Calciumernährung (#8): „Knochen kauen“

Nachdem in der vergangenen Folge die Frage, ob Eierschalen nun ein geeignetes Nahrungsergänzungsmittel sind, mit einem verhaltenen „Nein“ beantwortet wurde, stellt sich die Frage nach Alternativen. Was sollen Schildkrötenhalter ihren Tieren denn nun anbieten?

Wie wäre es denn mal mit Knochen?

Das mag Sie vielleicht im ersten Moment etwas verwundern. Viele Halter, vor allem Einsteiger mögen sich jetzt irritiert fragen, wieso denn das und wie geht denn das?… Dazu möchten wir in diesem und in dem kommenden Beitrag ein paar Informationen geben:

Mai 2011, Korsika: Es hat sich zum Abend hin abgekühlt, es war ein heißer Tag. Die Pfingstferien verbringen wir auf Korsika. Nicht nur, aber auch der Schildkröten wegen. Am Spätnachmittag entscheiden wir uns, noch einen kleinen Spaziergang durch die Garrigue zu machen. Nicht auf der Suche nach Schildkröten, denn wir erwarten sowieso nicht, sie zu dieser Uhrzeit noch irgendwo zu finden. Die Kamera ist schnell geschultert und wir erkunden einen wunderbaren Landstrich, in dem es Schildkröten geben soll. Gesehen haben wir sie aber noch nicht.
Es riecht etwas streng, als wir um eine Ecke biegen. Der Geruch lässt keinen Zweifel zu: Irgendwo liegt ein verendetes Tier in der Sonne. Und so ist es dann auch:
Zwar finden wir kein verendetes Tier, aber doch einige Knochen. Ein paar Fleischreste hängen auch noch daran. Nicht gerade appetitlich…

Funde dieser Art sind nichts Ungewöhnliches in der Natur, auch nicht in Schildkrötenhabitaten. Auch wenn wir es selbst nicht beobachten konnten, gibt es doch umfangreiche Nachweise und Beobachtungen, dass Europäische Schildkröten an Knochen, die sie in Habitaten finden, nagen. WolfgangWegehaupt schreibt in seinem Buch „Europäische Schildkröten“: Auch die in der Macchia verstreuten Knochen verendeter Wildtiere werden von den Schildkröten als Kalkquelle genutzt. Die Schildkröten nagen mit unendlicher Ausdauer an den Knochen, wie wir es sonst nur von Hunden kennen (Wegehaupt, 2012. S. 122f). Dazu liefert er auch ein Foto, auf dem eine an einem Knochen nagende Schildkröte zu sehen ist. Knochen stellen in den Habitaten eine natürliche Calciumquelle für Schildkröten dar. Und das nicht ohne Grund: Zum einen sind sie für die Tiere erreichbar/auffindbar. Zum anderen besteht die Substanz von Knochen genau aus dem, was für Schildkröten unbedingt notwendig ist:

– ca. 70% anorganische Substanzen
– ca. 8% Wasser (was sich natürlich verliert)
– ca. 22% Gewebe

Ca. 60% der anorganischen Substanzen bestehen aus Calciumsalzen (also auch Calciumcarbonat), Knochen enthalten allerdings auch phosphorhaltiges Hydroxylapatit Ca10(PO4)6(OH)2.

Und auch Phosphor ist, wie wir in Teil 4 der Serie bereits geschildert haben, ein lebenswichtiges Element. Zu diesem Thema schrieb mir Hans-Jürgen Bidmon, Redakteur der Zeitschrift „Schildkröten im Fokus“: Das Calzium-Phosphor-Verhältnis bezieht sich in der Regel auf dieses Verhältnis der beiden Ionen zu einander und nicht auf die Absolutmengen. In Wirklichkeit ist außer in tierischen Geweben in der Natur und Umwelt der Phosphatgehalt bei der Ernährung von Tieren ein viel stärker limitierter Faktor als z.B. Calcium, auch weil Phosphat leicht ausgewaschen wird und in tiefere Bodenschichten verschwindet… In der allgemeinen Schildkrötenhalterdiskussion wird ja meist immer nur das Calcium betont, so dass man das Phosphat oft vergisst, wenn also Herbivore das Calcium, das sie mit phosphatarmen Pflanzen aufnehmen, nutzen wollen, müssen sie von phosphatreichen Pflanzen entsprechend mehr fressen. Im Freiland ist es gar nicht so leicht an optimale Phosphatmengen zu kommen. Diesbgl. hilft hier manchmal auch das Nagen an Knochen oder das Fressen von Schnecken mehr.

Die von Wegehaupt geschilderte Hingabe, mit der Schildkröten stundenlang an Knochen nagen, lässt sich in der eigenen Haltung sehr einfach beobachten; indem man den Tieren Knochen zum Nagen anbietet:

 

Stunden verbringen sie damit, an den Knochen herumzunagen, immer wieder steuern sie die Knochenstücke an, die ich in meinem Gehege verteilt habe. Einmal platziert, lasse ich sie einfach wo sie sind, auch den Winter über. Eindrucksvoll zeigt dieses Knochenstück, das etwa zwei Jahre in einem Gehege mit sechs Griechischen Landschildkröten gelegen hat, wie es nicht nur von der Witterung immer poröser wird, sondern wie es systematisch von den Tieren abgenagt wurde. Im unteren Bereich ist sehr deutlich zu sehen, an welcher Stelle die Schildkröten immer wieder zum Nagen angesetzt haben. Das ursprüngliche Knochenstück hat in dieser Zeit etwa die Hälte seiner Größe eingebüßt.

Knochen im Gehege haben neben der Calciumversorgung noch einen weiteren sehr entscheidenden Vorteil. Sie wirken nachhaltig der Bildung von „Papageienschnäbeln“ entgegen, also jenen Verwachsungen am Oberkiefer, die entstehen, wenn Schildkröten nur weiche Kost bekommen und nichts zum Nagen haben. Allerdings gilt hier auch, besonders bei Jungtieren das Nagen an Knochen zu beobachten. Es gibt Berichte von Haltern, dass besonders Jungtiere sich mehr als notwendig  die Hornscheide abgewetzt haben.

Sie müssen, wenn Sie Ihren Schildkröten Knochen anbieten möchten, nicht auf Handelspräparate aus dem Zoofachgeschäft zurückgreifen. Knochenmehl, wie Sie es zum Beispiel als Futterzusatz in der Hundeernährung kennen,  müssen Sie nicht erwerben. Ohnehin hilft die pulverisierte Form Ihnen nicht, denn Schildkröten würden dieses sowieso nur „mit“fressen, wenn Sie es über die Pflanzen streuen. Sinnvoller ist es, den Schildkröten ausreichend Calciumquellen anzubieten, an denen sie sich „ab“arbeiten müssen und selbst dosieren können, wie viel Calcium sie benötigen.

In dem kommenden Beitrag werden wir Ihnen ein paar praktische Hinweise geben, wie Sie Knochen „gehegetauglich aufbereiten“.

Text und alle Fotos: Lutz Prauser

Alle Teile im Überblick und mit direkter Verlinkung in die Beiträge:

Teil 1: Was ist Kalk
Dieser Teil beantwortet im wesentlichen, was dieser „Kalk“ eigentlich ist, den Schildkröten zu dringend benötigen. „Kalk“ ist schließlich nicht gleich „Kalk“…

Teil 2 Wie wird Calciumcarbonat „verdaut“?
Wie spaltet sich das Cartbonat? Wie gelangt es in den Körper von Säugetieren und wie ist das bei Schildkröten?

Teil 3: Wozu brauchen Schildkröten Calciumcarbonat?
Warum ist es wichtig, dass Schildkröten ausreichend Calciumcarbonat bekommen?

Teil 4: Calcium und Phosphor – Wie gehört das zusammen?
Man darf das Eine nicht ohne das Andere sehen…

Teil 5:Calcium und Oxalsäure – alles Rhabarber?
Anmerkungen vor den fortgesetzten Warnungen vor zuviel Oxalsäure in der Nahrung.

Teil 6: Natürliche Calciumquellen
Wo finden sich in der natürlichen Ernährung von Schildkröten Spuren von Calcium?

Teil 7: Die Eierschalenfrage
Der Dauerbrenner: Soll man Eierschalen ins Gehege geben?

Teil 8: „Knochen kauen“
Knochen als Calciumquelle für Schildkröten.

Teil 9: „Knochen kochen“
Praktische Empfehlungen zum richtigen Abkochen von Knochen

Teil 10: Schulp – Die Wunderwaffe
Sepiaschulp – Die meistverbreitete Nahrungsergänzung

Teil 11: Schnckenhäuser, Muschelbruch, Perlen
Kristallines Calciumcarbonat für Schildkröten?

Teil 12: Algenkalk und Präparate aus Algenkalk
Alternative Calciumquellen.

6 Kommentare


  1. Gruesse aus den sonnigen, atlantischen Terrapenegefilden.

    Das selbst das Blattgruen und oder die Staengeldicke Phosphormangel anzeigen kann jeder auch ohne online Zugang zu einer wissenschaftlichen Bibliothek googlen.

    Da das Minimumgesetz auch fuer Wuestenpflanzen gelten sollte scheint also die Wuestenschildkroete Minneralgehalt von Futterpflanzen und Bedarf trotz Futteraufnahme nur schwer in Einklang bringen zu koennen. Ein typischer Fall von Reality versus abstract (probably incomplete) logic!


  2. Hallo

    > Deshalb ist ein Phosphatmangel auch bei unseren Böden durchaus möglich,

    Das ist vage und wenig auf Schildkröten bezogen formuliert. Natürlich kann es zu Phosphatmangel für die Pflanzen kommen. Sie wachsen dann etwas schlechter. Aber man kann daraus noch nicht schließen, dass auch die Schildkröte einen Phosphormangel in der Nahrung erfährt. Denn das würde voraussetzen, dass die Pflanze nicht einfach schlechter wächst, sondern bei Phosphatmangel im Boden einen relativen Phosphor-Mangel in der Blattmasse aufweist. Können Sie mir eine Literaturstelle nennen, dass das so ist? Gilt hier nicht Liebigs Minimumgesetz?
    Wenn eine Schildkröte dagegen sehr viele Hibiskusblüten frisst und gleichzeitig NUR Knochen als Mineralstoffergänzung bekommt, dann hat sie garantiert einen relativen Kalkmangel in der Nahrung, den sie nicht ausgleichen kann! Das sollte bei einem Artikel über Knochen erwähnt werden.

    Gruß, Editha K.


  3. Nun kann man ja Kalk anbieten, dass hat bislang auch niemand ernsthaft bestritten und die Beigabe von Kalk bzw. mineralhaltigen, fressbaren Ergänzungsfutter ist vielfach beschrieben.
    Allerdings bleibt die Frage bestehen, ob ungedüngte natürliche Gartenböden wirklich lösliche, bioverfügbare Phosphate in ausreichenden Mengen speichern können? Denn Phosphat wird nun mal leicht ausgewaschen und dort wo es mit dem Wasser nicht oberflächlich abfließt zieht es mit dem Wasser in tiefere Bodenschichten die zwar von tief wurzelnden Pflanzen noch erreicht werden aber langfristig nicht mehr von den wesentlich flacher wurzelnden 1-2 jährigen Kräutern, die ja meist das Hauptfutter für Europäische Landschildkröten darstellen. Deshalb ist ein Phosphatmangel auch bei unseren Böden durchaus möglich, insbesondere dann wenn es sich um lockere Sandböden handelt, denn selbst hier werden Phosphate sehr schnell aus der vergleichsweise dünnen oberflächlichen Humusschicht ausgewaschen. Was ist denn letztendlich der Unterschied zwischen dem Boden auf dem Feld und jenem im Garten? Viele unserer Neubausiedlungen stehen sogar auf ehemaligen landwirtschaftlich genutzten Flächen. Schaut man sich so manches für das menschliche Auge schön hergerichtete publizierte oder online – gestellte Landschildkrötengehege an erkennt man unschwer, dass der Rasen oder wenn vorhanden das Wiesen-Wildkräuterstück gemäht ist und der Schnittabfall nicht als Mulch zum verrotten liegengelassen wurde. Letzteres wäre aber nötig wenn sich Humus bilden soll oder wenn zumindest, der in den Pflanzenschnitt vorhandene freie verfügbare Phosphor auch den nachwachsenden Pflanzen wieder zur Verfügung stehen soll. Warum es unter solchen Bedingungen zum Phosphormangel kommt können sie heute schon im Internet oder bei Wikipedia nachlesen, das braucht man hier nicht noch mal ausführen. Gerade diese „deutsche“ Garten- und Gehegeordnung, die eher unser menschliches Auge befriedigen soll als den Tieren das Gehege verbessern, gepaart mit restriktiver Düngung (könnte ja für die Tiere schädlich sein) bedingt ja häufig auch hierzulande so manche Mangelsituation (nicht nur für freien bioverfügbaren Phosphor). Manchmal hat man es da bei tropischen Arten sogar leichter weil eine Strahlenschildkröte ihre Wiese selber kurz hält während auch ich bei meinen Europäern sicher 3-4 mal im Jahr, dass was sie nicht fressen mähen muss. Meist lässt man ja auch den Kot der Tiere nicht im Gehege verrotten. Es ist also kein Wunder wenn unsere Schildkröten auch hierzulande in ihrem Gehege das eine oder andere phosphatreiche Kohlrabiblatt oder ein Stück rote Paprika oder gar Raps vom gedüngten Feld klasse finden. Ja und wer den ganzen Frühling und Sommer lang sein Futter optimal mit hauptsächlich Calciumcarbonat in Form von Kalkstein, Sepiaschulp und oder Muschelgrit ergänzt bekam für den mag es ja auch durchaus sinnvoll sein seine auf Mineralien bezogene Jahresbilanz mit phosphatreichen Hibiskusblüten etwas auszugleichen. Ganz nebenbei Schlüpflinge gedeihen mit Hibiscusblüten als Ergänzungsfutter hervorragend! Tja und schaden tut es unter diesen Bedingungen dann auch nicht wirklich. Was aber hier bezogen auf das obige Thema mehr zählt ist doch die Frage woraus können die Schildkröten am besten ihr notwendiges Calciumphosphat gewinnen aus angewitterten Knochen (Ca5(PO4)3(OH)) oder aus dem im Boden und anderen Produkten vorhandenen schwerer löslichen Calciumcarbonat (CaCO3)? Was nicht heißen soll, dass sie nicht auch Calciumcarbonat bräuchten, man denke nur an die Schildkröteneierschale welche die adulten Weibchen zumindest während der Nistsaison synthetisieren müssen. Leben ist doch eine ganzheitliche Angelegenheit die auch in Bezug auf die Gesund- und deren Aufrechterhaltung eine etwas holistischere Betrachtung der Sachverhalte erfordert. Nebenbei bemerkt habe ich mich auch nur zu diesem Diskussionsbeitrag entschlossen weil ich finde, dass man doch mal ernsthaft über die Befunde der neuesten Publikation: Gramanzini, M., N. Di Girolamo, S. Gargiulo, A. Greco, N. Cocchia, M. Delogu, I. Rosapane, R. Liuzzi, P. Selleri & A. Brunetti (2013): Assessment of dual-energy x-ray absorptiometry for use in evaluating the effects of dietary and environmental management on Hermann’s tortoises (Testudo hermanni). – American Journal of Veterinary Research 74 (6): 918–924, siehe auch Kommentar bei Schildkröten im Fokus online Archiv) im Sinne der Aufzucht nachdenken sollte. Denn diesbezüglich wundert es mich doch ziemlich, dass die Vertreter der meist verbreiteten online-Sekundärliteratur z.B. A. C. Highfield Promoting Proper Bone Development, http://www.tortoisetrust.org/articles/calcium.htm zitiert am 19. 07. 2013 selbst für Wüstenspezies etwas anderes propagieren als die Leute die sich wirklich die Mühe machen echte wissenschaftliche Untersuchungen durchzuführen siehe z.B. Hazard et al., (2010 s. unten) aber während sie auf das zitieren der wissenschaftlichen Literatur gerne verzichten, alle die Seiten und Forenempfehlungen die zwar ins Bild passen, aber unbewiesene Meinungen darbieten als Literatur anfügen.

    Hazard, L. C. ; Shemanski, D. R.; Nagy, K. A. (2010) Nutritional Quality of Natural Foods of Juvenile and Adult Desert Tortoises (Gopherus agassizii): Calcium, Phosphorus, and Magnesium Digestibility. JOURNAL OF HERPETOLOGY 44(1): 135-147. Hier nur ein Zitat aus der Zusammenfassung: Comparisons of nutrient availability to estimated requirements for growth by juveniles and for egg production by adult females suggest that phosphorus is more limiting than calcium or magnesium and that calcium may pose a significant osmotic challenge for excretion in this desert species. Der Vergleich von Nahrungsverfügbarkeit mit den Bedürfnissen für Wachstum und Eiproduktion der adulten Weibchen legt nahe, das Phosphor begrenzter zur Verfügung steht als Calcium und Magnesium und dass Calcium eine signifikante osmotische Belastung in Bezug auf die Exkretion für diese Wüstenspezies darstellt.

    Sicher auch das ist keine Europäische Landschildkröte, aber darüber nachdenken sollte man schon.

    MfG, H.-J. Bidmon


  4. Hallo,

    oh, hier ist eine Antwort gekommen, die ich übersehen hatte….

    Gelegentliches Fressen von Blüten ist sicherlich kein Problem und völlig natürlich, vermutlich sogar sehr gut. Im Rahmen einer abwechslungsreichen Ernährung wird so auf längere Sicht der Mangel des einen Futters durch ein Überangebot im anderen ausgeglichen. Allerdings sollte man beim Verfüttern von Hibiskusblüten bedenken, dass unsere Zierpflanzen auf unnatürlich große Blüten gezüchtet sind und auch länger im Flor stehen, als das in den Biotopen europäischer Landschildkröten der Fall ist. Dazu kommt, dass Hibiskus gerade in einer Zeit blüht, in der Wildkräuter aufgrund von sommerlicher Hitze und Trockenheit auch bei uns eher spärlich sind. Während Salat aufgrund seiner Nährwerteigenschaften in der Szene verpönt ist, gibt es aber nach meiner Erfahrung keinerlei Bewusstsein dafür, dass auch Hibiskusblüten ein ungünstiges Ca/P Verhältnis und einen geringen Fasergehalt haben. Bei noch schlechteren Nährwerteigenschaften als Salat, gelten sie als hervorragendes Futter. Hibiskusblüten werden also häufig – ohne irgendwelche Bedenken – in großen Mengen gefüttert. Vermutlich ist das auch kein Problem (sonst würde ich nicht auch Büten in Mengen verfüttern), solange eben Kalziumergänzung zum Ausgleich zur Verfügung steht. Das ist aber bei Knochenfütterung, um die es hier ging, höchstwahrscheinlich nicht der Fall. Man sollte bei der Empfehlung Knochen zu füttern also unbedingt dazu schreiben, dass zusätzlich auch noch reiner Kalk angeboten werden sollte, und sei es nur aus Vorscht…

    Zu der selektiven Aufnahme von phosphatreichen Pflanzenmaterial bei Psammobates: Es steht ja außer Frage, dass Phosphor benötigt wird, und in Gegenden mit wenig Humus im Boden, wie das bei kargen Böden der Fall ist, wird diese Ressource vermutlich kostbar sein. Die selektive Aufnahme von phosphorreichem Futter in Phosphor-Mangelgegenden wäre damit vergleichbar zur selektiven Aufnahme von Kalk bei kalziumarmer Nahrung. Aber unsere fruchtbaren Böden in Deutschland haben meist nur dann einen Phosphormangel, wenn sie intensiv bewirtschaftet werden, was in unseren Freigehegen ja nicht der Fall ist.

    Zu der Frage, ob Schildkröten instinktiv fressen, was für sie gut ist: Unter natürlichen Bedingungen und auf den Durchschnitt einer Population gerechnet, wird das sicher so sein. Ob das auf jedes Individuum, noch dazu in Gefangenschaft gilt, wage ich zu bezweifeln. Sie fressen ja auch gerne und viel Salat und Erdbeeren oder noch schlimmeres, ohne dass wir das als instinktiv klug bezeichnen würden. Wenn sie aufgrund von spärlichem Wildkräuterangebot sehr viele Hibiskusblüten fressen, brauchen sie meines Erachtens reinen Kalk als Nahrungsergänzung und nicht (nur) Knochen.

    @ Lutz, wäre es machbar, eine Email-Nachricht zu bekommen, wenn zu einem älteren Kommentar eine Antwort eingeht?

    Gruß, Editha


  5. Das Ca/P-Verhältnis von Blüten mag zwar nicht ideal sein aber letztendlich kommt es ja bei einer gemischten Ernährung nicht auf das Verhältnis sondern auf die absolut aufgenommenen wirklich im Darm resorbierbaren Mengen an, die dann einen möglichst optimalen Spiegel einstellen. Da selbst aus der wissenschaftlichen Literatur das Fressen von Blüten bei Landschildkröten vielfach bekannt ist sollte man sich lieber fragen warum dem so ist? Oder wissen die Schildkröten nicht was sie tun? Die einzige Arbeit zu wild lebenden Landschildkröten bei der dazu eine Feststellung anhand der Beobachtungen getroffen wurde beschreibt, dass Psammobates geometricus neben einem hohen Eisengehalt auch selektiv Futterpflanzen mit hohem Phosphatgehalt selektiert Henen, B. T., M. D. Hofmeyr, R. A. Balsamo & F. M. Weitz (2005): Lessons from the food choices of the endangered geometric tortoise Psammobates geometricus. – South African Journal of Science 101 (9-10): 435-438. Wenn sich diese Autoren nicht vermessen haben bei ihren Analysen und davon gehe ich erst mal nicht aus, dann würde ich mich fragen warum dem so ist? Da diese gesamte Ca/P – Diskussion eine Diskussion ist die im Wesentlichen auf Befunde die an Säugetieren erhoben wurden basiert würde ich mich fragen ob das wirklich auch bei Herbivoren Reptilien aus semiariden Lebensräumen so ist wie es behauptet wird? Da ich mal davon ausgehe, das Psammobates über diese bei uns seit Jahren sehr theoretisch geführte Diskussion nichts gelesen haben wird, wird sie sich wohl rein instinktiv so verhalten, dass sie einen für sie optimalen Knochenaufbau über ihre Ernährung realisiert.
    Nun haben alle natürlich recht die sagen das ist keine Europäische Landschildkröte!
    Ich wäre aber wirklich allen die sich an dieser Diskussion beteiligen dankbar mir biochemische oder tierphysiologische Literatur zu benennen die anhand eindeutiger Untersuchungen und Messdaten belegt, dass für Landschildkröten die Verhältnisse wirklich so sind wie sie für einige Säuger einschließlich des Menschen oder einige homöotherme Geflügelspezies beschrieben worden sind. ja und selbst in Bezug auf den Menschen gibt es da ernährungsphysiologisch einige Probleme, da selbst wir bei vegetarischer Ernährung Schwierigkeiten haben sollten dieses Ca/P-Verhältnis zu gewährleisten. Die im Plasma gemessenen Werte hängen ja nicht nur von der Aufnahme per Os sondern auch von der anteilmäßigen Resorbierbarkeit im Darm ab.

    Als Praktiker habe ich gelernt mich an der Natur zu orientieren etwas was ich vielleicht als kleinen Tipp weiterempfehlen kann ohne jemanden Vorschriften machen zu wollen.

    MfG, Hans-J. Bidmon


  6. Hallo Lutz,

    deiner Aussage mit den Papageienschnäbeln möchte ich vehement widersprechen. Eine nach derzeitigem Empfehlungen gehaltene Landschildkröte braucht sich nicht den Schnabel zu wetzen. Das ist eine längst überholte Empfehlung aus Tagen schlechter allgemeiner Schildkrötenhaltung. Papageienschnäbel sind Zeichen eines KRANKHAFT-übermäßigen Hornwachstums, vermutlich aufgrund fehlender Ca- bzw. UV-Versorgung bei Jungtieren aus schlechter Terrarienhaltung. Ein gesundes Jungtier bekommt hingegen auch ohne harte Sepia und Knochen keine zu lange Hornschneide, nicht mal ansatzweise! Wer Probleme damit hat, muss dringend die Haltungsbedingungen optimieren und nicht nur an den Symptomen kurieren.

    Darüberhinaus habe ich wie viele andere Schildkrötenhalter festgestellt, dass gerade pulverförmiger Kalk besonders gern aufgenommen wird, keinesfalls nur, wenn er über das Futter gestreut wird. Ob das auch für Knochenmehl gilt, weiß ich nicht. Ich verfüttere aus generellen Erwägungen keine Knochen, denn sie bewirken so gut wie keine Verbesserung des Ca/P Verhältnisses der Gesamtnahrung. Meine Tiere fressen wie viele andere Landschildkröten aber sehr gerne und vergleichsweise viele Blüten, die ein katastrophal schlechtes Ca/P Verhältnis haben. Hibiskusblüten haben z.B. ein Ca/P von 0,15 : 1. Sie dürften eigentlich gar nicht verfüttert werden und sind doch bei vielen Haltern eine Hauptnahrung im Sommer. Diese Tiere sind auf eine Ca-Supplementierung angewiesen. Eine allgemeine Erhöhung der Mineralstoffaufnahme durch Knochen reicht nicht. Der Phosphorgehalt liegt bei Blüten nämlich ähnlich hoch wie bei Blättern, nur der Ca-Anteil ist niedrig. Insgesamt ist Phosphor in vielen Gartenböden überreich vorhanden, da es anders als Kalk kaum ausgewaschen wird. Wie H-J. Bidmon auf die Aussage kommt, dass Phosphor ausgewaschen wird, würde mich interessieren. Phosphormangel entsteht nach meiner Recherche ausschließlich wenn große Mengen an Pflanzen geerntet und abtransportiert werden. Dann ist manchmal nicht ausreichend leicht verfügbares Phosphat vorhanden, weil ein schneller Umwandlungsprozess an bestimmte Bodenbedingungen geknüpft ist. Nur dann muss nachgedüngt werden, anderfalls gibt es weniger Blattmasse und der der wirtschaftliche Ertrag sinkt. Das ist in unseren Freigehegen aber nicht der Fall. Das großzügige Füttern von P reichen und Ca armen Blüten stellt das größere Problem für uns dar. Knochen helfen da aber nicht…

    Gruß, Editha

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