Anmerkungen zu Reptilienbörsen

Alles gut? Alles schlecht? Die Wahrheit liegt dazwischen
Ein paar Eindrücke und Anmerkungen zum Dauerthema Reptilienbörsen von Lutz Prauser

Zwei stabile Plastikboxen, jede etwa doppelt so groß wie ein 500g-Quarkbecher: Etwas Wasser in beiden und in der Mitte ein gelblich oranger Fleck. Es schaut auf den ersten Blick aus wie der Dotter eines Hühnereis. Ich muss ein zweites Mal hinschauen, mich über die Auslage und damit mehrere Reihen ähnlicher Schachteln beugen, um zu erkennen, um was es sich handelt: Zwei Florida-Weichschildkröten, beide Albinos, im vergangenen Jahr geschlüpft und für knapp 100 Euro pro Tier im Angebot.
„Ja, die kosten schon mal was mehr“, spricht mich der Verkäufer freundlich an, der meine Neugier als Kaufinteresse fehlinterpretiert. „Die sind ja auch selten. In der Natur hätten Albinos keine Überlebenschance, aber wenn sie gut gehalten werden…“
Er lässt das Satzende offen und wendet sich zwei anderen Kunden zu, die ihm – in der einen Hand eine Plastikbox – zwei Geldscheine rüberreichen. Irgendein Tier wechselt gerade für 70 Euro den Besitzer. Was es ist, kann ich nicht sehen.
Die Gelegenheit ist günstig, sich zu entfernen, bevor mich der Händler erneut ins Gespräch verwickelt und ich ein „Danke ich schau nur mal“ erwidern müsste.

Standardartikel auf Reptilienbörsen: Das Jemenchamäleon
Dendrobates leucomelas – Börsentier im Bestand des Autors

Zwei Reihen weiter bietet ein Züchter Futtertiere und ein paar winzige Pfeilgiftfrösche Dendrobates leucomelas an. Während ich eine Schachtel tropischer Springschwänze für meine Tiere erwerbe, nimmt die Unterhaltung zwischen einem Börsenbesucher und einem anderen Mann hinter dem Stand an Lautstärke zu. Die Beiden reden sich in Rage. Der eine schildert aufgebracht eine Auseinandersetzung, die er auf einer anderen Börse als Anbieter hatte. Die beiden Männer steigern sich in die Empörung hinein, Satzfetzen bekomme ich mit: …dass es sich doch nicht mehr lohne… und überhaupt, die ganzen Auflagen… und das bisschen Geld… und der Ärger… und die Kontrollen… und… und… und. Ich werfe einen Blick auf mein Wechselgeld und ziehe weiter.
Alltag auf einer Reptilienbörse – in diesem Fall im Frühjahr 2011 in München.

Farbvarianten wie der „Blaue“ Färberfrosch Dendrobates tinctorius (auzureus) verkaufen sich besonders gut.

Und gleich vorweg: Ja, ich gehe gerne hin, nicht zu jeder, aber doch zu einigen. Trotz oder gerade wegen fehlender spektakulärer Angebote oder einer unübersehbar großen Schar an Ausstellern sind mir die mittleren Börsen in erreichbarer Nähe lieber. Für mich, da ich nicht nur Schildkröten halte, lohnt es sich auf jeden Fall, allein die Neugier treibt mich in unregelmäßigen Abständen in die Veranstaltungshallen.
Spannend ist die Mischung aus Profihändlern und Privatzüchtern. An den Ständen habe ich bisher immer kompetente Ansprechpartner gefunden. Selbst wenn von Anfang an klar war, dass ich nichts kaufen würde, nehmen die Anbieter sich Zeit, Antworten auf meine Fragen bekomme ich immer, ich kann Ideen diskutieren und Erfahrungen austauschen. Und im Gegensatz zu so manchem stationären Händler herrscht hier eine Atmosphäre, bei der es nicht um Verkauf um jeden Preis geht. Natürlich wird auch auf einer Börse kaum ein Verkäufer einem Kunden etwas ausreden, wenn dieser es sich partout in den Kopf gesetzt hat. Meiner persönlichen Erfahrung nach aber steht die Beratung im Vordergrund. Ob man zum Beispiel nun bestimmte Tierarten besser nicht zusammensetzt, oder Tiere auf bestimmte Futterangebote nicht reagieren: Standbetreiber auf Börsen drängen in der Regel Kunden nicht zum unüberlegten Kauf.
Trotzdem sind Reptilienbörsen ein Kapitel für sich. Kaum etwas polarisiert die Szene der Reptilienhalter mehr, kaum etwas liefert den Tierschutzverbänden wie Peta, Pro Wildlife oder Aktion Tier mehr Argumente in ihrem unermüdlichen Kampf gegen Wildtierhaltung. Unermüdlich prangern sie Tierquälerei in Transport und Unterbringung auf den Börsen an. Zum Teil zu recht, zum Teil mit Behauptungen, Unterstellungen und absurden Horrorstories, die von vorneherein erfunden oder zumindest zurechtgebogen sind.

Noch winzig, niedlich und begehrenswert: Schlüpfling einer Spornschildkröte (Centrochelys sulcata). Und später?

Obwohl alle Börsenveranstalter entsprechende Regelungen getroffen haben, gibt es natürlich schwarze Schafe unter den Händlern. Das reicht von viel zu kleinen Verkaufsschachteln, geht über das Zusammensetzen oder die Sichtkontakte mehrerer Tiere auf engem Raum und endet beim Verkauf illegaler Tiere. Die Thematik ist bekannt. Trotz intensiver Kontrollen vor Ort durch den Veranstalter, durch Tierärzte, Ämter und selbsternannte Sheriffs der Tierschutzorganisationen, wird es immer wieder zu Verstößen gegen Börsenregelungen kommen. Die Leidtragenden sind die Händler wie auch die Kunden. Denn jeder Verstoß führt fast zwangsläufig zu dem Ruf in Richtung kommunaler Behörden, Börsen generell zu verbieten, oder zumindest den Verkauf auf Zubehör zu beschränken oder den professionellen Handel aus dem Börsenbetrieb auszuschließen. Da werden auch gerne mal völlig absurde und sachlich falsche Argumente angeführt, warum z.B. eine Sumpfschildkröte nicht im Wasserbecken zum Verkauf angeboten wird, statt sie auf feuchtem Moos und Steinen im Verkaufsbehälter zu präsentieren…
Geschichten von der mangelhaften Sachkenntnis der selbsternannten „Pro Wildlife“ Inspektoren kursieren auf jeder Börse, nur leider sind sie allzu oft wahr. Die Kampfansage gegen Tierbörsen, insbesondere aber gegen Reptilienbörsen ist getätigt, die Forderung, sie ein für alle mal zu verbieten, ist gestellt. Darüber haben „elaphe“, „terraria“ und „reptilia“ bereits berichtet.
Was würde das ändern? Nichts, denn wer ein Tier kaufen will, würde es anderswo beziehen: Im stationären Handel, im Netz, Privat von einem Züchter oder illegal auf irgendeinem etwas abgelegenen Parkplatz.
Da in München die Haltung nahezu aller potentiell gefährlicher Tierarten und Gifttiere verboten ist, werden diese erst gar nicht angeboten. Mich persönlich stört das weniger, ich habe nicht das Bedürfnis, eine Monokelkobra oder einen Babyalligator mit nach Hause zu nehmen. Andere mögen das anders sehen – es ist deren gutes Recht.

Bei Geburt gelb: Winziger Grüner Baumpython.

„Reptilienhalter sind nicht nur ein Haufen tätowierter und gepiercter Vollidioten und Hartz4-Empfänger“ wiederholt dght-GeschäftsführerinSilvia Macinaregelmäßig in Interviews, und doch scheint der Börsenbetrieb zumindest auf den ersten Blick genau das Gegenteil zu beweisen. Ich weiß, auch ich bediene wieder nur das Klischee, wenn mir genau diese Klientel unter den Besuchern am deutlichsten ins Auge fällt. Reptilienbörsen sind keine Veranstaltungen für die typischen Schildkrötenhalter. Oder: Schildkrötenhalter fallen in der Masse der Börsenbesucher schon dadurch auf, dass sie „furchtbar normal“ aussehen und andernorts eben gerade nicht auffallen. Es wundert nicht, dass gerade Journalisten auf der Suche nach immer neuen freakigen Typen und Stories gern auf Reptilienhalter zurückgreifen. Diese werden dann mit möglichst ebenso „bizarren“, gefährlichen oder zumindest so ausschauenden Tieren dem sich wohlig schauernden Publikum in der bürgerlichen Wohnstube serviert, der Halter bitte möglichst mehrfach gepierct, tätowiert und in schwarzer Gothic-Kluft.
Schon auf dem Weg vom Parkplatz zum Eingang kommen mir Scharen von Menschen entgegen. Vorsichtig balancieren die einen Styropor- oder Faunaboxen in ihren Händen. Lässig haben andere Stoffsäcke am Handgelenk. In jedem Transportbehälter befindet sich mit Sicherheit ein Neuerwerb für das heimische Terrarium. Geckos, Bartagamen, Königspythons und in zunehmendem Maße Vogelspinnen dominieren den Markt, dazu überraschend viele Chamäleons, zahlreiche andere Echsenarten, ein paar Froschlurche, Riesenmolche und eben die beiden Albinoweichschildkröten. Neben den Dauerbrennern, den „Einsteigertieren“, dominiert die Mode die Angebotslage. Pfeilgiftfrösche, noch vor ein paar Jahren überall zu haben, sind Mangelware, die großen Taggeckos ebenfalls. Und Schildkröten findet man ebenfalls kaum noch.
Es gibt nur wenige griechische Landschildkröten beider Unterarten (zwischen 70 und 100 Euro das Tier), Breitrand-, Köhler- und  Sternschildkröten. Für unter 20 Euro stehen Schmuckschildkröten zum Verkauf an, und wer mag, findet auch chinesische Dreikielschildkröten und gewöhnliche Moschusschildkröten.
Die Vertreterin einer lokalen Tierschutzorganisation, die ich naserümpfend einen Gang weiter entdecke, wie sie sich Notizen macht, mag es anders sehen: Ich finde die Präsentationsform der Schildkröten angemessen und erträglich. Sie alle haben Substrat unter den Füßen. Den Wasserschildkröten, die in ihren Schalen paddeln, stehen Steine als Ruheplätze zur Verfügung. Bei allen Händlern gibt es für die Tiere kleine Versteckmöglichkeiten und diese werden auch intensiv genutzt. Etwa die Hälfte der Tiere hat sich in künstliche Höhlen zurückgezogen. Keines wird „einfach nur so“ herausgeholt. Lediglich bei ernsthaftem Kaufinteresse wird es herausgenommen.
Ein Züchter hat einen Stapel Bücher „Fester Panzer – weiches Herz“ gleich neben den Präsentationsboxen. Man kann ahnen, wem er die Bücher anbieten wird.
Ich beobachte und belausche eine Familie, die sich für Landschildkröten interessiert und von einem Händler beraten wird. An den Informationen ist nichts zu bemängeln, und so entscheidet der Familienvater rigoros zur Enttäuschung seiner beiden Kinder, keine Schildkröte zu kaufen. Dem fragenden Blick seiner Frau entgegnet er: „Willst Du etwa den halben Garten hergeben und für die nächsten 80 Jahre alles umbauen?“.
Die Basisinformation „Freilandhaltung“ ist also angekommen, sicher noch eine Menge mehr, denke ich zufrieden. Wer fragt, bekommt Antwort. Wer sich vor dem Kauf beraten lassen will, der wird auch beraten. Wer nicht, dem ist so oder so nicht zu helfen.
Und so passiert es eben am Ende doch, dass Tiere in die Hände völlig unbedarfter Käufer kommen.
Während ich mich mit weiterem Zubehör eindecke, Sepiaschulp in Mengen für meine Schildkröten, etwas Literatur und Berge von Sphagnum-Moos, beobachte ich weiter, bemerke Begehrlichkeiten nach Tieren in mir und bin froh, dass gerade zu Hause kein leeres Terrarium steht. Sonst könnte am Ende doch das Stummelschwanzchamäleon gleich mitkommen. Oder doch lieber der Zwergtaggecko „Electric blue“, der wohl das Modetier der Saison zu sein scheint…

Amelanitische Tiere, Albinos und Farbvarianten verkaufen sich besonders gut.

Ich treffe in der Menge eine Bekannte aus dem Nachbardorf. Ursprünglich wollte sie eine Kornnatter kaufen, jetzt hat sie spontan einen jungen Königspython mitgenommen, erzählt sie mir. Einen Moment beneide ich sie, denn da war ja auch der Grüne Baumpython, der es mir schon länger angetan hat. Aber wie war das noch? Kein Becken frei. Schade…

 Text und Fotos: Lutz Prauser

Nachtrag: Gern hätten wir diesen Artikel bebildert. Allerdings bestand auf der besuchten Börse ein absolutes Fotografierverbot. Heimlich gemachte Bilder hätten also aus mehreren rechtlichen Gründen nicht veröffentlicht werden können.

Daher haben wir zur Illustrierung des Beitrags Fotos aus Reptilienausstellungen und Privatbeständen verwendet.

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