Reptilienauffangstation München

Happy End für eine geschmuggelte Maurische Landschildkröte

Gefunden, ausgesetzt oder beschlagnahmt…
Ein Besuch in der Münchner Reptilienauffangstation / Von Lutz Prauser und Petra Mederer

Der Keller, im Gebäude der Münchner Kaulbachstraße, könnte Geschichten erzählen. Dort, in den Räumen der Tierärztlichen Fakultät, ist noch immer die von Markus Baur geleitete Münchner Reptilienauffangstation untergebracht. Sie gibt über 600 Tieren ein Zuhause. Addiert man die Zahl der vermittelten Tiere hinzu, wird schnell klar, dass dort pro Jahr weit über tausend Tiere aufgenommen werden.
Begonnen hat alles 1995 mit knapp 3.000 Rotwangenschmuckschildkröten, die den Tiermedizinern zur Verwahrung und – nach längeren Kämpfen – zur Vermittlung überantwortet wurden. Zwar waren zuvor schon Einzeltiere abgegeben und vermittelt worden, doch war dies die Ausnahme. Nachdem diese Mammutaufgabe bewältigt worden war, wurde schnell klar: Es herrscht Bedarf.
Mittlerweile besteht die Münchner Reptilienauffangstation seit 15 Jahren, wird finanziert von einem Trägerverein, dem Freistaat Bayern und Spendengeldern. Doch es fehlt an allen Ecken und Enden. Eng begrenzt ist der Raum, die Kapazitäten liegen immer am Anschlag und doch nimmt die Zahl der abgegebenen Tiere ständig zu.
Der Seefelder Schildkrötenstammtisch und einige Mitglieder des Testudo Forums, waren in  München, um sich vor Ort über die Arbeit des Trägervereins „Auffangstation für Reptilien, München e. V.“  zu informieren und sich durch die Örtlichkeiten der Station führen zu lassen.  Vor Ort wurden die Teilnehmer in drei kleinere Gruppen aufgeteilt, damit auch wirklich jeder alles sehen konnte und es genügend Zeit zu Fragen für alle gab. Geführt wurden die drei Gruppen von den Tierärztinnen Natalie Steidele und Sabine Öfner sowie ihrem Kollegen Tobias Friz.
Bei einem Rundgang durch die Station und die Außenanlage konnten sich die Teilnehmer überzeugen, dass die Auffangstation aus allen Nähten platzt und die Tiere daher oft auf engstem Raum gehalten werden müssen.
„Da sind zunächst die Fundtiere“, berichtet Tierärztin Sabine Öfner den interessierten Zuhörern des Seefelder Schildkrötenstammtischs. „Jedes scheinbar herrenlose Reptil, das im Großraum München gefunden wird, landet bei uns. Hinzu kommen – und das ist der Hauptanteil – die beschlagnahmten Tiere.“
Diese Beschlagnahme kann dann erfolgen, wenn die lokalen Behörden auf katastrophale Haltung vor Ort reagieren müssen. Es gab zahlreiche Fälle von Animal hoarding, bei denen dutzende von Tieren eng zusammengepfercht, mehr tot als lebendig, vor sich hin vegetierten.

Griechische Landschildkröten mit Bissverletzungen, die von einem Marder (unten ) und einem Hund (oben) stammen
Europäische Sumpfschildkröten, die eventuell in Bayern ausgewildert werden konnen

Hinzu kommen beschlagnahmte Tiere, die die Zollbehörden auf dem Münchner Flughafen oder zum Beispiel der Autobahn einsammeln. Das sind in der Regel geschmuggelte Tiere, wie zum Beispiel die sieben griechischen Landschildkröten, die der Zoll aus einem Lastwagen an der österreichischen Grenze beschlagnahmte. Manchmal aber auch werden Tiere eingeführt und es fehlen einfach die notwendigen Papiere, die dann nachgeschickt werden. So wurden im Sommer insgesamt rund 1.300, Kleinechsen, Amphibien und Wirbellose, davon mehrere Hundert Rotkehlanolis, kurzerhand am Flughafen beschlagnahmt und das Wochenende über in der Kaulbachstraße einquartiert. „Klar, konnten wir sie nicht im Versandbehälter belassen“, erzählt Sabine Öfner. „„Am Wochenanfang kamen dann die erforderlichen Papiere, so dass die Tiere wieder verpackt werden mussten um anschließend ihre Reise zu ihrem Bestimmungsort fortsetzen zu können.“
Im Keller sitzen auch zwei winzige Tunesische Landschildkröten. „Die haben Kinder aus ihrem Urlaub in der Hosentasche ohne Wissen der Eltern mitgebracht“. Kaum in Deutschland angekommen, fanden die Tiere den Weg in die Auffangstation. Gott sei Dank hat die Mutter gleich richtig reagiert.“
Dramatisch zugenommen hat auch die Zahl der Tiere, die die Eigentümer selbst abgeben weil sie mit der Haltung einfach nicht mehr zurecht kommen. Da kann es schon einmal vorkommen, dass ein Tier vor die Tür gestellt oder sogar per Post geschickt wird; natürlich ohne Absender.
Und noch etwas beunruhigt die Tierärzte und –pfleger: Die Zahl der gefährlichen Tiere, die  beschlagnahmt werden, nimmt rasant zu, weil die Behörden schnell aktiv werden, wenn in Bayern illegal solche generell verbotenen Arten gehalten werden.
Dabei ist natürlich auch die Öffentlichkeit durch die vielen zum Teil sehr reißerischen Medienberichte für diese Thematik besonders sensibilisiert. Jeder Reptilienfund ist ja schon eine kleine Schlagzeile wert. Egal, ob die Tiere am Ende giftig sind, ob sie gehalten werden dürfen oder nicht.
Die beschlagnahmten giftigen Reptilien sind fast gar nicht zu vermitteln. Im Keller hinter verschlossenen Türen und videoüberwacht sind die wirklich gefährlichen Tiere untergebracht. Von der Kobra über die Klapperschlange, einer Krustenechse und einer Afrikanischen Baumschlange (Boomslang) reicht die Vielfalt der problematischen Arten.

Beengte Verhältnisse im Hof in München

Viele dieser Tiere dürfen nicht in Privathand gehalten werden. „Es bleiben eigentlich nur Zoos“, erklärt die Tierärztin. „Oder eben die dauerhafte Unterbringung in der Station.“
Neben den zwei Grünen Leguanen aus dem Botanischen Garten, die während der dortigen Umbauzeit des Orchideenhauses vorübergehende Gäste sind, ist vor allem Eugen der bekannteste Pflegling. Wer kennt es nicht,  „das Ungeheuer vom Loch Dornach“, eine Geierschildkröte, die 2002 aus einem Badeweiher vor den Toren Münchens gefischt worden war. Nun ist Eugen zusammen mit seiner Eugenie in einem Teich in der Auffangstation. „Warum diese Tiere dauerhaft bei uns leben, ist ein tatsächlich existierendes Haltungs- und Besitzverbot für Schnapp- und Geierschildkröten in der BRD!,“ erklärt Tobias Friz.
Nicht immer gestaltet sich die Vermittlung so einfach, wie es sich die Verantwortlichen der Auffangstation wünschen. „Oft schiebt der Staatsanwalt erst einmal einen Riegel vor“. Eingezogene Tiere können nicht ohne Weiteres abgeben werden. Und so paddelt in einem Aquarium im Außenbereich eine Gruppe Schmuckschildkröten ihre Runden. Die Eigentümerin der Tiere wurde inhaftiert. „Wo, wenn nicht bei uns, werden also die Schildkröten abgegeben?,“ erzählt Sabine Öfner. „Fälle dieser Art gibt es reichlich. „Wir gehen davon aus, dass die Eigentümerin nach ihrer Haft zwar die Tiere abholt, aber das Veterinäramt sie umgehend wieder einziehen wird. Sie können sich nicht vorstellen, unter welchen Bedingungen die Frau mit ihren Tieren gehaust hat.“
In vielen Fällen ist der gesundheitliche Zustand der abgegebenen oder beschlagnahmten Tiere bedenklich. Oft müssen Wunden versorgt und Parasiten bekämpft werden. Doch viele der Tiere sind in so schlechtem Zustand, dass sie trotz bester tiermedizinischer Versorgung sterben oder euthanasiert werden müssen.
Eine wohltuende Ausnahme bildet da ein großes Becken für Europäische Sumpfschildkröten. „Das sind Fundtiere“, erklärt Sabine Öfner. „Es gibt ja eine bayerische Lokalform und wir untersuchen hier alle gefundenen Tiere genetisch, ob sie zu dieser Lokalform passen.“ Mit den geeigneten Tieren wird eine Zuchtgruppe aufgebaut. Die anderen Tiere werden ebenfalls an gesicherten Stellen wieder ausgesetzt – so zum Beispiel in den Wassergräben des Hellabrunner Tierparks, von wo sie nicht wieder – quasi als Faunenverfälscher – in die Natur und die heimische Population gelangen können.
Damit ist das Stichwort gefallen: „Stimmt es eigentlich, dass überschüssige, nicht vermittelte Wasserschildkröten an den Tierpark als Tierfutter abgegeben werden?“ will eine Teilnehmerin der Führung wissen.
„Dieses Gerücht“, so Sabine Öfner, „taucht immer wieder auf. Wir kennen das, aber wir können ihnen versichern: Da ist nichts Wahres dran!“
Für die  zahlreichen Wasserschildkröten  im Freiland wird es immer beengter in den Becken. Das Wasser in den Becken ist auffällig trüb und grünlich. Aber wie Tobias Friz erklärt, ist das beabsichtigt. Das hinzugefügte Teichwasser steigert das Wohlbefinden der Schildkröten, diese sich sicherer fühlen und weniger  Aggresionspotentional aufgebaut wird.
Die Teilnehmer der drei Gruppen waren am Ende hoch beeindruckt von der Arbeit, die hier unter diesen Bedingungen geleistet wird. Einige der Teilnehmer entschlossen sich, einem dieser armen Kreaturen ein neues Zuhause zu geben. Meine Person natürlich nicht ausgeschlossen. So hatte der Besuch der Schildkrötengruppe auch für die Station einen ganz unmittelbaren Nutzen.
Eine Führung ist für jeden Reptilienliebhaber zu empfehlen. Ob Erwachsene oder Kinder, jeder wird individuell geführt und keine Frage bleibt unbeantwortet. Jeder gespendete Cent hilft, die Auffangstation im Sinne des Tier- und Artenschutzes weiter gut zu betreiben.
Geldspenden für die Grundversorgung der Tiere und Sachspenden (z.B. Kühlschränke zum Überwintern von Schildkröten, Lampen und anderes technisches Zubehör) werden gerne angenommen, bitte aber vorher kurz in der Station nachfragen.

Die Station platzt aus allen Nähten.

Ergänzend hat uns Markus Baur, der Leiter der Station einige wichtige Informationen über die Vermittlung der Tiere mitgeteilt.
Sind behördlich eingezogene Tiere zur Vermittlung freigegeben und finden sich Interessenten, dann schließt z. T. die jeweils zuständige Behörde (i.d.R. die untere Naturschutzbehörde der Kommune) mit den Abnehmern einen Einstellungsvertrag.
Sind Tiere zur Vermittlung freigegeben und finden sich Interessenten, dann schließt die jeweils zuständige Behörde (i.d.R. die untere Naturschutzbehörde der Kommune) mit den Abnehmern einen Einstellungsvertrag. Markus Baur: „Freigegebene Tiere können auch von uns direkt vermittelt werden, legale Abgabetiere sowieso. Wir fordern vorweg einen ausgefüllten Fragebogen, Maße und Fotodokumentationen der Haltungsbedingungen,. Bei geschützten Tiere, die nicht behördlich eingezogen wurden, aber ohne Papiere sind (z. B. Fundtieren), benötigen Interessenten das vorab erteilte Einverständnis der zuständigen Naturschutzbehörde. Nachkontrollen sind möglich.“ Gefahrtierabgaben hingegen sind nur gegen Vorlage der Genehmigung möglich. „Sachkundenachweise sind in jedem Fall erwünscht. Bei speziellen Arten mit hohen Ansprüchen werden ggf. von uns die Behörden (z. B. das Veterinäramt) involviert.“
Weitere Informationen erteilen gern die Mitarbeiter der Auffangstation.
Kontakt:
Auffangstation für Reptilien, München e. V.
Kaulbachstr. 37
80539 München
http://www.reptilienauffangstation.de/

Text: Petra Mederer & Lutz Prauser, Fotos: Lutz Prauser

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