Fundstücke: Die Bibel

Schildkröten spielen in den unterschiedlichen Kulturen ganz unterschiedliche Rollen, mal werden sie verehrt, mal gehasst. Sie sind in der bildenen Kunst (Malerei, Bildhauerei, Architektur) ebenso zu finden wie in der Musik, Literatur, in Film und Computerspielen. Überall begegnen sie uns.
Seit über einem Jahr erscheint regelmäßig die Serie „Fundstücke“ auf Testudowelt.de. 15 Beiträge sind bisher erschienen,  vollkommen unsystematisch und assoziativ stößt die Serie mal hierhin, mal dorthin und präseniert Schildkröten auf Brunnen oder Mosaiken, als Opfertiere oder Nabelschnuretuis, als Zeichen politischen Widerstands oder Luxusgeschenk. Diesem Konzept wollen wir auch im neuen Jahr treu bleiben. Ein Thema aber, und eine Frage, die auf der vergangenen Jahrestagung der AG Schildkröten diskutiert wurde, bedarf einer Antwort. Wie schaut’s eigentlich mit Schildkröten in der Bibel aus?
Immerhin ist die Bibel die Heilige Schrift des Christentums, auf ihr fußt nicht nur eine der großen Weltreligionen, sie ist auch Maßstab (oder sollte es sein) für christliches Denken und Handeln. Sie hat enormen Einfluss auf die abendländische Kultur genommen und damit natürlich auch auf die Kunst. Von Löwen und Lämmern, Schlangen und Tauben spricht die Bibel und Darstellungen dieser Tiere finden sich in Kirchenreliefs und -mosaiken, auf Gemälden, Grabstelen und Glasfenstern. Aber Schildkröten?

Was ist eine צָב? Eine Schildkröte?

Suchet, so werdet ihr finden (Matthäus 7,12) ist wohl eines der bekanntesten Zitate aus der Bibel. Und genau dies habe ich für die Testudowelt getan. Schildkröten gibt es in der gesamten Bibel nicht, so könnte man schnell antworten, nimmt man eine Konkrodanz, ein biblisches Wörterbuch oder -lexikon zur Hand. Auch die Begriffsuche in den Online-Bibeln geht ins Leere. Schildkröten kommen in der Bibel nicht vor. Fertig.
„Halt!“ kommt da ein Zwischenruf. Und so war es auch auf der Tagung in Hofheim. „Sie kommen doch vor! Im Alten Testament im Verzeichnis der unreinen Tiere.“

Es bedurfte einer kurzen Überprüfung, und tatsächlich: Es gibt eine einzige Stelle im Alten Testament, im 3. Buch Mose 11.29f, in der von einer Schildkröte die Rede ist. Hier werden die Tiere benannt, die zu den reinen und den unreinen Arten gehören, eine Einteilung, die auch im heutigen Judentum gilt. „…Und das sei euch unrein unter dem Kriechtier, das auf dem Lande wimmelt: Das Wiesel und die Maus und die gelbe Eidechse nach ihrer Art. Und die Feldmaus und das Chamäleon und die Schildkröte und die Schnecke und der Maulwurf…“.
Wie kann das sein? In meiner Bibel steht doch nichts von Schildkröten. Und in Ihrer? Schauen Sie ruhig mal nach.
Bei mir heißen die Verse im 3. Buch Mose 29.f: „…Diese sollen euch auch unrein sein unter den Tieren, die auf Erden kriechen: Das Wiesel, die Maus, die Kröte, ein jegliches mit seiner Art, der Igel, der Molch, die Eidechse, die Blindschleiche und der Maulwurf…„.
Bekanntlich gibt es bei Bibelübersetzungen und -auslegungen erhebliche Unterschiede, die zu jahrhundertelangen Religionsstreitigkeiten und Kriegen geführt haben. Schon hier in diesem winzigen und (außer für uns) bedeutungslosen Detail zeigt sich, dass zwei Verse in zwei Übersetzungen (Tafelbibel vs. Luther 1912) ganz andere Tierarten aufzählt. Wer das ganze Kapitel durchliest, wird auf noch viel mehr Diskrepanzen stoßen. Und hier zeigt sich schon das  Dilemma für unsere Frage. Bibeltexte, wie sie uns heute vorliegen, sind in der Regel Übersetzungen, und zwar von Theologen und nicht von Biologen. Luther zum Beispiel formulierte, geht man nach seiner letzten Übersetzung ins Deutsche, die fünfzehn Jahre nach seinem Tod zusammengestellt wurde:  „Djese sollen euch auch vnrein sein vnter den Thieren / die auff erden kriechen / Die Wisel / die Maus / die Kröte / ein jglichs mit seiner art. Der Jgel / der Molch / die Aydex / der Blindschleich / vnd der Maulworff.“.

Oder ist צָב ein Hardun? Nichts genaues weiß niemand.

Nun ist das so eine Sache mit den Übersetzungen.  Zum einen dürften in der Zeit ihrer Enstehung die biologischen Kenntnisse eher rudimentär gewesen sein, also die Verwandtschaft der Tiere untereinander, ihre Art-Abgrenzungen lediglich nach Aussehen, Lebensraum und Lebensweise gezogen worden sein. Den Verfassern ging es zudem ganz sicher nicht um wissenschaftlich präzise Angaben.  Zum anderen haben die Übersetzer viele der Tiere, die im 2. Buch Mose (Leviticus) aufgezählt werden, nie von Angesicht zu Angesicht gesehen. Sie waren mit Fauna und Flora im Orient nur wenig vertraut.  Sie stützten  sich auf die beiden Bibelvorlagen, die sie zur Verfügung hatten, die lateinische und die (alt)griechische, zum Teil auch auf die (alt)hebräischen und aramäischen Texte. Kehren wir zur Schildkrötenfrage zurück und schauen, wie Luther die erste deutsche Bibelübersetzung anfertigte. Aus dem lateinischen mygale (ein Spinnentier) et testudo (Schildkröte)  et stellio (Echse)  et talpa (Maulwurf) et chamaeleon machte er Igel, Molch, Eidechse, Blindschleiche und  Maulwurf.  Verständlich, dass neue Übersetzungen diese Fehler zu revidieren suchten und aus dem Chamäleon wieder das machten, was ursprünglich gemeint war: Alles andere als eine Blindschleiche.
Jetzt aber sind auch die griechische und die lateinische Bibel lediglich Übersetzungen und damit fehlerhaft oder zumindest interpretierend. Um der Frage der biblischen Schildkröten endgültig auf den Grund zu gehen, bleibt nichts anderes übrig, als bis zu selbigen „hinabzutauchen“, also möglichst nah an das Original, den hebräischen Text. Dort findet sich das Wort צָב (gesprochen Tsawb).  Und um genau das geht es. Was ist eine צָב?
Für Luther ist ein צָב eine Kröte. Das ist besonders bemerkenswert, da an gleicher Stelle innerhalb der Aufzählung in der lateinischen  Bibelübersetzung Vulgata, eine lacerta, also Eidechse genannt ist. Luther selbst führt die Aydex einen Vers später auf, dort aber steht in der Vulgata testudo und im hebräischen Originaltext eben צָב.
Auch ein Blick ins moderne Iwrit hilft nicht wirklich weiter. Zwar wird dort die Schildkröte noch immer mit צָב bezeichnet, allerdings ist dies eine „Rückübersetzung“ aus dem unter dem deutschen Einfluss stehenden Jiddischen. Und im Altjiddischen wurde צָב eben der deutschen Übersetzung „Schild-Krot“ gleichgesetzt. Der klassische Fall eines Zirkelschlusses also. Interessanterweise werden auch Salamander einem talmudischen Text zur Folge als צָב bezeichnet.
Haben wir es also Luther zu verdanken, dass die Schildkröte aus der Bibel herausgefallen ist? Eher nicht. Denn צָב ist ein extrem seltenes Wort in der Hebräischen Bibel, unserem Alten Testament. Es findet sich nur noch an einer einzigen anderen Stelle und wird dort in einem ganz anderen Zusammenhang gebraucht, nämlich als Traggefäß, Korb oder beweglicher Gespannwagen. Rückschlüsse, ob צָב tatsächlich eine Schildkröte meint, lassen sich nicht anstellen. Die moderne Bibelwissenschaft ist sich einig, dass dieses Wort nicht zweifelsfrei übersetzt werden kann und verweist auf eine nicht näher definierbare Tierart, die im Land zu damaliger Zeit weit verbreitet war. Es muss – rein biologisch gesehen – Spekulation bleiben, welche es denn nun war. Tatsächlich eine Schildkröte oder vielleicht ein Hardun? (Laudakia stellio).

Letztlich ist es aber unerheblich, ob צָב nun eine Schildkröte oder eine Echsenart meint, wie heutzutage weitgehend angenommen wird.
Schildkröten spielen in der christlichen Tradition der Antike, soweit sie auf den orientalischen Raum beschränkt blieb, keine Rolle. Erst mit der Christianisierung Roms und dem Einfluss, den römisches Denken und Leben für das Christentum gewann, erhielt die Schildkröte auch einen Symbolwert – und der war keineswegs positiv, davon berichten die Kirchenväter Ambrosius und Hieronymus. Aber das ist schon wieder ein anderes Fundstück, von dem hier schon einmal im Zusammenhang mit dem Lantona-Brunnen auf Herrenchiemsee die Rede war.

Text und Fotos: Lutz Prauser

6 Kommentare


  1. Guten Tag,

    darf man als Christ die Schildkröte als Haustier haben??

    Viele Grüße

    Sylvia


  2. Am Stiegen Gelände auf die Kanzel des Wiener Stephansdoms hat der Meister Pilgram, der diese Kanzel aus Stein gehauen hat, all diese Tiere symbolisiert. Ich kann mich noch gut daran erinnern, als wir das in der Volkschule gelernt hatten. Ich ärgerte mich maßlos, dass Schildkröten zu den schlechten und bösen Tieren gehörten. Ich hatte schon damals meine Schildkröten.
    Sollte man hier: https://www.google.at/search?q=wiener+stephansdom+Kanzel&hl=de&tbo=u&tbm=isch&source=univ&sa=X&ei=pv4LUYyUL8GYtAbx-ICoBQ&ved=0CEwQsAQ&biw=1280&bih=834#imgrc=-9EvNhWD71svPM%3A%3Bc39lNbcrhoYm5M%3Bhttp%253A%252F%252Fwww.ul-erkheim.de%252Fuploads%252Fpics%252F2010-02-19_wien12-xxx.jpg%3Bhttp%253A%252F%252Fwww.ul-erkheim.de%252Findex.php%253Fid%253D1478%3B600%3B450 gut erkennen können.


  3. Leider hat das mit dem Bild posten noch nicht funktioniert, irgendwie ist alles überlastet. Ich hole es später noch nach. Sorry!


  4. Ich dachte sofort an die sieben Todsünden. Diese werden als Fußbodenmosaik in der Krypta der
    „Basilique de Fourvière“ in Lyon dargestellt. Die Schildkröte steht dort für die Faulheit.

    Da ich nicht weiß, wie ich hier ein Bild posten kann, habe ich es bei Facebook plaziert.


  5. Lieber Heinz,

    zum Thema Schildkröten als Fastenspeise gibt es auf unserer Seite einen Zweiteiler (s. Rubrik Historisches).
    Da bewegen wir uns aber in der christlich-katholischen Religion des ausgehenden Mittelalters bis in den Barock. Der obige Text gräbt natürlich deutlich tiefer, sozusagen an die Wurzeln des Christentums und noch tiefer ins Judentum hinein.
    Es ist richtig, dass in anderen Religionen (nicht in allen) Schildkröten einen anderen Stellenwert genießen – was nicht bedeutet, dass sie in diesen Religionen nicht auch verspeist oder geopfert werden (siehe z.B. im Hinduismus). Über rituelle Schildkrötentötungen in einer antiken Hochkultur wird an dieser Stelle auch noch berichtet, das ist bereits in Vorbereitung.


  6. War da nicht die sache mit schildkröten (wasser) die man extra als fastenspeiße gehalten hat. bei den natur-religionen haben schildkröten meist einen hohen stellenwert. in einigen großen religionen der welt ja auch. denke im moment an buddha der eine geschichte über die schildkröte und den fisch erzählt,
    diese kann im internet nachgelesen. heinz

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