Zum 20ten Mal Futterpflanzen, Gehegebau oder Überwinterung? Warum nicht?

Zum Aus der Landauer Schildkrötentage ein Kommentar.

Nun ist er also abgesagt, der Landauer Schildkrötentag, der am vergangenen Samstag hätte stattfinden sollen. Die Enttäuschung bei den Veranstaltern ist groß, bei den Haltern und Besuchern hält sich das wohl eher in Grenzen, denn nur 15 Personen, so die dght Kurpfalz, haben sich zu diesem Zoom-Vortragsprogramm überhaupt angemeldet.
Und nicht nur das, mittlerweile haben die Verantwortlichen mitgeteilt, dass es überhaupt keinen Schildkrötentag mehr geben wird. Landau ist Geschichte…

Es ist einige Jahre her, da sprach mich Bernd Wolff in Landau auf dem Schildkrötentag an, er bräuche fürs Folgejahr einen Vortrag – etwas Nettes, Amüsantes, für Einsteiger. Und ja, er verwendete den Begriff „Schilditanten“, was aber nicht bösartig gemeint war, sondern eine ganz bestimmte Klientel im Auge hatte. Einsteiger, die ihre Tiere über alles lieben (wer tut das nicht?) und sich jetzt langsam auf Tagungen und Workshops trauen. Er bekam etwas „Nettes“, und ich einen Hörsaal voller „Schilditanten“.

Solche Vorträge gab und gibt es immer auf Schildkrötenveranstaltungen. Es war die Zeit, da „fuhr“ man in Landau zweigleisig. Ein Basisprogramm für Halter Europäischer Arten, Schwerpunkte: Gehegebau, Futterpflanzen, Reiseberichte aus/über Habitate, Tierarztvorträge, Überwinterung. Referierten bekannte Ratgeberautoren wie Wolfgang Wegehaupt, Hans-Dieter Philippen oder Thorsten Geier war es extravoll. Übermannte Markus Baur von der Münchner Auffangstation der Heilige Zorn und er redete sich in Rage, dann sprengte er zwar den Zeitplan, aber das war es wert.
Ja, es gab (und gibt Leute) die nur wegen eines einzigen Vortrags nach Landau gefahren sind.
Parallel wurde im zweiten Hörsaal ein Programm angeboten, mal als Workshop, mal ganz allgemein über Terraristik, mal zu bestimmten Themenkomplexen in der Schildkrötenhaltung. Sozusagen für Fortgeschrittene, für Halter exotischer und komplizierter Arten.

Und alles war gut. Niemand nahm es den Haltern Europäischer Arten übel, dass sie sich nun mal nicht für Diamantschildkröten, Reisen nach Vietnam, Zackenerdschildkröten oder spezielle Zucht- und Förderprogramme hinter den Kulissen eines Zoos interessieren. Sie wollen nun mal in ihrer Themenwelt abgeholt werden und Antworten auf die Fragen bekommen, die ihnen auf den Nägeln brennen: Das ist ein durchaus berechtigter Anspruch. Also: Futterpflanzen, Gehegebau, Tierarztvorträge. Sie als „stallblind“ zu diffamieren, ist schon arg vermessen.
Diese Klientel bildet, und das wird allzu oft vergessen, unter den Haltern die absolute Mehrheit, was schon daran erkennbar war, dass bei diesen Themen die Reihen im Saal deutlich voller waren als bei Spezialvorträgen, als sich die Veranstalter des Landauer Schildkrötentages entschieden, nur noch eingleisig zu fahren. Leere im Saal und zunehmend auch Leere im Foyer, wie besonders eklatant 2019 zu bemerken war.
Die große Leere, obwohl viele der Tagungsbesucher sich gar keine Vorträge oder nur noch ganz wenige anhörten und lieber die Zeit nutzten, um draußen zu plaudern, Freunde wiederzusehen oder digitale Bekannte, mit denen man sich im Vorfeld verabredet hatte, endlich mal persönlich zu treffen. Die Ernüchterung in Landau war 2019 groß und nicht wenige kündigten an, im kommenden Jahr nicht wiederzukommen – Anreise, Übernachtung, das ist alles mit Kosten verbunden. Stimmt dann das Programm nicht, ist das Angebot auf dem „Markt“ eher dürftig, weil einige Aussteller schon kurz nach der Mittagspause abbauen oder gar nicht erst erscheinen, hebt das auch nicht gerade die Attraktivität. Das alles ist eine schwer zu stoppende Abwärtsspirale.

2020 fiel bekanntlich wegen Corona aus, 2021 verlagerten sich die Veranstalter aus nachvollziehbaren Gründen ins Netz. Das Risiko, wegen Corona am Ende absagen zu müssen, was sehr groß. Eine verständliche Entscheidung, die aber leider von den wenigsten Schildkrötenfans angenommen wurde. Eine Tagung nur auf Zoom nämlich heißt: Nur das Vortragsprogramm, kein Markt und vor allem: Kein Get Together mit vertrauten Gesichtern. Fazit: Kaum Anmeldungen, am Ende wurde der Schildkrötentag abgesagt.
Auch das ist nachvollziehbar. Allerdings weniger nachvollziehbar ist, was nach der Absage im Netz zu lesen war. „Es ist sehr schade, dass wir nicht die richtigen Themen (zum 20.Mal Futterpflanzen, Gehegebau oder Überwinterung) gefunden haben“ heißt es unter anderem auf der Facebook-Seite des Landauer Schildkrötentages.
So, als läge der Grund allein am Vortragsprogramm, das eben zu speziell ist, sich nicht auf die Einsteigerthemen eingelassen hat, so, als sei die Community nicht willens, das zu goutieren. Auch ein Affront übrigens gegen die ehemaligen Organisatoren, Vortragenden und das Auditorium.

Enttäuscht sein – das ist ok.

Beleidigt sein aber hilft nicht weiter. Und es hilft auch nichts, denen, die sich kritisch über das diesjährige Programm geäußert haben, nun Nörgelei vorzuwerfen und in die Pflicht nehmen zu wollen, sich einzubringen und es besser zu machen.
Was hilft, sind Ehrlichkeit, eine kritische Reflexion und vielleicht doch, den Neuanfang zu wagen.

Ehrlich zu sein, bedeutet, dass es sicherlich an der digitalen Angebotsform liegt, die diejenigen, die eben nur zum klönen kommen, nicht annehmen wollten.
Es bedeutet auch, sich Gedanken darüber zu machen, wie Veranstaltungen in Zukunft aussehen sollen, wenn man die überwältigende Mehrheit, die „Schilditanten“ nicht abholt sondern sich in den Inner Circle seiner Blase zurückzieht.
Ehrlich sein, bedeutet auch, zur Kenntnis zu nehmen, dass Landau seine Quasi-Alleinstellung längst eingebüßt hat. Von Stuttgart über Neumarkt und Gießen hinauf nach Wuppertal, Dorsten und Peine stellen engagierte Schildkrötenhalter und Halterinnen Tagungen auf die Beine, die genau das machen: Das regionale Publikum mit Einsteigerthemen anzusprechen und darüber hinaus die „Blase“, die nur zum Wiedersehen hunderte von Kilometern anreist, auch anspricht. Und ja: Es geht dort auch über Futterpflanzen, Gehegebau und Überwinterung. Das nämlich brennt den Meisten unter den Nägeln; nicht die Überlegung, ob eine Vergesellschaftung von Exoten und Europäern praktikabel und sinnvoll ist, die Frage nämlich stellt sich fast niemandem.

Ehrlich sein, bedeutet auch, dass man die Gäste genauso gern willkommen heißt, die nur zum Klönen kommen und dafür ihren Eintritt bezahlen und sich nicht hochbeleidigt zeigen, weil sie am aktuellen Vortragsprogramm weniger Interesse haben. Sie kommen ja trotzdem. Wenn das endgültige Aus unter anderem mit solchen Statements wie „Wenn ich dann Anschreiben bekomme, in denen man mir mitteilt, dass man eh nur nach Landau kommt um mal wieder Leute zu treffen und zu quatschen, die Vorträge aber nicht besonders wichtig sind, dann frage ich mich schon, warum man das Ganze noch macht“ begründet wird, finde ich das mehr als schwierig.

Und noch etwas: eine selbstkritische Betrachtung des Geschehenen funktioniert nur, wenn man aus dem Elfenbeinturm herauskommt und sich auch darum zu kümmert, wie man die Menschen, die eben nicht in der dght sind, die nicht oder selten bei Facebook unterwegs sind, erreichen kann.
Es hilft zum Beispiel nichts, wenn man im August das Programm veröffentlicht, aber auf seiner Website beim ersten Blick erfährt, dass das erst in Kürze veröffentlicht wird, so dass man gar nicht weiterscrollt, um es dann auch zu finden.

Es hilft auch nichts, wenn man die großen Multiplikatoren in der Schildkröten-Community nicht ins Boot holt und um Termin- und Programmveröffentlichungen bittet, ob es nun reichweitenstarke Internetseiten oder regelmäßig versandte Periodika sind, die man hätte nutzen können. Da sind manche Newcomer auf dem „Tagungsmarkt“ wesentlich agiler. Tagungen sind keine Selbstläufer mehr, vor allem nicht bei der jüngeren Generation.

Zoom statt Präsenz – das war sicher der Todesstoß für 2021, aber das Problem des Landauer Schildkrötentages liegt viel weiter vorne, wie in den vorangegangenen Tagungen zu spüren war. Denn schon 2019 lag Einiges mächtig im Argen.
Es liegt nicht allein im Vortragsprogramm sondern im High Concept der Veranstaltung insgesamt – und in der Kommunikation nach außen. Eine Lösung, sollte es vielleicht doch weitergehen, kann natürlich nicht sein, den Blick nur rückwärts zu richten und zu sinnieren, wie schön es vor 10 Jahren war und, dass nichts mehr ist, wie es früher einmal war.
Eine Lösung liegt vielmehr darin, ein neues, gutes Konzept zu schaffen. Mit welchen Programmen, Themen, mit welcher „Positionierung“ kann und will ich welche Klientel erreichen?
Denkbar ist vieles, machbar auch. Einfach beleidigt zu tun, frustriert die Segel zu streichen und eine Veranstaltung mit langer Tradition und einst hohem Stellenwert einfach so dauerhaft zu beerdigen, ist allerdings nicht die beste aller Möglichkeiten.

Text: Lutz Prauser. Alle Rechte beim Autor.

1 Kommentar


  1. Da unterschreibe ich jedes Wort. Super geschrieben. Danke. Der Abschiedspost auf der Seite des Landauer Schildkrötentag hat mich auch sehr geärgert. Ich fand den beleidigten Unterton nicht angemessen. Ich fahre mit meiner Gruppe seit vielen Jahren nach Landau. Ich höre mir einige Vorträge an, kaufe Zubehör und stöbere bei den Büchern. Ich traf viele langjährige Freunde und lernte auch immer neue Hobbykollegen kennen. So eine Tagung ist ein Gesamtpaket. Alle Tagungen übrigens. Und es ist nicht verwerflich, wenn man nicht nur ausschließlich wegen der Vorträge kommt. Es ist meine Freizeit. Ich bezahle Eintritt. Ich mache, wonach mir der Sinn steht. Punkt.

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