Gmelins Irrtum – Warum Griechische Landschildkröten und Testudo greaca nicht das Selbe sind…

Johann Friedrich Gmelin (1748-1804) auf einem zeitgenösssichen Stich
Carl von Linné (1707-1778) auf einem Gemälde von Alexander Roslin

Alles begann mit einem großen Irrtum
1735 hatte der schwedische Mediziner und Naturforscher Carl von Linne (1707-1778) eine erste „Systema naturae“ herausgegeben, eine umfassende Zusammenstellung der damals bekannten Arten nebst Beschreibung. Es sollte ein bahnbrechendes Werk werden, das sich so großer Nachfrage erfreute, dass Linne es wieder und wieder überarbeitete und mit der 10. Auflage 1758 zugleich die wissenschaftliche Nomenklatur bestehender Arten begründete. Seit diesem Zeitpunkt wurden und werden in der Wissenschaft alle Pflanzen und Tierarten mit zweiteiligen weltweit gültigen lateinischen Artnamen bezeichnet – der erste Teil des Namens bezeichnet die Gattung, der zweite (das Epitheton) die Art, ein dritter Teil kommt nur zur Spezifizierung der Unterarten hinzu.
In dieser „Systema natruae“ hat Carl von Linne den Landschildkröten die Gattungsbezeichnung Testudo zugeordnet, für die Griechische Landschildkröte wählte er das Epitheton Graeca (latein: Griechenland). Die Folge: Die Griechische Landschildkröte wurde zur Testudo graeca, LINNE 1758. Die Nennung des Erstbeschreibers und des Beschreibungsjahres gehört in der wissenschaftlichen Artbezeichnung hinzu. Eine Terra Typica für diese Art also gab er allerdings nicht an. Ein lebendiges Tier hat Linne bei seiner Beschreibung nicht vorgelegen. Für diese Griechische Landschildkröte (die keine war), er sie aber als solche einschätzte, lag nun eine Erstbeschreibung vor. Dieser Irrtum, blieb die nächsten dreißig Jahre unaufgeklärt und hat letztlich dazu geführt, dass es diesen wissenschaftlichen Namen noch heute gibt, und zwar für Testudo graeca und ihre zahlreichen Unterarten, obwohl sie keineswegs in Griechenland daheim sind. Denn das Verbreitungsgebiet der Testudo graeca und ihrer mittlerweile beschriebenen zahlreichen Unterarten erstreckt sich vom nordwestlichen Afrika (T. graeca soussensis) über den nahen Osten, den östlichen Balkan und die Türkei bis in den Iran. Näheres dazu findet sich in der Zeitschrift Draco (Heft 32: Mediterrane Landschildkröten, 2007)

Jean Hermann (1738-1800), Kupferstich von Christophe Guerin
Oskar Boettger (1844-1910) auf einer zeitgenössischen Fotografie

Nur eben in Griechenland gab und gibt es die Testudo graeca nicht; lediglich für den äußersten Zipfel im Nordosten sind Tiervorkommen dokumentiert. Während inFrankreich 1788 die Revolution gärte und 1789 zum Ausbruch kommen sollte, arbeitete im beschaulichen Göttingen der Universitätsprofessor Johann Friedrich Gmelin (1748-1804) an einer Neuausgabe der „Systema naturae“ von Carl von Linne. Es sollte, zehn Jahre nach dessen Tod eine 13. völlig neu überarbeitete Edition entstehen. Gmelin plante eine noch umfassendere Gesamtdarstellung der existierenden Tier- und Pflanzenarten, nebst wissenschaftlicher Beschreibung und Verzeichnis der existierenden Unterarten. Dabei bediente er sich nicht nur des Ursprungswerks von Linne, sondern zog zahlreiche Veröffentlichungen anderer Naturwissenschaftler zu Rate.
Wie Linne war auch Gmelin studierter Mediziner, so lag es nahe, dass beide eine wesentlich engere Bindung zu Pflanzen und ihren Wirkstoffen als zur Tierwelt hatten. Gmelin hatte zwar zahlreiche Schriften veröffentlicht, sich sogar mit einer Studie über „Wurmtrocknis“ erstmals an einem zoologischen Thema versucht, aber er war mit der Fauna bei weitem nicht so bewandert wie mit der Flora.
1788 erschien seine Neuauflage der „Systema nature“ – und schon ein Jahr später stand Gmelin vor dem Dilemma:
Er wurde mit einer ganz anders aussehenden Griechischen Landschildkröte, die nun wirklich aus Griechenland stammte, und die sich im Besitz des Straßburger Naturforschers, Arzt und Zoologen Jean Hermann (1738-1800) befand, konfrontiert. Nur passte dieses Tier so gar nicht in seiner Art zu Linnes Beschreibung der Testudo graeca. Gmelin musste eine Erstbeschreibung anfertigen und die Art neu benennen. Was tun?
Der Artname Testudo graeca war ja bereits vergeben.
Gmelin entschied sich, diese neue, von ihm erstbeschriebene Art Testudo hermanni zu benennen, seinem Kollegen, Jean Hermann zu Ehren. Und schon wieder – wie sich später herausstellte –schlich sich ein Fehler ein, denn Gmelin beschrieb die östliche Unterart, die heute unter dem Namen Testudo hermanni boettgeri bekannt ist.
Denn die Art Testudo hermanni hermanni – zwischenzeitlich mehrfach umbenannt – spaltet sich in zwei Unterarten aufmehrfach umbenannt – spaltet sich in zwei Unterarten auf: Die westliche (T.h.h.) und die östliche (T.h.b.).
Den dritten Namensbestandteil trägt die „Ostrasse“, seit sie 1889 von August von Mojsisovics beschrieben wurde, zu Ehren desFrankfurter Herpetologen Oskar Boettger (1844-1910), einem der herausragenden Persönlichkeiten des Forschungsinstitutes und Naturmuseums Senckenberg.
Wie einfach hat es da die Breitrandschildkröte Testudo marginata. Wurde sie doch einfach nach ihrem breiten Rand nach dem lateinischen margo, marginis = Rand benannt….
Bleibt die Herkunft des Wortes Testudo zu entschlüsseln.

Testudo-Formation römischer Legionäre, abgebildet auf der Trajan-Säule (errichtet 113 n. Chr.).

Schon im antiken Rom wurden Schildkröten als Testudo bezeichnet, doch teilt dieser sich seine Wortwurzel mit testis = Hoden. Da die lateinische Umgangssprache keiner allzu präzisen Wissenschaftlichkeit unterworfen war, ist testis auch auf junge, aktive Männer übertragen worden und fand damit Eingang in die Soldatensprache. Dort wurde eine militärische Formation, bei der Soldaten beim Vorrücken auf eine Befestigungsanlage eine ganz bestimmte Aufstellung nahmen, ebenfalls testudo genannt. Bei dieser Testudo-Formation hielten die äußeren Soldaten ihre Schilder seitlich, die inneren die Schilder hingegen über ihren Kopf. So war die Einheit rundum unter einem „Panzer“ vor Pfeilen und geschleuderten Steinen geschützt. Eben fast wie eine Schildkröte. Welche Schildkröte aber nun nach welcher benannt wurde, die echte nach der militärischen oder umgekehrt, ist nicht zweifelsfrei geklärt. Übrigens: Der eckige Schutzschild der römischen Legionäre wurde -wie auch die Hornschuppe bei Reptilien – scutum genannt.

Text: Lutz Prauser

2 Kommentare


  1. Hallo Lutz

    man liest immer wieder mal, dass Linnaeus einen Fehler gemacht habe, weil Testudo graeca, die griechische Schildkröte, gar nicht in Griechenland vorkomme. Aber wie sollte er vor 250 Jahren wissen, wo das heutige Griechenland liegt…:-))

    Zu seiner Zeit gab es dort das Osmanische Reich, davor das Byzantinische/ Römische Reich und irgendwann das Antike Griechenland, das fast immer große Teile des Verbreitungsgebietes von Testudo graeca beinhaltete. Darauf wird er sich wohl bezogen haben.

    Der eigentliche Irrtum lag wohl eher darin, dass er damals die Art anhand eines algerischen Tieres beschrieben haben muss, sonst wäre später wohl eine andere Unterart zur Nominatform geworden.

    Grüßle, Editha


  2. Der Artikel erschien erstmals im Online Magazin TESTUDO WELT im September 2009.

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