Calciumernährung (#11): Schneckenhäuser, Muschelbruch, Perlen

Welcher Schildkrötenhalter kennt nicht das Problem der Schnecken in seinem Gehege? Allerdings geht es in diesem Zusammenhang zumeist um die Nacktschnecken.
Das wirft fast zwangsläufig die Frage auf, warum man nicht Gehäuseschnecken im Gehege lassen kann. Immerhin sind doch Schneckengehäuse auch Kalklieferanten für Schildkröten. Und immerhin kommen in den Habitaten doch auch Schnecken vor.
Die Überlegung ist zwar nicht falsch, aber auch nicht richtig.

Schneckengehäuse im Schildkrötenhabitat auf Sardinien

Die „Schneckendichte“ dürfte in den wesentlich trockenen Habitaten der Mittelmeerregion um ein Vielfachers geringer sein als in unserer feucht-kühlen Klimazone. Demzufolge ist die Wahrscheinlichkeit, dass Schildkröten in unseren Gehegen auf Schnecken treffen und diese fressen, um ein Vielfaches höher. Das Gehäuse der Schnecken, in aller Regel geht es hier um die Hain-Bänderschnecken, die wie die Weinbergschnecken zu den Schnirkelschnecken gehören, ist tatsächlich ein Calciumlieferant, doch fressen die Schildkröten eben nicht nur das Schneckengehäuse, sondern das ganze Tier. Und damit wären wir schon bei einer anderen Frage, nämlich wie hoch der Anteil tierischer Nahrung bei Landschildkröten überhaupt sein darf. Aber das ist ein anderes Thema.
An dieser Stelle soll es nur um Gehäuseschnecken bzw. verlassene Schneckenhäuser gehen, die sich im Habitat ebenso finden lassen wie in unseren Gärten.

Schneckengehäuse bestehen zum überwiegenden aus kristallinem Calciumcarbonat, aus Aragonit. Dieses bildet das Grundgerüst.  Hinzu kommt eine äußere organische Schicht, das Periostracum, das aus einem Protein (Conchiolin) besteht. Der Grundsubstanz nach sind Schneckenhäuser also durchaus als Clacliumergänzung in der Schildkrötenhaltung geeignet. Da sie dem Aufbau nach sehr ähnlich sind, kann man Muschelschalen an dieser Stelle in einem Zug mit erwähnen. Auch sie bestehen aus Aragonit, also kristallinem Calciumcarbonat und einer Proteinschicht, hinzu kommt bei Muscheln noch eine Perlmuttschicht – Perlmutt ist ein Verbund aus Calciumcarbonat und organischen Substanzen. Theoretisch könnte man Perlen ebenso hier einordnen, denn auch sie bestehen aus Perlmutt und damit aus den gleichen Bestandteilen, dem kristallinen Aragonit und Conchionlinschichtungen. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass ein Schildkrötenhalter seinen Tieren Perlen als Nahrungsergänzungen anbietet, ist ja wohl eher gering. Vernachlässigen wir also die Perlen.

Bruchfläche Perlmutt. Foto: Fabian Heinemann.
Schnirkelschnecke

Aber:
Der Hinweis auf Perlen ist nicht ganz unbegründet. Entscheidend nämlich in diesem Zusammenhang ist, dass Muschelschalen und Schneckenhäuser aus kristallinem Calciumcarbonat gebildet sind. Dieses ist der Struktur nach viel härter und vor allem viel kompakter als das Carbonat, von dem bisher die Rede war.
Ein Blick unter ein Rasterelektronenmikroskop zeigt die Struktur von Muschelschalen, Perlen und Schneckenhäusern (siehe Foto). Dünne Aragonitplättchen liegen geschichtet aufeinander. Schon diese sehr kompakte Struktur lässt deutlich erkennen, dass kristallines Calciumcarbonat wesentlich schwerer im Verdauungstrakt von Tieren aufgeschlossen werden kann als zum Beispiel das Calciumcarbonat im Sepiaschulp. Klicken Sie noch einmal zurück und vergleichen die nanomikroskopische Darstellung des Schulps. Dann werden Sie sofort die erheblichen Unterschiede erkennen – und doch sind beide rein chemisch gesehen, sehr verwandt.
Hinzu kommt ein ganz anderes Problem: Schneckengehäuse werden mit zunehmendem Alter immer härter, denn die Schnecken bilden eine kristalline Carbonatschicht nach der anderen aus. Je dicker diese Aragonitschichtungen werden, umso schwieriger wird es für viele Schildkrötenarten, diese zu zerbeißen. Wenn die Kiefer nicht, wie zum Beispiel bei diversen Wasserschildkrötenarten, darauf ausgerichtet sind, können zumindest die überwiegend von pflanzlicher Kost lebenden  Schildkrötenarten je nach Alter und Größe, diese kaum mehr zerbeißen. Für Muschelstücke gilt dies ebenso.  Außerdem haben Bruchstücke von Muscheln je nach ihrer Art oft sehr scharfe Kanten. Viele Halter, die Sorge haben, ihre Schildkröten könnten sich durch Muschelstücke innere Verletzungen zuziehen, meiden daher Muschelschalen, wie man sie zum Beispiel aus dem Strandurlaub mitbringen kann.

Muschelgrit / -muschelschrot
Muschelgrit oder -schrot wird oft im Zusammenhang mit Schildkrötenhaltung erwähnt. Es handelt sich um gemahlene Muschelschalen, zumeist Austernschalen, die über den Geflügelhandel zu beziehen sind. Denn Muschelschrot wird insbesondere in der Haltung von Hühnern als Nahrungsergänzung vielfach verwendet. Auch hier dient das Schrot der Calciumversorgung. Aber Achtung: Viele dieser Produkte sind mit kleinen Steinen versetzt. Für Geflügel ist das kein Problem im Gegenteil:  Vögel nehmen Steine auf, diese Gastrolithen helfen ihnen bei der Verdauung. Für Schildkröten gilt das – entgegen nicht ausrottbarer anderer Behauptungen – nicht! Bei der Auswahl von Muschelgrit sollten Sie darauf achten, dass dieses nicht mit Steinen versetzt ist.
Industriell geschrotete Austernschalen sind bei weitem nicht so scharfkantig wie Muschelbruch. Ob Schildkröten diese Stückchen aufnehmen, hängt sehr von dem einzelnen Tier ab. Hier gehen die Erfahrungen der Halter sehr weit auseinander.
Muschelgrit findet aber in der Schildkrötenhaltung auch eine weitere Verwendung. Viele Halter kalken mit diesen Bruchstücken ihr Gehege, lockern die Erde auf oder legen regelrechte Trittpfade an.  Sie bringen diese Schalen in großer Menge im Herbst und Frühjahr aus, zum Teil werden sie im Herbst ins Erdreich mit eingearbeitet. Denn nicht nur Schildkröten, auch die Gehegepflanzen brauchen viel Kalk.

Alle Teile im Überblick und mit direkter Verlinkung in die Beiträge:

Teil 1: Was ist Kalk
Dieser Teil beantwortet im wesentlichen, was dieser „Kalk“ eigentlich ist, den Schildkröten zu dringend benötigen. „Kalk“ ist schließlich nicht gleich „Kalk“…

Teil 2 Wie wird Calciumcarbonat „verdaut“?
Wie spaltet sich das Cartbonat? Wie gelangt es in den Körper von Säugetieren und wie ist das bei Schildkröten?

Teil 3: Wozu brauchen Schildkröten Calciumcarbonat?
Warum ist es wichtig, dass Schildkröten ausreichend Calciumcarbonat bekommen?

Teil 4: Calcium und Phosphor – Wie gehört das zusammen?
Man darf das Eine nicht ohne das Andere sehen…

Teil 5:Calcium und Oxalsäure – alles Rhabarber?
Anmerkungen vor den fortgesetzten Warnungen vor zuviel Oxalsäure in der Nahrung.

Teil 6: Natürliche Calciumquellen
Wo finden sich in der natürlichen Ernährung von Schildkröten Spuren von Calcium?

Teil 7: Die Eierschalenfrage
Der Dauerbrenner: Soll man Eierschalen ins Gehege geben?

Teil 8: „Knochen kauen“
Knochen als Calciumquelle für Schildkröten.

Teil 9: „Knochen kochen“
Praktische Empfehlungen zum richtigen Abkochen von Knochen

Teil 10: Schulp – Die Wunderwaffe
Sepiaschulp – Die meistverbreitete Nahrungsergänzung

Teil 11: Schnckenhäuser, Muschelbruch, Perlen
Kristallines Calciumcarbonat für Schildkröten?

Teil 12: Algenkalk und Präparate aus Algenkalk
Alternative Calciumquellen.

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