Bilder können „lügen“…

Anmerkungen zu Bilder-Fehldeutungen von Lutz Prauser

Vor einigen Wochen erhielt ich eine Mail von einer Freundin, die sich gerade erst zwei Griechische Landschildkröten direkt vom Züchter gekauft hatte. Voller Stolz erzählte sie von ihren Tieren und schickte auch gleich ein paar Fotos mit. Es ergab sich – soweit nichts Ungewöhnliches – ein intensiver und wechselseitiger E-Mailverkehr mit allerlei Fragen, denn besagte Freundin ist Neueinsteigerin und dankbar für Ratschläge und Empfehlungen und ist sich in dem einen oder anderen Punkt unsicher.
Mich machte beim Betrachten der Fotos zwei rote Flecken auf dem Rückenpanzer der Schildkröte etwas stutzig. Flecken, die dort zu sehen waren, wo sie eindeutig nicht hingehörten. Eine Vergrößerung des Bildes gab auch keinen richtigen Aufschluss.
Konnte es sein, dass das Jungtier dort eine Verletzung hatte? War es vielleicht einmal heruntergefallen? Schimmerte ein Bluteinschluss durch die Hornschilde? Man macht sich natürlich seine Gedanken, studiert das Bild wieder und wieder und greift schließlich zum Telefon.
Ein Anruf bei unseren Freunden gab Klärung: Es waren lediglich Farbmarkierungen des Züchters, damit er seine Schlüpflinge auseinanderhalten konnte. Auf dem Foto aber waren sie als solche nicht eindeutig zu identifizieren.

Viele Schildkrötenhalter geraten in Situationen, aufgrund eines Fotos und vielleicht einer kurzen Beschreibung eine Meinung zu einem Tier abgeben zu müssen. Und sie können – trotz zum Teil jahrelanger Erfahrung – ganz gehörig daneben liegen, und das nicht nur zum Beispiel bei der Geschlechterbestimmung. Ist in diesem Fall ein Irrtum vielleicht ärgerlich und führt zu ein paar Problemen. Irrtümer können, wenn es um Krankheiten oder Verletzungen geht, dramatische Folgen haben. Wir möchten an dieser Stelle ein Beispiel zeigen und dazu ein paar Bilder zeigen.

Abb.1: Was ist das Rote dort am Plastron?

Abb. 1 zeigt eine Griechische Landschildkröte, ein Männchen. Dieses Bild bekam ich vor kurzer Zeit zu Angesicht. Und ich gebe zu: Ich war gelinde gesagt überrascht und etwas verwirrt. Der Bauchpanzer des Tieres ist, wie man auf dem Bild sehen kann, offensichtlich feucht und  irgendetwas schimmert rot. Eine Ausschnittvergrößerung (Abb.2) gibt nicht wirklich Aufschluss. Natürlich könnte man im ersten Moment vermuten: Da ist ein Tier über ein Erdbeermarmeladenbrot gekrochen oder hat es sich in Himbeersirup gemütlich gemacht. Das aber konnte ich definitiv ausschließen, da mir sowohl das Tier, als auch der Halter und dessen Haltungsbedingungen bestens vertraut sind. Garantiert liegt dort im Gehege kein Erdbeerbrot oder irgendetwas Vergleichbares herum.
Was also sonst?
Eine schwere Sepsis, die durch den Panzer durchschimmert? Eine Verletzung? Blut? Und wenn es so ist: Ist es nicht sehr bedenklich, das Tier mit einem Schwammtuch, das noch dazu recht dreckig aussieht, zu reinigen?
Fragen über Fragen, die, würde man ein solches Bild in ein Schildkrötenforum, stellen vielleicht verbunden mit der Bitte an die Mitglieder der Forengemeinde, mal ihre Meinung zu äußern, umgehend aufgeworfen würden. Und ich bin sehr sicher, dass umgehend nicht nur intensive Spekulationen beginnen würden, sondern postwendend der einzig sinnvolle Kommentar folgen würde: „Pack das Tier ein und fahr sofort zu einem schildkrötenerfahrenen Tierarzt.“

Ausschnitt von Abbildung 1

Sie, liebe Leser, werden dem sicherlich nach Sichtung dieser beiden Bilder zustimmen. Dieser Rat kann nie verkehrt sein. Und es ist umso unverständlicher, warum Schildkrötenhalter, die sich mit solchen Problemen und Themen an ein Forum wenden, viel Zeit damit verbringen, vor dem Rechner zu sitzen, auf Antworten zu warten, ungeduldig und nicht selten hilflos und verzweifelt. Hin und wieder kommt in solchen Diskussionen ein entsprechender Hinweis, der Betreffende möge doch nun endlich mal zum Arzt fahren statt stundenlang online zu sein.
Aber: Mal ganz abgesehen davon, dass heutzutage viele Menschen immer und überall mobil online sind, und nicht jeder im Netz zwangsläufig daheim vor dem Bildschirm sitzen muss – diejenigen, die Hilfestellung geben, können nur auf die Informationen reagieren, die der Fragensteller bereit ist, zu geben. Bilder und Postings können allerdings einen völlig falschen Eindruck von dem vermitteln, was wirklich vor Ort Stand der Dinge ist. Absichtliche oder unabsichtliche  Informationslücken füllen sich rasend schnell mit Mutmaßungen.
Kommen wir zurück zu dem unglücklichen Tier auf Abbildung 1 und 2. Es wäre tatsächlich spannend gewesen, diese Bilder einer Forengemeinde zu präsentieren und ein Meinungsbild einzuholen. Das habe ich nicht gemacht.

Ein Trugbild.
Alles im „grünen“ Bereich

Dieses Tier wurde natürlich auch nicht umgehend zu einem Tierarzt gebracht. Weder an dem Tag, an dem die Fotos aufgenommen wurden, noch an dem, an dem ich sie auf meinem Rechner erstmals zu angesehen habe. Und auch nicht später.
Das Schildkrötenmännchen nämlich erfreut sich bester Gesundheit. Unglücklich war es nur deshalb, weil es rüde von einem seiner Futterstreifgänge „weggefangen“ und hochgehoben werden musste.  Die ganz offensichtlich roten Stellen – so dramatisch sie auch in den beiden Bildern aussehen – sind lediglich Lichtreflexionen.
Die ganze Geschichte nämlich ist: Am ersten schönen Wochenende im Mai haben wir von all unseren Tieren Bilder für die jährliche Fotodokumentation gemacht. Dieser Kerl allerdings strotzte, nachdem er sich in die Erde im Gehege eingegraben hatte, vor Dreck. Also habe ich ihn, während meine Tochter mit der Kamera bereit stand, mit einem Schwammtuch und lauwarmen Wasser abgewaschen. Bilder von Tieren, an dessen Panzer Erdbrocken hängen, mag nämlich unser Landratsamt nicht. Im nassen Panzer wiederum spiegelte sich mein rotes T-Shirt.
Kein Blut, kein Himbeersirup, keine Erdbeermarmelade – und kein Tierarztbesuch.

Das Beispiel mag etwas weit hergeholt sein und nur bedingt geeignet sein, weil ich es hier von Anfang an darauf abgesehen habe, die Leser bewusst auf die falsche Fährte zu locken. Was bleibt, ist aber die ganz klare Erkenntnis, dass Fotos leicht etwas ganz anderes zeigen und ein ganz anderes Bild vermitteln können, als es die Tiere tatsächlich tun, wenn man sie vor Augen hat – vor allem dann, wenn man zu den Fotos nur unzureichende weitere Informationen bekommt. Und nicht gerade selten ergänzen Auge und Phantasie etwas, was gar nicht vorhanden ist. In diesem Fall: Blut oder eben Himbeersaft.  Entwarnung also auf der ganzen Linie – zumindest was unser Schildkrötenmännchen betrifft. Und für unsere Leser ein Denkanstoss, vielleicht bei Bildern noch genauer hinzuschauen, Rückfragen zu stellen und Hilfesuchende, wenn einem etwas merkwürdig vorkommt, umgehend zu einem Tierarzt zu schicken. Es hat seinen Grund, dass Tierärzte sich aus Forendiskussionen heraushalten und online keine Diagnosen, Thearpie-Empfehlungen. oder Ratschläge abgeben. Sie wollen und können sich erst ein Bild machen und eine Diagnose stellen, wenn sie das Tier in echt gesehen und mit dem Halter gesprochen haben…

Fotos: Eva Prauser

 

1 Kommentar


  1. Danke Lutz, eine tolle Info!
    Ja, man sollte sich immer hüten, anhand von Fotos Ferndiagnosen zu stellen.
    LG Petra

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