Calciumernährung (#12): Algenkalk und Präparate aus Algenkalk

Algenkalk – das klingt im ersten Moment verwirrend. Kalk, also Calciumcarbonat ist doch, wie in allen vorangegangenen Teilen immer wieder dargestellt, ein „tierisches“ Produkt. Algen aber sind Pflanzen. Sind sie doch…
Oder?
Ja, das sind sie – und auch sie liefern große Mengen an Calciumcarbonat, den Algenkalk. Das  ist ein Hilfs- und Düngestoff, der vorzugsweise im ökologischen Gartenbau eingesetzt wird. Algenkalk wird aus Ablagerungen von Rotalgen hergestellt, enthält ca. 70-80 % Calciumcarbonat, ca. 6-10 % Magnesiumcarbonat, ca. 3-4 % Kieselsäure sowie eine Vielzahl von Spurenelementen wie Bor, Iod, u. a. informiert Wikipedia. Diese mineralisierten Ablagerungen werden in gemahlener Form unter der Bezeichnung Algenkalk in den Handel gebracht, für den Biogartenbau ebenso wie als Calcliumcarbonatpulver, wie es unter anderem im Tierhandel angeboten wird. Viele der Calciumpräparate, die als Nahrungsergänzungsmittel für Vögel, Reptilien oder Säugetiere angeboten werden, basieren auf Algenkalk.
Ausführliche Produktinformationen bietet zum Beispiel der Online-Anbieter Eco Bio Systems über Algenkalk. Dort heißt es: 81 % Calciumcarbonat,  13 % Magnesiumcarbonat. Reine Meeresalgen aus dem Atlantik, mit natürlich gebundenen Spurenelementen. Zulässig für den Bio-Anbau nach EG-Öko-VO 2092/91. 100% reine Meeresalgen aus dem Atlantik – kohlensaurer Kalk aus Meeresalgen ist ein Produkt aus Ablagerungen der Korallalgen in der Bretagne. Spurenelemente in mg/kg: Eisen 2150, Jod 40, Mangan 160, Kupfer 28, Zink 16, Kobalt 1,1, Bor 416, Selen 0,16, Molybdän 3 außerdem Fluor, Brom, Nickel, Aluminium, Silber, Zinn, Indium, Titan u.a.

Zwar handelt es sich hier um ein Bodendüngemittel, aber wie bereits erwähnt basieren viele Handelspräparate in der Tiernahrungsergänzung ebenfalls auf Algenkalk, so zum Beispiel Bio-Algenprodukte für Hunde, Algenkalk von haustierkost.de oder eben auch Calcio Reptin, das es bei auf Terraristik oder Schildkrötenbedarf spezialisierten Fachversendern zu bestellen gibt. Der Hersteller liefert dazu diese Produktionformation:
cdVet CalcioReptin ist ein hochwertiges Mineralfuttermittel bestehend aus Algenkalk. Der hohe Magnesiumanteil und das breite Spuren- und Mikronährstoffangebot beugt Mangelerscheinungen vor. cdVet CalcioReptin ist besonders hoch verfügbar und verträglich für Reptilien. cdVet CalcioReptin kann auch als Intensivanwendung bei Problemfällen wie z.B. Rachitis, für die Schalen (Eier) und die Festigkeit des Schildkrötenpanzers verabreicht werden. cdVet CalcioReptin und cdVet MicroReptin sind eine optimale Kombination um eine natürliche Versorgung mit Mikronährstoffen, Spurenelementen und Vitaminen zu gewährleisten. Zusammensetzung: 100% kohlensaurer Kalk aus Meeresalgen enthält: 80% CaCO3 (Calcium) 13% MgCO3 (Magnesium)natürliche Spuren- und Mikronährstoffe wie z.B. Selen.
Das entspricht im wesentlichen den Angaben des Düngemittels. Der Unterschied zwischen beiden Produkten liegt allerdings im Preis: Kostet der 25kg Sack für den Garten 17,99 € ist die 50g Dose Calcio Reptin für 7,95 € erhältlich, der 5 kg Eimer für 99,50 €. Da wundert man sich als Tierhalter doch…

Nicht alle Produkte bestehen ausschließlich aus Algenkalk. Herpetal Mineral, das vom versierten Reptilienhalter Ingo Kober entwickelt wurde, setzt sich aus Calciumcitrat, Calciumcarbonat und aufgeschlossener Weizenstärke zusammen und wurde mit Vitamin D3 30.000 I.E. ergänzt. Repti Calcium gibt es hingegen mit und ohne D3 Zusatz. Hier empfiehlt der Hersteller ausdrücklich, Präparate mit D3 Zusatz nur Terrarientieren zu geben: Keine D3 Zugabe bei im Freiland gehaltenen Tieren, die der Sonne täglich 10 Stunden und mehr ausgesetzt sind (z.B. Schildkröten, Chamäleons, etc

Und genau hier liegt ein gewisses Problem. Der Düsseldrofer Reptilientierarzt Kornelis Biron schreibt auf seiner Internetseite:

Deckt Korvimin den Calciumbedarf meiner Tiere?
Nein! Kein Vitaminpräparat kann den Calciumbedarf der Tiere decken, ohne die Tiere mit Vitaminen zu vergiften (Überdosis). Kalzium sollte immer separat und ausgiebig angeboten werden, z.B. in Form von Sepiaschulpkrümeln und -pulver…
und an anderer Stelle: Würde man aber einem Tier soviel einer
Vitamin-Mineralstoffmischung geben, dass es ausreichend mit Calcium versorgt ist, hätte man es schon längst mit Vitaminen vergiftet…  www.reptilienarzt.de

Kornelis Birons Seite ist außerordentlich informativ, bitte folgen Sie dem Link und informieren sich dort ausführlicher zu diesem Thema. Korvimin sowie viele andere handelsübliche Calciumpulver sind massiv angereichert mit Vitaminen. Daher dürfen sie nicht als einzige Calciumquelle angeboten und bei Schildkröten möglicherweise über das Futter gestreut werden – und schon gar nicht nach der Devise „Viel hilft viel“. Calciumpräparate sollten – wenn ein Tierarzt dies nicht ausdrücklich anders rät –  nur zusätzlich zu anderen Calciumquellen verwandt werden. Das heißt jetzt nicht, dass diese Präparate schädlich oder gar gefährlich wären. Bei sachgerechter Anwendung sind sie es sicher nicht.

Über die Zufuhr von Calciumpräparaten wird seit vielen Jahren viel diskutiert und viel gestritten. Viele Schildkrötenhalter schwören auf diese Präparate, vor allem, wenn ihre Tiere Sepiaschulp, Muschelbruch, Eierschalen und alle anderen „natürlichen“ Calciumquellen ignorieren. Sie streuen regelmäßig Calciumpulver über das Futter, damit die Tiere überhaupt Calcium zu sich nehmen. Ob das der richtige Weg ist,lässt sich schwer sagen, denn die meisten Halter werden immer wieder sagen: „Wieso? Meinen Tieren geht es doch gut…“ Hin und wieder, vor allem bei eklatantem Calciummangel, raten Tierärzte die Tiere auf diese Art und Weise mit Calcium zu versorgen, eventuell sogar noch flüssige Calciumpräparate dem Trinkwasser beizugeben. Wenn Sie in einer solchen Situation sind, sind Sie immer gut beraten, Ihrem Tierarzt zu vertrauen (wenn er sich mit Reptilien auskennt) und seinen Therapieempfehlungen zu folgen.
Andere Halter lehnen die Produkte kategorisch ab, weil die Schildkröten nicht eigenständig die Calciumzufuhr regulieren, wenn ihnen das Pulver „untergeschoben“ wird.  Noch einmal Kornelis Biron: Mit Vitaminen sollte man also sehr vorsichtig umgehen. Deswegen sind die im Zoofachhandel freiverkäuflichen Vitaminpräparate extrem niedrig dosiert, leider aber auch weitgehend wirkungslos. Beim Tierarzt können Sie höher dosierte Vitaminpräparate erhalten, mit denen man allerdings extrem sparsam umgehen sollte..“  auf www.reptilienarzt.de

Es fällt daher ausgesprochen schwer, hier eine sinnvolle Empfehlung abzugeben, die noch dazu einigermaßen allgemein gültig ist.

Nicht geeignet – das sei eher als Fußnote erwähnt – sind Calciumpräparate, wie sie in Drogerien und Drogerieabteilungen angeboten werden, sei es Calcimed, Calcium Biomo, die Brausetabletten etc. – all diese Produkte enthalten eine Fülle anderer für den menschlichen Organismus passender Substanzen, vor allem Säuerungsmittel undSüßstoffe. Für Schildkrötenernährung  sind sie verständlicheweise nicht gedacht und ungeeignet.

Meine persönliche Erfahrung: Meinen Terrarientieren gönne ich regelmäßig Calciumpräparate, in dem ich die Futtertiere kräftig einstäube. Aber meine Landschildkröten, die ich im Garten halte, haben noch keinen Kontakt damit gehabt. Allerdings habe ich auch das Glück, dass meine Tiere sowohl Eierschalen (eher selten), Sepiaschulp (in großer Menge) und Knochen als Calciumquelle akzeptieren. Und hin und wieder – dazu habe ich auch in dieser Serie ein Bild gezeigt, fällt ihnen eine Gehäuseschnecke zum Opfer. Sie wachsen, haben einen stabilen Panzer, die Weibchen legen feste Eier. Daher stellt sich mir gottseidank die Frage nicht.

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Mit diesem Beitrag beschließen wir vorerst unsere Serie über Calciumernährung, die fast ein ganzes Jahr auf der Seite TESTUDOWELT.de gelaufen ist. Zwar fehlt noch ein wichtiger Calciumlieferant, nämlich Kalkstein, aber zum Thema Kalkstein werden wir in Kürze eine eigene kleine Serie starten.

Text und Fotos (2): Lutz Prauser, Produktabbildungen vom Hersteller

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Alle Teile im Überblick und mit direkter Verlinkung in die Beiträge:

Teil 1: Was ist Kalk
Dieser Teil beantwortet im wesentlichen, was dieser „Kalk“ eigentlich ist, den Schildkröten zu dringend benötigen. „Kalk“ ist schließlich nicht gleich „Kalk“…

Teil 2 Wie wird Calciumcarbonat „verdaut“?
Wie spaltet sich das Cartbonat? Wie gelangt es in den Körper von Säugetieren und wie ist das bei Schildkröten?

Teil 3: Wozu brauchen Schildkröten Calciumcarbonat?
Warum ist es wichtig, dass Schildkröten ausreichend Calciumcarbonat bekommen?

Teil 4: Calcium und Phosphor – Wie gehört das zusammen?
Man darf das Eine nicht ohne das Andere sehen…

Teil 5:Calcium und Oxalsäure – alles Rhabarber?
Anmerkungen vor den fortgesetzten Warnungen vor zuviel Oxalsäure in der Nahrung.

Teil 6: Natürliche Calciumquellen
Wo finden sich in der natürlichen Ernährung von Schildkröten Spuren von Calcium?

Teil 7: Die Eierschalenfrage
Der Dauerbrenner: Soll man Eierschalen ins Gehege geben?

Teil 8: „Knochen kauen“
Knochen als Calciumquelle für Schildkröten.

Teil 9: „Knochen kochen“
Praktische Empfehlungen zum richtigen Abkochen von Knochen

Teil 10: Schulp – Die Wunderwaffe
Sepiaschulp – Die meistverbreitete Nahrungsergänzung

Teil 11: Schnckenhäuser, Muschelbruch, Perlen
Kristallines Calciumcarbonat für Schildkröten?

Teil 12: Algenkalk und Präparate aus Algenkalk
Alternative Calciumquellen.

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