch vor pflanzlichen Eiweißen bzw. Eiweißbomben in der Botanik und raten von der Verfütterung bestimmter Pflanzenarten ab. Hin und wieder werden auch hier Brennnesseln genannt. Aber bei ausgewogener und wechselnder Fütterung sind Brennnesseln auf dem Ernährungsplan nicht nur vertretbar, sondern sinnvoll. Sie stellen ja in der Regel nicht das alleinige Futtermittel dar.
Wer also Brennnesseln mit auf den Futterplan seiner Schildkröten nimmt, macht mit Sicherheit keinen Fehler, so lang diese nicht zum Einzelfutter werden. Der für Menschen gedachte Nährwertrechner gibt einige auch für Schildkrötenhalter spannende Informationen über die Inhaltsstoffe. Nach dieser und anderen Quellen im Netz verfügen 100g Brennnesseln etwa über 5,5 g Proteine, die gleiche Menge Löwenzahn bringt es auf mit 2,7 g Proteine auf nur die Hälfte. Um diese Werte mal in Relation zu setzen: Bei Hühnereiern (die natürlich nicht zum Nahrungsangebot für Schildkröten gehören dürfen) liegt der Eiweißgehalt im Eiklar bei etwa 11g pro 100 g, beim Eidotter sind es sogar 16 g. Richtige Proteinbomben, wie sie viele Kraft- und Ausdauersportler vor oder nach dem Training zu sich nehmen, bringen es auf zwischen 40-50 g Protein pro 100 g Substanz. Selbstverständlich gehören auch diese Präparate nicht in die Schildkrötenernährung. Der Vergleich hinkt, aber er zeigt doch auf, dass das kategorische Vorurteil, Brennnesseln dürfe man wegen seines hohen Proteingehalts auf keinen Fall füttern, falsch ist.

Wie nun Brennnesseln anbieten?
Die Fressakzeptanz bei Brennnesseln ist sehr unterschiedlich, wie in den einschlägigen Facebook-Gruppen nachzulesen ist. Dort wird das Thema immer wieder aufgeworfen, dort berichten Halter von ihren Erfahrungen.
Sie reicht von „meine Tiere fressen sie gar nicht“ bis zu „meine Tiere sind ganz gierig“. Daher muss jeder Halter ausprobieren, wie seine Tiere auf Brennnesseln reagieren. Dazu gibt es ganz unterschiedliche Formen, die Pflanze anzubieten:

A. Frisch gepflückt und unbehandelt

Abreißen, rein ins Gehege und das große Fressen geht los. So ungefähr schildert ein Teil der Schildkrötenhalter seine Erfahrungen. Oft werden diese ergänzt um den Zusatz, dass die jungen Triebe am liebsten mitsamt Stiel und Stengel gefressen werden, von den alten Brennnesseln aber werden nur die Blätter abgerissen.
Interessanterweise gehen hier die Erfahrung, ob denn die Brennhaare den Tieren etwas ausmachen, sehr weit auseinander. Ein Teil der Halter berichtet, dass sich ihre Schildkröten davon ganz und gar unbeeindruckt zeigt, ein Teil der Halter aber weiß auch genau Gegenteiliges zu berichten, vor allem von Jungtieren. Die, so ist in Facebook-Diskussionen zu lesen, seien nach dem Fressen von Brennnesseln wie wild durch das Gehege gelaufen, eine Erfahrung, die von anderen Haltern umgehend bestätigt  wurde, während andere Halter dies bei ihren Tieren noch nie beobachtet hatten.

B. Frisch gepflückt und entschärft
Die Brennwirkung der Brennnessel lässt sich relativ einfach entschärfen oder sogar weitgehend verhindern. Die Nesseln verfügen am Stiel und den Blattunterseiten über Brennhaare, in denen Methansäure (Ameisensäure) eingelagert ist. Kommt es zu einer Berührung, brechen diese sehr fragilen Brennhaare an einer Sollbruchstelle auf und setzen die Säure frei. Zusätzlich ist die Bruchstelle schräg und scharf und hinterlässt so winzige Verletzungen auf der Haut, so dass die Säure dort eindringen kann und einen brennenden Schmerz verursacht. Dieser Mechanismus schützt die Brennnesseln vor Fressfeinden.
Will man der Wirkung der Nesselhaare entschärfen, kann man die jungen oberirdischen Pflanzenteile in ein Tuch wickeln und stark wringen, mit einem Nudelholz gut durchwalken oder ihnen eine kräftige Dusche verabreichen. Dann brechen die Brennhaare auf und verlieren ihre Säure. Anschließend kann man die frischen Brennnesseln verfüttern. Blätter kann man zum Beispiel auch mit den Handinnenflächen, die man zusammenschlägt, „entschärfen“, was natürlich das Tragen von Handschuhen voraussetzt.

C. Liegen lassen
Viele Halter berichten auch, dass die Schildkröten die Brennnesseln nicht sofort fressen. Sie lassen sie trotzdem in den Gehegen liegen, denn nach ein oder zwei Tagen werden sie dann doch gefressen. Dann sind die Pflanzen angetrocknet und angewelkt. Das allerdings funktioniert nur bei gutem und vor allem trockenen Wetter. Brennnesseln welken erstaunlich schnell. Ausgerissene Brennnesseln „vermatschen“ allerdings auch schnell, wenn sie im Nassen liegen. Dann werden sie von den Schildkröten nicht mehr angerührt und müssen aus dem Gehege entfernt werden.

D. Trocknen
Brennnesseln lassen sich sehr gut trocknen. Dazu kann man sie zu Sträußen zusammenbinden und verkehrt herum aufhängen. Dazu ein praktischer Tipp, durch die Feder zweier Wäscheklammern eine Schnur ziehen und diese dann zuknoten. Die eine Klammer fasst den zu trocknenden Strauß, mit der anderen klammert man ihn unter der Decke an eine gespannte Schnur, einen Haken, ein Aufputzrohr oder was auch immer.
Denn auch getrocknete Brennnesseln werden laut Informationen von Haltern von vielen Schildkröten gern gefressen.

Was letztlich funktioniert oder was nicht, das muss jeder Halter bei seinen Tieren ausprobieren. Denn auch dort heißt es: Die Geschmäcker sind verschieden…

Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Text und alle Bilder: Lutz Prauser

3 Kommentare


  1. verfüttere schon Jahrzehnte brennesseln die immer in ein großes Badetuch eingewickelt werden und dann kräftig gewalkt und gedrückt werden, mache auch noch eine probe mit der Hand ob da noch was zu spüren ist. lasse sie auch a einer trockenen stelle liegen, damit sie angetrocknet auch gerne gefressen werden können. dies gehört zu meinem querfeld futterangebot. aber wegwarte fressen sie doch am liebsten, nur kann ich die nur mit „schutz“ pflanzen, bis sie etwas größer sind.


  2. Hinzuzufügen ist noch, dass der Eiweißgehalt im Laufe des Wachstums stark abnimmt. Blühende Brennesseln enthalten kaum noch Eiweiß.


  3. Hallo,

    toller Bericht

    Bei mir werden Brennnesseln einmal pro Woche wild im Gehege verteilt. Am liebsten gefressen werden sie nach 1- 2 Tagen leicht getrocknet.

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