Ein Schlag gegen den illegalen Tierhandel

Übergabeverhandlung

Von ihren Erfahrungen berichtet Annette Broschag

Im Mai 2008 traf ich auf der Suche nach einem adulten Testudo hermanni boettgeri Weibchen im Internet auf eine Verkaufsanzeige eines Stefan R. aus Hamm. Nach kurzem Schriftverkehr mit ihm bot er mir ein ca. 40 Jahre altes Tier an, welches angeblich einem älteren Ehepaar gehörte, die sich aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr um die Schildkröte kümmern konnten. Nach R.s Angaben hatte er die Aufgabe, dieses Tier für sie zu verkaufen. Zunächst ein verlockendes Angebot. Für einen Preis von 240 Euro sollte dieses Weibchen mir gehören.
Wir machten einen Übergabetermin aus, der im Garten seines Vaters stattfand. Seltsamerweise befand sich in diesem Garten eine Hütte, in der ca. 40 adulte Testudo hermanni boettgeri Damen „gelagert“ wurden. Stefan R. versicherte mir, dass das soeben von mir gekaufte Tier wohl in nächster Zeit Eier legen würde. Ich wurde skeptisch, da ich dem Tier einen Ortswechsel vor der Eiablage nicht zumuten wollte. Aber Stefan R. versuchte, meine Zweifel beiseite zu wischen, indem er mir den Ratschlag gab, sollte das Tier „Zicken“ machen, solle ich ihm einfach Oxytocin spritzen. In diesem Moment kam mir zum ersten Mal der Gedanke, dass da etwas nicht stimmen könnte. Ein wirklicher Schildkrötenfreund tut so etwas nicht freiwillig einem Tier an.
Ich nahm das Weibchen aber trotzdem mit und musste Schlimmes erfahren: Zwei Tage nach Einzug in mein Gehege, bekam Frieda (so habe ich sie getauft) geschwollene Augen, ihr Maul war mit dicken Belägen behaftet. Das Tier stellte das Fressen komplett ein. Sofort fuhr ich mit der Schildkröte zu Dr. Carolin Dennert, einer auf Reptilien speazilisierten Tierärztin, die das Rana-Virus diagnostizierte. Frieda war dann noch 10 Tage in Behandlung, bevor sie den Kampf um ihr Leben verlor. Da das Rana-Virus fast ausschließlich in der freien Wildbahn vorkommt, war mir schnell klar, dass Stefan R.s Geschichte von dem alten Vorbesitzer-Ehepaar wohl nicht stimmen konnte.
Noch am gleichen Tag setzte ich mich mit ihm in Verbindung, um ihn über den Tod der Schildkröte zu informieren. Nicht zuletzt wollte ich verhindern, dass die anderen Schildkröten, die mit meiner in Kontakt geraten waren, weiterverkauft wurden. Herr R. reagierte allerdings gereizt und erklärte, dass die Tiere schon nach Schleswig-Holstein verkauft seien und ihm die Zukunft der Schildkröten egal sei…

Cites-Bescheinigungen für die Testkäufe

Ich überlegte nicht lange und machte bei der Unteren Landschaftsbehörde des Kreises Borken eine Selbstanzeige. Ich hatte ja schließlich auch indirekt eine Straftat begangen, als ich das Weibchen kaufte (aufgrund ihres Alters hatte sie ja keine Cites). Noch am selben Tag bekam ich einen Anruf von der Kripo Dortmund.

Der Beamte am anderen Ende der Leitung reagierte allerdings anders als ich erwartete. Herr K. erklärte mir, dass gegen Stefan R. seit Längerem ermittelt würde. Herr R. handele im großen Rahmen mit artgeschützen Tieren. Auch das Plündern von Naturschutzgebieten, in denen Smaragdeidechsen beheimatet sind, ginge auf seine Kappe. Ebenso handele er mit Europäischen Sumpfschildkröten (Emys Orbicularis), die er in großer Zahl direkt aus der Natur absammeln ließ. Bisher konnte ihm aber nichts nachgewiesen werden. Ich wurde gefragt, ob ich bereit wäre, gegen ihn vor Gericht auszusagen und auch eventuell die weiteren Ermittlungen unterstützen würde. Natürlich sagte ich zu.

Nach einem persönlichen Treffen mit den ermittelnden Beamten setzte ich mich noch einmal mit Stefan R. in Verbindung. Ich erklärte ihm, dass ich immer noch auf der Suche nach ein bis zwei Weibchen wäre. Er versprach mir, sich „drum zu kümmern“. Zu den gleichen Konditionen wie beim ersten Mal. Ich brauchte nicht lange zu warten und Herr R. mailte mir, dass er zwei Schildkröten für mich hätte. Ein Übergabetermin war schnell ausgemacht. Nur dieses Mal durch die Kripo überwacht. Bevor ich zu dem Verkäufer fuhr, traf ich mich mit zwei Beamten der Kripo Dortmund, die mir das Geld für den „Handel“ übergaben. Dieses Mal sollte der Übergabeort das private Haus des Herrn R. sein. Ich fuhr dorthin gefolgt von den beiden Beamten in Zivil.
Als ich an der Tür stand, war mir schon klar, dass nun nichts schiefgehen durfte. Erstaunlicherweise blieb ich relativ ruhig. Als er mir dann die beiden Schildkröten zeigte, fragte ich ihn, wo sie denn herkämen. Er entgegnete, dass es ehemalige Nachzuchten seiner Tiere seien. Als ich nach Papieren fragte, sagte er nur: „Bei mir gibt’s nie Papiere“. Schnell lenkte ich auf ein anderes Thema. Ich log, dass mein Sohn sich für Smaragdeidechsen interessiere, ich aber nicht wüsste, wo ich diese Tiere herbekomme. Schnell sprang Herr R. darauf an und ging mit mir in den Keller seines Hauses. Was mich da erwartete, ließ mich erschaudern. In unzähligen Terrarien gab es die unterschiedlichsten artgeschützten Tiere. Unter anderem auch ca. 100 Smaragdeidechsen. Herr R. erklärte mir, dass ein Großteil der Tiere in nächster Zeit nach China gehen würde. Dann fragte ich ihn nach Schildkrötenarten, die keine Starre halten. Auch da biss er an und zeigte mir eine große Gruppe Strahlenschildkröten. Diese Tiere bot er mir auch ohne Papiere an. Ich war ganz gut in Fahrt und log, dass mein Bruder auch ein Schildkrötenfreak sei und am 04.04.74 geboren sei. Ich wollte Papiere für eine Schildkröte, die an diesem Tag geschlüpft sei. Auch das wollte er möglich machen. Und dann machte ein Anruf an Herrn R. während meines Besuches den Sack zu. Der Anrufer am anderen Ende der Leitung machte mit ihm einen Übergabetreffpunkt für eine neue „Lieferung“ am selben Tag aus.

Fotos: A Broschag

Mit den beiden Schildkröten und vielen sachdienlichen Informationen verließ ich das Haus des Herrn R.. Sofort traf ich mich mit den beiden Beamten an einem abgelegenen Ort, um mein Wissen weiter zu geben.
Einige Wochen später fand erneut ein Testkauf durch eine Beamtin statt. Ich hatte Herrn R. gebeten, für eine gute Freundin fünf adulte Weibchen und ein Männchen der griechischen Landschildkröte zu besorgen. Natürlich zog auch da wieder das zu erwartende Geld und er hatte schnell die passenden Tiere da. Nur dieses Mal war es eine Beamtin, die den Kauf tätigte. Unmittelbar nach dem Kauf fielen ein Trupp Polizisten und die Steuerfahndung bei Herrn R. ein. Sämtliche Computer und Handys wurden beschlagnahmt. Somit verfügte die Kripo jetzt über genügend Beweismaterial, um endlich gegen diesen skrupellosen Menschen vorzugehen.
Bei seiner Festnahme offenbarte Herr R. noch einige Namen seiner Mittäter, die sich später auch vor Gericht verantworten mussten. Bei späteren Vernehmungen gestand er, dass er Schildkröten u. a. in leeren Särgen aus den Ursprungsländern geschmuggelt habe. Ebenso existiert Filmmaterial, auf dem er mit seinen Komplizen beim Absammeln der Habitate zu sehen ist. Auf Fotos sind unzählige durchnummerierte adulte griechische Landschildkröten zu sehen, die auf einer Terrasse liegen. Ihre Fundorte wurden für eventuelles weiteres Absammeln schriftlich festgehalten.

Nach der Hausdurchsuchung bei Stefan R. berichtete die Presse ausführlich über den Fall. Im November 2010 wurden R. und seine Helfer rechtskräftig verurteilt.  R. wurde vom Amtsgericht Dortmund zu  zwei Jahren Haft auf Bewährung und Zahlung einer Geldstrafe verurteilt.

Text und alle Bider: Annette Broschag. Alle Rechte bei der Autorin

4 Kommentare


  1. Barbara, leider sind Steuersachen schnell verjährt. Die Geldstrafen waren leider weit geringer als der Gewinn. Trotzdem lohnt sich der Einsatz, zumindest für die Tiere, die hoffentlich nun nicht mehr abgesammelt werden. Hochachtung Annette!


  2. Dieser Bericht ist immer wieder aktuell und wir zeigen ihn sehr gern neuen Haltern z. B. auf unseren Internet-Schildkröten-Plattformen und auf den Stammtischen..
    Danke dafür, liebe Annette.
    Wir hoffen damit aufzuzeigen, wie wichtig es ist, jedes „zu günstige“ Angebot erst mal unter die Lupe zu nehmen.

    Denn leider kommt oft ein „dickes Ende“ auf den Halter zu, wenn wie in diesem Bericht, bei einem Wildfang durch den Streß eine Krankheit ausbricht.Die hohen Tierarztkosten sollte man nie unterschätzen wenn ein Tier einen Rana- oder Herpesvirus hat.


  3. Haft auf Bewährung???????????? Und ´ne Geldstrafe, die er abstottern kann! Da bleibt einem nur die „Genugtuung“, dass er die Steuerschulden, die sich aus Schätzungen ergeben haben, ganz gewiss nicht abtragen kann – ist aber natürlich überhaupt gar kein Maß für das Leiden der TIere, die er geschmuggelt hat.


  4. Ich bin froh, dass es doch noch Menschen mit Zivilcourage gibt.
    Gerade in unserem Jahrhundert, wo das Nachziehen sämtlicher Schildkrötenarten problemlos gelingt, wo sich Züchter, die mit entsprechenden Hintergrundwissen bereits die Eier ihrer Tiere vernichten um den Markt nicht zu überschwemmen (oder wie sich in diesem Bericht wieder zeigt, für skrupellosen Händlern freigibt!) sollte der Tierschmuggel aufs härteste bestraft werden.
    DANKE Annette!

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