Manche lernen es nie… Auf Schildkrötensuche in Dalmatien

Ja, ich hätte es besser wissen sollen, ich es besser wissen können.

Schließlich bin ich zum dritten Mal in Kroatien und auch in diesem Jahr verbringe den einen oder anderen Urlaubstag damit, durchs Gestrüpp zu latschen (sogar manchmal auf allen Vieren zu kriechen) und Schildkröten zu suchen und sie vor Ort in ihren Habitaten zu fotografieren.
Warum?
Ich könnte zu Hause alles viel einfacher haben. Also das mit dem Fotografieren. Die Tiere im Gehege kenne ich, auch ihre Versteckplätze, wozu also dieser Umstand der Suche vor Ort?
Außerdem könnte ich im Urlaub andere Dinge machen, die weniger schweißtreibend sind.
Es ist ja – wie gesagt – nicht das erste Mal: Korsika, Sardinien, Istrien, Dalmatien, Euböa. Die Liste der Reisen ans Mittelmeer verlängert sich – fast immer geht es dahin, wo ich im Meer schwimmen und im Hinterland Schildkröten suchen kann. Selbst da, wo es keine Schildkröten gibt, finde ich am Ende doch welche.
Dieses Jahr ist es eben wieder Dalmatien. Da gibt es Tiere, das weiß ich, davon habe ich mich 2016 letztmalig überzeugt.

Der September ist vielleicht nicht die allerbeste Zeit für die Suche nach freilebenden Schildkröten, aber manchmal gibt es Sachgründe, die einem bei der Urlaubsplanung keine Alternativen lassen.

Ich habe gelernt: Früh aufstehen und losfahren. Das bedeutet, noch vor 8 Uhr, wenn die Sonne die ersten Stellen wärmt, draußen zu sein. Dann nämlich – so heißt es – kommen die Tiere aus den Verstecken, wärmen sich ebenfalls auf und sind einfach zu finden. Pustekuchen: Später sehe ich bei meinen Bildern: Das erste Schildkrötenfoto mache ich morgens um 09.44 Uhr. Was nicht bedeutet, dass die Tiere nicht schon früher unterwegs sind – nur gefunden habe ich keine.

Ich habe gelernt: Nimm genug Wasser mit. Und nicht nur in der Literflasche, die im Kofferraum des parkenden Autos liegt. Also stopfe ich meinen Rucksack mit Wasserflaschen voll. Eine kluge Entscheidung, denn irgendwann bin ich überrascht, wie schnell so eine Flasche leer getrunken ist.

Ich habe gelernt: Festes Schuhwerk, lange Hosen und ein Pulli sind sinnvoll. Zwar schwitze ich mir dann irgendwann buchstäblich das getrunkene Wasser postwendend wieder aus dem Leib. Aber ich bleibe verschont von den Kratzern des Gestrüpp – wie gesagt: Auf der Erde herumkriechen ist im Preis mit drin.

Und – das ist das Wichtigste – ich habe gelernt, wo ich am ehesten auf Schildkröten stoße – und wo eher nicht. Als ich das erste Mal anhalte und einem Feldweg folge, den ich bald querfeldein verlasse, suche ich eine Dreiviertelstunde vergeblich. Ich hätte es besser wissen müssen. Warum suche ich trotzdem weiter, bis die Sonne den Boden erreicht hat und sich Sonnenflecken zum Aufwärmen bilden?

Auch die zweite Runde ein paar Kilometer weiter verläuft im Sande. Nichts: Einfach gar nichts außer Olivengärten, viele davon zugeschottert, einige allerdings auch komplett verwildert.

Bei Biograd entdecke ich einen Hang, den ich durchstreife. Meiner Vorstellung nach das ideale Habitat. Nur finden tue ich nichts. Kein Tier weit und breit. Das kann doch nicht wahr sein!
Ich bin schon wieder so weit, zu fluchen, zu flehen, „Mistviecher“ zu schnauben und Gelübde abzulegen: „Lass mich nur eine Schildkröte finden. Nur eine! Es kann doch nicht sein, dass… und wenn ich die finde, dann…“
Es hilft nichts. Und hatte ich nicht selbst vor ein paar Jahren nach einem Besuch in Griechenland für das Buch Manchmal sind es Goldstücke formuliert: „Alles, was von Ferne aussieht wie ein Stein, ist auch ein Stein. Alles, was von Ferne aussieht, wie eine Schildkröte, ist trotzdem ein Stein. Na ja, fast alles. Manchmal ist es eine knorrige Wurzel. Egal in welchem Land und in welchem Habitat – die Regel gilt immer.“

Ja, verdammt! Das ist so wahr. Mittlerweile haben wir etwa 28 °C. Mir wird in langer Hose und mit langen Ärmeln allmählich warm, viel zu warm. Und das Wasser geht auch zurr Neige.
Also: Umkehren. Dann eben nicht. „Mistviecher, elendige, dalmatische…“
All das ist vergessen, als ich endlich auf dem Rückweg zum Auto eine kleine Schildkröte entdecke. Was für ein Fest.
Tanze ich um sie herum wie um ein Goldenes Kalb?

Ja, da auch. Ich falle aber auch auf die Knie vor ihr. Nicht aus Gründen der Anbetung sondern aus fotografischen: Bilder auf Augenhöhe. Die Sonnenbrille rutscht mir von der Nase und ist bald darauf verbogen, der Rucksack wird abgesetzt. Die Speicherkarte wird gefüllt. Sind es 30 Bilder? 50?

Endlich ist es der Schildkröte genug. Eine Zeitlang erträgt sie das Ganze, dann zieht sie, als der Schatten meines Körpers auf sie fällt, Kopf und Beine ein und verharrt reglos. Ein Geduldsspiel für sie und für mich. Irgendwann erweise ich mich als der Hartnäckigere, die Schildkröte fährt Beine und Kopf wieder aus und trottet gemächlich davon. Schnell ist sie im hohen Gras auf Nimmerwiedersehen verschwunden.

Ein Handyfoto habe ich auch gemacht – für den Sofortversand an meine Frau,  die es sich am Strand gut gehen lässt, die Kinder daheim, dann an wichtige Freunde und schließlich den Rest der Welt – also die einschlägigen Facebook-Gruppen. Yes! Yes! Yes!
Ich habe eine gefunden. Das gilt es, allen mitzuteilen. Kann ja nicht sein, das nicht…

Ein paar Dutzend Bilder vom Gelände mache ich auch noch. Für diesen Beitrag, einen anderen und um immer wieder mal Habitatfotos zu zeigen, wenn ich in einschlägigen Facebook-Diskussionen Gehegebilder sehe, die weit, weit weg von einer naturnahen Haltung sind.

Mittlerweile ist es bereits 10 Uhr durch.
An der Straße möchte ich nicht entlang laufen – parallel führt ein Wanderweg durch einen kleinen Pininenwald, leider vorbei auch an Bergen von illegal abgelagerten Müll, zumindest bis man etwas tiefer drin ist im Wald.


So hoffe ich, nicht nur abzukürzen, sondern auch etwas Schatten abzubekommen, dicht und dunkel ist der Wald nicht – mediterran halt. Der Boden ist weich, überall liegen Nadeln, es riecht würzig (leider manchmal auch müllig). Und da hockt doch mitten auf dem Weg eine Schildkröte. Sie starrt mich an, ich sie. So, als wolle ich sie fragen: „Ey, willst Du mich verarschen? Hier im Wald, direkt am Auto?“


So, als wolle sie mich fragen: „Ey, Alter, was rennst Du durch Schotterfelder und Gestrüpp? Du weißt doch, dass wir uns im Winter eingraben und wir auch für unsere Eier auch erdigen Boden brauchen. Warum sollten wir also auf so einem Gesteinsboden unterwegs sein, wo es hier viel angenehmer ist? Und Du weißt doch, dass wir bei diesen Temperaturen Halbschatten bevorzugen. Was rennst Du also in der prallen Sonne rum?“
Oder, um es kurz zu machen: „Ey, Alter! Hier sind wir! Und nicht dort. Jetzt lern das endlich!“


Wir?


Ja, denn auf den paar hundert Metern bleibt es nicht bei der Einen. Es sind insgesamt vier Schildkröten, die im Halbschatten des Waldweges umherstapfen oder sich wärmen. Ich werde Zeuge, wie sich zwei Männchen über den Weg laufen und das ältere größere Tier dem anderen unmittelbar klar macht, wer hier das Sagen hat. Der eine jagt den anderen buchstäblich davon.


Und ich mache die Beobachtung, dass Tiere sehr unterschiedlich reagieren, wenn sie sich bedroht fühlen – was immer dann passiert, wenn sie wahrnehmen, dass da wer ist (also ich). Während die einen sich komplett in ihren Panzer zurückziehen und einfach abwarten, suchen die anderen ihr Heil in der Flucht. Sie rennen, was das Zeug hält, vom Weg ins hohe Gras und sind kurz darauf wie vom Erdboden verschluckt.

Warum bin ich eigentlich kreuz und quer durch die Gegend gefahren? Gelaufen? Habe gesucht, wo nichts zu finden war, wenn ich einfach nur hätte aus dem Auto aussteigen und keine hundert Meter in den Pinienwald hätte gehen müssen?


Manche lernen es halt nie – ich zum Beispiel. Mal sehen, wie es weiter geht…

Text und alle Fotos: Lutz Prauser 

 

1 Kommentar


  1. Einfach nur toll geschrieben. Klasse!

    „Alles, was von Ferne aussieht wie ein Stein, ist auch ein Stein. Alles, was von Ferne aussieht, wie eine Schildkröte, ist trotzdem ein Stein. Na ja, fast alles. Manchmal ist es eine knorrige Wurzel. Egal in welchem Land und in welchem Habitat – die Regel gilt immer.“

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