Fundstücke: Johan van Beverwijcks Van de wtnementheyt des vrouwelicken Geslachts

Johan van Beverwijck: Van de wtnementheyt des vrouwelicken Geslachts

Eine Frau in altertümlicher Gewand, auf einer Schildkröte stehend und eine Fackel tragend: So also sieht die Vortrefflichkeit des weiblichen Geschlechts aus – zumindest in den Vorstellungen des niederländischen Arztes und Autors Johan van Beverwijck (Beverovicius, 1594-1647). 1639 veröffentlichte er erstmals ein illustriertes Werk unter dem Titel  Van de wtnementheyt des vrouwelicken Geslachts, 1643 erschien es in einer überarbeiteten und wesentlich erweiterten Ausgabe ein zweites Mal. Will man die symbolbeladene Grafik van Beverwijks und die Rolle der Schildkröte richtig verstehen, ist ein kleiner Blick in die Entstehungszeit notwendig.

1639 stand Europa inmitten eines fürchterlichen Krieges, der zwar aus konfessionellen Gründen begonnen hatte, sich aber sehr schnell zu einem Krieg der Großmächte um Erhalt und Erweiterung der eigenen Macht entwickelt hatte. 30 Jahre wurde hauptsächlich auf deutschem Boden gekämpft, gemordet, geplündert. Erst mit dem Westfälischen Frieden von 1648 wurden einigermaßen stabile Verhältnisse geschaffen, auch wenn das Deutsche Reich in eine Vielzahl kleiner, territorialer Staaten zersplitterte.
Die Menschen sehnten sich nach Frieden. Dem aber standen die nach wie vor kaum überwindbaren konfessionellen Grenzen entgegen. Während sich die römisch-katholische Kirche unter straffer päpstlicher und bischöflicher Führung zumindest in Glaubensfragen einig war, zerbrach der Protestantismus immer weiter. Neben den lutherischen Kirchen und den reformierten Kirchen des schweizerischen Calvinismus entwickelten sich immer mehr Gruppierungen und Abspaltungen.
Eher unberührt von diesen dramatischen Entwicklungen blieben die Niederlande, ein kleines Land am Rande des großen Weltgeschehens. Mit der Unabhängigkeit von Spanien begann in dort das Goldene Zeitalter. Die katholische Kirche verlor an Macht und Einfluss, die protestantischen Kirchen blieben uneins, die Aristokratie verließ mit den Spaniern das Land. Die Städte, das reiche Bürgertum der Kaufleute und Reeder und ihre Handelskompanien übernahmen ihre Plätze. Sie prägten das soziale Gefüge und die Wertesysteme. Der Überseehandel blühte und brachte den Kaufleuten und den Hafenstädten Wohlstand und eine gewisse Weltoffenheit.
Zwar galt von Anfang an in den Niederlanden eine religiöse Toleranz, doch beschränkte sie sich darauf, Angehörige anderer Konfessionen zu dulden, keineswegs aber ausgiebigen Umgang mit ihnen zu pflegen. Die Angehörigen der unterschiedlichen Gemeinden blieben unter sich. Die Grundprinzipien der Gesellschaft in den Niederlanden allerdings waren in allen Gemeinden ähnlich: Häuslichkeit und Sittsamkeit, Gottesfürchtigkeit und Frömmigkeit, dazu ein gewisser asketisch-disziplinierter Lebensstil. Dieser paarte sich mit dem Verzicht auf weltlichen Luxus, zumindest dem in den katholisch geprägten Ländern im Barock zur Schau getragenen Prunk.
Das kirchliche Leben ist in den Niederlanden nicht von den großen dogmatischen Streitigkeiten der Gelehrten geprägt, es geht um die praktisch gelebte Frömmigkeit des Einzelnen in der Gemeinde, um eine herzliche religiöse Hingabe, ethische Reinheit und eine karitative Mildtätigkeit gegenüber Bedürftigen.
Einen kleinen Eindruck davon vermitteln die Romane des niederländischen Schriftstellers Maarten ’t Hart kennt (z.B. „Der Psalmenstreit“, „Die Jakobsleiter“, „Der Flieger“).
Der Einfluss der Gemeinde hat jahrhundertelang das Leben der geprägt: Kaum etwas, was dem gestrengen Blick der Gemeindevorsteher und damit der Öffentlichkeit verborgen blieb, kaum etwas, was nicht zum Gegenstand einer sonntäglichen Strafpredigt geeignet erschien.
In dieser Zeit also beschäftigt sich der Arzt Johan van Beverwijck mit den theoretischen Grundlagen seiner Wissenschaft. Das darf man sich nicht mit heutigen Kriterien der Wissenschaft vorstellen, denn im Barock stehen die „Verwissenschaftlichung“ und die Entwicklung der Methodik erst in den Kinderschuhen.
Erstaunliches weiß van Beverwijk in seiner Veröffentlichung zu berichten. Das weibliche Geschlecht ist nicht nur vortrefflich, es ist dem männlichen auch haushoch überlegen. Anhand von 700 biblischen und historischen Frauenfiguren, die er als „Fallstudien“ heranzieht, sowie seiner eigenen medizinischen Kenntnisse weist van Beverwijk ihre Erhabenheit, Tugendhaftigkeit und damit Überlegenheit über das menschliche Geschlecht nach. Seine Arbeit ist einzigartig in der Geschichte des 16.und 17. Jahrhunderts, und nicht nur wegen seiner Thesen, sondern auch wegen seiner Methodik, medizinische und historische Beispiele anzuführen.

Van de wtnementheyt des vrouwelicken Geslachts

Dem Geist der Zeit folgend, illustriert van Beverwijk sein Werk, und dazu gehört eben auch das Bild der Frau auf der Schildkröte.
Wer jetzt diese Illustration betrachtet, muss entgegen üblicher Sehgewohnheiten den Blick zunächst auf den Bildhintergrund richten. Es ist das Spiegelbild der perfekten Ehe:
Zur Linken steht das Haus, sauber und aufgeräumt geht es zu, während die Frau des Hauses am Spinnrad ihrer Arbeit nachkommt. Auch der Mann zur Rechten beschäftigt sich mit der Arbeit, er bestellt Garten und Feld. Das sind die die wohlgeordneten Verhältnisse strebsamen und tugendhaften Lebens.
Die Frau in der Mitte aber – und um sie geht es letztlich – symbolisiert die Vortrefflichkeit des weiblichen Geschlechts. Warum?
Seit der Antike ist die Fackel, die sie trägt, ein Zeichen der Weisheit, einer der weltlichen Kardinalstugenden. Bemerkenswert aber ist, dass sie die Fackel in der linken Hand hält, während die meisten Artgenossinnen diese mit der rechten Hand in die Höhe strecken (wie z.B. die Freiheitsstatue in New York).
Und sie steht auf einer Schildkröte. Das gibt das eigentliche Rätsel auf. Denn die Rolle der Schildkröte ist in der christlichen Tradition keineswegs positiv.
In der abendländischen Kulturgeschichte die Schildkröte als „Sockel“ selten, aber doch zu finden. Mit der welttragenden Schildkröte des asiatischen und auch des amerikanischen Kulturraums hat diese Darstellung allerdings nichts zu tun. Zwar war dieses Weltbild über heimkehrende Jesuiten-Missionare während der Barockzeit bereits in Europa angekommen, stieß aber unter europäischen Gelehrten durchweg auf Ablehnung.
Der Ursprung ist eher in der altgriechischen Urania-Mythologie zu finden. Die Kombination der Aphrodite Urania und der Schildkröte wird mit der gemeinsamen Vorliebe für das Feuchte erklärt. Die Muse Urania, ist nicht nur für die Sterne zuständig, sondern auch in ihrer Verbindung mit der Aphrodite für Sexualität, Zeugung und Kindersegen, formulierte die Archäologin Heide Froning-Kehler in ihren Überlegungen zur Aphrodite Urania des Phidias in Elis. Die Wissenschaftlerin hat Statue der Aphrodite-Brazza untersucht. Diese römische Skulptur, die heute in der Berliner Antikensammlung ausgestellt wird, ist eine antike Replik einer viel älteren verschollenen altgriechischen Plastik, die der Aphrodite Urania des Phidias in Elis. Sie wird „Aphrodite auf der Schildkröte“ genannt.

Urania des Phidias in Elis

Das also ist der erste Aspekt der Vortrefflichkeit des weiblichen Geschlechts: Ihre Fähigkeit, Kinder zu bekommen, sich fortpflanzen zu können. Die Schildkröte symbolisiert die Fruchtbarkeit, denn sie legt viele Eier. Natürlich ist dies im Fall der Schildkröten ein Irrtum, weil die Fortpflanzungsrate erheblich geringer durch die lange Dauer bis zur Geschlechtsreife jeder Filialgeneration ist. Das aber spielte im antiken Denken keine Rolle.
Aber es gibt noch weitere Dinge, die die Schildkröte symbolisieren soll:
Weitaus wichtiger ist die Häuslichkeit und Tugend.
Die Schildkröte ist „häuslich par excellence“, denn sie trägt ihre Behausung jederzeit mit sich. Sie ist und bleibt Zeit ihres Lebens an ihr Heim gebunden, und genau dies ist eben eine der höchsten Tugenden  damaliger Zeit.

Stehend auf der Schildkröte

Und noch ein dritter Aspekt kommt hinzu: Das „Panzerkleid“ der Schildkröte ist ein Symbol des sittsamen Lebens, sie trägt sozusagen den hochgeschlossenen Kragen, verhüllt sich, zeigt keinen Schmuck, keine Zeichen der Macht oder Stärke. Sie (in Anlehnung an einen Paulus-Brief) eifert nicht, treibt nicht Mutwillen, blähet sich nicht und stellet sich nicht ungebärdig.
Sie verkörpert alle Tugenden, die nach barocker Denkweise das weibliche Geschlecht auszeichnet: Häuslichkeit, Sittsamkeit und die Fähigkeit und Bereitschaft Kinder zur Welt zu bringen. Damit nimmt sie seit van Beverwijk eine ganz andere Stellung ein als in der alten christlichen Tradition. Was haben sich die Kirchenväter Hieronymus oder Ambrosius und ihren Werken nicht alles an Schmähungen über Schildkröten einfallen lassen… Aber das wäre schon wieder ein anderes Fundstück.

Text: Lutz Prauser

 

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