Kiesland und Heiden – eine Inspirationsquelle

Kiesland und Heiden – das sind keine Schildkrötenhabitate. Und damit könnte der Beitrag hier schon zu Ende sein.
Von und über Schildkröten gibt es also hier nicht wirklich etwas zu berichten und auch keine Bilder von diesen Tieren zu sehen.

Ich schreibe ihn trotzdem, denn auch bei aufmerksamen Beobachtungen in unserer heimischen Natur können wir spannende Erkenntnisse gewinnen, auch für die Haltung unserer Schildkröten, wobei es hier in erster Linie um die Europäischen Arten geht. Zumindest habe ich eine solche Erfahrung gemacht.
Denn so unähnlich sind die Landschaftsbilder gar nicht, der Blick auf die sommerliche Mallertshofer Heide zeigt eine Landschaft, die genauso auch in Kroatien hätte aufgenommen sein können. Buschige Vegetation, langes, zum Teil trockenes Gras, gesäumt von einem Kiefernwald:

Mallertshofer Heiden

Und hier ein Blick nach Dalmatien, hier ist vor allem der Himmel blauer und das Gras nicht ganz so hoch.

Wie bereits im Doppelbeitrag über Gras erwähnt, wohne ich in der Region München, die zwei sehr unterschiedliche Lebensräume/Landschaftstypen aufweist. Da sind zum Einen die Moose (Erdinger Moos, Dachauer Moos…), Sumpflandschaften mit schweren und nährstoffhaltigen Erdböden. Sie verdanken ihre Entstehung letztlich auch der Münchner Schotterebene, dem Kiesland, das über viele tausend Jahre entstanden ist. Und dann gibt es die Heiden, die im Gegensatz zu den Heiden atlantischen Typs im Norden Deutschlands nicht aus näherstoffarmen, sauren Böden sondern im Gegenteil, kalkhaltigen Trockenböden bestehen. Insofern ist der Name „Heide“ etwas irreführend – letztlich aber ist damit nur eine wilde, wenig fruchtbare und daher von Menschen nur bedingt genutzte Landschaft gemeint.Mallertshofer Heidelandschaft

Und da sind wir schon ganz nah dran an den Parallelen zu vielen mediterranen Schidkrötenhabitaten.

Die Heiden

In den Heiden im nördlichen Teil der Münchner Schotterebene haben wir es mit sehr (kalk)gesteinshaltigen Böden zu tun. Geröll und Kiesmassen wurden in der Eiszeit nach Norden geschoben, die Böden dort sind sehr kieshaltig, für die Landwirtschaft ein erhebliches Problem darstellte. Noch heute transportieren die Flüsse aus den Gebirgen, wie zum Beispiel die Isar, Tonnen von Kieselsteinen in die flacheren Regionen. Dort lagern sie sich auf Kiesbänken ab:

Kiesbänke und Baumleichen an der Isar

Das aber macht die Böden nicht nur kalkhaltig, das macht sie auch nährstoffarm, denn das Oberflächenwasser schwämmt immer wieder sich bildenden Humus von dannen. So nimmt es nicht Wunder, dass im Münchner Norden weite Flächen dieser kargen Böden regelrecht zu Heidelandschaften wurden – gekennzeichnet von niedrigem und geringen Bewuchs. Bekanntestes Beispiel dort sind die Naturschutzgebiete Mallertshofer Holz und Heiden sowie die Garchinger Heide und die Fröttmaninger Heide direkt hinter der Allianzarena. Bei Spaziergängen dort lässt sich viel über diesen Landschaftstyp in Erfahrung bringen. Und es lassen sich nicht wenige Parallelen zu den karstigen Landschaften auf dem Balkan ziehen – nur, dass eben das Klima hier nördlich der Alpen ein anderes ist.

Alianzarena

Die Vegetation der Heiden wird heute von Schafherden kurz gehalten, um die Garchinger Heide ist eine Sperrzone gezogen worden, in der die Wiesen nicht gedüngt werden, um den Nährstoffeintrag so gering wie möglich und damit die Magerwiesen so stabil wie möglich zu halten.

Lamm am Ostrand der Heide

Denn diese Magerwiesen auf den sehr gesteins- und sehr kalkhaltigen Böden bilden ein ganz anderes Habitat für seltene Pflanzen und Tiere als die näherstoffhaltigen eher sauren Böden der ehemaligen Quellmoore wenige Kilometer entfernt im Moos. Einige der Heidelandschaften waren, weil für Landwirtschaft kaum brauchbar, bis in die Nachkriegszeit als Truppenübungsplätze genutzt, was den Boden erheblich verdichtet hat, aber eben auch vom Kiefernbewuchs freigehalten hat. Andere wurden einfach zugebaut.
Die, die erhalten werden konnten, sind Nischen für Bläulinge, Hufeisenklee-Widderchen, Schachbrettfalter, Braune Waldvögel und andere Schmetterlingsarten:

Willkommen im Dschungel

Mallertshofer Heiden

Schachbrettfalter

Brauner Waldvogel
Heute finden wir dort nicht nur viele seltene und stark bedrohte heimische Tierarten sondern auch sehr viele uns bekannte Pflanzen – kalkliebende Pflanzen, wie wir sie als Futterpflanzen oder als Versteckpflanzen in unseren Gehegen bestens kennen und schätzen. Natürlich verbietet es sich, in Schutzgebieten Futterpflanzen zu entnehmen, aber wir können uns doch sehr gut darüber informieren, wie die bevorzugten Lebensräume von Mohn, Nachtkerzen, Disteln, Wiesensalbei, Flockenblumen und Co. aussehen, welche Magnete sie für Insekten darstellen und warum sie optimal in unsere Schildkrötengehege passen.

Flockenblume in der Mallertshofer Heide

Fröttmaninger Heide

Manches Mal gleicht der Kiefernhain frappierend denen am Meer, wie man sie sowohl an der Osteseeküste kennt, aber auch am Mittelmeer. Fast meint man, keine 50 Meter hinter den Bäumen das Rauschen des Meeres zu hören, aber es ist nur die Autobahn von München nach Nürnberg.

Kiefern im Mallertshofer Holz

Es fehlen auch nicht die sich in der Sonne auf Steinen wärmenden Eidechsen.

Mallertshofer HeidenNeben den vielen alten Bekannten, die dort zu finden sind, können wir aber auch feststellen, welche Pflanzen wir in diesen Lebensräumen eben nicht oder nur sehr selten finden: Ampfer, Sauerklee, Farne, Schwertlilien, letztere nur an Wasserstellen. Das Vorhandensein von Zeigerpflanzen, bzw. das Fehlen anderer Zeigerpflanzen verrät enorm viel über Landschaft, Mikroklima und vor allem Böden.

Königskerzen in der Mallertshofer Heide

Pfützen bilden sich nach heftigen Regen, die aber ebenso schnell wieder verschwinden, die Böden sind sehr wasserdurchlässig, selbst wenn das Grundwasser nicht sehr tief ist. Nur wenige überdauern längere Trockenperioden. Sie bilden die Kinderstube für Erd- und Wechselkröten und eine wichtige Trinkstelle für die vielen unterschiedlichen Tierarten.

Tümpel in der Fröttmaninger Heide

Nur wenige Bäume oder Sträucher bieten Schattenflächen, die Heiden wärmen sich schnell auf und speichern die Wärme. Und spätestens im Sommer wandelt sich das Bild vom üppigen Grün der Wiesen zum Braun der vertrockneten Gräser.

Die Kiesflächen

Noch eklatanter wird es, wenn man auf die Gelände noch in Benutzung befindlicher oder aufgelassener Kieswerke gelangt (Achtung: Betreten ist nicht überall erlaubt).

Das Kieswerk

Längs der Isar und parallel zu den Autobahnen befinden sich im Münchner Raum hunderte solcher Kieswerke. Viele Seen mitsamt Naherholungsgebieten sind entstanden, als der Kiesabbau eingestellt wurde.

Da aber, wo er noch aktiv ist, ist der Boden noch karger, noch steiniger, noch trockner. Zwar bilden sich an den Ufern der künstlichen Seen entsprechende Vegetationszonen, doch schon ein kleines Stück weiter landwärts, dort, wo der Boden nahezu aus „blankem Kies“ beseht, zeigt sich, wer mit diesen extrem nährstoffarmen Kalkböden besonders gut zurecht kommt.

Kleine Insel inmitten der Kiesgrube
Was wächst dort?

Ruderalpflanzen am Ufer

Und warum?
Welche Ruderalpflanzen kehren als Erste zurück und besiedeln diese Brachflächen?Vatertag am Pullinger Weiher

Hier eine kleine Bildergalerie aus dem Frühsommer 2018 – alle Fotos entstanden etwas abseits des Pullinger Weihers bei Freising zwischen der mittlerweile zum Badegewässer umgebauten Kiesgrube und dem Teil, in dem noch aktiv Kies abgebaut wird. Ich bin sicher, Sie kennen viele der abgebildeten Pflanzen – und viele davon haben Sie selbst schon Ihren Landschildkröten als Futter angeboten.

Nein – es sind keine Schildkrötenhabitate, ich weiß. Manchmal an heißen Sommertagen könnte man aber fast meinen, man sei in einem. Oder zumindest in einem riesigen Gehege. Ich finde das äußerst phantasieanregend – und lehrreich.

Text und alle Fotos: Lutz Prauser. Alle Bilder bis auf das aus Kroatien entstanden zwischen 2018 und 2021 im Raum München und Freising.

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