Max – Eine Erinnerung, wie alles begann

Von Dietmar Meinel

Ich vermute stark, dass meine Prägung und Begeisterung für Schildkröten schon vor meinem fünften Geburtstag erfolgte. Als Kind verbrachte ich jedes Jahr viel Zeit bei meinen Großeltern in Berlin.
Dort gab es immer viel zu sehen und zu erleben und der große Garten meiner Großeltern war mein Paradies und mein Abenteuerspielplatz. Am meisten liebte ich aber die gemeinsamen Besuche mit meinen Großeltern im Tierpark in Berlin. Mir eröffnete sich dort eine absolut spannende Welt, denn eine solche Vielzahl unterschiedlicher Tiere von überall her hatte ich nie zuvor gesehen.
Meine Großeltern förderten meine Begeisterung für Tiere und gingen immer wieder mit mir in diese Wunderwelt: Bären, Elefanten oder Giraffen, sie alle begeisterten mich. Aber vor einem Gehege verbrachte ich immer die meiste Zeit bei den Schildkröten. Egal ob es sich um die Kleinen aus Europa handelte oder um die Riesen von den Galapagosinseln.
Ebenso interessant waren für mich Schlangen, Echsen, Kaimane und unterschiedlichste Schildkröten, die zu meinem Erstaunen im Wasser lebten. Immer wieder mussten meine Großeltern mit mir durch die feucht-heißen Gänge durch schmale Gewächshäuser laufen, wo die Terrarien zu bewundern waren.


Eine Schildkröte zu besitzen war fortan mein sehnlichster Wunsch. Und im Juni 1960, an meinem 5. Geburtstag sollte der Wunsch in Erfüllung gehen.
Zuvor hatte mein Großvater jedoch eines der wenigen damals erhältlichen Bücher über Reptilien besorgt, dessen Einband eine Landschildkröte zierte. Da zu dieser Zeit die Haltung von Schildkröten wohl noch in den Kinderschuhen steckte, waren die Informationen in diesem 1955 erschienenen Buch noch recht dürftig. Sonne würden Schildkröten mögen, war zu lesen. Und ernähren könne man sie mit Mehlwürmern , Obst und Milch (?). Viel mehr war über diese Tiere leider nicht in Erfahrung zu bringen.
Der große Tag, mein Geburtstag, war endlich da und der Postbote brachte ein Paket von meinen Großeltern. Luftlöcher waren in dem Karton und ein Zettel mit der Aufschrift „Lebende Tiere“ klebte darauf. Und in dem Karton saß gut und weich gepolstert Max.
Max, eine große männliche Griechische Landschildkröte, die ich mit meinen kleinen Händen nicht umfassen konnte. Er steckte sofort seinen Kopf aus dem Panzer und hinterließ bald eine große weiße Pfütze auf dem Fußboden. Und leerte sofort einen Napf mit in Wasser eingeweichten Haferflocken; ein Tipp aus der Zoohandlung, in der mein Großvater das Tier gekauft hatte.
Max wurde schnell zum Liebling der ganzen Familie und aller Kinder aus der Nachbarschaft. Da ich sein Verhalten, wenn ich ihn in den Garten hinter dem Haus brachte , aufmerksam verfolgte, wurde mir schnell klar, was wirklich sein Lieblingsfutter war. Von da an bekam er immer wieder Löwenzahn, Klee und andere Pflanzen angeboten. Alle Schulferien verbrachte ich damals bei meinen Großeltern und mit mir reiste stets Max, für den mein Großvater immer ein Gehege im Garten baute, damit auch er Ferien machen konnte.
Zu Zeiten der Massenimporte von Schildkröten, die in der DDR vorwiegend aus Bulgarien kamen, hörte man immer wieder von einem schnellen Ableben dieser Tiere.

 

Oft starben sie schon kurze Zeit nach dem Kauf, liefen davon oder wachten nach der ersten Winterstarre, falls diese überhaupt gewährt wurde, unter ungenügenden Bedingungen nicht mehr auf. Oder sie wurden schnell, als die erste Begeisterung nachgelassen hatte, im nächsten Tierpark abgegeben.
Meine Begeisterung für Schildkröten aber wuchs im Laufe der Jahre immer mehr und ich war immer auf der Suche nach Literatur, um mehr über Max und seine Bedürfnisse zu erfahren. Leider waren über viele Jahre hinweg Irrtümer und auch Falschinformationen über die Haltung von Schildkröten im Umlauf, die vielen Tieren das Leben kosteten. Auch ich muss rückblickend mit Bedauern feststellen, dass ich vieles aus Unwissenheit falsch gemacht habe. Die Jahre vergingen und mein Max genoss wieder einmal den Sommer im Garten meiner Großeltern. Und dann geschah das Unglück. Max war weg. Ausgebrochen konnte er nicht sein und Waschbären trieben damals auch noch nicht ihr Unwesen.
Mein Großvater, dem bewusst war , was dieser Verlust für mich bedeutete, setzte eine Belohnung für das Auffinden von Max aus. Und nach Wochen kam die erlösende Nachricht, dass er gefunden wurde. Er war von einem Jugendlichen gestohlen worden. Max, stets ein munteres und neugieriges Tier, war verängstigt und konnte eines der Hinterbeine nicht mehr richtig gebrauchen. Der Tierarzt konnte nur vermuten, dass er gefallen sein könnte …
Wenige Monate später starb Max, nachdem er mir 13 Jahre lang viel Freude bereitet hatte. Ob dies an den Folgen der „ Entführung“ geschehen war, konnte nicht geklärt werden.
Da ich weiß, dass noch immer Schildkröten leben und sich fortpflanzen, die in den 60er Jahren nach Deutschland kamen, ist es trotz der vielen Jahre die inzwischen vergangen sind, nach wie vor bitter für mich, dass mein Max kein so langes Leben haben konnte. Dies minderte trotzdem nie meine Begeisterung für Schildkröten und das wird wohl für immer so bleiben.

Text: Dietmar Meinel, Chemnitz im Juni 2021. Alle Rechte beim Autor.
Bilder: Privat.

1 Kommentar


  1. Danke für diesen wunderbaren Bericht, der mich an meine Kindheit und meine beiden Griechischen Landschildkröten erinnert, die ich etwa 1960 bekam.

    Gruß
    Hannelore

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