Warum es so fatal ist, wenn Waldbrände im Mittelmeerraum wüten

Anmerkungen von Lutz Prauser

Trotz aller Warnhinweise: Jährlich brennen im Mittelmerraum die Wälder.

Mit großer Sorge beobachten derzeit die Menschen in Europa die vernichtenden Waldbrände in den Mittelmeerländern. Von Griechenland über Italien bis nach Spanien stehen tausende Quadradkilometer Natur in Flammen. Auch auf den Inseln Sardinen, Sizilen, Mallorca und Tenereffia vernichten die Flammen Wälder und Macchia. Nicht überall, aber in vielen Fällen sind davon natürliche Lebensräume von Schildkröten betroffen. Die Folgen sind fatal.

Waldbrand auf Mallorca. Bild: Mallorcainfos.com

Und kaum, dass die Flammen von der Trockenheit begünstigt und von heißen Winden vorangetrieben werden und alles vernichten, wird die Frage nach den Verantwortlichen laut. Wie in jedem Jahr sind die Verursacher schnell benannt:  Die Feuer seien von Menschen absichtlich gelegt worden. Da ist sicher in vielen Fällen etwas Wahres daran. In Griechenland spekuliert man darüber, ob die Brände entfacht werden, um Wälder und Macchia günstig und schnell und, ohne größere Auseinandersetzungen mit den Behörden befürchten zu müssen, in Bauland umwidmen zu können. In Italien, vor allem auf Sardinien, reiben sich insgeheim die Besitzer großer Schafherden die Hände, denn das Feuer hinterlässt ein wunderbares Weideland. Ist nämlich die Verholzung weit fortgeschritten, was in der Macchia schnell der Fall ist, dann finden die Schafe kaum noch Fressbares. Bei über 5 Millionen Schafen kann das schnell ein Problem werden. Und dann wird gezündelt:

Zurück bleiben verkohlte Stämme und neues Weideland…
…das schon bald genutzt werden kann.
Weideland auf Sardinien.

Der Weg durch’s Gestrüpp ist für die Tiere beschwerlich, die hartlaubigen Pflanzen sind wenig attraktiv und unten auf dem Boden wächst kaum noch etwas Fressbares. Brennt die Macchia aber nieder, bleiben nach dem Feuer nur ein paar verkohlte Stämme zurück, aus dem Boden sprießen schnell wieder junges Grün und frische Triebe. Und im nächsten Jahr ist die Weide einfach perfekt. Es ist ein offenes Geheimnis, dass Schäfer im Mittelmeerraum so ihre Weideflächen verbotenerweise „regenerieren“.

Drei Jahre nach einem verheerendem Waldbrand: Landschaft auf Korsika.

Obwohl in vielen Ländern die Regierungen den Kampf gegen die sommerlichen Feuer aufgenommen haben und einige präventive Maßnahmen durchgeführt werden, scheint es am großen Konzept zu fehlen. Weder auf nationaler, noch auf EU-Ebene gibt es überzeugende  Strategien zur Rettung ganzer Landschaften vor den jährlich wiederkehrenden Flammen. Umweltschützer in den Mittelmeerländern beklagen zu  Recht, dass ein Naturschutzgebiet schließlich keine marode Bank sei, für deren Rettung man flugs ein paar Milliarden in die Hand nehme. Wenn interessieren da schon ein paar Pflanzen und Tiere. Zwar gibt es einige sehr gute und sich harmonisch in die Region einfügende Wiederaufforstungsprojekte, aber das ist nur der berühmte Tropfen auf dem heißen Stein. Vor allem aber ist eine Aufforstung eben nicht dasselbe, wie die zuvor vernichtete Ökogemeinschaft. Und ein paar Warnschilder und Feuerwachtürme helfen auch nicht weiter, so lange es keine übergreifenden Gesamtkonzepte gibt – und keine effiziente Technologie, um die Brände auch im unwegsamen Gelände schnell unter Kontrolle zu bringen.
Besonders schwer treffen die Wald- und Macchiabrände die ansässigen Schildkrötenpopulationen. Zwar hat vor einem Jahr eine Meldung Furore gemacht, dass Senior-Schildkröten aufgrund ihrer Panzerdicke vor Waldbränden besser geschützt sind, doch dürfte die Zahl der Schildkröten, die eine Feuersbrunst überleben, verschwindend gering sein im Verhältnis zu der Zahl der Tiere, die es eben nicht schaffen. Statistiken gibt es nicht, nur Schätzungen. Im Juli, so schätzt die spanische Umweltschutzorganisation GADMA (Grup d’Amics en Defensa del Medi Ambient), hat ein Großfeuer allein etwa 200 Hektar Wald und landwirtschaftliche Nutzfläche im Nordosten der Insel Mallorca völlig zerstört. Bei dem Brand mussten nach Schätzungen mehr als 3.500 Landschildkröten ihr Leben lassen. Der Sprecher der Umweltschützer, Bernat Fiol, bezeichnete den Tod der Tiere gegenüber der Presse als alarmierend. Zu Recht. Natürlich sind auch diese Zahlen nur Schätzungen, hochgerechnet von einer den GADMA bekannten Populationsdichten in den betroffenen Gebieten.

Lebensraum der Breitrandschildkröten auf Sardinien.

Schildkröten sind nicht in der Lage, Brandgebiete schnell zu verlassen. Anders als viele Säugetiere (Vögel sowieso) können Schildkröten den Flammen nur schlecht entfliehen. Und sie haben weitaus weniger Möglichkeiten, sich anders in Sicherheit zu bringen. Tief zwischen Steinen, Felsspalten oder in Erdhöhlen mögen kleinere Säugetiere, Schlangen, Eidechsen Zuflucht finden, kleinere Schildkröten eventuell auch, aber eine ausgewachsene Landschildkröte kann dies nur sein den seltentsten Fällen. Sie ist den Flammen auf Gedeih und Verderb ausgeliefert, wobei letzteres leider allzu oft der Fall ist.
Nun sind Macchia und Garrique Lebensräume, die sich erstaunlich schnell erholen. Ob nun nach einem Brand oder bei fehlender agrarwirtschaftlicher Nutzung: Die Natur erobert diese Gebiete sehr schnell zurück. Das mag beruhigend wirken, ist aber Augenwischerei. Zum einen ist die Macchia per se schon eine Sekundärvegetation, die sich an Stelle der primären abgeholzten Hartlaubwälder breitgemacht hat. Zum anderen gilt diese Regeneration auch  nur für einen Teil der vormaligen Bewohner, ob Pflanze oder Tier. Die schnelle „natürliche“ Rückeroberung der Lebensräume ist allerdings eine wunderbare Ausrede, warum es für die Brandvermeidung und -bekämpfung kaum efektive Konzepte gibt – geschweige denn eine harte Gangart gegen Brandstifter. Denn „es ist ja alles am Ende doch nicht so dramatisch“. Dramatisch wird’s immer erst, wenn die Feuerwalze Wälder, Oliven- oder Korkeichenplantagen vernichtet (die ja einen Wirtschaftsfaktor darstellen), auf Siedlungen zurollt oder – noch dramatischer – Ferienanlagen bedroht. Sobald also großer materieller Schaden eintreten oder Menschenleben bedroht sein könnten, wird’s hektisch. Ginge es nur um ein paar „Viecher“, werden wohl kaum Löschflugzeuge aufsteigen.

Während sich kleine Tiere vor den Flammen zwischen die Felsen schützen können…

Was bleibt, sind verbrannte Erde und ein Langzeitschaden für Schildkrötenpopulationen. Denn alles weitere ist ein Fall trauriger Statistik und Mathematik. Viele Tierarten sind in der Lage, Brandflächen relativ schnell wieder zu besiedeln. Die Wahrscheinlichkeit, dort auf Artrgenossen zu treffen, die ebenfalls eingewandert sind oder den Brand überlebt haben, steigt schnell. Für Schildkröten gilt das nicht. Ist eine Population erst einmal stark dezimiert, wird ein paarungswilliges Männchen kaum noch auf ein eingewandertes oder gar überlebendes Weibchen treffen. Die Chancen für die Vermehrung der übriggebliebenen Tiere stehen überaus schlecht, wenn es nur noch wenige gibt.
Aber es geht noch weiter: Es dauert etwa sieben bis zehn Jahre, bis eine Filialgeneration nach dem Schlupf ihre eigene Geschlechtsreife erlangt und weitere sieben bis zehn Jahre, bis die zweite Filialgeneration fortpflanzungsfähig ist. Bei vielen Arten ist die sogenannte F2-Generation bereits nach vier bis fünf Jahren geschlechtsreif und nicht erst nach 15 bis zwanzig Jahren. Entsprechend schnell können sich Kleinnager, Eidechsen, Schlangen, Vögel und viele andere Arten wieder ansiedeln.  Und wer weiß, ob die nachwachsende Generation, wenn es überhaupt eine gibt, wieder geschlechtsreif wird, bevor der nächste verheerende Waldbrand stattfindet. Nachzuchtstationen für Wiederaussiedlungen gibt es nr wenige (z.B. auf Korsika), aber keine Station wäre in der Lage, vernichtete Populationen mit Tieren im vierstelligen Bereich zu ersetzen. Eine solche Wiederansiedlung würde nur Bruchteile der vormaligen Anzahl an Tieren liefern.

haben ausgewachsene Schildkröten wenig Chancen zu überleben. Alle Fotos: Lutz Prauser

Hin und wieder steht zur Diskussion, „überschüssige“ Nachzuchten aus Privatbeständen für solche Projekte zusammenzutragen – ein Vorschlag, der bei Biologen und Naturschützern Stirnrunzeln hervorruft, zum einen würden solche  Projekte durch Vermischungen zur endgültigen Verdrängung ausgebildeteter  Lokalformen führen, zum anderen ist völlig unklar, ob nicht gerade solche Projekte Krankheiten und Parasit unter den wildlebenden Arten verbreiten helfen. Während also Naturschützer und Schildkrötenfreunde in jedem Waldbrand eine Katastrophe für die Tierpopulation annehmen müssen, sprechen die Behörden, wenn ein Feuer gelöscht ist, schnell davon, dass das Ganze einigermaßen glimpflich abgelaufen ist (sofern keine Menschen zu Schaden gekommen oder Gebäude niedergebrannt sind).  Und im Jahr drauf ist alles wie vergessen:

Denn  das Habitat sieht nach einem Feuer ja beim flüchtigen Hinschauen schon bald wieder aus, als sei nie etwas geschehen. Das einzige, was dann halt fehlt sind die Schildkröten…

 

Text und Fotos: Lutz Prauser. Alle Rechte beim Autor

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