Fundstücke: Ke-ya – Die Schildkröten der Sioux

Ke-ya – Die Schildkröten der Sioux

Sioux-Amulett in Form einer Schildkröte
Amulette zur Aufbewahrung der getrockneten Nabelschnur

Schildkröten nehmen bei nahezu allen Naturreligionen einen besonderen Stellenwert ein, so auch bei den Sioux-Stämmen in Nordamerika. Um aber die ganz besondere Bedeutung der Schildkröte Ke-ya zu verstehen, ist ein Blick in die Schöpfungsmythen der Lakota notwendig.
D. M. Dooling schildert in dem Buch „The sons of the Wind“ (New York, 1984) die Schöpfungsmythen der Lakota Indianer:
Am Anfang war Inyhan, der keinen Anfang hatte, da er schon da war, als noch nichts vorhanden war, nur Hanhepi, die Dunkelheit. Inyhan war weich und ohne Form, aber er war allüberall und hatte alle Kräfte. Und diese Kräfte waren in seinem Blut, und sein Blut war blau. Sein Geist aber war Wakan Tanka. Inyhan aber begehrte, es sollten andere mit ihm sein, damit er seine Kräfte erweitere. Aber es konnten keine anderen mit ihm sein, es sei denn er würde sie aus sich selbst heraus erschaffen. Um dies zu tun, müsse er Anteil an seinem Geist und Anteil an seinem Blute und der Kräfte in diesem Blute von sich geben. So entschied er sich, einen anderen zu erschaffen, aber nur als Teil von sich selbst, damit er die Kontrolle über die Kräfte behalten möge. Er nahm einen Teil von sich und breitete ihn in Form einer großen Scheibe über sich und um sich herum aus. Er nannte die Scheibe Maka, die Erde, und er gab Maka den Geist, den Maka-akam, den Geist der Erde, und sie ist ein Teil Inyhans.

Sioux-Frau. Fotografie aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts

In der Mytholohie der Lakota-Indianer wird Maka, die Erde, zu einem der heiligen Wesen (sacred being). Nachdem Inyhan durch die Erschaffung der Erde und weiterer heiliger Wesen kraftlos geworden ist, übernehmen diese heiligen Wesen die weiteren Schöpfungsakte. Maka erschafft aus sich selbst heraus ein Wesen makelloser Schönheit: Unk. Die Schönheit Unks jedoch weckt Makas Eifersucht. Daher verbannt sie ihr Geschöpf von der Erde in die Gewässer. Aber die Klagen der verstoßenen Unk werden erhört: Die anderen heiligen Wesen ernennen sie zur Herrin aller Gewässer und nehmen sie in ihren Reihen auf. Doch wie in vielen Mythologien stehen auch die heiligen Wesen (bzw. Götter) der Lakota nicht harmonisch zueinander – im Gegenteil: Unk will niemanden in ihr Wasser lassen, noch will sie etwas vom Wasser abgeben. Zu groß ist die Feindschaft unter den göttlichen Wesen. Das Land droht zu verdorren, wäre nicht Wakinyan, der Donnersturm, der Wasser in sich aufnimmt und es vom Himmel regnen lässt. Wakynian wird auch zum Schöpfer der Tiere: Aus Pflanzenteilen entstehen die Eier der Insekten, aus Insekteneiern und Früchten die Reptilien und aus weiteren Eiern und Muscheln die Vögel.

Perlenstickerei verziert das Amulett

Die Säugetiere schließlich schaffen die heiligen Wesen gemeinsam.
Um den fortdauernden Klagen Unks ein Ende zu bereiten, gewährt Maka ihr die Wahl einer ihrer Geschöpfe. Unk entscheidet sich für die Reptilien. Sie vereint sich mit dem größten und gefährlichsten Reptil Unhcegi und gebiert ein monströses Wesen: Unktehi. Schließlich kreiert sie noch ein weiteres Wesen mit einem Panzer aus Knochen, einem Kopf wie ein Vogel und einem Mund ohne Zähne. Dieses Wesen nennt sie Ke-ya, es ist die Schildkröte.
Wakynian durchschaut Unks Pläne, denn Ke-ya war geschaffen worden, um erneut Unfrieden zu stiften. So macht er die Schildkröte zu seiner Verbündeten und setzt sie ins Wasser, denn der Bereich der Schöpfung bleibt ihm verwehrt, da Unk über ihn herrscht. Ke-ya hat fortan die Aufgabe das Wasser zu reinigen.
Der Ausflug in die Mythologie zeigt schnell, dass Schildkröten bei den Lakota, die zu den Sioux gehören, eine ganz besondere Stellung haben. Dies wird umso mehr deutlich, da der Körper der Schildkröte zugleich ein Abbild der gesamten kosmischen Ordnung ist. Der indianische Kalender verfügt aufgrund der Beobachtungen der Sterne und des Mondwechsels über dreizehn Monate mit jeweils 28 Tagen. 13 große und 28 kleine Rückenschilde zieren den Panzer der Ke-ya, der Schildkröte.
In den Vorstellungen der Indianer steht ke-ya in einer sehr engen Verbindung mit der Geburt des Menschen. Die Schildkröte gehört zu den glücksbringenden Tieren. Ihr Symbol findet sich daher sehr oft im unmittelbaren Umfeld von Säuglingen und Kleinkindern. Anders als in Europa der Storch, bringt ke-ya jedoch nicht die Babys. Ihre Aufgabe ist es, das Neugeborene sicher in die Welt hineinzuführen.
Sehr oft wurde die Nabelschnur der Neugeborenen nach der Geburt getrocknet und in einem Behältnis aufbewahrt. Diese Amulette wurden den Kindern an die Trage gehängt, damit sie lange leben und vor Krankheiten beschützt sind. Sobald die Kinder selbst laufen konnten, wurde ihnen das Amulett um den Hals gehängt. Viele der Amulette tragen die Gestalt von Schildkröten oder Eidechsen.
Kleinen Kindern wurde auch das Symbol der Schildkröte auf den Bauch gemalt. Die das Wasser reinigende Kraft der Tiere sollte sich auch auf die Menschen übertragen, es sollte als Schutz vor Koliken und Darmerkrankungen dienen. Auch die Beinkleider der Frauen waren oft mit Schildkröten verziert, nicht von ungefähr in Augenhöhe der Kleinkinder.
Besonders häufig aber findet man das Symbol der ke-ya an den Wiegenbrettern (Craddle board), einer Tragevorrichtung für Säuglinge. Diese Bretter wurden von den Frauen auf dem Rücken getragen oder seitlich ans Pferd gehängt. Im Tipi und Wigwam wurden sie an Stangen befestigt, oder einfach aufrecht stehend irgendwo angelehnt.

Wiegenbrett mit einem Sioux-Säugling

Die Wiegebretter in Form einer festen Tasche lassen nur den Kopf und manchmal die Arme des Babys frei. Sie waren mit Federdaunen, Moos, weichen Tierhäuten oder Baumwolle gepolstert. Wiegenbretter wurden immer wieder verwendet, sie galten bei manchen Stämmen als heilig. Häufig schnitzte man die Zahl der Babys, die in ihr getragen worden waren, als Kerben hinein. Normalerweise blieb ein Baby etwa ein Jahr lang in der Wiege oder so lange, bis es laufen konnte. Starb das Baby jedoch, so wurde das Wiegenbrett häufig mit ihm bestattet.
Und noch eine weitere Schildkröte der Sioux ist – wenn auch nur dem Namen nach – sehr berühmt geworden: Im Juli 1864 überfielen etwa 150 Krieger der Brule Sioux einen Güter-Treck in der Nähe von Ford Zarah, Kansas. Die Indianer töteten die größtenteils unbewaffneten Frachtarbeiter und zerstörten alles, was sie auf den Wagen finden konnten. Die Soldaten des Forts Zarah mussten dem Geschehen aus der Ferne tatenlos zusehen. Zwar wollten sie den Angegriffenen zu Hilfe eilen, aber eine weitere große Gruppe Indianer schnitt ihnen den Weg ab. Um nicht selbst der Übermacht zum Opfer zu fallen, mussten die Soldaten ins Fort zurückkehren. Der Vorfall ging als Massaker vom Walnut-Creek in die Geschichte der Indianerkriege ein.

Zeitungsfoto des skalpierten Robert McGee von 1864

Nur ein Einziger überlebte, der 14jährige Robert McGee. Der Junge wurde schwer verwundet und bei lebendigem Leib skalpiert. Nachdem die Indianer verschwunden waren, fanden ihn die Soldaten des Forts unter den Leichen und brachten ihn in das Lazarett des Forts.
Ein Portraitfoto zeigt den vierzigjährigen McGee. Der Skalp soll ihm vom Häuptling der Angreifer genommen worden sein: Von Little Turtle.
Im 20. Jahrhundert bestätigten archäologische Fossilienfunde: Seit Urzeiten bevölkern Schildkröten die Prärien im Norden Amerikas. Die Schildkrötenfunde an der Brule Formation im Sioux County, Nebraska stammen aus dem Oligozän und werden auf etwa 30 Millionen Jahre datiert.
Die auffällige Ähnlichkeit zwischen den archäologischen Funden und den heute existierenden Tieren wird von den christlichen Fundamentalisten und Kreationisten als sicherer Beweis angesehen, dass alle Geschöpfe von (einem) Gott erschaffen wurden und sich seitdem nicht verändert haben. Sie gelten als „Kronzeugen“ gegen alle Evolutionstheorien. Aber das wäre schon wieder ein anderes Fundstück…

Logo der Maka-Foundation, einer Naturschutzorganisation der Lakota-Indianer

Weiterführende Literatur:

TECKLENBURG, Rene: Die Verdichter – eine religionsethnologische Studie zum Schamanismus der Lakota. Berlin, Münster 2007
DOOLING, D.M. & WALKER, J.: The Sons of the Wind: The Sacred Stories of the Lakota. New York 1984.

http://www.legendsofamerica.com/ks-pawneerockindians.html


Text, Recherchen und Übersetzungen: Lutz Prauser

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