Anmerkungen zum Aufreger Kleinanzeigen

Sie sind immer wieder die Aufreger unter Schildkrötenhaltern: Kleinanzeigen im Internet, in denen Schildkröten zum Verkauf angeboten werden. Meist beginnt es damit, dass ein User eines Forums oder einer Schildkröten-Facebook-Gruppe eine solche Anzeige im Netz entdeckt und den Link im Forum oder bei Facebook einstellt. Es dauert nicht lang, und andere Halter kommentieren voller Empörung. Und immer wieder ist es das gleiche Spiel:

Meist sehen die Tiere schon auf dem ersten Blick traurig aus: Haltungsschäden wie Höckerbildung und oder viel zu dicker Bauchpanzer sind zu erkennen. Nicht selten bietet der Verkäufer das Terrarium gleich mit an, was dann zumindest bei Europäischen Landschildkröten auf falsche Haltung schließen lässt. Die Fotos geben oft einen – wenn auch spärlichen – Blick in weitere Haltungsbedingungen. Trockener Untergrund, Salat- oder Tomatenfütterung – die klassischen Aufreger, auf die andere Halter reflexartig reagieren.

Handelt es sich dabei um Anzeigen aus dem ebay-Kleinanzeigenmarkt, dann ergänzt sich das inhaltlich überschaubare Potpourri der Kommentare noch darum, dass man diese Anzeige bei ebay melden solle. Schließlich sei der Verkauf streng geschützter Arten nach ebay-Regularien verboten. Und reflexartig passiert das dann auch. Die Anzeige wird gemeldet und verschwindet in aller Regel innerhalb einiger Stunden. So lange dauert es, bis ebay darauf reagiert.

Vielleicht sollte man sich über diese Anzeigen mal ein paar Gedanken machen und dabei auch mal die „andere Seite“ der Medaille und damit die des Verkäufers betrachten. Dazu habe ich hier mal ein paar Thesen und Überlegungen zusammen- und damit zur Diskussion gestellt:

These 1. Ein Verkäufer hat bereits aufgegeben
Er ist mit der Schildkrötenhaltung fertig und hat sich innerlich schon längst von dem Tier verabschiedet. Sei es, dass er keine Lust und kein Interesse mehr hat, sei es, dass er sich überfordert oder „belästigt“ fühlt, weil er das eine oder andere nicht richtig hinbekommt: Die Gründe, warum jemand sich von seiner Tierhaltung verabschiedet, können sehr unterschiedlich sein. Es nützt nichts, darüber zu spekulieren oder zu urteilen – aus Sicht der Verkäufers muss das Tier weg. Und das meistens möglichst schnell.
Mit einem Verkäufer dann möglichweise zu diesem Thema in Diskussion zu treten, führt zu keinem Ergebnis. Er wird sich weder dafür entscheiden, das Tier doch zu behalten, noch seine Haltungsbedingungen ändern. Er wird wahrscheinlich auch nicht bereit sein, den Plan, das Tier möglichst schnell abzugeben, aufgeben. Es bleibt dabei: Das Tier soll weg – je eher, je besser.

These 2. Der Verkäufer findet immer einen Weg, das Tier loszuwerden
Wenn eifrige Schildkröttenfreunde solche Kleinanzeigen, sofern sie bei ebay veröffentlicht wurden, dort melden, dann verhindert das nicht den Verkauf. Zwar wird die Anzeige verschwinden, denn sie verstößt gegen die von ebay selbst aufgestellten Richtlinien. Aber der Verkäufer aber hat viele weitere Möglichkeiten:

  • Er inseriert sie gleich wieder neu bei ebay-Kleinanzeigen, trotz Regelverstoß.
  • Er inseriert sie auf einer anderen Internet-Plattform (wie quoka.de, markt.de… o.ä), auf der der Verkauf lebender Tiere – egal ob geschützte Arten oder nicht – nicht verboten ist
  • Er inseriert sie in einer Zeitung, einem Anzeigenmarkt, hängt Verkaufsangebote am schwarzen Brett im Supermarkt, bei mTierarzt oder wo auch immer auf… etc.

Es gibt Hunderte von legalen bzw. regelkonformen Wegen, seine Tiere zum Verkauf anzubieten. Und es gibt noch viele weitere Wege, diese Tiere loszuwerden. Diesen einen Verkaufskanal damit zu blockieren, ändert gar nichts, sondern verzögert den Verkauf lediglich. Es ist also kein „Sieg“ für die Sache, wenn eine Anzeige bei ebay verschwindet. Das ist es ohnehin nicht, denn:

These 3. Der Verkauf verhindert möglicherweise Schlimmereres
Wenn jemand sein Tier loswerden will, dann findet er einen Weg. Und wenn er es nicht verkaufen kann, weil man z.B. permanent seine Anzeigen bei ebay blockiert oder ihn moralisch massiv unter Druck setzt, dann bleiben einem Halter viele zum Teil wesentlich schlimmere und zum Teil illegale Wege offen. Dazu können gehören:

  • Die Schildkröten werden einfach bei dem nächsten Tierheim oder einer Auffangstation abgegeben. Dann hat das Tier sogar noch einigermaßen Glück gehabt.
  • Die Schildkröten werden einfach ausgesetzt. Das ist gerade bei Wasserschildkröten häufig der Fall. Aber auch Landschildkröten wurden schon auf diese Weise „entsorgt.“ Wenn es eine Europäische Landschildkröte ist und das Tier Glück hat, wird es gefunden, wenn nicht, sind seine Überlebenschancen spätestens im Winter sehr gering.
  • Die Schildkröte wird einfach in den Müll geworfen, auch das ist leider schon oft genug vorgekommen.
  • Die Schildkröte wird getötet, z.B. im Gefrierschrank und dann einfach weggeworfen. Das ist zwar illegal, wird letztlich aber nicht überorüft, wenn man das Tier abmeldet, weil es „eingegangen“ ist.

These 4. Es kann nur besser werden… zumindest nicht schlimmer
Wird die angebotene Schildkröte tatsächlich verkauft, dann hat sie zumindest die Chance, dass es nicht noch schlimmer kommt (These 3). Und es ist möglich, dass das Tier von jemandem erworben wird, der es besser hält als sein Vorbesitzer. „Etwas Besseres als den Tod findest Du überall!“ lautet das berühmte Zitat aus den Bremer Stadtmusikanten. Da ist auch in diesem Fall etwas dran. Natürlich gibt es keine Garantie dafür, dass das Tier von seinem Neubesitzer besser versorgt wird, aber es ist immerhin möglich. Es ist zwar Skepsis angesagt, denn die Kleinanzeigenbörsen sind nicht unbedingt der Ort, bei dem erfahrene Schildkrötenhalter nach Tieren suchen. Aber auch Einsteiger mit Vorkenntnissen, die sich dann immer weiter informieren, können dem Tier ein besseres Zuhause bieten, als es das im Moment hat. Die Chance besteht.

These 5. Es ist ein Fehler, diese Tiere aus Mitleid zu kaufen
Mitleid für Schildkröten, die in schlechter Haltung vegetieren, ist eine ehrenvolle Sache, keine Frage. Will der Halter die Tiere nicht verkaufen, dann kann man möglichweise versuchen, den Halter zu überzeugen, seine Bedingungen schrittweise zu verbessern – zum Wohle der Tiere.
Aber aus Mitleid Tiere aus schlechter Haltung zu aufkaufen (oder wie es gern pathetisch in einschlägigen Diskussionen heißt „frei zu kaufen“) kann nicht die Lösung des Problems sein – vielleicht für das einzelne Tier, aber es wird ja nicht nur eines angeboten. Es sind Hunderte.
Mitleid ist da ein eher schlechter Ratgeber, denn das ist ein Fass ohne Boden. Wenn man eines kauft, warum nicht das nächste, das übernächste… usw. Hinzu kommen dann auch die Tiere, die zum Teil in Zoogeschäften und -abteilungen angeboten werden (aber das ist ein anderes Thema). Und auch die Auffangstationen sind überfüllt mit Landschildkröten, vor allem Männchen, die einen Platz in guter Haltung brauchen. Was bedeudetet:

These 6. Wir können nicht die Welt retten, auch nicht jede einzelne Schildkröte
Wollten engagierte und kompetente Schildkrötenhalter alle Tiere aus schlechter Haltung kaufen, dann wäre das zwar eine wunderbare Vision, aber eben auch nicht mehr – denn es ist vollkommen unrealistisch. Letztlich ist es auch finanziell gesehen absoluter Unfug. Denn neben dem Kauf (wenn man den Verkäufer nicht dazu bringt, einem zum Wohle des Tieres selbiges kostenlos zu überlassen) kommen oft erhebliche Folgekosten.  Wer jemals ein krankes Tier aus schlechter Haltung übernommen hat, weiß, wie schnell Tierarzt- und Medikamentekosten in den drei- und sogar vierstelligen Bereich ansteigen können. Gerade bei chronischen Erkrankungen (z.B. Nierenerkrankungen) kann dies der Fall sein.

Was also tun? Beziehungsweise was nicht?
Die Beantwortung dieser Frage, was man tun kann und tun sollte, ist nicht möglich. Zumindest nicht, so lange viel zu viele Menschen Schildkröten aus einer Laune oder auch mit allerbesten Absichten kaufen, diese dann aber nach einiger Zeit loswerden wollen. Das ist kein schildkrötenspezifisches Problem, das betrifft alle anderen Tierarten genauso.
Nach Regularien für die Abgabe von Tieren zu rufen (z.B. nachgewiesene Sachkunde oder Überprüfung der Haltung) ist eine Forderung, die vielfach diskutiert wurde. Das Thema werden wir sicher auch noch mal aufgreifen.
Für die konkreten Anzeigenfälle aber ändert das erst mal gar nichts. Das Tier ist „im Markt“ und braucht ein neues Zuhause – jetzt.
Es nützt aber auch nichts, sich über diese Anzeigen immer wieder im Netz aufzuregen und noch weniger, ebay-Anzeigen sperren zu lassen. Beides bewirkt außer für das eigene gute Gefühl und für die Selbstbestätigung bzw. Bestätigung durch die Kommentatoren gar nichts: Weder für den Verkauf, noch für den Verkäufer noch für die Schildkröte, die der Halter loswerden will – und zumeist auch los wird. Wie auch immer…

Text: Lutz Prauser, Screenshots von Markt.de und Facebook

8 Kommentare



  1. Hallo Lutz,

    ich kenne die Anzeigen – eine habe ich selbst bei Facebook eingestellt.
    Der Grund für das Posting ist nicht die schlechte Haltung. Dann würden die Gruppen in Facebook nur noch voll davon sein. Die Anzeige mit der Steppenschildkröte war eine der besonderen: „schweren Herzens meine geliebte Schildkröte…“ Ich vertrete den Standpunkt, wenn ich mein Tier liebe, kümmere ich mich so gut es mir möglich ist um mein Tier. Klar gibt es Personen, denen es aufgrund fehlender persönlichen Voraussetzungen nicht möglich ist, sich weitergehend über die Tiere zu informieren.

    Anfang diesen Jahres habe ich eine Anzeige gesehen, dass eine Person zwei griechische Landschildkröten aus dem Bonner Raum verkauft hat. Für die Übergangszeit hatten die beiden Männchen ein doppelstöckiges Terrarium, für die restliche Zeit jeweils zwei 3 qm große Gehege mit kleiner Schutzhütte ohne Technik. Den Winter verbrachten sie im Kühlschrank. Wegen Nachwuchs musste das Terrarium in der Wohnung weg und damit auch die Schildkröten. Wieder die Worte „meine geliebten Tiere, …. Platz vor Geld…“. Ich habe dem Besitzer geschrieben, dass er den beiden ein Frühbeet bauen kann, mit Technik und Co, dann würden die Schildkröten das ganze Jahr draußen bleiben. Eine Alltopplatte 100 Euro, zwei Lampenfassungen,Holz, Steine, Stromanschluss, zwei Tage Arbeit, insgesamt 350 Euro (wenn überhaupt. Damit könnten die Tiere bei dem Besitzer bleiben. Antwort „kein Interesse“.

    Gruß, Markus


  2. Hallo,
    ja, es ist gut geschrieben, ein Punkt fehlt mir allerdings, einige von uns(auch in den Facebookforen unterwegs), sind dazu übergegangen, Zooläden, Tierärzte etc. mit Infomaterial zur artgerechten Haltung auszustatten sprich diese dort auszulegen.
    Ich persönlich bin der Meinung, das Aufklärung am besten hilft und fahre dafür auch gerne und verteile diese Infos.In der Hoffnung, das es einige Leute lesen, sich ein gutes Buch kaufen und ich habe zusätzlich bei ebay Kleinanzeigen inseriert, das ich kostenlos Info’s und Beratung anbiete. Die Resonanz ist super und ich konnte schon Leute damit überzeugen sich besser kein Tier anzuschaffen.Hier ein Beispiel: Ich danke Ihnen vielmals für diese schnelle Antwort! Ich denke Sie haben mich bzw.eine Schildkröte vor einem doch eher schlechten Leben bewahrt! Ich habe eingesehen dass ich ihr leider nicht bieten könnte, was sie unbedingt braucht. Vielleicht irgendwann mal, wenn ich einen Garten zur Verfügung habe! Von Angeboten auf meine Nachfrage werde ich Abstand nehmen. Vor allem von Schildkröten samt Terrarium!!
    Beste Grüße,
    So, geht es, das ist meine Meinung.
    Wenn hier mehr Leute mitmachen würden, könnten wir laub ic einiges erreichen.
    Gruß
    Karo


  3. hallo, zur Entsorgung von einer Schildkröte hat mein sohn ein kleines Erlebnis gehabt: ein kleine SKR als “scheidungskind” wurde einfach in den Mülleimer entsorgt, gottseidank hat mein sohn das beobachtet und sofort das Tier aus dem müll genommen. möchte jedoch nicht wissen wie viele das Schicksal teilen.
    zur Haltung, gestern bekam ich einen anruf von einem bekannten, dass eine kollegin Probleme mit ihrer SKR hat und schon bei zwei Tierärzten war, aber nun total verunsichtert ist weil sie zwei unterschiedliche aussagen hat. nun das Mädchen kommt bei mir mal vorbei, dann können wir uns das Tierchen mal in Augenschein nehmen und auch mal bei “UTE” = fachtierärztin vorbei schauen. Heinz


  4. Hallo Lutz,
    Danke für diesen tollen Artikel.Da hast Du voll ins Schwarze getroffen! Viele FB – User geben nur unqualifizierte Aüßerungen ab über solche Anzeigen anstatt zu helfen.Oder Mitleidskommentare!!Meine Frau und ich haben uns entschlossen hier in Slowenien zu helfen, zwar nur im Kleinen,aber wenigstens etwas.Es wird Jahre dauern um ein anderes Verständniss für diese Tiere hier zu erreichen — aber jeder Schildkröte – welcher wir helfen konnten denke ich ist es wert.Nochmals Danke für diesen Artikel und Dein herausragendes Angagement!


  5. Hallo!
    Der Autor hat leider recht, wir können nicht jeder Schildkröte helfen, nicht jede Quälerei verhindern. Aber als private Züchter und Hobbyterrarianer können wir doch verstärkt Einfluß auf Käufer unserer Nachzuchten nehmen. Zu jedem Verkauf gehört ein ausführliches Beratungsgespräch, eine angebotene Hilfestellung über den Kauf hinaus, auch mal anrufen und fragen, ob es Probleme gibt und man helfen kann?
    Man sollte auch Nein sagen können, wenn der neue Halter keine guten Bedingungen schaffen kann oder will, zB. Terrarienhaltung….
    Ein befreundeter Züchter sagte mir mal, es sei egal, da der Interessent dann woanders kaufen würde. Wird er wahrscheinlich auch, aber je mehr Züchter verantwortungsvoll vermitteln, umso schwieriger wird er es haben. Dass Zoofachhandel und Baumärkte zumeist andere Interessen verfolgen, muß ja kaum erwähnt werden.Dort sollte grundsätzlich NICHT gekauft werden, erst recht nicht aus Mitleid. Man fördert so nur den weitern Handel!
    Richtig, wir können nicht überall helfen, aber wir können versuchen, Einfluß zu nehmen. Ist doch auch im Sinne unserer Schützlinge, oder?
    Ich kann die Wut einiger Halter verstehen. Jedes Jahr werden mir Tiere vorgestellt, wo es mich graust. Früher habe ich es auf die verständnisvolle Tour versucht, heute sage ich den Leuten sehr sachlich, was sie an dem Tier verbrochen haben. Das gab auch schon mal Tränen, aber was sind die im Vergleich zu dem stummen Leid einer Schildkröte?!
    Zuletzt stimme ich wieder dem Autor zu, wenn er die Meinung vertritt, dass der Verkäufer im Netz das Tier auf jeden Fall entsorgen wird und es im Zweifel nur besser werden kann. Nur bitte zahlt dann den geringst möglichen Preis für diese kranken Tiere und belohnt den Ex-Halter nicht auch noch für seine Tierquälerei!
    LG
    Carsten


  6. Vielen Dank für diesen differenzierten Artikel zu einem „Dauerbrenner“!!
    Das ist das Vernünftigste, was ich bisher dazu gelesen habe …
    Gudrun


  7. Danke Lutz,
    wieder einmal ein Artikel, den wir zwischendurch regelmäßig in unserer Facebook -Gruppe „Europäische Landschildkröten“ fixieren werden.
    Das regt zum nachdenken an und verhindert diese immer wiederkehrenden Diskussionen.
    Petra

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Wenn Sie einen Kommentar hinterlassen, speichert das System automatisch folgende Daten: Ihren Namen oder Ihr Pseudonym (Pflichtangabe / wird veröffentlicht)

1. Ihre E-Mail-Adresse (Pflichtangabe / wird nicht veröffentlicht)
2. Ihre IP (Die IP wird nach 60 Tagen automatisch gelöscht)
3. Datum und Uhrzeit des abgegebenen Kommentars
4. Eine Website (freiwillige Angabe)
5. Ihren Kommentartext und dort enthaltene personenbezogene Daten

Achtung: Mit Absenden des Kommentars erklären Sie sich damit einverstanden, dass alle eingegebenen Daten und die IP-Adresse nur zum Zweck der Spamvermeidung durch das Programm Akismet in den USA überprüft und gespeichert werden. Weitere Informationen zu Akismet und Widerrufsmöglichkeiten.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.