Calciumernährung (#10) Schulp – Die Wunderwaffe

Nachdem wir in den vorangegangenen Ausgaben dieser Serie Eierschalen und Knochen als Möglichkeiten der Nahrungsergänzung für Schildkröten vorgestellt haben, soll in dieser Folge Schulp im Mittelpunkt stehen – die „Wunderwaffe“ der Calciumernährung.
Schulp  gehört sicherlich zu den bei vielen Tierhaltern am meisten verwendeten Calciumlieferanten. Zwar wird in den wohl allermeisten Fällen von Sepia gesprochen, das ist aber falsch, denn Sepia ist die Ordnungsbezeichnung der zehnarmigen Tintenfische. Und wir bieten den Schildkröten ja nicht Tintenfische, sondern lediglich deren Skelettteile an. Demzufolge muss es korrekt heißen: Sepiaschulp oder eben nur Schulp. Schulp ist im Zoohandel erhältlich. In vielen Fällen findet man ihn in der Abteilung Vogelfutter, denn Schulp wird oft zum Schnabelwetzen in die Käfige gehängt. Größere Vögel nagen auch daran und beißen Stückchen heraus. Aus diesem Grund bietet der Tierhandel hin und wieder auch aromatisieren Schulp an, der die Vögel häufiger animieren soll, daran herumzuknabbern. Für Schildkröten ist dieser aromatisierte Schulp natürlich nicht zu gebrauchen. In Schildkrötengehege gehört natürlich nur nichtaromatisierter, naturbelassener Schulp. Den kann man im Internet bestellen oder wie erwähnt im Zoohandel kaufen. Man kann ihn auch selbst am Strand sammeln und aus dem Urlaub mit nach Hause bringen. Und damit stellen sich schon einige Fragen, die oft und gern in Foren diskutiert werden.
Zunächst einmal zeigen die Forendiskussionen wie auch der Erfahrungsaustausch der Halter auf Tagungen, Workshops und Stammtischen, dass die Fressakzeptanz sehr unterschiedlich ist. Es gibt offensichtlich Tiere, die Schulp gar nicht oder nur sehr selten anrühren. Andere wiederum stürzen sich mit „Heißhunger“ darauf.

Fangfrischer Tintenfisch auf einem Markt in Marsaille

Was ist Schulp und woraus besteht dieser?
Schulp ist das Innenskelett der zehnarmigen Kopffüßler, bekannt unter dem Trivialnamen Tintenfische. Ursprünglich war der Schulp ihre Schale, diese ist aber im Lauf der Evolution im Körper eingelagert worden. Schulp besteht zu ca. 95% aus Calciumcarbonat, der Substanz, um die es in unserer Serie immer wieder geht – also aus Kalk. Hinzu kommen rund 5% Proteine, vor allem ein Chitin, das den „harten“ Teil des Schulps ausmacht.

Sepiaschulp mit seiner typischen Struktur.

Spannend ist ein detaillierter Blick auf dieses Skelett. Bereits mit bloßem Auge ist die Schichtenstruktur  zu erkennen. Eine Makrofotografie zeigt dies noch deutlicher. (Bitte klicken Sie zum Vergrößern die einzelnen Bilder an).
Unter dem Elektronenmikroskop erkennt man, dass die einzelnen Schichten aus unzähligen kleinen „Kammern“ bestehen. Dieser Aubbau macht Schulp sehr weich und brüchig.  Schulp lässt sich daher mühelos mahlen, zerbrechen oder raspeln. Viele Halter zerbrechen Schulp in kleinere Stücke. Andere raspeln Schulp und streuen das so entstandende Calcium-Pulver über das pflanzliche Futter, wenn sie der Meinung sind, ihre Tiere nehmen nicht genug Calcium auf – oder wenn sie es aus gegebenem Anlass so von ihrem Tierarzt empfohlen bekommen.
Da Schildkröten keine Zähne haben, können sie den Schulp nicht im Gebiss zermahlen und herunterschlucken. Die „weiche“ Struktur erlaubt es den Schildkröten auch, problemlos Stücke aus dem Schulp herauszubeißen oder abzuschaben und so ohne große Mühen schnell große Mengen Calcium aufzunehmen. Diesen Vorteil bietet keine andere Calciumquelle, sieht man von bereits zermahlenem Calciumcarbonat in Pulverform, wie es im Zoohandel oder über Tierärzte angeboten wird, einmal ab. Gerade das macht Schulp bei Reptilien- und auch Vogelhaltern so beliebt.
Der geschichtete Aufbau des Schulps und seine Kammerstruktur sorgen dafür, dass der Kalk eine riesige Oberfläche hat und damit im Gegensatz zu den kompakten und kristallinen Strukturen wesentlich schneller und einfacher im Verdauungstrakt aufgespalten werden kann.

Detaildarstellung bei sehr hoher Vergrößerung. Stegbreite der senkrechten Strukturen zirka 10 µm. Foto: Wikipedia, Procon X-Rays GmbH“, Garbsen, Germany.
Nagespuren an frischem Schulp

Wie soll man Schulp anbieten?
Hier gibt es kein Patentrezept, hier muss jeder Halter experimentieren. Die Bandbreite der Möglichkeiten ist reichhaltig:

– Selbst gesammelter Schulp, der nur in der Sonne getrocknet wird
– Selbst gesammelter Schulp, der sehr lange und immer wieder neu gewässert wird, um den Salzgehalt des Meerwassers auszuspülen
– Schulp, der ganz frisch ins Gehege geworfen wird
– Schulp, der erst lange gewässert wird, bis er etwas „gammelig“ ist.
– Schulp, der erst eine Zeit im Gehege liegen muss und einen algigen Belag bekommt

Da die Tiere sehr unterschiedlich reagieren, sollten Halter alle Möglichkeiten ausprobieren, um festzustellen, welche Fütterungstechnik von ihren Schildkröten bevorzugt wird. Ich kann aus eigener Erfahrung beitragen, dass meine Tiere sowohl Schulp fressen, den ich am Mittelmeerstrand gesammelt und in der Sonne getrocknet habe, aber ebenso Schulp fressen, der den Winter über im Gehege gelegen hat und alles andere als „appetitlich“ aussieht. Ich weiß aber auch von vielen Fällen, in denen die Schildkröten Schulp nur fressen, wenn er „gammelig“ ist, oder frisch aus der Verkaufsverpackung ins Gehege gegeben wird.

Breitrandschildkröte unter einem schattigen Busch in unmittelbarer Meeresnähe

Verschiedentlich taucht auch die Frage auf, ob man Schulp direkt vom Strand entnommen überhaupt verfüttern darf oder ob nicht die Umweltverschmutzung und die Meeresbelastung sich auch im Schulp wiederfindet und damit die Skelettstücke für Schildkröten gefährlich sein könnten. Diese Frage können wir an dieser Stelle nicht beantworten.

Schulp am Strand

Ist Schulp überhaupt akzeptabel?
Hin und wieder stößt man vor allem in Internetdiskussionen auf die verständliche Forderung, sich mit seiner Schildkrötenhaltung soweit wie möglich an den Habitaten der Tiere zu orientieren, so viel wie möglich aus dem natürlichen Lebensraum zu übernehmen bzw. alles, was nicht dem Habitat entspricht, kritisch zu hinterfragen.
Dieser Ansatz ist zwar richtig, darf aber nicht zum „Dogma“ erklärt werden, vieles muss man in der eigenen Gartenhaltung nördlich der Alpen simulieren und ändern. Dazu gehört auch die Kalkernährung. Natürlich ist die Wahrscheinlichkeit, dass Schildkröten, die in den felsigen Gebirgsregionen im Mittelmeerraum leben, jemals Schulp fressen, äußerst gering. Andere Arten leben jedoch in Meernähe und haben durchaus die Gelegenheit, in ihrem natürlichen Habitat auf Schulp zu stoßen. Als Beleg dazu dient  ein Bild aus meinem Sardinienurlaub 2012: Eine Breitrandschildkröte (kaum zu sehen im dunklen Schatten) befindet sich keine 20 Meter vom Strand entfernt. Und es ist sicherlich zum Wohl der Tiere in der eigenen Haltung, wenn man sie mit ausreichend Calcium vorsorgt, auch auf die Gefahr hin, dass das nicht 100% den Bedingungen der natürlichen Lebensräume entspricht.

Text und Fotos: Lutz Prauser

Alle Teile im Überblick und mit direkter Verlinkung in die Beiträge:

Teil 1: Was ist Kalk
Dieser Teil beantwortet im wesentlichen, was dieser „Kalk“ eigentlich ist, den Schildkröten zu dringend benötigen. „Kalk“ ist schließlich nicht gleich „Kalk“…

Teil 2 Wie wird Calciumcarbonat „verdaut“?
Wie spaltet sich das Cartbonat? Wie gelangt es in den Körper von Säugetieren und wie ist das bei Schildkröten?

Teil 3: Wozu brauchen Schildkröten Calciumcarbonat?
Warum ist es wichtig, dass Schildkröten ausreichend Calciumcarbonat bekommen?

Teil 4: Calcium und Phosphor – Wie gehört das zusammen?
Man darf das Eine nicht ohne das Andere sehen…

Teil 5:Calcium und Oxalsäure – alles Rhabarber?
Anmerkungen vor den fortgesetzten Warnungen vor zuviel Oxalsäure in der Nahrung.

Teil 6: Natürliche Calciumquellen
Wo finden sich in der natürlichen Ernährung von Schildkröten Spuren von Calcium?

Teil 7: Die Eierschalenfrage
Der Dauerbrenner: Soll man Eierschalen ins Gehege geben?

Teil 8: „Knochen kauen“
Knochen als Calciumquelle für Schildkröten.

Teil 9: „Knochen kochen“
Praktische Empfehlungen zum richtigen Abkochen von Knochen

Teil 10: Schulp – Die Wunderwaffe
Sepiaschulp – Die meistverbreitete Nahrungsergänzung

Teil 11: Schnckenhäuser, Muschelbruch, Perlen
Kristallines Calciumcarbonat für Schildkröten?

Teil 12: Algenkalk und Präparate aus Algenkalk
Alternative Calciumquellen.

4 Kommentare



  1. Unsere Schildkröten fressen den Schulp ohne Probleme. Sowohl den Eingeweichten, der nach ein paar mal Regen schon die Erdfarbe angenommen hat (ich würde den ja nicht mehr essen…) als auch den Frischen.

    Wir streuen auch immer etwas von dem Schulp über Zusatzfutter (Agrobs oder frischer Wiesenkräutermix). Wenn unsere Schildkröten das „Abschab“-Geräusch hören, kommen sie fix angelaufen um zu fressen. Vielleicht bilde ich mir das aber auch nur ein :-D

    Wir holen die Schulpe Kistenweise und brauchen sie dann langsam auf.


  2. Hallo!
    Ich hab festgestellt, daß bei unseren Schildkröten die Mengen des aufgenommenen Schulp ziemlich stark mit der Anzahl der produzierten Eier zusammen hängt, was ja auch logisch wäre!
    Im Gegensatz dazu haben unsere Griechenmännchen den Schulp in ihrem ganzen Leben noch nie angerührt, auch nicht das bei uns geschlüpfte und aufgewachsene männliche Jungtier.
    Die Weibchen nehmen umso mehr davon auf, je mehr Eier sie produzieren. Unsere größte Test. h.b. (über 60 Jahre!)hat jährlich 2-4 Gelege mit je 4 – 12 Eiern. Sie verschlingt Unmengen des Schulps, beißt große Stücke ab und würde wohl 1/2 Schulp auf einmal fressen! Die beiden anderen Griechenweibchen (2-3 Gelege, mit je 3-5 Eiern) sind deutlich zurückhaltender bei der Schulpaufnahme.
    Allerdings gibt es eine Besonderheit: Unser weibliches Test. g. ibera- Jungtier, das sich noch in der Wachstumsphase befindet und noch nicht legt, nimmt auch gerne den Schulp auf, aber in geringeren Mengen.
    Für mich paßt das alles sehr gut zusammen .
    Ich habe vor einigen Jahren einer TA-Doktorandin alle diese Daten für ihre Doktorarbeit zur Verfügung gestellt, darin ging es genau um dieses Thema.
    Gruß E.M. Braun


  3. Hallo, meine Thh fressen den Schulp nicht. Meine Sternschildkröte beißen ab, dass es nur so kracht, nicht immer aber von Zeit zu Zeit.
    Ansonsten gebe ich seit langem Knochen die nach einer längeren „Lagerzeit“ auch gern angeknabbert werden. Gruß Heinz Nather

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