Fundstücke: Es lebe Re! Es sterbe die Schildkröte!

Abbildungvom Grab des Nefertari.

Nicht gerade schildkrötenfreundlich ist, was die Quellen des alten Ägyptens über Schildkröten zu berichten wissen: „Es lebe Rê, es sterbe die Schildkröte“. Viele Särge aus der Zeit des Neuen Reiches (ab 1550 v. Chr.) ziert dieser äußerst merkwürdige Spruch. Wie ist das zu verstehen? Zahlreiche Abbildungen und Reliefs auf Särgen, die bei Ausgrabungen gefunden wurden, zeigen Schildkröten, die vom ägyptischen König getötet werden.
Warum?
Warum lässt sich der König mit einem Speer bewaffnet, auf einer Barke auf den Nil hinausstaken? Warum ersticht er im Wasser schwimmende Schildkröten? Was steckt hinter diesem Ritus?
Und ist, wie es die renomierte Ägyptologin Barbara Lüscher vermutet, der Spruch „Es lebe Rê, es sterbe die Schildkröte“  ein Reflex auf diese weitaus ältere Tradition?
War die religiös-magische Rolle der Schildkröte im Mittleren Reich (etwa 2100 bis 1800 v. Chr) noch nicht so deutlich, hat sich dies im Neuen Reich erheblich geändert: Im Neuen Reich ( 1550 v. Chr. bis 1070 v. Chr. ) wird die Schildkröte als ein Tier, das unter Wasser lebt, als weltliche Macht angesehen. Sie ist der Feind des Sonnengottes Re, wie die Ägyptologien Barbara Lüscher in ihren Untersuchungen zum ägyptischen Totenbuch analyisiert hat. Das Totenbuch des Neuen Reiches zählt zu den wichtigsten religiösen Texten und Sprüchesammlungen dieser antiken Hochkultur und ist damit eine unschätzbar wertvolle Quelle. Auch die Formel: „Es lebe Rê, es sterbe die Schildkröte“ findet sich dort.
Eine  Darstellung des rituellen Schildkrötentötens ist auf den Reliefs des Tempels von Esna in der Nähe von Luxor zu sehen. Zwar stammen die Fassadenreliefs dieses Tempels aus jüngerer Zeit, in der Ägypten bereits von Rom besetzt und Bestandteil des römischen Reiches war, aber sie spiegeln die alte Tradition des Harpunierens der Schildkröten wieder.
Was hat es mit dieser rituellen Tat auf sich?
Ihr Ursprung liegt im Dunkeln. Da die Schildkröte als weltliche Macht angesehen wird, kann man vermuten, dass hier symbolisch ein politischer Widersacher, ein Potentat, eine Bedrohung des Reiches durch außen, abgewehrt wird. Der Ritus ist immerhin einer Schlachtszene nachgestellt, das würde eine Deutung in diese Richtung unterstützen. Es gab einen eigenen Kultakt namens „Schlachten der Schildkröten“, bei dem der König in Gestalt des Onuris das gottfeindliche Wassertier vor den Augen der Sonne Re niedersticht.
Doch ist die rein „weltliche“ Interpretation eher unwahrscheinlich.
Den Zusammenhang dieser Szene mit dem Totenkult und ihre Verwendung als Sargdekoration, sehen Ägyptologen in einem archäologischen Fund aus der 19. Dynastie erklärt. Dort heißt es als Inschrift direkt neben der Tötung einer Schildkröte auf einem Sarg: „Es lebe Rê, es sterbe die Schildkröte, unversehrt ist derjenige im Sarg“. Dies weist weit über einen Abwehrritus gegenüber einer äußeren Bedrohung hinaus.
Die Götterfeindin, die Schildkröte, ist eine Macht, nicht göttlich, aber göttergleich, die den Toten ihren Weg in die Unterwelt verwehrt. Erst, wenn sie getötet ist, können die Toten unversehrt in die Unterwelt eingehen. Auf den Abbildungen beigeordnet ist oft der Gott Tot, der den Himmel aufbricht, um dem Toten die vier Winde zuzuführen: Die Anbringung auf den Särgen scheint also längst nicht nur der Feindabwehr zu dienen. Es geht vor allem darum, den Toten mit Atemluft aus allen vier Windrichtungen zu versorgen.
Woher rührt so viel Feindseligkeit gegenüber den Schildkröten?
Zwei Faktoren sind es, die das alltägliche Leben in Ägypten entscheidend geprägt haben: Der Lauf der Sonne und der Nil.

Relief im Esna Tempel.

Re, die Sonne, ist der bedeutendste Gott. Jeden Morgen erscheint er im Osten, wandert den Tag über nach Westen und versinkt dort in der Nacht. Um am kommenden Morgen wieder im Osten aufgehen zu können, verschlingt ihn am Abend die Göttin Nut, um ihn am nächsten Morgen wieder zu gebären. Einem anderen Mythos zu Folge reist Re nachts mit anderen Göttern auf einer Barke durch die Unterwelt und erfreut die Verstorbenen mit seinem Licht. Bei dieser Reise aber steht er mitsamt seinem Gefolge in ständiger Gefahr, von den Wesen der Unterwelt angegriffen zu werden. So versucht auch das Unterweltwesen, die Schlange (selten auch Schildkröte) Apophis, Re an der Durchquerung der Unterwelt zu hindern. Die Folgen für die Menschheit wären unbeschreiblich, denn wenn Re nicht am Morgen im Osten aus der Unterwelt zurückkehrt, wird es keinen neuen Tag mehr geben. Statt dessen wird ewige Dunkelheit herrschen.
Nur der vereinte Kampf der Götter in der Unterwelt gegen die Schlange führt schließlich dazu, dass diese überwunden werden kann. Schließlich gelingt es dem Wüstengott Seth, die Schlange zu töten, indem er sie mit einem Speer ersticht.
Lässt sich hier eine Erklärung finden?
Wenn der Sonnengott Re nachts unter dem in süd-nördlicher Richtung fließenden Nil hindurch muss, um am nächsten Morgen im Osten neu zu erscheinen, und dabei in tödlicher Gefahr ist, muss dann nicht der König als Beschützer seines Reiches handeln?
Sind die Schildkröten dann nicht auch die erklärten Feinde Res und damit eine Gefahr für die Sonne?
Könnte es sein, dass sie versuchen, die Sonne auf ihrer nächtlichen Reise aufzuhalten, gar zu vernichten?
Die Bedeutung von „Es lebe Rê, es sterbe die Schildkröte“ wäre bei dieser Gleichsetzung geklärt. Ebenso, warum der ägyptische König – wie Seth die Schlange – die Schildkröte mit einem Speer tötet.
Dass Apophis in den Hieroglyphen mal als Schlange, mal als Schildkröte dargestellt wird, lässt diese Interpretation umso wahrscheinlicher werden.
Wollte also das alte ägyptische Königreich nicht in Chaos und ewiger Finsternis versinken, blieb den Königen gar nichts anderes übrig, als die Schildkröte zu töten. Wieder und wieder, denn jede Nacht drohte sie, die Sonnenbarke des Re an ihrer Weiterfahrt zu hindern. Was also blieb dem ägyptischen König anderes übrig, wollte er sein Reich vor dem Untergang bewahren, als mit einem Boot am Nilufer symbolisch und rituell Schildkröten zu töten?

1 Kommentar


  1. Wahnsinn !
    Immer wieder hochinteressant diese Ausflüge in die Kulturgeschichte. Danke Lutz
    Gruß Kurt

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