Fundstücke: Joachim Schmettaus Bronzeplastik in Berlin

Am Breitscheidplatz in Berlin

Einst war er mitten im Zentrum – nein: Er war DAS Zentrum. Dann, in den 90er Jahren verlor er durch die eigentliche Mitte etwas an Bedeutung. Doch heute ist der Breitscheidplatz in Berlin-Charlottenburg wieder ein magnetischer Anziehungspunkt inmitten der pulsierenden Stadt, eingerahmt von Gedächtniskirche und Europa-Center und vom Verkehrslärm umspült. Täglich schlendern tausende von Passanten und Touristen zwischen den Verkaufs- und Imbissständen umher. Kaum eine Reisegruppe, die nicht an der Gedächtniskirche Station macht, kaum eine Schülergruppe auf Klassenfahrt, die nicht eines der umliegenden Fastfood-Restaurants ansteuert.

Joachim Schmettaus Reiterin
Geduldig über Jahrzehnte

Man trifft sich, sitzt auf den Steinstufen rings um die Kirche, schaut den Straßenmusikanten und –künstlern zu, genießt das Leben in der Großstadt. Ein Treffpunkt für Weltenbummler.
Und mittendrin in der quirligen Masse eine Schildkröte.
Was macht das Tier dort? Gehört es nicht eigentlich in das altehrwürdige Gebäude des Aquariums 500m weiter?
Dort, wo zahlreiche Artgenossen zu bewundern sind? Nein: Denn die Schildkröte auf dem Breitscheidplatz ist eine Bronzeplastik. Und sie fristet dort ein eher bescheidenes Schattendasein. Dabei war alles ganz anders geplant.
1983 entschied sich die Stadt Berlin zusammen mit der Bezirksverwaltung Charlottenburg, den Platz aufwändig neu zu gestalten. Er war – wie eingangs erwähnt – seit der Teilung das neue Zentrum West-Berlins. Die Architekten Ivan Krusnik und Oskar Reith entwarfen einen Weltkugelbrunnen aus rotem Granit mit zahlreichen Springbrunnen, Fontänen und anderen Wasserspielen.
Verziert wurde der Brunnen mit Bronzefiguren des Bildhauers Joachim Schmettau, der als Professor an der Berliner Hochschule der Bildenden Künste wirkte. Verteilt über den Breitscheidplatz finden sich weitere Bronzeplastiken Schmettaus. Im August 1983 wurde der Weltkugelbrunnen, den die Berliner „Wasserklops“ nennen, nebst dem Figurenensemble „eröffnet“. Umgerechnet 2.8 Millionen Euro hat sich damals die Stadt Berlin das Kunstwerk kosten lassen.
Rund 25 Jahre später: Alle Skulpturen stehen noch immer an ihren Plätzen, der Zahn der Zeit hat wenig an ihnen genagt, die Bronze ist von Patina überzogen. Die weit verbreitete Respektlosigkeit gegenüber Kunstwerken im öffentlichen Raum hatte zur Folge, dass die Figuren immer wieder mit Aufklebern übersäht wurden. Zwar werden diese hin und wieder entfernt, doch schon bald prangt ein neuer Sticker auf der Bronze.
Lediglich der Kopf glänzt noch immer wie am ersten Tag – wie in vielen Städten ist es auch in Berlin Brauch, im Vorbeigehen einer Bronzestatue über den Kopf zu streichen, auf dass es Glück bringe und man an diesen Ort zurückkehren möge.

Während die Touristen zumeist achtlos in Scharen an dieser und den meisten anderen Skulpturen vorbeimarschieren, trägt die Schildkröte seit Jahren stoisch und unerschütterlich ihre Last: Eine Frau reitet auf ihrem Panzer. Schmettau nimmt damit Bezug auf das unbekümmerte Reiten auf Schildkrötenpanzern, wie es gang und gäbe war und z.B. in dem Reisetagebuch Charles Darwins geschildert wird. Ebenso gibt es unzählige Bilder von Strandurlaubern, die sich auf den Rücken großer Meeresschildkrötenweibchen haben ablichten lassen. Und noch in den 70er Jahren war es eine begehrte Attraktion für Kinder in den Zoos und Tierparks, sich auf den Rücken einer Riesenschildkröte zu setzen. Ebenfalls meist umgehend als Schnappschuss für das Familienalbum auf Film gebannt.
Joachim Schmettaus Schildkröte jedoch weist noch ein paar weitere Besonderheiten auf. Unzweifelhaft hat sie zwischen Ober- und Unterkiefer etwas klemmen. Aus dem Mund ragt etwas heraus, fast möchte man meinen, es wirkt so lässig, als könne es nur ein Glimmstängel sein…
Ihr zu Füßen, in Bronze gegossen, findet sich ein japanisches Gedicht dessen Urheberschaft unbekannt ist. Joachim Schmettau hat sich durch diesen Haiku, das aus drei Gruppen von jeweils fünf, sieben und wieder fünf Silben besteht und zu den ältesten und kürzesten Lyrikformen der Weltliteratur gehört, inspirieren lassen: In deutsch liest sich das Haiku:

 

Das Haiku
Gestreichelt, um wiederzukommen.

Die verrinnende Zeit ist es dann auch, die Schmettau mit seiner Plastik darstellen wollte, will man den wenigen Quellen trauen, die sich zur Interpretation dieses Werkes heranziehen lassen (u.a. Peter Youngs Buch „Tortoise“, London 2007). Die Frau steht symbolisch für die Menschheit, die sich langsam aber stetig fortbewegt im Verlauf der Zeitalter. Am Rande bemerkt sei, dass Joachim Schmettau offensichtlich zu wenig über die Geschwindigkeiten wusste, die Schildkröten erreichen können. Sogar mit Reiter, wie man den durchaus verlässlichen Aufzeichnungen Darwins entnehmen darf. Und so trägt Schmettaus Schildkröte sicherlich noch über die kommenden Jahrzehnte ihre Reiterin. So wie viele andere steinerne Schildkröten als Verzierungen in asiatischen Tempeln Säulen auf ihrem Panzer tragen; oder sogar den ganzen Weltenberg.
Aber das wäre schon wieder ein anderes Fundstück…

Text und Fotos: Lutz Prauser

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