Calciumernährung (#5): Calcium und Oxalsäure – alles Rhabarber?

„Bitte nicht verfüttern, die Pflanzen enthalten viel Oxalsäure.“ Immer wieder werden in Internetforen von unerfahrenen Haltern Fragen nach Pflanzen gestellt. „Welche Pflanze ist das?“, „Kann ich sie verfüttern?“

So manche Pflanze landet dann auf der Schwarzen Liste, weil sie laut Auskunft anderer Forenteilnehmer nicht verfüttert werden darf. Als Begründung wird dann angegeben, sie sei giftig oder zumindest schädlich, weil sie zu viel Oxalsäure enthält. Interessanterweise sind es gerade einige dieser Pflanzen, die von Schildkröten gern gefressen werden.
Nun sind die Fressvorlieben der Tiere allein kein guter Ratgeber, würde man sich nach dem richten, was Schildkröten gern fressen, dann würden z.B. Europäische Landschildkröten auch wunderbar mit einem Futterplan, der aus Früchten, Hundeflocken, Nudeln und Schnecken besteht, auskommen. Sinnvoll oder artgerecht ist das nicht – und gesund schon gar nicht.

Trotzdem bleibt die Frage: Wie ist das denn nun mit dieser berüchtigten Oxalsäure? Gehen wir zunächst der Frage nach:

Was ist eigentlich Oxalsäure?

Oxalsäure gehört zu den sog. “organischen Säuren”. Chemisch gesehen handelt es sich um Ethandisäure, umgangssprachlich auch Kleesäure genannt. Ihren Namen verdankt die Säure dem Sauerklee (Oxalis) einer Pflanzengattung aus der Familie der Sauerkleegewächse (Oxalidaceae) . Die Summenformel der Säure ist  C2H2O4.

Der Struktur der Säure ist relativ einfach.

COOH
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COOH

Im Rahmen ihres Stoffwechsels bilden verschiedene Pflanzen diese Oxalsäure. Die Menge der Säure ist natürlich zum einen grundsätzlich abhängig von der Pflanzenart, einige Pflanzen bilden viel, andere gar keine Oxalsäure. Die Menge ist aber auch abhängig vom Entwicklungsstadium der Pflanzen sowie äußeren Bedingungen, wie Nährstoffversorgung. Oxalsäure befindet sich in allen Pflanzenteilen, überwiegend aber in Blättern und Stängeln. Bei getrockneten Pflanzen nimmt der Oxalsäureanteil mit der Zeit wieder ab.

Zu den größten Oxalsäureproduzenten der Natur zählen folgende Pflanzenarten:

  • Alle Ampfer, vor allem der Krause Ampfer, der Gartenampfer und der Sauerampfer. Sauerampfer enthält zwischen 830 und 1770 mg Oxalsäure pro 100g Pflanzenanteil und gehört damit zu den absoluten Spitzenreitern.
  • Rhabarber (Stiele): Sie bestehen zu 0,3 bis 0,7% aus Oxalaten.
  • Sauerklee(Oxalis acetosella). Hier weisen schon der deutsche und der lateinische Name auf die Säuren hin. Der normale Klee hingegen enthält kaum Oxalsäure.

Ebenfalls zu erwähnen sind:

  • Amerikanische Agavenarten und Aloe
  • Begonien
  • Schachtelhalmarten
  • Mittagsblumen
  • Kalisalzkraut
  • Bucheckern
„Oxalsäure“-Schleuder Ampfer.

Da diese Pflanzen auch andere Giftanteile enthalten, sollten sie ohnehin nicht an Schildkröten verfüttert werden, bzw. werden von den Tieren ohnehin nicht gefressen. Zu den weiteren Pflanzen, die größere Mengen Oxalsäure gehören:

  • Wilder Wein / Jungfernrebe
  • Weinrebe (Laub)
  • Portulak
  • Kapuzinerkresse
  • Gartenkresse
  • Gartenmelde
  • Mauerpfeffer

Sowie als Nahrungsmittel für Menschen gehören zu den größeren Oxalatlieferanten:

  • Rhabarber (s.o.)
  • Spinat
  • Mangold
  • Sternfrucht

Ein übermäßiger Verzehr dieser Arten kann zu einer Lebensmittelvergiftung mit Oxalsäure führen. Kinder unter 2 Jahren dürfen daher keine oxalsäurehaltigen Pflanzen essen, ebenso Menschen mit Nierenproblemen.

Was aber ist jetzt das Problem mit der Oxalsäure?

Viele salzartige Oxalate sind in Wasser schwer oder gar nicht löslich: Calciumoxalat gehört zu diesen kaum löslichen Salzen. Wenn ein Organismus Oxalsäure aufnimmt, dann geschieht dies in der Regel in Form wasserlöslicher Kaliumoxalate. Im Körper verbinden sich die Oxalate mit dem dort befindlichen Calcium zu wasserunlöslichem Calciumoxalat. Dieses Oxalat kristallisiert aus. Das Ganze sieht chemisch gesehen so aus:

K2C2O4 -> 2K+ + C2O42–                       Ca2+ + C2O42–  ->CaC2O4

In der analytischen Chemie werden mit Hilfe von Alkalioxalaten Calcium-Ionen im Wasser nachgewiesen.

Welche Folgen hat das nun?

Zunächst führen hohe Oxalsäuredosen bei Säugern zu unmittelbaren erheblichen Reizungen im Magen- und Darmtrakt. Ein Nachweis gleicher Reaktionen bei Reptilien fehlt allerdings.

Fetthenne.

Oxalat steht – und das löst die immer gleichen Warnhinweise aus – im Verdacht, ein „Calciumräuber“ im Organismus zu sein. Wie oben geschildert, fällen die wasserlöslichen Oxalatverbindungen, vor allem das Kaliumoxalat das Calcium aus, verwandeln es zu wasserunlöslichem und damit nicht mehr aufnehmbaren Calciumoxalat.

Und noch mehr: Die sich im Organismus ansammelnden Calciumoxalat-Kristalle lagern sich hauptsächlich in den Nieren- und Harnleitersystem ab. Geringere Mengen werden mit dem Urat ausgeschwemmt. Größere Ansammlungen aber führen zu Nieren- und Harnsteinen. Lt. Roth u.a. (s.u.) setzen sich menschliche Harnsteine zu 50% bis 75% aus Calciumoxalat zusammen. Das dürfte bei Schildkröten nicht wesentlich anders sein.

Eigene Regulierung der Schildkröten?

Die Erfahrungen der Halter zeigen, dass die meisten Schildkröten ihre Nahrungsaufnahme, was die Inhaltsstoffe der Nahrung betrifft, nur begrenzt regulieren. So steuern sie z.B. die Calciumzufuhr selbst, nicht aber die Dosierung von Pflanzen, die schädliche Substanzen enthalten. Sprich: Eine Schildkröte hält beim Verzehr schmackhafter Arten nicht instinktiv “Maß”. Sie wird also nicht aufgrund möglicher gesundheitlicher Gefahren nur wenige Weinblätter fressen, wenn diese ihr zur in größerer Menge zur Verfügung stehen.
2006 schrieb Wolfgang Wegehaupt in seinem Buch „Natürliche Haltung und Zucht der Griechischen Landschildkröte“:  Speziell Mauerpfefferarten sind im natürlichen Habitat teilweise massenhaft vorhanden und werden auch bei uns von den Schildkröten sehr gerne gefressen. Oft sind diese Dickblattgewächse die einzigen verfügbaren Grünpflanzen.  Daher kann ich nur vermuten, dass der in den anderen Pflanzen enthaltene wesentlich höhere Kaliumgehalt und das Überangebot an zusätzlichen Kalziumlieferanten die Störung des Kalziumstoffwechsels wieder ausgleicht.“ (Wegehaupt, 2006. S. 207).

Entwarnung gibt Ludwig Kalt in seinem Beitrag  „Oxalsäure, doch kein Kalziumräuber“ auf der von Horst Köhler betriebenen Internet-Plattform Schildi-Online. Er führt aus, dass eine sehr starke Kalium-Zunahme bei Schildkröten die Tiere in die Lage versetzt, Oxalate (an Kalium gebunden und in Wasser gelöst) wieder auszuscheiden, anstatt dass die Oxalate die freien Calciumionen zu unlöslichem Oxalat ausfällen. Bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist der Hinweis auf Löwenzahn, der nun auch nicht gerade wenig Oxalsäure enthält: „Gerade Löwenzahn hat sich als Schildkrötenfutter bewährt und ist für viele Schildkrötenhalter seit langem ein Hauptfutter, ohne dass dabei Schäden für die Tiere entstanden sind. So sollte man meiner Meinung nach aufhören, Pflanzen, von denen man gehört hat, sie enthielten Oxalsäure, nur deshalb nicht zu verfüttern.“

Seine Quintessenz: „Somit lässt sich aussagen, dass eine kaliumreiche Ernährung – wie sie jede Landschildkröte, die zum Großteil mit Wildkräutern, Blattgemüse, Sukkulenten und Ähnlichem ernährt wird, erfährt – einen eventuellen merklichen Kalziumverlust durch Oxalsäure verhindern kann. Ernährt der Pfleger seine Landschildkröte(n) abwechslungsreich und nicht gerade mit Sauerampfer als alleinigem Hauptfutter, spielt der Oxalsäuregehalt einzelner Wiesenkräuter nur eine untergeordnete Rolle.“

Dem ist nichts hinzuzufügen.

Teil 6: Wie versorgen sich Schildkröten selbst mit Calcium?

Text und Fotos (sofern nicht anders vermerkt): @ Lutz Prauser, 2013.

Alle Teile im Überblick und mit direkter Verlinkung in die Beiträge:

Teil 1: Was ist Kalk
Dieser Teil beantwortet im wesentlichen, was dieser „Kalk“ eigentlich ist, den Schildkröten zu dringend benötigen. „Kalk“ ist schließlich nicht gleich „Kalk“…

Teil 2 Wie wird Calciumcarbonat „verdaut“?
Wie spaltet sich das Cartbonat? Wie gelangt es in den Körper von Säugetieren und wie ist das bei Schildkröten?

Teil 3: Wozu brauchen Schildkröten Calciumcarbonat?
Warum ist es wichtig, dass Schildkröten ausreichend Calciumcarbonat bekommen?

Teil 4: Calcium und Phosphor – Wie gehört das zusammen?
Man darf das Eine nicht ohne das Andere sehen…

Teil 5:Calcium und Oxalsäure – alles Rhabarber?
Anmerkungen vor den fortgesetzten Warnungen vor zuviel Oxalsäure in der Nahrung.

Teil 6: Natürliche Calciumquellen
Wo finden sich in der natürlichen Ernährung von Schildkröten Spuren von Calcium?

Teil 7: Die Eierschalenfrage
Der Dauerbrenner: Soll man Eierschalen ins Gehege geben?

Teil 8: „Knochen kauen“
Knochen als Calciumquelle für Schildkröten.

Teil 9: „Knochen kochen“
Praktische Empfehlungen zum richtigen Abkochen von Knochen

Teil 10: Schulp – Die Wunderwaffe
Sepiaschulp – Die meistverbreitete Nahrungsergänzung

Teil 11: Schnckenhäuser, Muschelbruch, Perlen
Kristallines Calciumcarbonat für Schildkröten?

Teil 12: Algenkalk und Präparate aus Algenkalk
Alternative Calciumquellen.

3 Kommentare



  1. Vielen Dank für diese tollen Beiträge zur Ca Ernährung usw. Ich bin immer wieder begeistert, sehr anschaulich geschrieben und auch interessant.
    Gruß Kurt


  2. hallo, frage mich ob in der zeit wo viel löwnzahn zur verfügung steht, es bei schildkröten der gattung Thh zu harnproblemen führen kann und dies besonders bei jungtieren. hatte schon einige male tiere mit harnrückstau, könnte da löwenzahn eine rolle spielen? die anderen genannten pflanzen habe ich ja noch nie verfüttert.
    hat jemand hier die gleiche erfahrung gemacht, oder eine jede was es sonst noch sein kann.
    gruß heinz nather

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