Nachgefragt beim Tierarzt: Rachitis

Wachsweiche Panzer und völlig deformierte Tiere – da ist jedem klar, dass die Tiere schwer erkrankt sind.  Doch oft ist es dann schon zu spät. Rachitis gehört zu den Schildkrötenerkrankungen, die häufig diagnostiziert und auch in Schildkrötenforen thematisiert werden.  Doch  längst nicht jeder Ratschlag ist sinnvoll, wie Tierarzt Ingo Diegel meint. Wir freuen uns, mit Tierarzt Ingo Diegel einen weiteren Reptilienspezialisten gefunden zu haben, der sich bereit erklärt hat, an unserer Serie „Nachgefragt beim Tierarzt“ teilzunehmen.  Ihn befragten wir in diesem Monat zum Thema Rachitis.


1. Was ist eine Rachitis?
Unter Rachitis (bei wachsenden Tieren) bzw. Osteomalazie (bei Adulten) versteht man eine Störung des Kalziumstoffwechsels. Diese hat die Entmineralisierung des Skeletts bzw. die mangelhafte Einlagerung von Kalzium in die Knochen zur Folge. Schädel-, Kiefer-, Panzer- und alle weiteren Skelettknochen werden zunehmend weicher, bis das Tier kein Futter mehr aufnehmen kann oder unfähig wird, sich fortzubewegen.

2. Was sind die Ursachen einer Rachitis bei Schildkröten?
Hauptursache ist der Mangel an Vitamin D und Kalzium. Vitamin D ist unter anderem verantwortlich für den Kalziumeinbau in die Knochen.
UV-Licht – konkret UVB-Strahlung – spielt die entscheidende Rolle bei der körpereigenen Herstellung von Vitamin D. Wenn zu wenig UV-Licht und Kalzium vorhanden sind, kann sich das Skelett nicht richtig entwickeln.

3. Woran erkenne ich, ob eine Schildkröte an Rachitis erkrankt ist, z.B. wenn mir ein Tier angeboten wird (Symptome)?
Meist fällt als erstes ein mehr oder weniger weicher Panzer auf. Zwar ist der Bauchpanzer bei vielen Landschildkröten im ersten Lebensjahr physiologischerweise leicht eindrückbar – ein gewisses Maß sollte dabei jedoch nicht überschritten werden.
Schwerer erkrankte rachitische Tiere haben häufig Schmerzen, bewegen sich wenig und fressen nicht.

Die beiden Bilder zeigen zeigen eine gerade eingeschläferte T. marginata mit einem Panzer, den ich selten weicher gesehen habe. Das Tier ist mir auf der Hand fast zerflossen.

4. Welche Maßnahmen sollte ich sofort ergreifen, wenn ich meine, eine Rachitis festgestellt zu haben?
Falls Sie absolut nicht die Möglichkeit haben, umgehend einen Reptilientierarzt aufzusuchen, dann sollten Sie Ihrem Liebling schnellstens Sonnenbäder (mindestens 30 Minuten täglich) anbieten. Die natürliche Sonne ist durch nichts zu ersetzen, steht aber leider nicht immer zu Verfügung. Deshalb müssen in jedem Terrarium – aber auch in Freilandschutzhäusern – hochwertige UVB-Strahler installiert sein. Neben den aktuell erhältlichen Hallogen-Metalldampflampen (*), z.B. BrightSun UV desert 70W (40cm Abstand zum Tier), die für die ganztägige Bestrahlung geeignet sind, bewährt sich seit vielen Jahrzehnten die Osram Ultravitalux 300W (80-100cm Abstand zum Tier!), die jedoch nur 15-30 Minuten täglich in Betrieb sein sollte.
Kalzium muss über das Futter gestreut werden oder kann in flüssiger Form oral eingegeben werden.
Lassen Sie Ihr Tier in jedem Fall schnellstmöglich von einem spezialisierten Tierarzt untersuchen!

5. Wie dringend ist ein Tierarztbesuch?
Sehr dringend! Denn nur ein erfahrerer Reptilientierarzt kann den Schweregrad der Erkrankung beurteilen und geeignete Maßnahmen einleiten.
Ob die unter „4.“ angesprochenen Sofortmaßnahmen ausreichen oder ein Patient stationär mit Infusionen und Sondenernährung versorgt werden muss, entscheidet oft über den Erfolg der Therapie.
Von Ratschlägen aus Internetforen kann aus unserer Praxiserfahrung nur abgeraten werden. Ferndiagnosen können Leben kosten!

6. Wie wird diese Erkrankung vom Tierarzt festgestellt (Diagnose)?
Die Diagnose kann vom erfahrenen Tierarzt häufig bereits anhand der Anamnese (des Haltungsvorberichts) gestellt werden: „der Klassiker“ könnte beispielsweise so aussehen: Testudo hermanni boettgeri, 1 1/2 Jahre alt, Haltung im Terrarium ohne UV-Lampe und Kalziumgaben; war noch nie im Garten… bewegt sich kaum noch, frisst nicht mehr, hat docke Augen…
Leider lesen wir derartige Haltungsbeschreibungen viel zu oft und das vorgestellte Tier sieht dementsprechend aus: weicher Kiefer und Panzer, verformte Knochen, bewegt sich nicht mehr…
In weniger eindeutigen Fällen werden Röntgenbilder angefertigt, die Aufschluss über die Knochenstruktur geben. Rachitiskranke Tiere haben demineralisierte Knochen und die Struktur der Panzerschilde kann komplett verloren gehen.
Laboruntersuchungen geben Aufschluss über die Konzentration von Kalzium und Phosphor im Blut.

7. Wie wird sie vom Tierarzt behandelt (Therapie)?
Die Therapie stützt sich auf mehrere Pfeiler: Vitamin-D-Substitution, Kalzium-Zufuhr und UV-Licht-Bestrahlung.
Bei früh erkannten Fällen ist meist die freie Verfügbarkeit eines Kalziumpulvers und eine geeignete UV-Lampe ausreichend. Echtes Sonnenlicht sollte stets favorisiert werden.
Schwer krankte Patienten werden mit Vitamin-D- und Kalziuminjektionen versorgt. Ausgiebige UV-Lichtbäder sind zusätzlich erforderlich – am besten unter der natürlichen Sonne. Wenn diese nicht zur Verfügung steht oder kein Freigehege gebaut werden kann, dann stellt die altbewährte Osram Ultravitalux 300W eine gute Alternative dar – sofern sie im richtigen Abstand und nicht zu lange angewandt wird.
Intensivpatienten mit „butterweichem“ Panzer haben eine schlechte Prognose. Zwangsernährung und Infusionen sind zusätzlich zu den oben genannten Maßnahmen erforderlich.
Nicht selten bestehen zusätzlich parasitäre Erkrankungen. Falls in der Kotuntersuchung z.B. Oxyureneier gefunden werden, sollte natürlich auch entwurmt werden, da die Würmer ihrem Wirtstier wertvolle Nährstoffe entziehen und ihn zusätzlich schwächen.

Man sieht, wie eng der Abstand zwischen Ober- und Unterpanzer ist. Der Kopf hat fast nicht mehr durch gepasst. Bitte klicken Sie zum Vergrößern auf die Bilder. Bilder: Ingo Diegel

8. Welche besondere Pflege, welche besondere Haltung braucht ein an Rachitis erkranktes Tier?
Auch hier ist der Grad der Erkrankung ausschlaggebend.
In vielen Fällen ist eine Haltungsoptimierung ausreichend.
Vor allem jedoch sollten die regelmäßige Futteraufnahme und der ungestörte Kot- und Urinabsatz kontrolliert werden, da durch die Erkrankung Verformungen am gesamten Skelettsystem auftreten können – also auch an den Kiefern oder im Beckenbereich.
Weibliche Tiere können eine Legenot erleiden, da die Eier nicht mehr durch das verformte, eingeengte Becken passen. Andere Schildkröten, häufig zu schnell gewachsene Breitrandschildkröten (T. marginata), haben Probleme, ihren Kopf aus dem Panzer zu bekommen, da das Kopffenster zu eng gewachsen ist.

9. Wie sind die Aussichten auf einen Erfolg der Therapie (Prognose)?
Die Prognose hängt stark von der Schwere der Knochenveränderungen zum Zeitpunkt der Diagnose ab. Wenn der Patient noch selbständig frisst, sich ausgiebig sonnt und das angebotene Kalzium aufnimmt, stehen die Chancen gut. Ein stark erweichter Kopf und Panzer erfordert intensivmedizinische Maßnahmen und Zwangsfütterung über eine Futtersonde – diese Patienten können leider nicht immer gerettet werden.
Grundsätzlich sollte von einer mehrwöchigen bis -monatigen Heilungsdauer ausgegangen werden!

10. Was kann ich tun, um Rachitiserkrankungen zu vermeiden?
Ausgewogene Ernährung mit kalziumreichem Futter und regelmäßige Sonnenbäder sind die beste Prophylaxe. Kalziumpulver, zum Beispiel zerriebener Sepiaschulp, sollte stets zur freien Verfügung stehen. Ein kleines Schälchen in der Nähe des Futterplatzes ist hierfür bestens geeignet. Auf die prophylaktische Gabe weiterer Vitamine kann und sollte bei abwechslungsreicher Ernährung verzichtet werden, da in vielen Vitaminmischungen ein für Landschildkröten zu hoher Anteil an Vitamin A enthalten ist. Eine Überdosierung führt im schlimmsten Fall zu heftigen Häutungsschüben, die durchaus tödlich enden können.
Viel hilft nicht immer viel!
Dasselbe gilt für UV-Licht. UVB-Strahlung hochwertiger UV-Lampen ist im Terrarium zwingend nötig und selbst bei Freilandhaltung in unseren Breiten sinnvoll (leider ist nicht jede „UV-Lampe“ auch wirklich geeignet), dennoch muss Ihr Liebling jederzeit die Möglichkeit erhalten, sich an einen schattigen Platz zurückziehen zu können.
Zuletzt kann ich nur raten: Versuchen Sie die Haltung Ihrer Schildkröten so gut wie möglich an die Verhältnisse in freier Wildbahn anzupassen, denn die Natur ist das beste Vorbild!

Reptilientierarzt Ingo Diegel
www.tierarzt-schwelm.de
Mail: info@reptilien-und-co.de

Bitte beachten Sie: Die Serie „Nachgefragt beim Tierarzt“ ersetzt nicht die tierärztliche Beratung, vor allem nicht bei einer Erkrankung der Tiere. Sie soll nur allgemeine Informationen zu Schildkrötenerkrankungen liefern, damit Halter diese frühzeitig erkennen können und wissen, wie sie sinnvollerweise reagieren können. Die Fragebögen werden von unterschiedlichen Tierärzten ausgefüllt und spiegeln ggf. unterschiedliche Erfahrungen und Behandlungsansätze wider.

(*) Diese Lampen werden sehr gern als HQI-Strahler bezeichnet.  HQI-Strahler (übrigens ein Markenname der Firma „Osram“) können allerdings nicht zur Rachitis Prophylaxe eingesetzt werden, da sie keine UV-B durchlässige Verglasung haben.

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