Nachgefragt beim Tierarzt: Panzernekrose

In unserer Reihe „Nachgefragt beim Tierarzt“ geht es dieses Mal um Panzernekrosen bei Schildkröten, ein Thema, zu dem wir Tierarzt Ingo Diegel befragt haben.

 

1. Panzernekrosen gehören wohl zu den häufigsten Erkrankungen, insbesondere bei Wasserschildkröten. Was ist eine Panzernekrose?

Als Panzernekrosen werden mit Substanzverlust einhergehende Veränderungen des Schildkrötenpanzers bezeichnet, die vor allem durch Krankheitserreger (Bakterien, Pilze) oder andere Schadeinwirkungen (z.B. Hitze) verursacht werden.
Sie treten nahezu ausschließlich bei aquatischen oder semiaquatischen Schildkröten auf.

2. Wie kommt es zu einer solchen Erkrankung?

Meist sind mehrere Faktoren an der Entstehung der Nekrosen beteiligt:
Mangelhafte Wasserqualität, unzureichende Temperaturen, fehlende Trocken- und Sonnenplätze, aber auch durch Überbesatz verursachter Stress begünstigen die Erkrankung.
Über kleinere Haut- oder Panzerwunden (auch durch Bisse) infiziert sich das Tier mit Bakterien und Pilzen, die sich besonders gut bei geschwächtem Immunsystem vermehren können.

3. Woran erkenne ich, ob meine Schildkröte eine Panzernekrose hat?

Im Frühstadium fallen meist nur Flecken im Panzerhorn auf. Rötungen der Haut und der Panzerplatten weisen auf ein im ganzen Körper verbreitetes infektiöses Geschehen hin.
An zunächst kleinen Stellen scheinen sich Löcher in den Panzer zu fressen. Aus der matschig weich wirkenden Substanz kann Entzündungssekret austreten.

4. Welche Maßnahmen sollte ich sofort ergreifen?

Sofern es sich nicht um Weichschildkröten handelt, sollte das erkrankte Tier umgehend gründlich aber vorsichtig mit sauberem Wasser gereinigt und anschließend in ein trockenes Quarantänebecken umgesetzt werden. Ein Sonnenplatz von etwa 30-35°C muss ebenso vorhanden sein wie ein etwas kühlerer Ruheplatz (ca. 25°C).
Der Besuch beim Tierarzt ist schnellstmöglich anzuraten.

6. Wie dringend ist ein Tierarztbesuch?

Um den Schweregrad der Nekrosen und die notwendigen Maßnahmen einschätzen zu können, sollte ein erfahrener Reptilientierarzt innerhalb von 24 Stunden aufgesucht werden.
Da auch eine Septikämie (Blutvergiftung) möglich ist, kann telefonisch nicht beurteilt werden, ob das Tier akut in Lebensgefahr ist.
Bitte informieren Sie den Tierarzt Ihres Vertrauens umfassend und ehrlich über die Haltungsbedingungen Ihrer Wasserschildkröten, denn nur so kann er die Ursache der Erkrankung ermitteln.
Das Tier ohne Hintergrundinformationen zu untersuchen und nur eine Spritze zu verabreichen ist weder Erfolg versprechend noch langfristig sinnvoll.

7. Wie wird sie vom Tierarzt behandelt (Therapie)?

Veränderte Stellen werden gereinigt und infiziertes Material abgetragen. Dieser Vorgang ist hoch schmerzhaft, wenn der Knochen betroffen ist und erfordert eine ausreichende Schmerzausschaltung, gegebenenfalls sogar eine Sedation oder Kurznarkose.
Erkrankte Tiere sollten über einen längeren Zeitraum in einem Sterilterrarium trocken gehalten werden. Hierbei müssen sowohl ein Sonnenplatz (30-40°C) als auch ein kühlerer Rückzugsort (ca. 22-25°C) vorhanden sein. Einmal täglich dürfen die Tiere für eine Stunde in sauberem Wasser schwimmen und fressen. Sollte die Nahrung verweigert werden, muss zwangsgefüttert werden. Geeignete Fertigfutter sind beim Tierarzt erhältlich.
Abhängig vom Schweregrad der Nekrosen können desinfizierende Bäder (bitte keine Eigenmedikation) ausreichen oder Antibiotika (nach Resistenztest) und/oder Antimykotika (Pilzmittel) notwendig werden.
Gezielte Vitamingaben unterstützen die Panzerregeneration.
Die Optimierung der Haltungshygiene (Größe des Aquariums, Wasserwechselfrequenz, Wassertemperatur, ausreichend Sonnenfläche, korrekte Wasser- und Landtemperaturen, Frischluft, etc.) stellt sicherlich die wichtigste Maßnahme zur langfristigen Gesunderhaltung der Tiere dar.

8. Muss ich das Tier isolieren? Ist eine Nekrose ansteckend?

Da in den meisten Fällen Bakterien und/oder Pilze am Krankheitsgeschehen beteiligt sind, ist eine Isolation sinnvoll (siehe Trockenhaltung unter Frage 7).

9. Wie sind die Aussichten auf einen Erfolg der Therapie (Prognose)?

Die Prognose hängt davon ab, wie weit die Nekrosen vorangeschritten sind.
Oberflächliche, früh therapierte Veränderungen, ohne resistente Keime heilen in der Regel unproblematisch ab. Tief im Knochen sitzende Panzernekrosen haben eine schlechtere Prognose.
Falls dann auch noch hoch resistente Keime oder hartnäckige Pilze die Wunden besiedeln, stehen die Chancen unter Umständen schlecht.
Es ist wichtig, dass der Patient im Laufe der Behandlung mehrfach vom Tierarzt untersucht wird, um den Heilungsfortschritt zu kontrollieren und die Medikation nicht zu früh zu beenden.
Die Behandlungsdauer kann durchaus Monate in Anspruch nehmen – nicht jeder Patient ist zu retten.

10. Was kann ich tun, um in Zukunft eine erneute Erkrankung zu verhindern?

Wasserschildkröten werden aus Unwissenheit leider immer noch häufig in viel zu kleinen Aquarien gehalten. Nicht selten bei geschlossenem Deckel und Leuchtstoffröhren ohne trockenen, von einer hellen Wärme- und UV-Lampe beheizten Sonnenplatz sind Probleme vorprogrammiert. Verzögerte Wasserwechsel leisten ihren negativen Beitrag.

Die Optimierung der Haltungshygiene ist also der mit Abstand wichtigste Faktor zur Gesunderhaltung Ihrer Lieblinge!
Ein ausreichend großes Aquarium bietet genug Wasser, um für wenigstens eine Woche die Ausscheidungen der Schildkröten kompensieren zu können. spätestens dann jedoch sollte das halbe Wasservolumen durch frisches ersetzt werden.
In vielen Fällen werden Wasserschildkröten gepflegt, die ursprünglich aus wärmeren Regionen der USA stammen und Wassertemperaturen von etwa 25°C benötigen. Gleichzeitig sollte ein trockener (für weibliche Tiere grabfädiger) Landteil zur Verfügung stehen, der mit einer hellen Wärme- und UV-Lampe auf Temperaturen deutlich über 30°C beheizt wird – denn nur so kommt der Stoffwechsel der Tiere ordentlich in Schwung.
Das gleiche gilt übrigens auch für die Gartenteichhaltung, denn nur weil Gelb- und Rotwangenschildkröten in unseren Breiten scheinbar gut überleben können, führen sie noch lange nicht das artgerechte Leben, das sie in Florida hätten. Lungenentzündungen und Nierenerkrankungen sind die häufigsten Todesursachen, die leider erst nach Jahren sichtbar werden und es dem Reptilientierarzt schwer machen, den Zusammenhang mit jahrelanger suboptimaler Haltung zu erklären.
Die Frage, ob eine Florida-Schildkröte überwintert werden sollte, löst auch unter Experten immer wieder kontroverse Diskussionen aus… keinesfalls jedoch ist der Gartenteich zur Überwinterung geeignet.

Danielle Rohrer beschreibt in ihrem Buch „Mein Leben als Wasserschildkröte“ auf angenehm lesbare Weise, wie ein Schildkrötenhalter immer mehr über die artgerechte Haltung seines Lieblings lernt und das neue erworbene Wissen umsetzt. Das Buch ist gespickt mit Fachwissen und wertvollen Tipps!

 

Reptilientierarzt Ingo Diegel
www.tierarzt-schwelm.de
Mail: info@reptilien-und-co.de

Bitte beachten Sie: Die Serie „Nachgefragt beim Tierarzt“ ersetzt nicht die tierärztliche Beratung, vor allem nicht bei einer Erkrankung der Tiere. Sie soll nur allgemeine Informationen zu Schildkrötenerkrankungen liefern, damit Halter diese frühzeitig erkennen können und wissen, wie sie sinnvollerweise reagieren können. Die Fragebögen werden von unterschiedlichen Tierärzten ausgefüllt und spiegeln ggf. unterschiedliche Erfahrungen und Behandlungsansätze wider.

 

Fotos: Die Fotos wurden uns freundlicherweise vonViktor Mislin (Basel) zur Verfügung gestellt. Sie zeigen eine Maurische Landschildkröte, die an einer Panzernekrose erkrankt ist, nachdem sie ein „übereifriges“ Männchen zu oft und zu heftig mit ihr gepaart hat und der Panzer Verletzungen erlitt.

2 Kommentare



  1. nun vor dreißig jahren oder mehr, wo hast du da einen erfahrenen tierarzt gefunden, der sich zB mit nekrose auskennt. hier war man auf info aus der kaulbachstraße und damalige literatur angewiesen, wobei auf bewährte mittel hingewiesen wurde. habe mal eine kachuga tecta männlich mit vielen nekrotischen stellen bekommen, die ich wie vorgeschlagen oder in den damaligen büchern beschrieben, behandelt habe, langwierig, aber alles wunderbar verheilt. meine anderen tiere hatten nie nekrotische stellen. vor zwei jahren sah ich zwei testudo hermanni, bei denen wegen angeblicher nekrose mehrere hornplatten entfernt wurden, ob das notwendig war kann ich nur bezweifeln. heinz

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