Calciumernährung (#6): Natürliche Calciumquellen

2006 schrieb Wolfgang Wegehaupt in seinem Buch „Natürliche Haltung und Zucht der Griechischen Landschildkröte“:  In ihrem natürlichen Habitat nehmen die Schildkröten den für sie lebenswichtigen Grundkalkbedarf bereits über die Futterpflanzen und das kalkhaltige Trinkwasser auf. Den hauptsächlich für die Jungtiere und die eierlegenden Weibchen zusätzlich benötigten Kalziumbedarf besorgen sich die Teire durch gezieltes Fressen von kleinen Kalksteinen, Schneckenhäusern, Eierschalen und Knochen. Nicht selten sind sogar Sepiaschalen in den ans Meer grenzenden Habitaten zu finden. (Wegehaupt, 2006. S. 199).

Anders als bei Tieren in menschlicher Obhut kümmert sich bei Wildtieren in ihrem Habitat niemand darum, ob Calcium in ausreichender Menge und in von den Tieren akzeptierten Darreichungsformen zur Verfügung steht. Und niemand achtet darauf, ob die Tiere auch ja nicht zu viel an oxalsäurehaltigen Pflanzen wie den Sedumarten des Mittelmeeres naschen und damit ihren Kalkhaushalt durcheinander bringen. Trotzdem gehören die klassischen Erkrankungen durch Calciummangel bei Wildtieren zu den absoluten Ausnahmefällen. In ihrem natürlichen Lebensraum regeln Schildkröten ihre Calciumvesorgung selbst – und dies instinktiv und zugleich höchst effizient. Wie machen sie das? Und vor allem womit? In Wegehaupts  Zeilen sind bereits die wichtigsten Calciumlieferanten, derer sich wildlebende Schildkröten bedienen, benannt: Calciumhaltige Pflanzen, kalkhaltiges Trinkwasser, sowie bei Bedarf, Kalksteine, Schneckenhäuser, Eierschalen und Knochen.

Einen entscheidenden Anteil zur Grundversorgung mit Calcium liefern für pflanzenfressende Landschildkröten tatsächlich die calciumhaltigen Pflanzen. Schaut man sich die Inhaltsstoffe einiger Pflanzen an, erweisen sich einige als wahre „Kalk“-Bomben:

Zwar ist diese Tabelle für die Ernährung für Rassekaninchen angefertigt worden, doch gibt sie auch für Schildkrötenhalter sehr gute Hinweise auf calciumhaltige Pflanzen, die in der Schildkrötenernährung wichtige Rollen spielen: Breit- und Spitzwegerich, Schafgarbe und eben Löwenzahn. Zu den calciumhaltigen Pflanzen gehören darüber hinaus auch Luzerne, Mohn und Brennnesseln, Pflanzen die teilweise auch in den Habitaten vorkommen und zum natürlichen Futterspektrum Europäischer Schildkrötenarten gehören.

Aber Achtung: „Zusätzlich sollten alle Tiere ausreichend Calcium angeboten bekommen. Calcium ist neben der Skelett- und Eischalenbildung auch für viele andere lebensnotwendige Prozesse im Körper wichtig. Dem Körper sollte Calcium im richtigen Verhältnis zu Phosphor zugeführt werden (etwa 2:1). Von ausgewachsenen Wirbeltieren und extrem calciumhaltigen Pflanzen (z.B. Lattuga-Salat, Kresse etc.) abgesehen, ist der Calciumanteil in der Nahrung allerdings alles andere als ausreichend. Hier muß Calcium ergänzt werden.“, schreibt der Düsseldorfer Tierarzt Kornelis Biron auf seiner Internetseite. Damit schreibt Biron allen Haltern pflanzenfressender Schildkröten ins Stammbuch: Sich allein auf die Calciumversorgung durch pflanzliche Nahrung zu verlassen, ist keinesfalls ausreichend. Dennoch empfiehlt es sich, den Ernährungsplan seiner Tiere mal daraufhin zu überprüfen, wie eigentlich die Inhaltsstoffe der Pflanzen sind. Ausführliche Informationen dazu finden sich unter anderem in Carolin Dennerts Standardwerk „Ernährung von Landschildkröten“ (Dennert, 2001).

Calciumzufuhr nurch durch Pflanzen?

Neben den Pflanzen spielt stark kalkhaltigehaltiges Trinkwasser auch eine Rolle bei der Calciumversorgung von Schildkröten in freier Wildbahn. Doch muss man sich  hier die Frage stellen, ob dies für die Schildkrötenhaltung sinnvoll und praktikabel umsetzbar ist, oder nicht. Viele Schildkröten gehören nun nicht gerade zu den „Vieltrinkern“.  Eine Anreicherung des Trinkwassers mit wasserlöslichen Calciumpräparaten kann nicht sicherstellern, dass Schildkröten in menschlicher Pflege ausreichend Calcium zur Verfügung haben. Ganz abgesehen davon steuern Schildkröten auf diese Art nicht „bewusst“ ihre Calciumaufnahme, indem sie bei Bedarf gezielt Calcium aufnehmen. Demzufolge ist auch das Baden von Schildkröten in mit wasserlöslichen Calciumpräparaten versetzem Wasser nur dann sinnvoll, wenn dies z.b. in Folge einer Mangelerkrankung von einem Tierarzt ausdrücklich empfohlen wird.
Sinnvoller also ist es, den eigenen Schildkröten zur Ergänzung ihrer Nahrung Calciumquellen anzubieten, an denen sie sich frei bedienen können. Auch hier kann und sollte die Natur Vorbild sein.
In den kommenden Folgen werden wir uns daher ausführlicher mit allen Calciumquellen beschäftigen, die Schildkrötenhaltern zur Verfügung stehen.

  • Eierschalen
  • Sepiaschulp
  • Tierknochen
  • Muschelschalen und Muschelbruch
  • Algenkalk
  • Schneckenhäuser
  • Kalkstein
  • Handelspräparate

Bis auf Algenkalk und die letztgenannten Handelspräparate finden sich all diese Calciumquellen auch in den Habitaten. Eierschalen sind überall in den Habitaten zu finden, ebenso Knochen verendeter Tiere oder Schneckenhäuser. Zumindest in den Küstenregionen ist Sepiaschulp auch hin und wieder anzutreffen, nicht nur direkt am Strand. Bis auf die sardische Gallura gehört Kalkstein zum typischen Boden in den Habitaten mediterraner Schildkröten.
Welche dieser Calciumergänzungen sinnvoll sind, darüber gehen die Meinungen und die Empfehlungen unter Schildkrötenhaltern allerdings sehr weit auseinander. Ebenso berichten Halter von ganz unterschiedlichen Erfahrungen mit den angebotenenen Calciumpräparaten: Die Fressakzeptanz ist höchst unterschiedlich, sodass sich keine allgemeingültige Regel aufstellen lässt. Während das eine Tier hingebungsvoll Sepiaschulp in sich hineinstopft, verschmäht ein anderes nahezu alle angebotenen Calciumquellen und bringt den Halter damit schier zur Verzweiflung.

Griechische Landschildkröte beim Verzehr von Sepiaschulp

 

Daher ist etwas mit Blick auf unsere Leser ganz wichtig: Wir möchten weder Angst noch Panik schüren, wenn Ihre Schildkröte sich nicht so verhält und Calciumcabonat nicht in den Mengen in sich hineinstopft, wie Sie das vielleicht erwarten. Es gibt keine Formeln, aus denen Sie errechnen können, wie viel Gramm Calcium Schildkröten im Verhältnis zu ihrem Körpergewicht in welcher Zeit gefressen haben müssen. Auch wenn der Bedarf bei den Tieren sehr hoch ist (s. vorangegangene Teile), heißt das nicht, dass Schildkröten unentwegt an Sepiaschulp, Knochen, Schneckenhäusern oder anderen Calciumquellen nagen oder knabbern. Schildkröten sind bei artgerechter Haltung durchaus in der Lage, ihren Calciumbedarf selbstständig zu reglen bzw. Calcium dann aufzunehmen, wenn sie ihn brauchen – vorausgesetzt natürlich, es steht Calcium zur Verfügung.

Wenn Sie Anlass zur Sorge haben, dass sich Ihre Tiere nicht gesund entwickeln,  stellen Sie bitte die Tiere Ihrem Tierarzt vor und besprechen mit ihm die weitere Vorgehensweise.

 

Demnächst Teil 7: Eierschalen als Calciumquelle?

Text und Fotos (sofern nicht anders vermerkt): @ Lutz Prauser, 2013.

Alle Teile im Überblick und mit direkter Verlinkung in die Beiträge:

Teil 1: Was ist Kalk
Dieser Teil beantwortet im wesentlichen, was dieser „Kalk“ eigentlich ist, den Schildkröten zu dringend benötigen. „Kalk“ ist schließlich nicht gleich „Kalk“…

Teil 2 Wie wird Calciumcarbonat „verdaut“?
Wie spaltet sich das Cartbonat? Wie gelangt es in den Körper von Säugetieren und wie ist das bei Schildkröten?

Teil 3: Wozu brauchen Schildkröten Calciumcarbonat?
Warum ist es wichtig, dass Schildkröten ausreichend Calciumcarbonat bekommen?

Teil 4: Calcium und Phosphor – Wie gehört das zusammen?
Man darf das Eine nicht ohne das Andere sehen…

Teil 5:Calcium und Oxalsäure – alles Rhabarber?
Anmerkungen vor den fortgesetzten Warnungen vor zuviel Oxalsäure in der Nahrung.

Teil 6: Natürliche Calciumquellen
Wo finden sich in der natürlichen Ernährung von Schildkröten Spuren von Calcium?

Teil 7: Die Eierschalenfrage
Der Dauerbrenner: Soll man Eierschalen ins Gehege geben?

Teil 8: „Knochen kauen“
Knochen als Calciumquelle für Schildkröten.

Teil 9: „Knochen kochen“
Praktische Empfehlungen zum richtigen Abkochen von Knochen

Teil 10: Schulp – Die Wunderwaffe
Sepiaschulp – Die meistverbreitete Nahrungsergänzung

Teil 11: Schnckenhäuser, Muschelbruch, Perlen
Kristallines Calciumcarbonat für Schildkröten?

Teil 12: Algenkalk und Präparate aus Algenkalk
Alternative Calciumquellen.

1 Kommentar


  1. Hi,

    wir alle wissen inzwischen, dass Kinder Jahrzehnte lang unnötig mit Spinat traktiert wurden, weil er angeblich so viel eisenhaltiger sei als andere Gemüse. Irgendwann stellte sich heraus, dass das nur ein Rechenfehler war, der von Nährwerttabelle zu Nähwerttabelle mitgeschleppt wurde…

    In der Schildkrötenszene gibt es einen analogen Fall: der angeblich so extrem kalziumhaltige Römer bzw. Lattuga-Salat (siehe z.B. Webseite Kornelis Biron). Auch diese Angabe ist in hohem Maße unwahrscheinlich, weil sie in krassem Widerspruch zu den allermeisten anderen Analysen steht, auch zu solchen, die von unseren renommiertesten Instituten veröffentlicht werden. Jeder könnte das anhand von Dutzenden unterschiedlicher Nähwerttabellen selbst feststellen. Von Schildkrötenhaltern, ja selbst von Tierärzten, wird aber ohne weitere Überprüfung immer nur der Wert abgeschrieben, den Frau Dr. Dennert vor vielen Jahren mal angegeben hat.
    In den folgenden beiden Links (nur zwei von vielen, die man bei ein bisschen Recherche im Netz findet) kann man sehen, dass Römersalat keinen höheren Kalziumgehalt als z.B. Kopfsalat hat:

    http://fddb.info/db/de/lebensmittel/naturprodukt_roemersalat/index.html
    http://fddb.info/db/de/lebensmittel/naturprodukt_kopfsalat/index.html

    In vielen Analysen ist das Ca/P Verhältnis von Römersalat sogar deutlich ungünstiger als das von Kopfsalat (auch bei den oben erwähnten). Es handelt sich um Naturprodukte, die Nährwerte schwanken je nach Bodenbeschaffenheit, aber die Sonderstellung von Römersalat ist in keiner Weise gerechtfertigt. Im Interesse unserer Schützlinge sollte diese Einsicht irgendwann mal in der Szene ankommen…

    Gruß, Editha

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Wenn Sie einen Kommentar hinterlassen, speichert das System automatisch folgende Daten: Ihren Namen oder Ihr Pseudonym (Pflichtangabe / wird veröffentlicht)

1. Ihre E-Mail-Adresse (Pflichtangabe / wird nicht veröffentlicht)
2. Ihre IP (Die IP wird nach 60 Tagen automatisch gelöscht)
3. Datum und Uhrzeit des abgegebenen Kommentars
4. Eine Website (freiwillige Angabe)
5. Ihren Kommentartext und dort enthaltene personenbezogene Daten

Achtung: Mit Absenden des Kommentars erklären Sie sich damit einverstanden, dass alle eingegebenen Daten und die IP-Adresse nur zum Zweck der Spamvermeidung durch das Programm Akismet in den USA überprüft und gespeichert werden. Weitere Informationen zu Akismet und Widerrufsmöglichkeiten.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.