Projekt EMI – Erfahrungsaustausch zur Haltung und Aufzucht von Manouria impressa

Projekt EMI – Erfahrungsaustausch zur Haltung und Aufzucht von Manouria impressa

Gaby Herzog & Viktor Mislin (2011)

Die Hinterindische Landschildkröte Manouria impressa (GÜNTHER, 1882) zählt zu den eher selten gehaltenen Schildkröten. Sie wird im Anhang II des Washingtoner Artenschutzübereinkommens geführt.
Sie ist auffällig dämmerungs- und nachtaktiv, benötigt aber trotzdem ausreichende Sonnenplätze. Bei zu großer Hitze vergräbt sie sich gern in kühlere Erdbereiche. Eine hohe Luftfeuchtigkeit sowie warmer Regen erhöhen ihre Behaglichkeit. Obwohl sie nach ihrer längeren Eingewöhnung sehr zutraulich sein kann, ist sie im Umgang mit den Menschen sehr stressanfällig, was problematisch werden kann, da sie anfällig für Erkrankungen mit Einzellern ist.

Abb. 1: Weibchen
Abb. 2: Weibchen

In Europa befinden sich nur wenige adulte Weibchen und Männchen der Art Manouria impressa, die für eine Erhaltungsaufzucht geeignet sind. Hinzu kommt noch, dass eine erfolgreiche Inkubation von Eiern dieser Art nicht gerade als einfach zu bezeichnen ist. Selbst die Haltung von Manouria impressa gilt als eher schwierig. Allein die Futterbeschaffung dieser sehr anspruchsvollen Tiere ergibt schon einige Probleme. Es sind Futterspezialisten, die sich eher für teure Pilzsorten wie Austernpilze als für bekanntes Grünfutter interessieren.

Abb. 3: Weibchen und Männchen
Abb. 4: Weibchen mit Nisthügel

Einmal im Jahr legen die Weibchen der Gattung Manouria einen Nisthügel an, in dem sie ihre weichschaligen Eier ablegen. Der Bau eines Nisthügels sowie die Ablage von weichschaligen Eiern sind für Landschildkröten eher ungewöhnlich. Der Nisthügel wird noch Wochen nach der Eiablage streng bewacht und notfalls auch vehement verteidigt, teilweise sogar mit Beißattacken.
Viktor Mislin ist es gelungen, von 2000 an eine Zuchtgruppe Manouria impressa derart einzugewöhnen, dass 2007 die ersten Weibchen ihre Eier in ihre Nisthügel ablegten.
Mit Hilfe von zusätzlichen Informationen zur Inkubationsmethode für diese Art durch den Kontakt zu Dwight Lawson (USA, Zoo Atlanta), gelang ihm in 2007 die erfolgreiche Inkubation. Von insgesamt 47 Eiern schlüpften 14 Nachzuchten. Somit gelang ihm sogar die europäische Erstnachzucht dieser Art. Doch lässt sich bereits an der Schlupfrate erkennen, dass noch weitere Erfahrungen notwendig sind.

Abb. 5: Eier im Nisthügel
Abb. 6: Beim Schlupf

Die Erforschung der Ernährungsgewohnheiten sowie eine erfolgreichere Inkubation der Eier wurden in den Vordergrund gestellt und der Gedanke, hier ein wissenschaftliches Projekt aufzusetzen, war geboren. In Kooperation mit der Universität Basel (Schweiz) entstand das Projekt EMI – Erforschung optimaler Aufzucht- und Haltungsbedingungen als Beitrag zur Arterhaltung  der bedrohten Art Manouria impressa. Um weitere Informationen und Erfahrungen in der Zukunft ableiten zu können, ist es notwendig,  Informationen ortsverschiedener Halter zu sammeln. Aus diesem Grund werden die Nachzuchten der Manouria impressa von Viktor Mislin dem Projekt EMI zur Verfügung gestellt.

Abb. 7: Schlüpflinge
Abb. 8: Schlüpfling mit Eizahn
Abb. 9: Aufzucht-Box
Abb. 10: Aufzucht-Terrarium
Abb. 11: Versteckmöglichkeiten
Abb. 12: Versteckmöglichkeiten

Das Projekt EMI wird von dem Projektverantwortlichen Viktor Mislin (Schweiz) und von der Projektverantwortlichen  Gaby Herzog (ehemals Eberling, Deutschland), die unter anderem auch über langjährige Erfahrungen in der Haltung und Nachzucht von Manouria emys emysverfügt, in Kooperation mit der Universität Basel, Evolutionsbiologie durchgeführt.
Die Projektdauer bezieht sich auf einen Zeitraum von 2008 bis 2013 in der Aufzucht der übergebenen Nachzuchten unter kontrollierten, standardisierten Bedingungen bis zur Geschlechtsreife.
Zeitgleich werden die Inkubations- und Haltungsbedingungen erforscht, um zum einen eine optimale Inkubationsmethodik und zum anderen optimale Bedingungen zur Verbesserung der Haltungsumstände in Gefangenschaft lebender Manouria impressa zu erreichen. Die Haltung erfolgt anhand vorhandener Klimadaten aus dem Ursprungslebensraum unter Einhaltung von Ruhe- und Aktivitätsphasen gemäß der vorliegenden Erkenntnisse. Somit könnte in Zukunft eine nachhaltige Population in Gefangenschaft geschlüpfter Nachzuchten erzielt werden.
Die Haltung in Terrarien lehnt sich an die „Mindestanforderungen an die Haltung von Reptilien“ v. 10.01.1997 als Basishaltung für Manouria impressa an.
Danach berechnet sich die Größe vom Terrarium im Minimum wie folgt: Länge = PL x 6 und Breite = ½ * Länge. Die Panzerlänge (PL) bezieht sich auf die größte im Terrarium zu pflegende Schildkröte. Die ermittelte Größe gilt für zwei zu pflegende Schildkröten. Für die dritte und vierte Schildkröte innerhalb desselben Terrariums sollten 10 %, ab der fünften Schildkröte 20 % der Grundfläche hinzugerechnet werden.

Abb. 13: Bright Sun UV Abb. 14: Messung UV B Abb. 15: Messung Lichtintensität

Für die notwendige Infrastruktur wird durch das Projekt EMI für die Beleuchtung des Terrariums der Einsatz eines HQI-Strahlers und eine UV A/B Lampe sowie für die Befeuchtung ein Ultraschallbefeuchter  vorgeschrieben. Mittlerweile wird der Einsatz der neuen UV-Lichtquelle Bright Sun UV Desert favorisiert.
Durch den Einsatz der Bright Sun UV sind die Nachzuchten viel agiler. Es kann ihnen eine bessere Annäherung des Lichtangebotes in Gefangenschaft an das Sonnenlicht geboten werden.

In einem Abstand von 30 cm über dem Boden wurden die Lichtintensität und der UV-B-Anteil der Bright Sun UV Desert gemessen. Mithilfe eines digitalen Solarmeters konnte ein UV-B-Wert von 79 mW (Mikro Watt) gemessen werden. Die Lichtmessung ergab einen Wert von 110800 Lux, der in etwa einem Lichtwert eines sonnigen Tages in unseren Breiten entspricht.

Wichtig ist jedoch auch die Kontrolle der gemessenen Werte. Es ist bekannt, dass sich die Lichtstärke  in einem halben bis einem Jahr um bis zu 50% verringert, je nach Beleuchtungsdauer.
Desweiteren muss die Anbringung der Bright Sun in der Höhe so angemessen sein, dass sich nicht das Terrarium und auch nicht die Schildkröten überhitzen können. Immerhin wird im Lichtkegel  der Bright Sun bei einer Aufhängung von 20 cm über dem Boden schon eine Temperatur von 60 Grad Celsius erreicht. Die Terrarien sollten vor dem Besatz mit Jungtieren fertig eingerichtet sein. Ein häufiges Umsetzen oder störende Veränderungen in der Einrichtung des Terrariums führt zu einem Stressverhalten, in dem die Tiere sogar ihre Futteraufnahme einstellen.
Im Laufe des Projektes werden die Nachzuchten auf weitere Projektmitglieder aufgeteilt. In einem Fall ließ sich ein längerer Transport über die Landesgrenzen hinweg nicht vermeiden. Durch eine mehrmalige Kontrolle an den zuständigen Zollstellen wurden die Nachzuchten so gestresst, dass ihnen dann beim Herausnehmen aus der Transportbox am Zielort Schaum aus dem Mund und den Nasenlöchern heraus kam. Beim Umsetzen ins neue Terrarium liefen sie sehr gestresst umher und versuchten, an den Wänden hoch zu klettern. Nachdem sie einen Versteckplatz gefunden hatten, kamen sie teilweise wochenlang nicht hervor. Auch stellten sie ihre Nahrungsaufnahme ein.

Abb. 16: Im FreilandAbb. 17: Im Freiland

Teilweise werden schon Nachzuchten im Alter von einem Jahr seit 2008 in den Monaten Juni bis Anfang September in einer direkten Freilandhaltung gehalten. Nach den zwei Jahren Freilandhaltung wurde auch festgestellt, dass die Schildkröten beim Umsetzen in die Freilandhaltung und später dann wieder zurück ins Innenterrarium für eine Zeitlang ihre Aktivität verringerten und auch die Futteraufnahme einstellten.
Nach ihre Eingewöhnung erkunden sie dann auch ihr Terrain und konnten sogar gelegentlich beim Fressen von Schnecken und Regenwürmern beobachtet werden.
Die Freilandanlage wurde mit reichlich Pflanzen besetzt, um ausreichend Versteckmöglichkeiten zu bieten. Gerne sitzen die Schildkröten auch halb vergraben im Erdreich unter den Pflanzen, wo sie an heißeren Tagen sich einen kühlen Ort suchen. Zusätzlich wurde auf der Umrandung der  Freilandanlage eine Beregnungsanlage angebracht, die individuell zur Befeuchtung der Anlage zugeschaltet werden kann.

Abb. 18: Pilzkultur
Abb. 19: Pilzkultur
Abb. 20: Pilze im Terrarium

Auch die Aufzucht der Jungtiere von Manouria impressa kann nicht als problemlos bezeichnet werden. Als Futterspezialisten stellen auch sie an die jeweiligen Halter große Anforderungen.Um sie nicht nur mit dem Lieblingsfutter Austernpilz aufzuziehen, wird ein ausreichend abwechslungsreiches Angebot an verschiedenen Pilzsorten aufgebaut. Der Anbau von verschiedenen Pilzkulturen hat sich schon sehr bewährt, um nicht immer auf die teuren Pilzsorten aus dem Supermarkt zurückgreifen zu müssen. Denn auch die verschiedenen Sorten Pilze werden nicht immer dann gefressen, wenn wir sie ihnen als Halter anbieten. Die Manouria impressa entscheiden allein, wann sie welchen Pilz gern fressen möchten.Bei einem guten Mikroklima wachsen auch im Terrarium Pilze, die gern gefressen werden.Desweiteren werden auch weiße Champignon, Kürbis, Zucchini, geriebene Möhren und saisonales Grünfutter angeboten. Das Futter wird mit Heublume (klein gehäckseltes Wiesenheu) versetzt. Eine rohfaserreiche Ernährung sollte beachtet werden. Gelegentlich wird über das Futter ein Mineralfuttermittel (Korvimin ZVT) mit lebenswichtigen Vitaminen, Aminosäuren und Spurenelementen gestreut. Nebenbei wird Sepiaschale angeboten, an der die Nachzuchten auch schon mal mit regelrechtem Heißhunger knappern. Zur Sicherstellung einer problemlosen Verdauung wird gelegentlich ein pflanzliches Ergänzungsfuttermittel (Diarovet-N) dazu verabreicht.Abb. 12: PilzauswahlTeilweise konnte festgestellt werden, dass sie im Frühjahr bevorzugter Grünfutter aufnehmen wie Vogelmiere, Feldsalat, Löwenzahn, Spitzwegerich oder die frischen Triebe der Efeutute (Epipremnum pinnatum), die in den Terrarien eingepflanzt wurde, als zu den anderen Jahreszeiten.

Abb. 22: Pilzauswahl
Abb. 23: Vogelmiere im Terrarium eingepflanztAbb. 24: Efautute (Epipremnum pinnatum)
Abb. 24: Efautute (Epipremnum pinnatum)
Abb. 25: Jungtier 6 Monate
Abb. 26: Jungtier 2 Jahre

Tierische Nahrung wird von den Schlüpflingen nicht aufgenommen. Im späteren Alter von etwa 2 Jahren wurde innerhalb der Freilandhaltung beobachtet, dass sie auch Schnecken knackten und auch die manchmal über das Futter gestreuten Bachflohkrebse fraßen.
Die Schlüpflinge der Manouria impressa sind beim Schlupf eher einheitlich braun ohne auffällige Zeichnung. Nach etwa anderthalb bis zwei Jahren sehen sie in ihrer Zeichnung den adulten Schildkröten immer ähnlicher. Ihr Carapaxrand ist stark gesägt. Im späteren Alter nimmt auch dies ab.
Seit September 2007 bis September 2011  sind nun insgesamt 60 Nachzuchten geschlüpft. Hierbei ist zu erwähnen, dass es in dem bei uns in 2008 kälterem Sommer Probleme bei der Ablage der Eier gab. Die Temperatur zur Zeit der Eiablage war deutlich geringer als in 2007 oder 2009, so dass die Eier gestreut wurden. In 2008 schlüpfte somit kein Jungtier.
Im Abschluss möchten wir erwähnen, dass innerhalb des Projektes einige Ausgaben notwendig sind, sei es für die Anschaffung von Dataloggern, für die notwendige Infrastruktur oder auch nur für tierärztliche Kosten, die das Projekt finanziell belasten. Wir würden uns sehr über finanzielle Unterstützung im Namen des Projektes EMI freuen.
Desweiteren suchen wir auch immer wieder nach neuen verantwortungsvollen Mitgliedern, die für das Projekt EMI die Pflege von Nachzuchten der Manouria impressa übernehmen und sorgfältig Daten sammeln und Erfahrungsberichte erstellen.

Text und Bilder: Gaby Herzog, Dipl.-Ing (Deutschland), schildi1806@gmx.de, http://emi.padde.eu
Viktor Mislin, Universität Basel (Schweiz), viktor.mislin@unibas.ch, http://emi.padde.eu

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