Auf Schildkrötensafari mit Elke Wallrapp (#92)

Auch im August sind wir noch einmal in Frankreich unterwegs. Wir besuchen Marseille, die zweitgrößte Stadt des Landes und Hauptstadt der Region „Provence-Alpes-Cote d’Azur“.
Marseille hat sicherlich nicht den besten Ruf und gilt als Schmelztiegel vieler Kulturen. Eine hohe Kriminalitätsrate und viel Schmutz werden ihr nachgesagt. Durch ihre Ernennung zur Kulturhauptstadt Europas, im Jahr 2013, verbesserte sich die Gesamtsituation jedoch erheblich und das bedeutende Hafenviertel und die Altstadt wurden „aufgehübscht“.
Auch für uns ist Marseille von Interesse, denn gleich drei Schildkrötendarstellungen können wir hier bewundern.

Unsere erste Schildkröte, eine stilisierte Meeresschildkröte, befindet sich im 8. Arrondissement von Marseille, in einem Stadtviertel namens „La Vieille Chapelle“, direkt an der „Avenue de la Pointe Rouge“ nahe dem Strand.
In einem rechteckigen Becken liegt auf einem kleinen Podest eine nackte, aus Bronze gefertigte, Frau. Ihr Blick geht nach unten, das linke Bein ist angewinkelt und mit dem rechten Unterarm stützt sie sich auf den Panzer der Meeresschildkröte ab.
Die Statue trägt den Namen „Baigneuse à la tortue (die Badende mit der Schildkröte)“ und wird häufig auch als kleine Meerjungfrau bezeichnet, obwohl sie keinen Fischschwanz hat.
Laut der angebrachten Erklärungstafel wurde sie von dem Bildhauer Marcel Courbier (1898-1976) gefertigt und auf dem Linienschiff „Pierre Loti“ als Dekoration benutzt.
Doch auch eine andere Geschichte, eine romantischere Version, ist in Umlauf.
Denn einst fuhr die schöne Bronzefrau mit der Meeresschildkröte, als Korridordekoration auf dem Kreuzfahrtschiff „Le Cambodge“ (der Gesellschaft Messageries Maritimes), auf den Weltmeeren umher.
Als das Schiff aus dem Verkehr gezogen wurde, sollte es zerlegt und das Metall eingeschmolzen werden.
Die Statue wurde gerettet und dem damaligen Bürgermeister von Marseille „Gaston Defferre“ angeboten. So kam sie nach Marseille und erhielt ihren heutigen Standplatz. Defferre wollte, dass „die Schöne weiterhin das Meer beschwören konnte“.

Unsere nächste Schildkrötendarstellung befindet sich in der Altstadt von Marseille. Eine Landschildkröte verziert dort die „Fontaine Fossati“ am „Place des Capucines“.
Dieser, im Barockstil gehaltene Brunnen, wurde zu Ehren von „Jaques Necker“ (1732-1804), einem Genfer Finanzier, Politiker und Minister von Ludwig XVI, errichtet.
Auf einem Sockel, der sich aus einem runden Becken erhebt, steht ein Obelisk, der von vier Löwen getragen wird. Ursprünglich krönte ihn eine Weltkugel mit Adler.
Jede Ecke des Sockels verziert ein, nach unten „schwimmender“, Delfin und an der Vorder- und Rückseite befindet sich jeweils eine Figurengruppe.
Die eine Seite zeigt zwei Kinder, die auf einem Fisch liegen – eines davon weint.
Und die andere Seite, die für uns von Interesse und sofort zu sehen ist, zeigt ebenfalls zwei Kinder, zusammen mit der Landschildkröte.
Sie liegen halb auf dem Schildkrötenpanzer und halten sich gegenseitig fest. Sie schauen in Richtung des Schildkrötenkopfes oder dem Wasserstrahl, der normalerweise aus dem Maul herausspritzt. Das eine Kind wirkt neugierig, denn es beugt sich leicht nach vorne und berührt mit seiner Hand den Schildkrötenpanzer in Kopfnähe.
Der Brunnen wurde 1779 von „Domenico Fossati“ (1743-1785) gefertigt und sein Können durch die lateinische Inschrift „Hon. Domi Fossati Iru et Fecit“ gewürdigt.
1941 wurde der „Fossati Brunnen“ unter Denkmalschutz gestellt.

Unsere dritte Schildkröte, diesmal wieder eine Meeresschildkröte, befindet sich ganz in der Nähe und wir können sie am „Palais de la Bourse“ mit ein bisschen Suchen entdecken.
Der „Palais de la Bourse“ (Sitz der Industrie- und Handelskammer) säumt die bekannte Straße „La Canebière“ und liegt ganz in der Nähe des alten Hafens.
Das aufwendig verzierte Gebäude ist sehr eindrucksvoll und symbolisiert das Wachstum von Marseille im 19. Jahrhundert durch den Handel, vor allen Dingen auf dem Meer.

An der Fassade des Palastes können wir verschiedene Wappen, Bildnisse von den acht großen Seefahrern und Entdeckern, wie z. B. Cook, Magellan und Columbus…, Symbole für das Mittelmeer und die Ozeane, Allegorien der Navigation und des Handels entdecken.
Fünf circa 4,5m hohe Türe und 10 korinthische Säulen, die circa 12m hoch sind, beherrschen sie.
Rechts und links der Hauptfassade befinden sich zwei zurückgesetzte Gebäudeflügel, die mit zwei von Pilastern und Giebeln umrahmten Nischen, verziert sind.
Hier stehen zwei circa drei Meter hohe Statuen, die von „Auguste Ottin“ (1811-1890), einem Pariser Bildhauer, gefertigt wurden.
Auf der rechten Seite wird der Seefahrer „Pytheas“ und auf der linken Seite „Euthymias/Euthymenes“ mit den Allegorien der Schifffahrt und dem Handel, dargestellt.
Für uns ist nur die linke Nische mit der Statue von „Euthymias/Euthymenes“ von Interesse. Denn, wenn wir sie uns genauer ansehen, entdecken wir auf der linken Seite zu seinen Füßen eine kleine, sehr detailliert gestaltete Meeresschildkröte.

Das gesamte Gebäude wurde von dem Architekten „Pascal Coste“ (1787-1879) gefertigt. Der Bau begann 1852. Im Jahre 1860 wurde das Gebäude eingeweiht, obwohl die Abschlussarbeiten noch fast weitere 20 Jahre dauerten.
2010 wurde die 6600m2 große Fassade renoviert. Heute ist hier auch das „Musée de la Marine et de l’Economie“ untergebracht.

Unser kleiner Ausflug ins benachbarte Ausland ist mit dieser Folge beendet und wir kehren im nächsten Monat nach Deutschland zurück.

Text und alle Bilder: Elke Wallrapp. Alle Rechte bei der Autorin

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