Brasilien – Subsistenzjagd auf Schildkröten verboten, Nachzucht nur für Restaurants

Viele Schildkröteneier werden nicht ausgebrütet. Bild: © Mario Osava/IPS

Brasilien: Subsistenzjagd auf Schildkröten verboten – Nachzucht nur für Restaurants
von Mario Osava

Bajo Xingú, Brasilien – Im ostbrasilianischen Amazonasgebiet stehen Schildkröten oft auf dem Speiseplan der Bevölkerung. Die Jagd auf die proteinreichen Reptilien ist jedoch verboten und wird von den Umweltbehörden mit Geldbußen von umgerechnet bis zu 24.000 US-Dollar geahndet.
Für die Einwohner der Region am Unterlauf des Xingú-Flusses ist das ein Vermögen. Wie ein Fischer berichtet, musste er das letzte Mal eine hohe Geldbuße für den Fang von acht Amazonas-Schildkröten zahlen. „Dabei waren es in Wirklichkeit nur fünf Tiere. Drei wollte ich essen und die anderen zwei wieder freilassen.“ Um die Summe aufbringen zu können, handelt der Fischer auch mit Latex, das er aus den reichlich vorkommenden Gummibäumen der Spezies ‚Hevea brasiliensis‘ zapft.
Nach brasilianischem Recht ist der Fang geschützter Arten auch für den eigenen Konsum nicht gestattet. Ausnahmen gelten nur für indigene Völker innerhalb ihrer Territorien. Wiederholungstäter müssen mit Haftstrafen rechnen.
Der Biologe Juarez Pezzuti von der Föderalen Universität Pará kritisierte diese Regelungen als „widersinnig und ungerecht“. Bestraft würden ausgerechnet die Bewohner der Flussgebiete, für die der Verzehr und der Verkauf von Amazonasschildkröten existenzsichernd seien, erklärte er. Dabei seien nicht sie es, die den Fortbestand der Tiere gefährdeten. Auf der anderen Seite werde der kommerzielle Fang bedrohter Arten erlaubt.
Seit 1992 ist immerhin die Zucht von zwei Schildkrötenarten gestattet, die in der Amazonasregion besonders häufig verzehrt werden: die Arrau-Flussschildkröte (Podocnemis expansa) und die Terekay-Schienenschildkröte (Podocnemis unifilis). Beliefert werden vor allem Restaurants.
Das staatliche Umweltinstitut Ibama gibt den Züchtern bis zu zehn Prozent der Millionen Baby-Schildkröten, die es im Rahmen eines Projekts in den ersten Lebenswochen schützt. Damit soll verhindert werden, dass die Brutstätten der Reptilien an den Stränden ausgeplündert werden. Die armen Bewohner der Flussregionen ziehen hingegen keinen Nutzen aus der Nachzucht der Schildkröten. Denn die Tiere werden an exklusive Restaurants geliefert, in denen wohlhabende Gäste empfangen werden.
Zudem hat die Eröffnung Hunderter Zuchtanlagen die negativen Auswirkungen der Jagd und des illegalen Handels auf den Fortbestand der Schildkröten kaum mildern können. Pezzuti ist der Ansicht, dass auch die Zucht verboten werden müsste, da Teile der geschützten Fauna in die Hände privater Unternehmer gelangten. Gemäß der Verfassung sind die Tiere jedoch Eigentum des Staates.
Pezzuti plädiert dafür, die Subsistenzjagd und eine nachhaltige Nutzung der Fauna zu erlauben. Dies wären wichtige Schritte auf dem Weg zu einem effizienteren Schutz der Schildkröten und anderer wildlebender Tiere. Die Population der Schildkröten in der Region könnte dadurch sogar vergrößert werden, ist er überzeugt.
Die staatlichen Kontrollen stoßen schon allein deshalb an ihre Grenzen, weil die Behörden in dem weiten Amazonasgebiet nicht überall präsent sein können. In Ländern wie Costa Rica und Ecuador wurden hingegen gute Erfahrungen damit gemacht, die Bevölkerung an der Nutzung der natürlichen Ressourcen zu beteiligen. Dort würden Eier zur Zucht weiterverwendet, die von den Weibchen nicht ausgebrütet oder der Flut zum Opfer fallen würden.

Brutstätten durch Klima und Raubtiere gefährdet
In Brasilien haben es kommunale Initiativen zwar auch schon geschafft, Schildkrötenbestände zu vergrößern. Sie dürfen aus ihren Erfolgen jedoch kein Kapital schlagen, was nach Ansicht von Pezzuti schlecht ist, weil dadurch die Motivation, die Tiere zu schützen, abnehme. Er wies zudem darauf hin, dass etwa am Strand von Tabuleiro do Embaubal am Unterlauf des Xingú der größte Teil der abgelegten Eier durch Überschwemmungen oder starke Hitze vernichtet werde.
Ein kontrolliertes Einsammeln dieser Eier an gefährdeten Stellen würde die Fortpflanzung der Schildkröten nicht behindern, erklärte der Wissenschaftler. Dies habe ein seit drei Jahrzehnten fortgesetztes Schutzprojekt erwiesen.
Die Schildkröten legen pro Nest durchschnittlich mehr als 100 Eier. Diese hohe Zahl ist damit zu erklären, dass der Nachwuchs durch Möwen, Geier, andere Reptilien und Fische bedroht wird. Nur ein kleiner Teil der Brut erreicht tatsächlich das Erwachsenenalter. Insofern sehen sich Forscher bestärkt, die für eine kontrollierte Aufzucht durch Menschen plädieren.

Quelle: IPS-Inter Press Service Deutschland GmbH

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Wenn Sie einen Kommentar hinterlassen, speichert das System automatisch folgende Daten: Ihren Namen oder Ihr Pseudonym (Pflichtangabe / wird veröffentlicht)

1. Ihre E-Mail-Adresse (Pflichtangabe / wird nicht veröffentlicht)
2. Ihre IP (Die IP wird nach 60 Tagen automatisch gelöscht)
3. Datum und Uhrzeit des abgegebenen Kommentars
4. Eine Website (freiwillige Angabe)
5. Ihren Kommentartext und dort enthaltene personenbezogene Daten

Achtung: Mit Absenden des Kommentars erklären Sie sich damit einverstanden, dass alle eingegebenen Daten und die IP-Adresse nur zum Zweck der Spamvermeidung durch das Programm Akismet in den USA überprüft und gespeichert werden. Weitere Informationen zu Akismet und Widerrufsmöglichkeiten.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.