Kuschelzeit für Schildkröten? – Ein kritischer Kommentar

Vor geraumer Zeit erregte ein Bild und eine Erklärung dazu, die eine Schildkrötenhalterin auf Facebook gepostet hatte, meine Aufmerksamkeit. Da das Material dort veröffentlicht und zur Diskussion gestellt wurde, erlaube ich mir, Bild und Kommentare an dieser Stelle direkt per Screenshot zu zitieren:

Es dauerte, das liegt offensichtlich in der Natur der Sache, nicht lange, und Kommentare von „süß“ und „niedlich“ folgten. Dann aber kam ein Kommentar, der eine ganz andere Tonart anschlug:

Dieser Kommentar, nämlich meiner, musste Widerspruch provozieren, denn natürlich sahen sich sowohl die Halterin als auch die Befürworter des „Kuschelkurses“ persönlich angegriffen, natürlich musste auch die Moderatorin der Gruppe eingreifen, denn die Entgegnungen waren trotzig, empört, wenn auch zunächst am Thema:

Nun kenne ich weder die Halterin noch das Tier, das, wie sich später aus den nachfolgenden Kommentaren ergeben hat, krank und besonders pflegebedürftig ist. Das ändert aber nichts an meiner grundsätzlichen Meinung: Schildkröten sind Wildtiere. Und Wildtiere benötigen für ihr Wohlergehen und bei naturnaher und artgerechter Haltung keinen intensiven Kontakt zum Halter. Es gibt für mich eine einzige Ausnahme: Reptilien in Menschenhand sollten so viel Vertrauen zu ihrem Halter haben, dass man sie problemlos umsetzen kann, um die Pflege zu erleichtern, sie auf Krankheiten, Verletzungen etc. zu untersuchen, das Terrarium zu reinigen, Arbeiten im Gehege vorzunehmen oder die Tiere zu wiegen. Die Tiere sollten wissen, dass ihnen keine Gefahr droht, wenn sie hochgehoben und umgesetzt werden. Das ist notwendig, um „Panikattacken“ beim Anheben von Schildkröten oder beim „Abpflücken“ von Chamäleons im Terrarum zu vermeiden. Das war es dann aber schon.
Alle anderen Beschäftigungen mit dem Tier – vor allem das Kuscheln, Betätscheln, Streicheln, Küssen etc. – sind meiner Meinung nach für eine naturnahe Haltung gesunder Tiere nicht notwendig. Sie folgen einzig und allein aus dem Bedürfnis der Halter, der emotionalen Bindung zu dem Tier Ausdruck zu geben. Es sind in gewisser Weise Fürsorge- und Liebesbekundungen dem Tier gegenüber.

Natürlich kann man das machen. Natürlich kann man sich ein Chamäleon auf die Schulter setzen oder einen Python um den Hals legen. Natürlich kann man Leguane und Schildkröten an Handfütterung gewöhnen. Das ist für den Halter aber sicher reizvoll und vielleicht auch aufregend. Dem betroffenen Tier ist es aber letztlich egal, ob es das Futter aus einer Hand frisst oder vom Boden pflückt, Ast abreißt etc.  ein Wildtier braucht das nicht. Es muss im Gegensatz zum domestizierten Haustier keine emotionale Beziehung zu seinem Halter aufbauen und Reptilien tun das auch nur sehr bedingt. Sie brauchen für ihre Zufriedenheit ihre Halter weder als „Partner“ noch als „Freund“ oder „Herdenersatz“. Der Halter ist nicht mal als jemand, den es zu umschmeicheln gilt, um etwas Leckeres oder ein paar Schmuseeinheiten abzuringen.  Sicher werden jetzt Einwände laut: Es gibt viele um Futter bettelnde Schildkröten. Schildkröten kommen, wenn sie die Tritte der Halter wahrnehmen, an die Gehege zu den gelernten Futterplätzen und erwarten, dass es gleich einen Blätterregen gibt. Gern dienen diese Erfahrungen als Beispiele, dass sie eine Beziehung zum Tierhalter aufbauen. Mag sein. Das stelle ich auch nicht in Abrede. Die Fragen aber sind: Brauchen Schildkröten das? Oder sind das nicht eher Fälle von Fehlprägungen? Muss eine gut versorgte Schildkröte um Futter „betteln“?
Wer solche Beispiele wie das oben geschilderte  ins Netz stellt (und das gibt es hunertfach), trägt entweder wissentlich oder zumindest unbeabsichtigt dazu bei, Schildkrötenhalter zu animieren das nachzumachen. Vor allem die weniger informierten Neueinsteiger können schnell falsche Informationen bekommen. Noch einmal: Es ist nachvollziehbar und verständlich, dass Menschen sich wünschen, wenn ihre Schützlinge auf sie reagieren, wenn sie etwas von der empfangenen Liebe zurückgeben, wenn sie Dankbarkeit, Zärtlichkeit, Freundschaft zeigen. Und so werden wieder Wildtiere als Kuschel-, Schmusetiere oder gar als Spielzeug betrachtet, was ja bedauerlicherweise oft genug passiert. Nur sind Schildkröten (wie auch andere Reptilien) in meinen Augen die  falschen Tiere dafür.

Wunschtraum vieler Schildkrötenkuschler: Wäre es doch immer so wie auf dieser Fotobearbeitung, die seit Jahren durch die sozialen Netzwerke geistert.

In meinen Augen ist dies ein Teil der Domestizierung  von Wildtieren, die nicht notwendig ist und mit naturnaher Haltung nur wenig zu tun hat. Es tut dabei nichts zu Sache, ob die Tiere das „genießen“ oder nur erdulden. Wildtiere dauerhaft an den Menschen zu gewöhnen gehört neben der gezielten Zucht bestimmter Eigenschaften nun mal zu einer  Domestizierung dazu.  Wer also argumentiert, seine von ihm gehaltenen Wildtiere genössen den Kontakt zum Menschen und ggf. auch die Streicheleinheiten, der steckt schon mitten drin im Domestizierungsprozess, in dem er das natürliche Verhaltensmuster der Tiere massiv verändert, wie zum Beispiel das Flucht- oder Abwehverhalten wegzutrainieren oder das Fressrverhalten zu verändern.

Jeder Halter ist frei in seiner Entscheidung, ob er das tun will oder nicht. Jeder Halter trägt ganz allein die Verantwortung für sein Tier, aber er trägt eben auch zu der öffentlichen Wahrnehmung und Meinungsbildung gegenüber Wildtierhaltung bei. Wildtierkuscheln ist ein Dorn im Auge von Tierrechtsorganisationen und immer wieder ein Argument, dass Halter diese Tiere eben nicht artgerecht halten.  Die Diskussion ist nicht neu, aber sie wird mit zunehmender Härte gegen die Exoptenhalter und Terrarianer geführt – und Schildkrötenhalter gehören, ob sie das nun wollen oder nicht, nun mal mit zu dieser Bevölkerungsgruppe. Denn Terrarianer sind beleibe nicht nur die Besitzer von Glasbecken im Wohnzimmer. Alle Gehegebauer gehören ganz genauso dazu, denn sie errichten nichts anderes als Freilandterrarien. Auch Griechische Landschildkröten gehören zu den Arten, gegen deren Haltung dogmatische Tierrechtsorganisationen wie Peta, ProWildlife und andere kämpft. Auch dessen sollte man sich bewusst sein, wenn man der Öffentlichkeit Einblick in seine Haltung gibt…

 

2 Kommentare


  1. Dem kann man eigentlich nicht viel hinzufügen. Hat eindeutig meine zustimmung. Ich hab auch nie verstanden (und tu es auch heute noch nicht) wie man Wildtieren einen Namen geben kann.


  2. Hallo!

    Das hier beschriebene Verhalten ist auch bei anderen Reptilien zu beobachten. Artuntypisch oder eine Fehlprägung würde ich das aber nicht nennen wollen, denn diese Bezeichnungen passen meiner Meinung nach nicht wirklich.

    Hier wird das Verhalten des jeweiligen Tieres vom Halter einfach völlig falsch interpretiert. Wenn Reptilien sich in einer solchen Situation so verhalten, signalisieren sie damit das sich unter Stress stehen. Dazu gehört auch das schließen der Augen. Das drückt anders als bei Hunden, Katzen oder auch Menschen in gewissen Situationen, eben kein Wohlbefinden aus. Vielleicht ist das auch das eigentliche Problem. Es werden Verhaltensweisen anderer Tiere einfach auf Reptilien übertragen. Mit dem Ergebnis das der Halter aus der Reaktion des Tieres völlig falsche Schlüsse zieht.

    Grüße Ralf

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Wenn Sie einen Kommentar hinterlassen, speichert das System automatisch folgende Daten: Ihren Namen oder Ihr Pseudonym (Pflichtangabe / wird veröffentlicht)

1. Ihre E-Mail-Adresse (Pflichtangabe / wird nicht veröffentlicht)
2. Ihre IP (Die IP wird nach 60 Tagen automatisch gelöscht)
3. Datum und Uhrzeit des abgegebenen Kommentars
4. Eine Website (freiwillige Angabe)
5. Ihren Kommentartext und dort enthaltene personenbezogene Daten

Achtung: Mit Absenden des Kommentars erklären Sie sich damit einverstanden, dass alle eingegebenen Daten und die IP-Adresse nur zum Zweck der Spamvermeidung durch das Programm Akismet in den USA überprüft und gespeichert werden. Weitere Informationen zu Akismet und Widerrufsmöglichkeiten.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.