Schildkröten im Mittelalter – Das Höllentier

„Finster war das Mittelalter“.

Birgitta Birgersdotter, Birgitta von Schweden (1303 – 1373), Abbildung einer mittelalterlichen Miniatur

Der Ruf, den die Schildkröten im Mittelalter hatten, unterscheidet sich kaum von dem in der Antike, ja, er ist sogar noch schlechter geworden. Naheliegend, dass der schlechte Ruf, den die Schildkröten hatten (z.B. hier zu lesen im Teil über Ciceros Rätsel ) sich auf das Christentum übertragen hat. Die Mosaiken von Aquileia sind da nur ein Beispiel. Und auch die beiden Kirchenväterzitate von Ambrosius und Hieronymus über Schildkröten wurden bereits mehrfach in dieser Serie erwähnt:
Die Schildkröte wird nämlich, während sie lebt, vom Schlamm bedeckt. Ist sie aber gestorben, wird ihr Panzer zum Singen und zur Schönheit einer frommen Kunst zubereitet, so dass sie zu dem taktmäßigen Rhythmus der Akkorde ihrer sieben Töne erklingen lässt. Entsprechend lebt der Mensch, so lange er für die leiblichen Verlockungen lebt, gleichsam im Schlamm und im Abgrund der Lüste. Stirbt er aber in Hinsicht seiner Triebhaftigkeit und Zügellosigkeit, so erlangt er sein wahres Leben, und er beginnt den süßen Gesang guter Werke hervorzubringen.“, schreibt der Mailänder Kirchenvater Ambrosius (339-397).
Die christliche Literatur greift das Motiv der verdammten Schildkröte wieder auf.
Birgitta Birgersdotter, Birgitta von Schweden (1303 – 1373) gehört zu den großen Mysterikerinnen des Hochmittelalters. Viele ihrer Werke, vorwiegend Visionen, sind erhalten geblieben. In einer ihrer niedergeschriebenen Offenbarungen beschäftigt sie sich mit dem Mailänder Bischof und Kirchenvater Ambrosius. Und sie übernimmt dessen Schildkröten-Allegorie. Dem von ihr geschätzten Ambrosius steht ein anderer Bischof entgegen, und diesen vergleicht sie mit einer Schildkröte. Fast wortgleich verwendet sie Ambrosius’ mittlerweile fast 1000 Jahre alten Formulierungen:
Jener andere Bischof aber ist einer Schildkröte ähnlich, welche in ihrem angeborenen Schmutze liegt und ihr Haupt auf der Erde hinschleift. So liegt er, belustigt sich am Greuel der Sünde und schleift sein Herz nach dem Irdischen, nicht zu dem Ewigen. (Clarus, Ludwig: Leben und Offenbarungen der Heiligen Brigitta. Regensburg 1888.)
Dieser Text ist ein hervorragendes Indiz dafür, dass sich die Texte von Ambrosius weit verbreitet und einen gewissen Rang in der christlichen Literatur eingenommen hatten. Und mit ihr verbreitet sich das Bild des Teufelstiers Schildkröte in Europa.
Generell finden sich sehr wenig Abbildungen von Schildkröten in den Gemälden, Tafelbildern oder Reliefs der mittelalterlichen Kunst. Das ist nicht weiter überraschend, sind doch die bevorzugen Themen mittelalterlicher Kunst Abbildungen biblischer Themen und Geschichten sowie Madonnen- und Heiligenbilder. Schildkröten spielen in diesen Themenkomplexen keine Rolle, allerhöchstens als Bestandteil eines Bestiariums, einer Ansammlung wilder und bedrohlicher, phantastischer, unterweltlicher, dämonischer Tiere.
Ein spannendes Beispiel bietet Der naturen bloeme, verfasst vom flämischen Schriftsteller und Übersetzer Jacob van Merlant (ca. 1225 – 1300). Das Werk gilt als erstes enyzklopädisches Kompendium in niederländischer Volkssprache. Nachdem sich van Merlant als Schriftsteller etabliert hatte, wagte er sich an eine lexikalische Zusammenstellung aller Lebewesen, eine Art Buch der Natur.
Auch Schildkröten sind van Merlant nicht unbekannt. Abschriften des Werkes – das Original ging verloren – zeigen mehrere bizarre Wesen. Interessanterweise ordnet er die Meeresschildkröte Tortuca, wie zum Beispiel auch die Robben, den Fischen zu. Davon unterscheidet er die Testudo, die er den Wassertieren und –ungeheuern zuordnet, und zu denen er notiert, dass diese Wasserschnecken aus Indien stammen, und sie so groß werden können, dass Menschen in ihren Schneckenhäuser wohnen und über dass Meer fahren können (Berteloot, Armand: Jacob van Maerlant Der naturen bloeme. München 1999).

Tortuca es der tortuen name,
een leelic dier ende ombequame.
Ende es onder serpente ghetelt
om dat soe crupet achter velt.
Ende leghet tusschen .ii. starke scilde,
die hare gaf die nature milde,
diemen qualike mach dore slaen.

Hare hovet es na die padde gedaen,
ghestert es soe alst scorpion.
Eier leghet soe alse hennen doen,
entie niet ghesont ne sijn.
Levende es soe sonder venijn,
mar doot, alse Ambrosius seghet:
die terdet dat die lendine leghet,
jofte hare herte, hi werdet gepijnt,
want hi blivet ghevenijnt.
Ganz und gar phantastisch sehen die Tiere aus, weit jenseits aller realistischer Abbildungen. Ihre Schilde sind Rüstungsschilden nachempfunden, die Beine ähneln mehr denen eines Vogels, der Kopf mehr dem eines Fisches. Bedrohlich, gefährlich wirken sie, Tiere des Meeres, Tiere der Unterwelt.
Nicht von ungefähr bezeichnet er sie als Wesen des Tartaros, der Unterwelt der griechischen Mythologie (Τάρταρος). Den Begriff Τάρταρος hat auch die griechische Bibel übernommen, im Neuen Testament bezeichnet es einen Abgrund oder einen höllenartigen Raum, in dem Gott die abgefallenen Engel, dien Dämonen verbannt hat.
Spätestens im Mittelalter also hat sich die Schildkröte ganz und gar zum Tier der Unterwelt, zu einem Höllentier entwickelt.
Die Sprachverwandtschaft der italienischen und portugiesischen Wörter für Schildkröte tartaruga sowie das spanische Tortuga mit dem altgriechischen Τάρταρος, tartaros, zeigen noch heute die Herkunft aus der Zeit, als die Schildkröte ein Höllentier war.
Allerdings muss man sich von der heute üblichen Vorstellung der Hölle als glutheißem Flammenort lösen und sich mehr an der orientalischen und altgriechischen Vorstellung einer Unterwelt orientieren: Ein tiefer, kalter, nasser Schlund, ein Abgrund. Ein Ort, in dem man nach mittelalterlicher Vorstellung auch die Heimat der Schildkröten vermuten konnte.

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