Eichenlaub zur Überwinterung? – Warum nicht…

Diskussionsgegenstand Eichenlaub

Vor einigen Tagen startete – einmal mehr – auf Facebook eine Diskussion, ob Eichenlaub für die Überwinterung von Schildkröten geeignet sei oder nicht. Und – auch einmal mehr – dauerte es nicht lang, bis sich ein Gruppenmitglied in puncto auch diskutierter Nussbaumblätter äußerte: „Haben die nicht auch viel Gerbsäure??? Es hat doch irgendeinen bestimmten Grund, warum unter Nußbäumen nichts Gescheites mehr wächst… Hab mal irgendwo gelesen, dass man keine Nussbaum-Blätter nehmen soll…“

Ich habe mich in dieser Diskussion kurz beteiligt, möchte aber hier mal meine ganz persönliche Erfahrung mit Eichenlaub sowie einige Hintergründe zusammenstellen, etwas ausfährlicher, als man das in Facebook- oder Forendiskussionen tun kann.

Vorab:
Ich verwende seit rund vier bis fünf Jahren ausschließlich Eichenlaub, um die Erde, in denen sich meine Europäischen Landschildkröten eingraben, abzudecken. Meine Schildkröten überwintern in einer speziellen, isolierten Grube im Gehege (s. Bild unten). Den Luftraum zwischen dem Erde-Moosgemisch, in das sich die Tiere bis zu 50cm tief eingraben, fülle ich mit dem Laub der Eichen auf, das ich wenige hundert Meter von uns entfernt am Waldrand sammele. Es ist natürlich nicht ausschließlich Eichenlaub, es mischen sich auch ein paar andere Blätter dazwischen. Aber überwiegend ist es das Laub der Eichen.
Wichtig aber: Das Laub ist trocken, es liegt auf der Erde. Die Grube ist nach oben durch einen Deckel geschützt.

Hartlaub:
Ich verwende grundsätzlich nur „Hart“laub, also Laub, das im getrockneten Zustand sehr hart, eher brüchig und wenig biegsam ist. Die Blätter sind eher groß und dick. Das habe ich auch getan, als ich die Schildkröten früher in Kisten im Kühlschrank habe überwintern lassen. Das Laub soll locker liegen und Luftkammern bilden. Daher scheidet Birkenlaub zum Beispiel für mich ebenso aus, wie das Laub diverser Stauden aus unserem Garten. Hier wird die Laubschicht, wenn sie feucht wird, zu einem „festen Deckel“. Die Blätter pappen zusammen, es bilden sich wenig Lufträume, damit geht die isolierende Wirkung verloren. Da Schildkröten in der Winterstarre etwa ein mal in der Minute atmen, halte ich allerdings die Sorge, dass hier eine luftdichte Schicht dazu führen könnte, dass die Tiere ersticken, für eher unegründet.

Griechische Lanschildkröte auf Korsika

Verrottungsbeständigkeit:
Eine der besten Eigenschaften jedoch, die Eichenlaub hat, ist ihre unglaublich langsame Verrottung. Wenn ich im Frühjahr das Eichenlaub aus der Grube hole, sieht es noch ganz genauso aus wie im Herbst. Die vereinzelten Blätter einiger anderer Bäume, die zusammen mit dem Eichenlaub in die Überwinterungsgrube gelangen, zeigen immer wieder Schimmelspuren. Grund für diese Schimmelresistenz sind die Tannine im Eichenlaub.
Bevor ich etwas näher auf diese Tannine eingehe, möchte ich von einer anderen Erfahrung mit Eichenlaub berichten: Ich benutze unter anderem aus Dekorationsgründen Eichenblätter in mehreren Tropenterrarien, in denen ich Pfeilgiftfrösche halte. Diese Blätter liegen dort bei rund 25-28 °C und einer permanenten Luftfeuchtigkeit von mindestens 80% monatelang, ohne dass sie schimmeln, bevor sie dann doch ganz langsam verrotten. Sie sind täglich Oberflächenwasser (künstlichem Regen) ausgesetzt. Keine andere heimische Laubart ist unter solchen Bedingungen so lange verwitterungsresistent. Und wenn unter diesen Bedingungen das Laub fast ein Jahr im Terrarium „durchhält“, bevor ich es erneuern muss, dann brauche ich mir über eine Verrottung unter den Bedingungen in  meiner Überwinterungsgrube gar keine Sorgen zu machen.

Tannine:
Tannine gehören zu den Bestandteilen im Eichenlaub. Es handelt sich um Gerbstoffe, oft auch als Gerbsäure bezeichnet. Nun darf man sich unter Gerbsäure nicht eine aggressive Säure vorstellen, die ätzend wirkt (wie Schwefel-, Salz- oder Salpetersäure). Allein dieser Namensbestandteil, der die ersten Alarmglocken auslösen kann, führt in die falsche Richtung. Es handelt sich um komplexe chemische, allerdings ganz natürliche Verbindungen, wie sie in vielen Pflanzen vorkommen. Bitte lesen Sie, wenn Sie sich genauer damit beschäftigen wollen, z.B. den verlinkten Artikel bei Wikipedia durch. Nur so viel: Tannine sind in hohen Dosen (für Menschen) giftig, wobei sich die Giftigkeit auf Magenbeschwerden und Kopfschmerzen beschränkt. Weintrinker kennen dies, denn auch Rotwein enthält Tannine, erst durch lange Lagerung des Weins nimmt der Tanningehalt ab. Schwarzer Tee enthält übrigens auch Gerbsäuren, ebenso viele andere Produkte, die wir ganz selbstverständlich verwenden.  Hohe Dosierungen können zu Lebernekrosen führen und tumorauslösend sein. Diese Untersuchungen bzw. Falldokumentationen beziehen sich jedoch ausschließlich auf Säugetiere, die eine wesentlich andere Verdauung als Schildkröten haben. So spielt zum Beispiel bei Kühen der Pansen eine wesentliche Rolle. Informationen über Tanninvergiftungen bei Tieren hält zum Beispiel das Informationssystem CliniPharm/CliniTox bereit.
Tannine wirken zellzerstörend, damit desinfizierend, antibakteriell und antiviral. Das ist auch der Grund, warum Eichenblätter nicht schimmeln.

Blick in meine Überwinterungsgrube im Frühjahr 2011. Das Laub ist entfernt, die Tiere sind bereits oben.

Vergiftungen?
Wie kann es zu Tanninvergiftungen kommen? Dies passiert nur, wenn der Organismus zu viel Tannine aufnimmt. Zum Beispiel wenn man zu viel Wein trinkt. Da ist zwar auch der Alkohol von entscheidender Bedeutung, aber die Tannine tragen ihren Teil zum „dicken Schädel“ bei.  Zu Tanninvergiftungen kommt es bei Pferden und Kühe, wenn diese Eichenlaub fressen oder – noch gravierender wegen der wesentlich höheren enthaltenen Dosis – an Eichenrinde knabbern (s.o.). Ganz entscheidend aber ist: Die Vergiftungserscheinugnen treten nur auf, wenn Tannine in den Körper gelangen. Es ist kein Kontaktgift, das durch die Haut eindringt und zu Vergiftungen führt.
Und weiter: Wie kommt das Tannin nun aus der Pflanze? Entweder es gelangt bei der Verdauung von tanninhaltigen Pflanzenbestandteilen (z.B. Verzehr von großen Mengen Weintrauben) in den Körper und wird dort durch mechanische Zerstörung sowie chemische Zersetzung der Nahrung herausgelöst oder diese Herauslösung muss vorher passsieren. Das lässt sich zum Beispiel bewerkstelligen, indem man einen Sud oder Tee aus tanninhaltigen Pflanzenbestandteilen anfertigt. Aber noch einmal:  Zu Vergiftungen kommt es erst (soweit für Säugetiere dokumentiert), wenn das Tannin in den Körper gelangt, die Dosis hoch ist und ganz wichtig: Es hängt  von der jeweilige Tierart und deren Verdauungstrakt ab. So scheinen Ziegen, die  an Hölzern knabbern, auf  die Aufnahme von Tanninen viel besser  eingerichtet zu sein als zum Beispiel Pferde.

Schildkröte in der Winterstarre

Aber – Es geht um Schildkröten und deren Überwinterung
Zurück zu meinen Schildkröten. Die befinden sich ja nun  in der Winterstarre.
Die Eichenblätter geben während der Zeit, in der sie über der Erde in meiner Grube liegen, das Tannin nicht einfach so an die Umgebung ab. Dazu müsste man sie mechanisch zerkleinern und in heißem Wasser aufbrühen – also zu Tee machen. Das allersdings mache ich ganz sicher nicht. Oder sie müssen verrotten, was sie auch irgendwann tun – nur eben nicht während dieser Zeitspanne in einigermaßen kalter und trockener Luft.
Und selbst wenn sie Tannine abgeben würden, wie sollen diese in die Schildkröten gelangen?
Abgesehen davon, dass meine Schildkröten Eichenblätter sowieso nicht fressen, fressen sie während der Starre überhaupt nichts, auch nicht die Erde um sie herum.
Am Rande bemerkt: Ich kann nicht mit hunderprozentiger Sicherheit sagen, dass meine Schildkröten keine Eichenblätter fressen würden, allerdings habe ich sie dabei noch nicht beobachtet. Davon abgesehen ist auch die Gelegenheit sehr gering, da ich keine Eichen im Gehege stehen habe und auch kein fallendes Laub so einfach hineinweht oder ich solches absichtlich im Gehege platziere.

Pfeilgiftfrosch im Eichentee

Und noch etwas zum Thema „Tannintee“:
Äpfel darf man nicht mit Birnen vergleichen – schon richtig. Aber ich habe auch ganz positive Erfahrungen mit „Eichentee“ gemacht. Ich verwende den Sud von Eichenblättern stark verdünnt als „Quappentee“. Das ist das Wasser, in dem ich die Kaulquappen meiner Pfeilgiftfrösche aufziehe, bevor sie sich zu Fröschen wandeln. Auch hier setze ich das Tannin ganz bewusst wegen seiner pilzhemmenden (fungiziden) und antibakteriellen Wirkung ein.  Auch hier gilt natürlich: Das Tannin ist stark verdünnt, aber die Tiere kommen in direkten Kontakt. Das ist bei Schildkröten in der Winterstarre nicht so.

Eichenlaub im Terrarium

Und als Totschlagargument:
Als bestes Totschlagargument aller Diskussionen über Schildkrötenhaltung dient immer: Mach es wie im Habitat. Orientier Dich an den Bedingungen in den natürlichen Lebensräumen.
Diese Handlungsmaxime, die sicher per se nicht falsch ist, lässt dann aber die Fragen aufkommen: Wer sorgt sich denn eigentlich in den von Schildkröten bevölkerten Korkeichenwäldern Sardiniens darum, dass die Schildkröten nicht unter dem Laub der vielen Korkeichen überwintern?
Wer hält die Schildkröten auf Korsika (s. Foto oben) davon ab, sich unter Eichenlaub einzugraben? Wohl niemand. Wenn also das Habitat das Vorbild ist (und das ist es – wenn auch nicht im absoluten, dogmatischen Sinn), dann kann Überwinterung unter Eichenlaub wohl kein Problem darstellen.

Dokumentierte Fälle:
Die Diskussionen über die Verwendung von Eichenlaub tauchen mit schöner Regelmäßigkeit jeden Herbst im Internet auf. Und immer wird vor der „Gerbsäure“ gewarnt. Aber nur, weil sich etwas wiederholt und das über Jahre hin, ist das kein Indiz dafür, dass das auch richtig bzw. reflektiert ist. Die Frage, die ich verschiedentlich in diese Diskussionen gebracht habe, ist bis heute unbeantwortet.
Gibt es einen EINZIGEN Fall, dass Schildkröten durch Überwinterung unter Eichenlaub Schaden genommen haben durch die im Laub enthaltenden Tannine?
Gibt es Fälle, dass Schildkröten Eichenlaub gefressen haben und danach erkrankt sind (vorausgesetzt, das Futteragebot war reichhaltig, denn in der allergrößten Not fressen Schildkröten, bevor sie verhungern, auch Efeu oder Eibennadeln, selbst wenn sie sich damit vergiften)?
Gibt es überhaupt dokumentierte Fälle von Tanninvergiftungen bei Schildkröten?

Meine Überwinterungsgrube im Sommer. Bevorzugter Platz der Katze der Nachbarn.

Mein Fazit:
Ich sehe überhaupt keinen nachvollziehbaren Grund, warum meine Schildkröten nicht unter Eichenlaub überwintern sollten. Allerdings trägt jeder Tierhalter die alleinige Verantwortung für das Wohl und Wehe seiner Tiere. Jeder muss also selbst entscheiden, was er für gut und richtig hält, und was nicht. Ich möchte niemanden überreden, etwas zu tun, was er nicht tun möchte. Ich möchte nicht behaupten, dass meine Haltung perfekt ist und das Maß aller Dinge, also gebe ich auch keine Empfehlungen ab, andere mögen sich an meiner Haltung orientieren. Ich möchte hier lediglich von meinen Erfahrungen berichten und diese zur Diskussion stellen.

Text und Fotos: Lutz Prauser

2 Kommentare


  1. Hat jemand von Euch Erfahrungen mit Magnolienblättern? Ich habe eine Maurice Landschildkröte und gelesen,dass diese in ihrer Heimat gerne Magnolien suchen. Auch verwittert diese Blätter schwer. Bitte antworten, wenn jemand Erfahrungen damit gemacht hat.


  2. Hallo
    Dazu eine Bemerkung: Buchenlaub enthält auch Tannin !!! Und außerdem ernähren sich die schwarzen Schweine (Iberico Schwein) fast ausschließlich von Eicheln und Eichenlaub. Das Ergebnis ist der beste Schinken der Welt (Pata Negra). So giftig kann es also nicht sein.
    Ich bin der Meinung, es ist überhaupt nicht wichtig welches Laub man benutzt, sondern einzig und allein, dass man überhaupt eine Abdeckung nimmt. Wenn diese fungizid oder antibakteriell wirkt, umso besser. Schimmel ist viel schlimmer als jedes Tannin.
    Gruß Kurt

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