Fundstücke: Aesops Fabel vom Hasen und der Schildkröte

Hase und Schildkröte – Kinderbuchillustration von Arthur Rackham, 1912

Eine Schildkröte – wegen ihrer Langsamkeit von einem Hasen verhöhnt – wagte es doch, ihn zu einem Wettlauf herauszufordern, den der Hase auch mehr aus Scherz als aus Prahlerei annahm. Der Tag des Wettlaufs kam, das Ziel wurde bestimmt, beide betraten die Rennbahn.
Die Schildkröte kriecht langsam, jedoch unermüdlich fort. Der Hase aber legt sich, um den Hohn gegen die Schildkröte aufs höchste zu treiben, nach unendlich vielen Seitensprüngen, nur noch wenige Schritte vom Ziele entfernt, in das Gras nieder und schläft aus Mattigkeit ein, bis er durch der Zuschauer lauten Jubel geweckt, die Schildkröte bereits oben an dem Ziel erblickt.
Schon sah er sie zurückkehren, ging aber aus Scham auf die Seite und gestand frei: in seinem zu großen Vertrauen auf seine Behändigkeit habe ihn das langsamste Tier der Welt beschämt.

Der Ursprung dieser weltberühmten Fabel geht auf den griechischen Dichter Aesop zurück, der ungefähr 600 v. Chr. Gelebt haben soll.
Lange Zeit wurden die Fabeln Aesops nur mündlich weitergegeben. Erst rund 300 Jahre später gab es den ersten Versuch, die Fabeln zu sammeln und zu sortieren. Doch es brauchte noch einmal weit über 1.000 Jahre, bis die Sammlung der Fabeln schriftlich niedergelegt wurde. Doch damit waren die Fabeln, wie es bei den literarischen Gattungen Fabel, Märchen, Legende und Sage normal ist, noch lange nicht vor Veränderungen, Weiterentwicklungen und Ausbildungen von Varianten geschützt.
Und immer schwingt der Zeitgeist mit. Jeder Erzähler hat immer seine Zuhörer vor Auge und richtet sich mit seiner Sprache an das Publikum, das es verstehen soll. So manche Anspielung, so mancher Witz wird eingeflochten und verliert sich wieder, wenn er nicht mehr zeitgemäß ist.

Hase und Schildkröte bei Disney,...

„Vom Hasen und der Schildkröte“ gibt es in unzähligen Fassungen, Nacherzählungen, Ausschmückungen, Adaptionen für Kinder und Erwachsene. Obwohl der ursprüngliche Erzählstrang der Fabel nicht wesentlich verändert wurde, entfernen sich die vielen Varianten mal mehr oder weniger weit von der Fassung, die diesen Fundstücken zu Grunde liegt. Ein Rückgriff auf das Original ist natürlich nicht möglich, heute weiß niemand mehr genau, wie Aesop die Geschichte erzählt hat.
Seit über 2600 Jahren aber hat sich der Kern erhalten: Eine Schildkröte fordert einen Hasen zum Wettrennen auf, das sie am Ende sogar gewinnt. Spannend ist, wie die Fabel vom Wettlauf heutzutage interpretiert wird, und welche Verschiebung in der Deutung stattgefunden hat.
Nicht nur bei Schildkrötenhaltern sondern ganz allgemein liegt heutzutage alle Sympathie bei der Schildkröte. Sie ist es, die verhöhnt wurde, sie ist es, die chancenlos an den Start geht und trotzdem gewinnt. Es ist das Happy-End eines ungleichen Wettkampfs, es ist der Underdog, der dem Favoriten ein Schnäppchen schlägt – es ist der „all american dream“.
Verfolge deinen Weg und deinen Traum, dann kannst du alles erreichen!

und in der Bugy-Bunny-Fassung.
Griechische Briefmarke

Doch so einfach kann man es sich nicht machen. Diese sehr moderne Sicht der Dinge ist von Aesop so nicht gedacht gewesen. Und doch ist es die Fassung, die sich in der Rezeption der Fabel durchgesetzt hat. Doch davon später. Schaut man etwas tiefer in die Geschichte, dann fällt zunächst auf: Es ist nicht die Schildkröte, die die Handlung vorantreibt – es ist der Hase. Seine Selbstüberschätzung und der daraus resultierende Hohn ist die wahre Ursache für das ungleiche Rennen.
Der Akzent liegt nicht bei der Sympathie für die Schildkröte, sondern bei der Antipathie gegen den Hasen – und genau das ist Lehre für den Hörer: Hochmut kommt vor dem Fall. Die Schildkröte ist zunächst nur das ausführende Organ. Die tut nämlich nichts, außer zu laufen. Das tut sie mit Beharrlichkeit, aber auch nicht mehr.
So wundert es nicht, dass der englische Satiriker Edward John Moreton Drax Plunkett, der achtzehnte Baron of Dunsany, sich noch 1915 über die Schildkröte lustig macht. Denn es ist – so der englische Adelige – keineswegs ihr mutiges Verhalten, sondern ihr hartnäckiges, starrsinniges (obstinate) Laufen und der Hochmut des Hasen, der sie gewinnen lässt. Diese Sicht der Dinge entspricht viel eher der ursprünglichen Moral. Lord Dunsany hat die Fabel auf eine wunderbare Weise weitergeschrieben: In Wahrheit ist es nämlich der Hase, der die Sinnlosigkeit des Rennens erkennt, sich ihm verweigert und zur Ruhe begibt. Und so triumphiert am Ende die engstirnige Schildkröte – und die lässt sich von ihren Anhängern als die Schnellste feiern.
Aber, so fährt Dunsany fort: Der wahre Grund, warum die Geschichte so erzählt wurde wie sie es wird, ist, dass von den Beteiligten und Zuschauern nur die Schildkröte und ihre Anhänger die ganze Sache überlebt haben. Wie das? Am Ziel, auf einem Hügel, angekommen, sehen die Schildkröte und ihre Freunde in der Ferne ein Feuer in den Baumwipfeln. Gefahr ist im Verzug. Schnell muss gehandelt werden, schnell müssen die anderen Tiere gewarnt werden, damit sie sich in Sicherheit bringen können. Die Tiere beratschlagen, wer denn als Bote in den Wald geschickt werden solle. Und natürlich senden sie die schnellste von ihnen: Die Schildkröte.
Der ironische Ton ist unüberhörbar, und selbst wenn Schildkrötenhalter wissen, wie schnell ihre Tiere in Wahrheit sein können, so gelten sie doch im Allgemeinen als überaus langsam. Dieser Sicht hat sich Lord Dunsany angeschlossen.
Nicht nur der Satiriker, auch Jean Fontaine (1621-1695) griff auf die Aesop’sche Fabel zurück und stellt den Hochmut des Hasen in den Mittelpunkt.
Es gibt noch eine weitere Lehre, die aus der Fabel herauszuziehen wäre: Eile mit Weile – in der Ruhe liegt die Kraft und Beharrlichkeit wird belohnt. Das ist geradezu biblisch: „Ich wandte mich und sah, wie es unter der Sonne zugeht, dass zum Laufen nicht hilft schnell zu sein, zum Streit hilft nicht stark sein, zur Nahrung hilft nicht geschickt sein, zum Reichtum hilft nicht klug sein; dass einer angenehm sei, dazu hilft nicht, dass er ein Ding wohl kann; sondern alles liegt an Zeit und Glück. (Koh 9.11)
„Der Hase und die Schildkröte“ gehört – vor allem mit der modernen Umdeutung – zu den meistadaptierten Geschichten.
Walt Disney widmete ihm 1935 einen Kurzfilm, Bugs Bunny lief 1941 gegen eine Schildkröte um die Wette und die Company von Muppets-Vater Jim Henson hat den Stoff 2008 ebenfalls auf die Leinwand gebracht.
Unzählige Kinderbücher greifen die Fabel auf, viele davon sind illustriert. Es gibt das Rennen als Brettspiel, als zwei Uhrzeiger, auf Bettwäsche, Federmäppchen, Buttons und TShirts.
Dass diese Fabel als allgemein bekannt vorausgesetzt wird, davon zeugen auch unzählige Karikaturen, die das Motiv aufgreifen. Würden die Karikaturisten nicht davon ausgehen, dass die Geschichte vom Rennen zwischen Hase und Schildkröte hinlänglich bekannt ist, dann wäre es sinnlos, es zu verwenden, dann würde die ganze Karikatur nicht funktionieren.
Und im Heimatland Griechenland widmete man 1987 der Fabel eine eigene Briefmarke.
Auch in die Kunst fand das Thema Eingang. Im 17. Jahrhundert ließ sich der flämische LandschaftsmalerJanWildens zu einer Fassung inspirieren; seit 1996 ziert eine Bronzestatur von Nancy Schön den Wegrand am Boston Marathon. Schön, selbst Marathon-Läuferin aus Boston, hat auf ihrer Website die Bedeutung der Skulptur erklärt. 1991 entschied sie sich, den Läufern zu Ehren eine Skulptur anzufertigen, die Kindern gefallen und gleichzeitig eine Metapher für das Rennen darstellen sollte. Sie wollte weder einen Mann noch eine Frau darstellen, besann sich der Entstehung des Marathonlaufs im antiken Griechenland und stieß bei ihrer Recherche auf Aesops berühmte Fabel.

Skulptur am Boston Marathon

Schildkröte und Hase schienen ihr die perfekte Metapher zu sein – die ganze Spannweite aller Läufer unterschiedlichsten Alters, unterschiedlichster Herkunft und unterschiedlichstem Können werden in den beiden Tieren dargestellt. „Marathonläufer“, so Nancy Schön, „laufen nur, um über die Zielgerade zu kommen. Sie erwarten gar nicht zu gewinnen. Sie spüren die Herausforderung und dieses wunderbare Gefühl, etwas erfolgreich zu Ende gebracht zu haben. Ausdauer zahlt sich aus, Langsamkeit (slow) und Stetigkeit (steady) gewinnen das Rennen. Aber ich hoffe auch, dass Kinder die Tiere zu schätzen lernen – sie sollen sie tätscheln und umarmen. Und sie sollen die wichtige Lektion verstehen, die ihnen die Fabel lehrt. Schließlich sind die Kinder unsere Zukunft.“

Text.: Lutz Prauser

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