Der Fall Lotti – heute als Auszug aus dem aktuellen Newsletter der Reptilienauffangstation München

Lotti, das Monster im See, die bisswütige Schnappschildkröte?
Die Münchner Reptilienauffangstation, die in diesen Fall beratend und helfend einbezogen war, zieht ein erstes Resümee:

…das beherrschende Thema im August war zumindest für die Presse die vermeintliche Bissattacke einer Schildkröte in Irsee. Ein achtjähriger Junge, im Urlaub im Allgäu, wurde im flachen, aufgesandeten Bereich des Oggenrieder Weihers, einem kleineren See auf der Gemarkung der Gemeinde Irsee/Allgäu, erheblich im Bereich des Fußes und der Achillessehne verletzt. Sofort nach der Bergung des Kindes und erster Wundversorgung wurde der Unfallbereich abgesucht und lediglich ein Stein gefunden, der jedoch als Unfallverursacher nicht infrage kam. Der behandelnde Chirurg des Klinikums, in dem der Bub behandelt und operiert wurde, schloss eine Schnittverletzung, wie sie häufig durch Glasscherben oder Metallteile verursacht werden, aus und hielt eine Bissverletzung für wahrscheinlicher. Dies meldete er der Gemeindeverwaltung in Irsee, die sich dann mit Bildern des verletzten Kindes und der Frage, ob ein Tierbiss ausschließbar sei, an die Auffangstation wandte. Erst nach Einholung weiterer Detailinformationen, wie dem genauen Bericht des Unfallherganges seitens des betroffenen Jungen und seiner Mutter, sowie weiterer Fotodokumente der Verletzungen schien eine Abschätzung möglich. Ein Tierbiss konnte somit nicht mit Sicherheit ausgeschlossen werden. Dies teilte die Auffangstation der Gemeinde Irsee mit. Plausibel war anhand des Verletzungsbildes ein Biss durch eine mittelgroße bis große Schildkröte, während Verletzungen durch einen Waller oder einen Hecht, ebenso wie eine Neuauflage des entwischten Kaimans „Sammy“ ebenso wie Bisse von Biber und Nutria anhand der Verletzungen ausgeschlossen werden konnten. Die Gemeinde Irsee sah sich folgerichtig gezwungen, vorsorglich den See für Badegäste zu sperren und nach der Unfallursache, namentlich der potentiell möglichen Schildkröte zu suchen.

Nur allzu schnell war die lokale Presse dem Monster im See auf der Spur und ein Name wurde auch umgehend gefunden: Lotti beschäftigte uns seither intensiv.
Das Ablassen des Weihers (der durch Anstauen eines Bachlaufes mittels Wehr entstanden war), sowie das Abfischen des gesamten Fisch- und Flusskrebsbestandes und das Absammeln der Teichmuscheln im Gewässer, groß angelegte Suchaktionen der freiwilligen Feuerwehr, teils unter Zuhilfenahme eines Suchhundes, aufgestellte Fallen und jede Menge erbetene wie unerbetene Ratschläge von vielen Experten brachten leider keinen Erfolg. So wurde auf Bitten der Gemeindeverwaltung auch ein Suchtrupp der Auffangstation nach Irsee beordert, um zunächst in einer längeren Besprechung im Rathaus gemeinsam mit der lokalen Gemeindeverwaltung, der Feuerwehr, dem Fischereiverein, dem Naturschutz und nicht zuletzt dem Landratsamt ein mögliches und sinniges weiteres Vorgehen zu erörtern. Hierbei spielte eine Absperrung des Geländes eine maßgebliche Rolle, um die permanente Beunruhigung nebst Unfallgefahr im betroffenen Gebiet zu reduzieren. Das Ganze war durch einen immensen, an einen Staatsbesuch erinnernden Pressewirbel begleitet, der nicht zuletzt die Gemeinde unter enormen Zugzwang setzte und sicherlich alle Beteiligten an den Rand des nervlich Machbaren getrieben hat.
„Lotti“ konnte nicht gefunden werden. Nachdem täglich und weltweit (Canada, USA, Großbritannien, Neuseeland u.v.m.) über die Aktion berichtet wurde, ebbte der Pressehype nach und nach wieder ab. So positiv gute und fundierte Publicity für die Arbeit der Station auch ist, so anstrengend ist es, die anstürmenden Journalisten sinnvoll zu bedienen. Noch ein weiteres Mal musste Dr. Baur nach Irsee, um dort dem Gemeinderat und den Vorständen der Vereine von Irsee Rede und Antwort zu stehen. Hierbei spielten die Biologie und die Verhaltensweisen von relevanten Schildkrötenarten, sowie deren reales Gefahrenpotential eine enorme Rolle. Im Zuge dieses Treffens wurde vereinbart, dass der Oggenrieder Weiher nicht dauerhaft zum „Lottisperrgebiet“ erklärt werden muss, sondern vielmehr wieder eingelassen und neu mit Fischen, Krebsen und Muscheln besetzt wird und die verschlammten Bereiche außerhalb der gesandeten Zugangsbereiche für Badende erkennbar gesperrt werden soll. Hier spielt weniger Lotti als drohende Gefahr eine maßgebliche Rolle, sondern vielmehr der enorme Verschlammungsgrad dieser Uferbereiche und nicht zuletzt der Naturschutz, der nunmehr am Weiher noch mehr Randgebiete des Gewässers einschließen soll, als es bisher der Fall war. Dennoch kann die Suche nach Lotti nicht als beendet betrachtet werden, steht doch die Haftungsfrage für die Gemeinde als verantwortliche Institution allen teils ungerechtfertigten Unkenrufen aus Presse und Gesellschaft zum Trotz noch immer im Raum und auch der Tierschutz darf nicht vergessen werden, denn kein deutsches Gewässer kann als artgemäßes Ersatzbiotop, selbst nicht für vermeintliche und lange nicht so seltene Schnapp- und Geierschildkröten, angesehen werden. Es werden nach derzeitigem Stand immer wieder Reusenfallen ausgebracht werden, die eine tierschutzkonforme Fangmethode darstellen. Eine Hinweistafel, gemeinsam durch die Gemeinde und die Auffangstation verfasst, sollen Lotti und die vermeintliche Gefahr ins rechte Licht rücken und zumindest einige Mitarbeiter der Station freuen sich bereits jetzt auf das Baden im Oggenrieder Weiher, das mit oder ohne  Lotti sicherlich kein größeres Abenteuer mit unabsehbaren Gefahren birgt, als in jedem anderen Gewässer. Letzten Endes war der Unfall des Jungen ein unglückseliger Unfall, basierend auf einer Verkettung ungünstiger Umstände, die zu einem Zubeißen des nach wie vor nicht gesichteten Tieres beigetragen haben müssen, denn weder Schnapp-, noch Gierschildkröten, ebensowenig wie jede andere Schildkrötenart, sind primär aggressiv und offensiv, sondern gehen jeder Konfrontation mit dem Menschen normalerweise aus dem Weg, sodass einer friedliche Koexistenz von Schildkröte und Mensch, auch in Irsee eigentlich nichts entgegenstünde. Zu Bissen kommt es nur, wenn aus Versehen sich der Mensch zu nahe an das Tier heran begibt, das sich als Lauerräuber am Gewässergrund gut getarnt aufhält. Es bleibt nun abzuwarten, was in Irsee weiter passieren wird. Eventuell wird es eine weitere Aktion Ende September geben. Wir halten Sie auf dem Laufenden.

Weitere spannende News:

Eine weitere Geschichte, die in der Presse sehr positiv verbreitet wurde, war das Schicksal von Veronika. Die ältere Griechische Landschildröten-Dame wurde als Fundtier zu uns gebracht. Leider war sie massiv verletzt. So musste in einer Notoperation das rechte Hinterbein amputiert und weitere Verletzungen behandelt werden. Zudem waren schon viele Fliegeneier und Maden in den offenen Wunden. Glücklicherweise überstand Veronika die OP recht gut und wir haben die Hoffnung, dass sie nach einer langwierigen Therapie noch viele weitere Schildkrötenjahre leben kann. Zudem wurden nun noch neun Eier röntgenologisch festgestellt. Einige wenige Eier wurden nach der Gabe eines Wehenmittels abgelegt, leider sind noch weitere, teils weit übertragene Eier nicht abgelegt worden. Eine Legenot-OP wollen wir Veronika aber nicht noch zusätzlich zumuten und ist aus unserer Sicht auch nicht akut notwendig. Dennoch hoffen wir, dass sie letztendlich alle Probleme überstehen wird. Nicht zuletzt durch die großzügige Unterstützung von mehreren Paten, können wir auch in solchen intensivmedizinischen Fällen, die notwendigen tierärztlichen Therapien durchführen. Veronika ist allerdings bei weitem nicht das einzige therapiebedürftige Reptil bei uns. Fragen sie gerne nach den aktuellen Genesungspaten!
… Unter den 80 im August vermittelten Tieren waren auch zehn Bartagamen, 36 Wasserschildkröten und zwölf Landschildkröten. Die Vermittlung läuft somit sehr gut. Auch für die sogenannten ?Problem- oder Massen-Reptilien? finden wir neue Halter. Nur leider kommen mindestens ebenso viele neue wieder in die Auffangstation. Wir brauchen also auch weiterhin viele Interessenten, die sich bei uns um Abgabetiere bewerben. Informationen über die Abgabevoraussetzungen finden sie hier: www.reptilienauffangstation.de/abgabetiere.html

Frau Birgit Wagner, die sich sehr für uns engagiert, kam mit ihrem privat PKW zu uns aus dem fernen Nordwesten der Republik, um eine große Lieferung an verschiedenen Sachspenden vorbeizubringen. Darunter Terrarienequipment, und eine Spülmaschine, die unsere sehr in die Jahre gekommene alte ersetzen wird. Vielen Dank nochmal für ihr Engagement! Ebenso durch Birgits Initiative konnte eine Sachspende von www.Reptilienkosmos.de entgegen genommen werden. Wir bedanken uns bei dem Onlinehändler für seine großzügige Spende und freuen uns darüber einen weiteren Sponsor gewonnen zu haben, der uns hoffentlich bei dem ein oder anderen zukünftigen Projekt unterstützen wird. Danke!

Durch die immer stärkere Präsenz der Auffangstation im Internet, eröffnen sich ganz neue Möglichkeiten uns zu unterstützen. Sollten Sie uns bei facebook noch nicht liken, bitte schnellstens nachholen. Bei betterplace.de haben wir die Auffangstation vorgestellt, so hoffen wir auch Spender anzusprechen, die primär nichts mit Reptilien zu tun haben. Bei Amazon.de findet man nun einen Wunschzettel (www.amazon.de/gp/registry/wishlist/33A0PVPJA589B) von uns. Man kann somit direkt, dringend benötigte Dinge für uns bestellen. Wir werden versuchen, die Liste immer wieder anzupassen und zu aktualisieren. Wir sind gespannt, wer der erste Besteller sein wird. Vielen Dank schon mal im Voraus!

Gemeinsam mit dem Geschäftsführer des Bundesverbands für fachgerechten Natur- und Artenschutz e.V. (BNA) besuchte Markus Baur Mitte August die Firma AEG in Ulm. Die Firma produziert die Technologie und Hardware, die u. a. zur Kennzeichnung von Tieren Verwendung findet. Die für uns relevanten Mikrochips oder Transponder werden teilweise zur Kennzeichnung von streng geschützten Tierarten im Anhang A der EG-Artenschutzverordnung verwendet. Ziel dieses Informationsgespräches war es, die Entwicklungen auf diesem Sektor zu sehen und abschätzen zu können, in wie weit kleinere Chips und bessere Ablesbarkeit gegeben wären. Leider können derzeit kaum kleinere Transponder verfügbar gemacht werden. Jedoch sollte dringend über eine Novellierung der Kennzeichnungsverordnung nachgedacht werden, an der der BNA mitarbeiten soll. Als bekannte Kritiker der Transpondermarkierung tief in der Muskulatur der Tiere war die Sicht der Auffangstation und der Aspekt des Tierschutzes, sowie der tierärztliche Aspekt erwünscht. Hier sind sicherlich in der Zukunft Entwicklungen zu erwarten und seit langer Zeit notwendig. Letztenendlich bereitet die, wenn auch sehr tierfreundliche Fotodokumentation gerade bei in Massen gehandelten und gezüchteten Arten, wie den Europäischen Landschildkröten erhebliche Probleme bei der Nämlichmachung der Tiere, da einerseits wirklich gute, regelmäßig zu erneuernde und nachzulegende Fotos der Tiere und insbesondere der relevanten Merkmale notwendig sind und beim ?Lesen? der Dokumentation nach wie vor erhebliche Probleme bei Haltern, Züchtern, Handel und nicht zuletzt den Behörden bestehen.

Kontakt:
Auffangstation für Reptilien, München e.V.
Kaulbachstr. 37
80539 München
info@reptilienauffangstation.de

Quelle: http://www.reptilienauffangstation.de/index.html Über die Website kann der Newsletter in voller Länge gelesen und abonniert werden.

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