Fundstücke: Die Dosen von Lacroix aus Niederrad

Am Südufer der Mains, dem Gallusviertel gegenüber, liegt Frankfurt-Niederrad. Einst ein eigenes Dorf, aber seit Beginn des 20. Jahrhunderts der Mainmetropole zugeschlagen und eingemeindet. Zu Niederrad gehört nicht nur eine Bürostadt mit Hochhaustürmen und Blocks, es gibt auch nach wie vor einen alten Kern und eine eigene Stadtteilstruktur.
Hier, im örtlichen Heimatmuseum wird seit dem Sommer 2012 das Präparat einer Meeresschildkröte ausgestellt. Das mag den Ortsfremden verwundern: Liegt Frankfurt doch fernab von Küste und Meer. Wieso also wird hier eine präparierte Grüne Meeresschildkröte gezeigt?
Das Präparat, das aus Privatbesitz stammt, steht jedoch in engem Bezug mit dem Stadtteil, denn hier stand bis 1996 ein Werk von Lacroix.

Dosensuppe von Lacroix.

1921 hatte der gelernte Koch Eugen Lacroix in Frankfurt-Sachsenhausen ein Feinkostunternehmen gegründet und seine steile Karriere als Hersteller von edlen und extravaganten Spezialitäten begonnen. Den getrüffelten Gänseleberpasteten folgten alsbald viele weitere kulinarische Extravaganzen. Lacroix expandierte,  die Firma zog nach Niederrad, der Vertrieb von konservierten Dosensuppen und -produkten machte Lacroix zum unbestrittenen Marktführer auf seinem Gebiet.
Besonders in der Zeit des Wirtschaftswunders der 50er Jahre florierte sein Unternehmen, Lacroix verstand es geschickt, die Sehnsüchte nach etwas Besonderem und Exotischem mit seinen Dosenprodukten zu bedienen und gleichzeitig das Image des Luxusprodukts beizubehalten. Obwohl seine Dosensuppen in zahlreichen neu entstandenen Supermärktkten im Sortiment waren, galten sie immer als etwas Besonderes, was man sich eben nicht jeden Tag leistete, aber doch hin und wieder kaufen konnte. Der erschwingliche Luxus für jedermann, das ganz Erlesene für die besonderen Anlässe, das notwendige Attribut, wenn es darum ging, zu zeigen, dass man wer war. Ein Bedürfnis, das in Deutschland gerade nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und des einsetzenden Wirtschaftswunders enorm groß war. So gehörten zeitweilig Haifischflossensuppe oder Suppen aus Seegurken oder Känguruschwänzen zu Lacroix‘ Produktportfolio. Und eben Schildkrötensuppe. Die kannte Lacroix aus jener  Zeit, als er selbst Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts in der Kombüse diverser Schiffe der Norddeutschen Lloyd zur See gefahren war.
Und die konservierte „Echte Schildkrötensuppe“ sollte es sein, die Lacroix zu Weltruhm verhalf. Die Nachfrage war so groß, dass 1959 rund 250 Tonnen tiefgefrorene Schildkröten in Frankfurt zu Dosensuppen verarbeitet wurden. Der Verzehr von Schildkröten war kein Thema, über das man sich Gedanken machte, er galt als völlig normal. (s. dazu die beiden Beiträge Tradion oder Nahrungstabu Teil 1 und Teil 2. Der geschäftstüchtige Unternehmer entwickelte nicht nur Kochbücher sondern auch eigenes Geschirr für Schildkrötensuppen, Schneckenpfännchen und allerlei andere Produkte für die vornehme Tafel.
Erst mit dem aufkommenden ökologischen Bewusstsein und dem Umdenken der Bevölkerung in den 70er Jahren sank der Absatz, Produkt- und Handelsboykottaufrufe wurden laut. Das Unternehmen Lacroix beteuerte immer wieder, wenn auch kaum glaubwürdig, dass die Tiere nicht aus der Wildnis, sondern aus Farmprojekten stammten, doch der Druck nahm zu.
Als erste deutsche Supermarktkette warf Tengelmann 1984 Schidkrötensuppen aus dem Sortiment, andere folgten umgehend. Nach der Devise, Gutes tun und dies auch zu verkünden, entwickelte Tengelmann das berühmte Bild mit der Schildkröte, die einen Frosch küsst – eine klare Position gegen Schildkrötensuppe, Froschschenkel und andere kulinarische Extravaganzen und sicherte sich damit die Sympathie (und Kaufkraft) zahlreicher umweltbewusster Kunden.

US-Konkurrenzprodukt

Die Niederräder Firma, nach dem Tod des Firmengründers an einen amerikanischen Konzern verkauft, reagierte umgehend und stellte die Produktion ein – ebenfalls mit dem Hinweis auf Umwelt- und Naturschutz. Das Werk wurde 1996 endgülig geschlossen.
Das Niederräder Heimatmuseum aber bewahrt die Erinnerung an diese Zeit auf: Lacroix-Suppendosen sind dort ebenso zu sehen, wie Fotoaufnahmen von Schildkröten auf dem Werksgelände, noch bevor sie zerlegt wurden.

Tengelmann-Kampagne von 1984

Und die präparierte Schildkröte?
Das Tier dürfte aus der Zeit stammen, in der noch Berge tiefgefrorener Schildkröten nach Frankfurt geschafft und dort zu Suppe verarbeitet wurden. Dieses Tier aus dem Nachlass eines Kochs dürfte wohl bei einer dieser Lieferungen mit dabei gewesen sein.
Das Heimatmusem Niederad, Schwanheimer Straße 17, ist jeweils dienstags 14 bis 17 Uhr und am zweiten Sonntag im Monat von 14 bis 17 Uhr geöffnet.

Mehr über das Unternehmen Lacroix auch auf European News Agency „Haute Cuisine in Dosen“

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